So sieht die O|N-Zeichnerin Fuldas fleißigste Flaschensammlerin. - O|N-Porträt: Nicole Funke

FULDA Über 40 Kilometer täglich zu Fuß

"Die Straße hat mich viel gelehrt!" - Fuldas fleißigste Flaschensammlerin

12.04.21 - Seit über zwei Jahren beobachte ich diese Frau. Mehrmals täglich begegnet sie mir in der Innenstadt - immer in straffem Tempo mit ihrer großen Einkaufstasche über der Schulter, mal mehr mal weniger gut gefüllt. Mit hocherhobenem Kopf und kerzengeradem Rücken steuert sie zielstrebig die großen runden Abfallbehälter auf der Straße an, öffnet sie routiniert und sortiert die Flaschen aus. Dabei sieht sie so aus, als hätte sie den Auftrag dafür von der Queen persönlich bekommen: ihrer wichtigen Arbeit würdig. Fatma, so heißt sie, hat mir erlaubt, hier ihre Geschichte zu erzählen.

Drei Stunden habe ich ihr zugehört, ich musste nur wenige Male nachfragen. Nachdem ich mir vor einigen Wochen ein Herz gefasst hatte, um sie anzusprechen, hatte sie sich zunächst Bedenkzeit ausgebeten. Ich war übrigens nicht die erste: "Es hat mich schon einmal ein Journalist nach meiner Geschichte gefragt, aber dem habe ich einen Korb gegeben." Ihre Bereitschaft, mir gegenüber so offen zu sein, begründet sie knapp: "Du hast gute Augen."

Symbolbild: pixabay

Fatma muss sich auf ihre Menschenkenntnis verlassen - sie begegnet auf der Straße nicht nur netten Zeitgenossen. Ihre stolze Erscheinung provoziert auch Neid und Missgunst, doch sie weiß sich zu verteidigen. "Die Straße hat mich viel gelehrt." Geboren ist sie vor 53 Jahren in Ankara. Dort lernte sie auch ihren späteren Mann kennen, der gerade auf Heimaturlaub in der Türkei war. Nach der Heirat 1988 nahm er sie mit nach Fulda, wo er in einer großen Fabrik arbeitete. "Ich war 3.000 Kilometer von daheim weg, kannte keinen Menschen außer ihm, mir war alles fremd, die Sprache, das Essen, die Religion", erinnert sie sich. Sie wollte unbedingt einen Deutschkurs machen. "Das brauchst Du als meine Frau nicht", bestimmte ihr Mann. Sie wolle wohl deutsche Männer kennenlernen, unterstellte er. Deutsch lernte sie auch ohne Kurs. "Jeden Tag zehn neue Wörter!" Fatma ist zielstrebig. Aber seine grundlose Eifersucht vergiftete ihr Zusammenleben. "Er fing an, mich ohne jeden Anlass zu schlagen, ich war ihm zu selbstbewusst, er wollte mich unterdrücken." Dass sie auch in dieser hoffnungslosen Lage den Kopf oben behielt, verdanke sie der Erziehung ihrer demokratischen Eltern, ist sie überzeugt.

Zwei Töchter wurden geboren, sie begann stundenweise im Krankenhaus zu putzen. "Ich hatte das Gefühl, mit meiner Ehe, das geht so nicht weiter, aber ich wusste auch nicht, wohin. Wegen eines nichtigen Anlasses, er suchte irgendein Kleidungsstück, prügelte er mich und schmiss mich einfach raus. Ich nahm mir aber seinen Autoschlüssel, den Führerschein hatte ich bestanden, und fuhr einfach weg. Doch er hatte ja noch die Kinder." Die benutzte er auch als Druckmittel, doch Fatma setzte sich mit Hilfe des Frauenhauses und einer Anwältin gegen ihn durch. Ihren Pass hatte er allerdings verschwinden lassen, doch auch diese unüberwindbar scheinende Hürde nahm sie und bekam schließlich eine unbefristete Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis, bezog mit den Kindern eine eigene kleine Wohnung, fand Arbeit im Kaufhof und ließ sich scheiden.

"Mama, die denken doch, Du bist eine Pennerin!"

Eigentlich hatte sich für Fatma und ihre Töchter alles zum Guten gewendet, sie hatte sich ihren Platz erkämpft. Doch dann begannen die Schmerzen in den Gelenken, die so unerträglich wurden, dass sie ihr den Schlaf raubten. "Und kein Arzt fand die Ursache. Sie sagten, ich sei kerngesund, das sei nur psychosomatisch." Schließlich erkämpfte sie eine aufwendige und teure Untersuchung im Krankenhaus und ließ sich nicht wegschicken, bis ihre Vermutung bestätigt wurde: sie hatte schwere rheumatische Arthritis. Kein Mittel half, vom Kortison nahm sie nur extrem zu. "Ich wurde frühverrentet, saß mit furchtbaren Schmerzen zuhause, konnte nicht mal ohne Hilfe duschen." Vor Verzweiflung fing sie an, ständig in der eigenen Wohnung zu putzen - mehrmals am Tag immer wieder von vorn. "Irgendwann wollte und konnte ich einfach nicht mehr und wollte nur noch irgendwo runterspringen. Doch meine Tochter hat mich gerüttelt: 'Willst Du etwa nicht irgendwann meine Kinder sehen?', hat sie gefragt. Da kam ich zur Besinnung."

Ihre jüngere Tochter hatte mittlerweile ein Volkswirtschaftsstudium in Marburg begonnen, das Bafög langte gerade so. "Da hab ich zufällig mal ein paar Dosen eingesammelt und abgegeben - und siehe da, davon gab es jede Menge. Geld, das praktisch auf der Straße lag." Von ihrer kleinen Wohnung in der Nähe des Klinikums lief sie täglich länger werdende Strecken - manchmal bis nach Lehnerz. Am Anfang waren es nur Kleckerbeträge, doch Fatma ist klug und gut organisiert. Schnell fand sie heraus, wo sich das Sammeln besonders rentiert und wo die Abgabe problemlos vonstattengeht. "Manche Läden stellen sich beim Einlösen der Leergut-Bons an, als wollte man sie betrügen!"

"Meine Tochter war erst entsetzt: 'die denken doch alle, Du bist eine Pennerin!', hat sie befürchtet."  Doch was die Leute von ihr denken, ist Fatma völlig schnuppe. Mittlerweile legt sie täglich über 40 Kilometer im Stadtgebiet zurück. Und das Verrückte: durch die ständige Bewegung bei jedem Wetter an der frischen Luft hat sie ihre Schmerzen in den Griff bekommen - ganz ohne schädliche Nebenwirkungen. Die Tochter hat ihr Studium erfolgreich abgeschlossen und mit der finanziellen Unterstützung ihrer unermüdlichen Mama noch den Master draufgesetzt. "Ich bin so stolz auf sie", sagt die 53-Jährige. "Jetzt hab ich keine Sorgen mehr."

"Ich erzähle Dir das alles nicht, um mich wichtig zu machen", sagt sie zum Schluss. "Ich möchte einfach allen Frauen, die sich in scheinbar aussichtsloser Lage befinden, Mut machen. Wenn ich es geschafft habe, schaffst Du das auch - trau Dich!", sagt sie. Eine starke Frau.

PS. Wer Fatma in Fulda begegnet, hat sicher wie ich das Bedürfnis ihr zu helfen, sie zu unterstützen. Ich sag's Ihnen gleich: Geld nimmt sie nicht an. Pfandflaschen schon! (Carla Ihle-Becker)+++


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