Wo das DJO-Heim an der Ochsenwiese stand, hat der Bagger 'tabula rasa' hinterlassen - Fotos: Michael Mott

FULDA "Zeitzeugnis deutscher Geschichte"

DJO-Heim an der Ochsenwiese fällt der Abrissbirne zum Opfer

25.03.21 - Der Fuldaer Heimatkundler Michael Mott hat sich lange Zeit für den Erhalt des ehemaligen Jugendheimes, Selbsthilfewerk der Heimatvertriebenen an der Ochsenwiese eingesetzt - leider vergeblich. Er beklagt im folgenden Beitrag, den "nachlässigen Umgang mit der eigenen Geschichte", den man am dieser Tage erfolgten Abriss des 1953 in Selbsthilfe errichteten sogenannten DJO-Heimes sehen könne.

Das DJO-Heim der landsmannschaftlichen Jugendgruppe "Deutsche Jugend des Ostens" war jahrzehntelang "Heimatvertriebenentreff" der Landsmannschaftlichen Gruppen des Kreisverbandes des Bundes der Vertriebenen (BdV) Fulda, der auf zwei 1947 gegründeten Arbeitsgemeinschaften Heimatvertriebener (Fulda-Stadt und Fulda-Land) in der Region zurückging.

Den meisten Fuldaern war der Anblick des Heims wohl vertraut, den wenigsten aber dessen ...

Das Gebäude wurde im Jahre 1953 zum Großteil in Eigenarbeit von heimatvertriebenen Handwerkern und Jugendlichen mit Unterstützung Fuldaer Firmen, die Baumaterialien zur Verfügung stellten, als Jugendheim erbaut. Der heute in Berlin lebende Jost Köhler berichtet: "Ich war einer der ersten Pioniere. Zusammen mit Freunden haben wir mühsam die Fundamente und die Kellergrube ohne Bagger ausgehoben. Wir schufen uns in einer Zeit, als kein Heimatvertriebener Eigentum besaß, hier eine neue Heimat." Das neue Heim wurde am Sonntag, 29. November 1953, feierlich eingeweiht. Nach der Weihe durch Geistliche beider Konfessionen, Pfarrer Büchel und Prof. Dr. Weinrich, übergab der BvD-Kreisverbandsvorsitzender und, aus diesem Anlass zum Ehrenmitglied der DJO ernannte, MdL Rudolf Winkler das Heim seiner Bestimmung, welches das erste seiner Art in Hessen war. Die Feier, bei der auch Bürgermeister Heinrich Gellings sprach, wurde musikalisch umrahmt vom Bläserchor der Heimatvertriebenen. Das DJO-Jugendorchester und die Laienspielschar zeigte im weiteren Verlauf, das die heimatvertriebenen Jungen und Mädchen sehr arbeitsam gewesen waren.

So war die heimatvertriebene Jugend nicht mehr auf länger auf Gaststätten und Schulen angewiesen, so der Direktor, des Domgymnasiums, Prof. Franz Ranft. Für den Bau des Hauses mussten nur 14.000 DM ausgegeben werden. Viele Erinnerungen der Heimatvertriebenen und deren Angehörigen sind mit diesem Ort der Begegnung verbunden, zu dem auch andernorts die 1983 von Ernst Herold, von Beruf Standesbeamter, gegründete und 2019 aufgelöste Ostdeutsche Heimatstube Fulda zählte, dessen Materialien sich heute im Fuldaer Stadtarchiv befinden.

Ein Name ist Zeit besonders mit dem Heim verbunden: Wilhelm Schöbel, geboren 1926 in Trebnitz Kreis Leitmeritz kam nach Kriegsende und Gefangenschaft 1947 nach Fulda, wohin seine Eltern ausgesiedelt worden waren. Hier stellte er sich von Anfang an in den Dienst seiner Landsleute. So war er bereits 1951 bis 1965 Kreisführer der Deutschen Jugend des Ostens (DJO), der Jugendorganisation, in der sich die heimatvertriebenen und geflüchteten Jugendlichen organisiert hatten. Er war auch am Bau des DJO-Heimes maßgeblich beteiligt.

Der 1951 gegründete Verband "Deutsche Jugend des Ostens" (ab 1974 "Deutsche Jugend in Europa") half Kindern und Jugendlichen, die als Folge des Zweiten Weltkrieges als Vertriebene und Flüchtlinge ihre Heimat verloren hatten, sich in die westdeutsche Gesellschaft einzuleben, ihre Kriegserlebnisse zu verarbeiten, ihre kulturelle Identität zu bewahren und ihre jugendpolitischen Ziele durchzusetzen. Schöbel betreute dieses Heim, das auch dann als Verbandsheim des Bundes der Vertriebenen (BdV) und der Landsmannschaften in Fulda nicht mehr wegzudenken war, bis zuletzt mit großem Engagement, er verstarb 2011.

Ungezählte Veranstaltungen der aus den Ostgebieten Vertriebenen (Ende Oktober 1946 zählte man etwa 5.500 Vertriebene, und damit 15 Prozent der Bevölkerung) mit ihren zahlreichen Gruppierungen, die sich für die Erhaltung ihrer Kultur engagierten, fanden hier statt, so beispielsweise auch die Muttertagsfeiern der sudetendeutschen Frauengruppe. Mit Schiebeelementen konnte man die Größe der Räume bis hin zum Bühnenraum anpassen. Das kleine Gebäude in Bahnhofsnähe und mit Stadtbusanbindung befand sich im Besitz der Stadt Fulda und wurde den Heimatvertriebenen unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Es machte stets einen recht gepflegten Eindruck und diente bei den anstehenden Wahlen bis Ende Januar 1998 als Wahllokal 

Rudolf Bauer, Vorsitzender des Kreisverbandes Fulda des Bundes der Vertriebenen (BdV) Landesverband Hessen e.V., fallen spontan noch weitere Nutzer des kleinen Gebäudes ein, wie: Sanitätsstation des Roten Kreuzes während des Schützenfestes, Sitz der Messeleitung der Osthessenschau, einer großen Verbraucherschau, die erstmals 1972 auf der Ochsenwiese ausgetragen wurde, oder Nähstube der Frauen verschiedener  Landsmannschaften. Dies alles musste mit den verschiedenen Gruppierungen der Heimatvertriebenen abgesprochen werden, denn ein ausgehängter Plan regelte die Nutzung der Räume, vor allem an den Samstagen und Sonntagen.

Das Gebäude ist in einer 2000 erstellten Arbeitsliste für eventuelle Nachträge in der Denkmaltopographie der Stadt Fulda aufgeführt. Die Bitte, das Heim zu erhalten, wurde der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Fulda mehrfach vorgelegt, doch das zuständige Hessische Landesamt für Denkmalpflege im Schloss Biebrich/Wiesbaden entschied bei einem Ortstermin am 18. Januar 2017 letztendlich abschlägig. So war das Schicksal des Gebäudes besiegelt, das man nach Motts Auffassung in das neue Konzept der Stadtentwicklung "Ochsenwiese" hätte integrieren können. (pm) +++


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