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Morbide, düster - und begeisternd ist Manns Novelle - Symbolbild: pixabay

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (15)

Thomas Mann / Susanne Kuhlendahl: Tod in Venedig - "Sehnsucht ins Ferne"

04.04.21 - Auch heute nehme ich Sie wieder mit auf eine Reise. Diesmal geht es in den Süden, nach Venedig. Sie runzeln die Stirn? Sie wird doch nicht etwa? Doch, sie wird! Aber fürchten Sie sich nicht – trotz des fast schon toxischen Labels "Klassiker" ist "Tod in Venedig" eine Wahnsinnsgeschichte. Sie spielt in einer Stadt, die einer Pandemie anheimfällt. In einer Stadt, die das Spiel mit Masken perfektioniert hat und mit dem Tod spielt wie keine andere. In einer Stadt, in der man schnell vergessen kann, wer man ist – oder sich selbst finden kann.

La Serenissima durch die Augen von drei Künstlern

Foto: S.Fischer Verlag

Die Wiederbegegnung nach vielen Jahren der Nicht-Lektüre war aufregend – und beglückend. Die Mann’sche Magie wirkt nach wie vor auf mich. Zusätzlich las ich noch Susanne Kuhlendahls Umsetzung als Graphic Novel. Und last but not least gab es Wiederbegegnung No. 2 – die Verfilmung Viscontis.

Meine Empfehlung für Sie: Lesen Sie unbedingt beide Bücher parallel oder direkt hintereinander – es funktioniert phantastisch. Und: Lesen Sie immer wieder ein paar Seiten der Novelle laut – dann entfaltet sich "die Fülle des Wohllauts", die Kraft der Mann’schen Sprache besonders intensiv. Und zu guterletzt schauen Sie sich noch den Film an. Holen wir die Erzählung vom Sockel und lassen uns von ihr berühren, faszinieren und erschrecken. Denn es sind diese Qualitäten, die sie zu einem der meistgelesenen Stücke der Weltliteratur machen.

Thomas Mann 1906 in München Fotograf unbekannt

Thomas Mann lernte ich durch die "Buddenbrooks" kennen – für ein Schulreferat schlug ich damals begeistert einen Konsalik-Roman aus und griff bei Mann zu – und habe es nie bereut. Seine Erzählung "Tod in Venedig" lernte ich erst viel später und durch Viscontis Film kennen. Passend zum Vorlesungsprogramm der Universität wurden in einem Würzburger Programmkino Literaturverfilmungen gezeigt. "Tod in Venedig" sah ich dort wohl vier- oder fünfmal hintereinander, sog den Film geradezu in mich auf.

Eine gedruckte Ungeheuerlichkeit

Zum 100-jährigen Jubiläum der Erzählung im Jahr 2012 konstatierte die FAZ, dass ein Autor mit dieser Pädophilen-Novelle heute wohl Schwierigkeiten bekäme und sich in unzähligen Talkshows gegen Eltern, Journalisten und Pädagogen zur Wehr setzen müsste. Literaturkritiker würden ihn verteidigen mit dem Hinweis, zwischen der Kunstfigur Aschenbachs und der Person Thomas Mann sei ja nun doch ein Unterschied, aber das würde im moralisch-entrüsteten Aufschrei vermutlich untergehen. Thomas Mann wäre für alle Zeit als Pädophiler gebrandmarkt.

Der Lido, an dem die berühmte Schlussszene spielt Symbolbild: pixabay

Die Untiefen der Novelle fallen nicht erst uns heutigen auf. Schon im Erscheinungsjahr der Novelle erkannte man die Ungeheuerlichkeit, Cholera und Knabenliebe zu den Grundpfeilern einer Erzählung zu machen (Bruno Frank). Thomas Mann selbst schrieb ungefähr 50 Jahre nach der Entstehung, es ginge in der Novelle um die Berauschtheit durch das Schöne. Und seine Frau Katia konstatierte, es sei etwas Seltsames mit dieser Novelle, denn alles sei ja genauso geschehen. Also doch eine übersteigerte Form von Autobiographie? Ich frage zurück: Who cares? Es ist doch relativ egal, ob Thomas Mann selbst in Venedig war, dort eine polnische Adelsfamilie traf, vor der Cholera floh, seine homoerotischen Neigungen mal besser, mal schlechter kaschierte und sich selbst als hochempfindsamen Künstler, der von allen Seiten bedroht wird, stilisierte. All das kann ja maximal der Hintergrund für diese Erzählung sein.

Sie beginnt im "falschen Hochsommer" des Monats Mai und im Englischen Garten. Gustav von Aschenbach, ein Schriftsteller auf dem Höhepunkt seines Ruhms, verspürt plötzlich einen "Fluchtdrang", eine "Sehnsucht ins Ferne und Neue, die Begierde nach Befreiung".  Sie und ich nennen das Urlaub, Sie und ich verstehen, warum es uns immer wieder in die Ferne zieht. Das gilt auch für Autoren wie Aschenbach, der aus jenem preußischen Holz geschnitzt ist, in dem Begriffe wie Pflicht, Fleiß, Dienst und Durchhalten einen Ehrenplatz haben. Er beschließt, nach Triest zu reisen und sich dort nach Pula einzuschiffen. Dort stellt er fest, Pula ist nicht der Ort seiner Bestimmung, und reist stande pede wieder ab. "Wenn man über Nacht das Unvergleichliche, das märchenhaft Abweichende zu erreichen wünschte, wohin ging man? Aber das war klar."

Das unvergleichliche Venedig

Thomas Mann Foto: Carl van Vechten

Bilder des Todes und des Verfalls, Anklänge ans Sterben gibt es in dieser Erzählung von Beginn an – die zum Kauf angebotenen Kreuze der Steinmetze an der Föhringer Chaussee, das Sinnieren über die Sebastian-Gestalt als Sinnbild der Kunst überhaupt, der aufgeputzte schwule Stutzer auf dem betagten Dampfer nach Venedig, der trübe und bleigrau verhangene Himmel, mit den ihn Venedig empfängt; die Gondeln, deren Schwarz an düstere Begräbnisse und Särge erinnert und der lizenzlose Gondoliere, der in seiner Unerbittlichkeit dem Reisenden gegenüber an Charon, den Fährmann der Unterwelt, erinnert. Sein "Sie werden bezahlen!", klingt unheilverkündend nicht nur in unseren Ohren.

Ankunft am Lido

In Venedig nun widerfährt dem alternden Schriftsteller DAS Ereignis seines Lebens – er trifft Tadzio, jenen polnischen Knaben von so vollkommener Schönheit, dass Aschenbach sicher ist: weder in der Natur noch der bildenden Kunst hat er etwas ähnlich Geglücktes je angetroffen. Von nun an ist Aschenbach nicht in Venedig, um sich an Meer und Strand zu laben, sondern weil ER hier ist. Er beobachtet ihn im Hotel und am Strand, sieht, wie der Junge von Gleichaltrigen begehrt, umworben und bewundert wird.

In Venedig wird es immer schwüler, ein Klima, das Aschenbach gar nicht bekommt. Er beschließt, abzureisen. Aber – will er das wirklich? Die lenkende Hand des Schicksals kommt ihm zu Hilfe: Da tags darauf sein Gepäck fälschlich nach Como geschickt wird, beschließt er, doch in Venedig zu bleiben, mindestens, bis die Koffer wieder da sind. Tief in seinem Inneren weiß er, dass er einen Fehler macht – statt abzureisen widmet er sich noch intensiver der Beobachtung Tadzios.

Ein Abenteurer des Gefühls

Vergessen ist sein Leistungsethos, sind Zucht und Pflichterfüllung, die sein Leben und Wirken sonst bestimmen. Wie im Rausch ist Aschenbach, er träumt Liebesträume, und längst unterdrückte "Drangsale des Herzen, die im strengen Dienst seines Lebens erstorben waren", kehren zurück. An dem Tag, an dem Tadzio ihn zum ersten Mal anlächelt, gesteht Aschenbach sich ein: Ich liebe Dich.

Gleichzeitig verändert sich um ihn herum Venedig auf verstörende Weise. "Das Übel" wird zwar von offizieller Seite verschwiegen und beschönigt – man fürchtet um den Tourismus – aber wer kann, flieht aus der Stadt und der sich verbreitenden Cholera. "Das schlimme Geheimnis der Stadt" und Aschenbachs verbotene Liebe werden eins. Von Tag zu Tag geht es Aschenbach schlechter, und er weiß: Wie alle "Abenteurer des Gefühls" geht auch er notwendigerweise in die Irre. Er stirbt am Strand, und das letzte, was er sieht, ist Tadzio, der ihm den Weg zum Meer, ins "Verheißungsvoll-Ungeheure" zu weisen scheint. Für den Abenteurer des Gefühls gibt es kein Zurück, nur den Tod.

Was willst Du von mir?

Susanne Kuhlendahl, Selbstportrait der Autorin Susanne Kuhlendahl

Susanne Kuhlendahl hat beschrieben, wie abgestoßen sie von dieser ihr arrogant und selbstbezogen erscheinenden Hauptfigur war, von der sie sich aber auch nicht losreißen konnte. In ihren Zeichnungen versucht sie, der Ambivalenz Aschenbachs auf die Spur zu kommen. In großen, oft in düsteren Farben gehaltenen Bildern sinken wir in die erotisch aufgeladenen Träume des alternden Schriftstellers. Aschenbachs Egozentrik und Eitelkeit zeigt sie in flash-artigen Reminiszenzen auf sein früheres Leben. Fast monochrom die Seiten der unseligen Reise nach Venedig, immer wieder tauchen Gesichter und Fratzen auf – die natürlich alle auf das Ende verweisen.

„Du darfst so nicht lächeln“ - Aschenbach verliebt sich in Tadzio

Die Schönheit Tadzios überstrahlt die Schönheit des Meeres

Wenn Tadzio auf Seite 30 das erste Mal auftaucht, "zerlegt" sie ihn quasi in Einzelbestandteile, so wie der prüfende oder lüsterne Blick Aschenbachs den Jungen abtastet. Und dann gibt es dieses selbstbewusst-fragende Bild Tadzios, als wolle er wissen: Was willst Du von mir, alter Mann? Tadzios Gefühle und Perspektive werden in dieser Version deutlich spürbarer – hier ist er nicht nur Objekt der Begierde, sondern ein Junge, der sich seiner Anziehungskraft bewusst wird. Die vielen Bezüge der Novelle auf Mythologie, Antike und Literatur baut Susanne Kuhlendahl mit ein, wenn etwa auf einmal Griechen durch Venedig schreiten oder am Strand ruhen, oder wenn sich der tennisspielende Tadzio in den Dornenauszieher oder die Statue des Diskuswerfers verwandelt. Diese Entdeckungsreise durch die Graphic Novel macht sehr viel Spaß. Es ist eine wunderbare Umsetzung, die aus dem Geist Thomas Manns lebt, aber doch ein eigenständiges Kunstwerk ist.

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Ja, diese Erzählung ist noch immer eine Ungeheuerlichkeit. Man kann als heutige Leser:in nicht umhin, das düstere Thema in all seiner Düsternis zu sehen: hier ist ein alternder Mann hinter einem 14-Jährigen her, das wischt man nicht eben mal so vom Tisch. Auch nicht, wenn alles sublimiert ist und bleibt und Aschenbach stirbt, bevor er seine Gefühlsabenteuerlichkeit ausleben kann. Und doch wechselt man beim Lesen nicht in den Empörungsmodus, sondern ist atemlos-gefangen von diesen knapp 100 Seiten. Warum? Weil wir alle fasziniert sind von den Blumen des Bösen, von dem, was verboten ist, von den Todsünden und den "dark sides of the moon". Wir brauchen all das, mindestens zwischen zwei Buchdeckeln, um unser Leben zu bewältigen. Erfahrene Leser:innen wie wir wissen: In der Hölle dürfte es mehr und interessanteren Gesprächsstoff geben als im Himmel.(Jutta Hamberger)

Rezensionen zum 100. Geburtstag von "Tod in Venedig"

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/100-jahre-tod-in-venedig-pervers-was-fuer-ein-pfuscherisches-wort-11829625.html

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/land-und-leute/eros-und-cholera-voswinckel100.html

https://www.tagesanzeiger.ch/der-tod-in-venedig-664535667632

Rezensionen Kuhlendahl

https://www.wz.de/nrw/kreis-viersen/willich-und-toenisvorst/susanne-kuhlendahl-aus-st-toenis-hat-der-tod-in-venedig-illustriert_aid-48905739

https://tillmanncourth.de/der-tod-in-venedig-von-susanne-kuhlendahl/

https://www.instagram.com/tv/B7Iq7rZConM/?utm_source=ig_embed&utm_campaign=loading

Zum Anschauen

Luchino Visconti: Morte a Venezia (1971) – mit Dirk Bogarde, Silvana Mangano, Marisa Berenson, Romolo Valli und Björn Andrésen. Im Gegensatz zu allen anderen Verfilmungen Mann’scher Werke, die in der Regel blass bis banal sind, ist dieser Film ein Kunstwerk. Weil Visconti nicht abbildet, sondern sich die Novelle aneignet, weil er für den Film Veränderungen vornimmt und das Original mit Motiven aus anderen Mann’schen Werken erweitert. Visconti hat um viele Veränderungen im Film gegenüber der Novelle kämpfen müssen, wie gut, dass er sich durchgesetzt hat! Denn er ist ebenso Künstler wie Thomas Mann – und beide erzählen von einem Künstler am Kulminationspunkt seines Lebens. Das Adagio aus Mahlers 5. Sinfonie ist der kongeniale Soundtrack dazu. Wenn Sie für dieses Meisterwerk Referenzaufnahmen suchen, empfehle ich: Pierre Boulez / Wiener Philharmoniker oder Leonard Bernstein / New York Philharmonic Orchestra.

Erhältlich als DVD und auf Amazon Prime.

Trailer zum Film: https://www.youtube.com/watch?v=-pxn49yWVJk

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