- Titelbild:Siedler Verlag München

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (16)

Anne Applebaum: Verlockung des Autoritären - Jenseits von richtig und falsch

25.04.21 - "Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns." Dieses kluge Wort des persischen Gelehrten Rumi dürfte viele Menschen verstören. Menschen, die andere Kategorien als die von richtig / falsch sowie komplexere Denkmuster nicht aushalten können. Auftritt Anne Applebaum. Kein Buch für schwache Nerven, ich warne Sie lieber gleich zu Beginn.

Der Aufstieg der starken Männer?

Autorin Anne Applebaum Foto: James Kegley

Anne Applebaums Buch ist erschreckend relevant. Es ist schonungslos, es ist klarsichtig, und manchmal muss man sehr tief Luft holen. Die amerikanische Historikerin kennt die osteuropäischen Intellektuellenkreise genauso gut wie den Politikbetrieb in London und Washington. Sie geht in ihrem Buch der Frage nach, warum Männer wie Orbàn, Kaczynksi, Johnson oder Trump so ostentativ anti-liberal sind und demokratische Institutionen verachten. Denn sie alle sind ja durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen. Der deutsche Untertitel ist deshalb irreführend, im Original ist sehr viel treffender von der "verführerischen Kraft des Autoritären" die Rede. Es handelt sich um ein fast ausschließlich männliches Syndrom und System. Es gibt wenige Frauen in diesem Dunstkreis, diese Männerwelt ist abgeschotteter als ein Londoner Herrenclub.

Aufstand der Abgehängten

Euphorische Reaktionen: Barack Obama empfiehlt es als eines der "Bücher des Jahres" ...Verlagsinfo

Die Herren bleiben gern unter sich. Sie halten sich für mächtig und klug, aber Anne Applebaum kommt zu einem vernichtenden Urteil: Fast alle haben außerhalb ihrer aktuellen Positionen wenig Vorzeigbares auf dem Zettel. Die meisten waren mehr oder weniger erfolglos, immer wieder ging ihnen manches schief. Das führte zu Kränkungen, denn das Selbstbild all dieser Männer war ein ganz anderes – sie sahen sich als starke, kluge Leader. Die entsprechenden Posten aber blieben aus. In populistischen Systemen aber änderte sich das. Jetzt ging es nicht mehr um Know-how und Erfahrung, meistens nicht einmal um Politik und Ideologie, sondern um Posten. Wer buckelte, schleimte und funktionierte, stieg auf. Wer sich verwehrte, wurde diffamiert und mundtot gemacht. Insbesondere die Intellektuellen erfuhren geradezu ein Eliten-Bashing, gleiches widerfuhr renommierten Institutionen und Allianzen von Nato bis UNO. Das ging in aller Regel einher mit der Verachtung oder Verfolgung von Minderheiten (sexuelle genauso wie ethnische).

Die Rechtfertigung ist die immer gleiche: Die Entrechtung einiger sei die "Stimme des Volkes" und daher richtig, weil nationale Angelegenheit. Und das Ganze wird gern noch mit religiösen Versatzstücken verbrämt – in der Regel aus der ultrakonservativen Ecke.

Legenden und Sündenböcke

Für mich mit am erhellendsten war, dass am Anfang dieser populistischen Bewegungen immer eine Legende steht. Ein historisches Ereignis wird so lange geknetet und interpretiert, bis es kaum noch wiederzuerkennen ist, aber ins neue politische Raster passt. In Polen etwa war das der Flugzeugabsturz des einen Kaczynski-Zwillings. Sein Flugzeug stürzte 2010 beim Landeanflug auf den Flughafen Smolensk ab, es gab keine Überlebenden. Die Fakten waren klar: Lech Kaczynski hatte die Piloten genötigt, trotz mieser Wetterbedingungen weiterzufliegen, statt umzukehren. Immerhin ging es um die Gedenkfeier zu Ehren der ermordeten polnischen Offiziere in Katyn. Bei Umkehr und Anreise mit Auto oder Bahn wäre er zu spät gekommen.

Diese Wahrheit aber erschien der polnischen Regierung irgendwann untragbar. So wurde die Geschichte verändert, in der bald finstere Mächte, Verschwörer und Polen-feindliche Elemente die Hauptrolle spielten. Auch das ist typisch für diese Legenden: Der Feind sitzt immer außerhalb und bedroht das eigene, schöne Vaterland. Keine dieser Legenden kommt ohne Sündenböcke aus.

Spiegel-Cover Januar 2021 – Trumps Armee

Greser/ Lenz: Donald Trump bereitet die Amtsübernahme vor.

Ähnliches konnte man im Trump-Amerika beobachten. Der Slogan "America First" hätte eigentlich "Americans First" heißen müssen, da er eine bestimmte Sorte Amerikaner bevorzugte (weiß, männlich, reich). Auch Trump wähnte die USA von Feinden umstellt, die er unter den Alliierten suchte, nicht etwa unter den Feinden. Auffällig war während seiner gesamten Amtszeit, wie wohl er sich in der Gesellschaft von Diktatoren fühlte und wie unwohl mit demokratischen Repräsentanten (besonders den weiblichen). Nach Trumps Abgang musste eine noch stärkere Legende her, denn dass so ein Mann demokratisch aus dem Amt gewählt wird, kommt in der Vorstellungswelt nicht vor. Seit November 2020 verbreiten Trump und die allermeisten Republikaner daher die Mär von der gestohlenen Wahl, egal, wie viele Gerichte inzwischen das Gegenteil bestätigt haben.

Ausgrenzung und Entrechtung

Spiegel-Cover 2017 und 2020 – zwei Präsidenten und die amerikanischen Werte ...

Eine Folge der Legenden ist, dass die Wirklichkeit angepasst werden muss. In den USA kann man aktuell beobachten, wie die GOP versucht, qua Wahlgesetze Menschen, die sie nicht wählen, von den Wahlurnen fernzuhalten. Mit anderen Worten: Eine Partei, deren Politik tatsächlich die Mehrheit der Amerikaner nicht mehr überzeugt und die aufgrund des fortschreitenden demografischen Wandels künftig noch weniger Gewicht haben wird, klammert sich an die Macht, indem sie Wähler:innen einfach ausschließt. Dafür ist ihr jeder Trick recht: Geschlossene Wahllokale, verkürzte Wahltage, bürokratischer Irrsinn bei der Stimmabgabe, Verhindern der Briefwahl etc.

Boris Johnson – ein Clown als Premierminister? Foto: Shutterstock

In Boris Johnsons Brexit-Großbritannien, dem Applebaum ein ganzes und höchst amüsant zu lesendes Kapitel widmet, auch wenn einem dabei ein Kloß im Halse stecken bleibt, wird die EU zum Bösewicht, der dem edlen Britannien ans Leder will. Johnson scheute sich nicht davor, Lügen en masse zu verbreiten, die alle auf dieselbe einfache Formel hinausliefen: Wenn das UK erst mal raus aus der EU sei, würde die alte "Rule, Britannia, rule the waves-Herrlichkeit" wie Phönix aus der Asche erstehen.

Die Mitschuld der sogenannten "clercs"

Boris Johnson mag beileibe nicht jeder im Königreich… Foto: Emphyrio/Pixabay

Spiegel-Cover Juli 2019 – mad in England

"Das macht man nicht, Sie Rotzlöffel!" Karikatur: Greser/Lenz

Dieses einfache Denkmuster war für viele Briten ebenso verlockend wie der glänzende, rote Apfel, den die Schwiegermutter Schneewittchen gab. Sie konnten nicht widerstehen. Anders als bei Schneewittchen, wo Glassärge, Zwerge und natürlich der obligate Prinz letztlich Heilung und Rettung bringen, dauert der Brexit-Kater in Großbritannien jetzt schon seit jener Wahl 2016 an. Das alles haben die Briten einem Mann zu verdanken, der in seiner Zeit als Brüssel-Korrespondent für den "Daily Telegraph" vor allem gut erfundene Lügengeschichten über die EU-Bürokratie erfand. Die kamen so gut an, dass andere Zeitungen dem Muster rasch folgten. Dass der ehemalige "clerc" Johnson letztlich Premierminister wurde, verdankt sich seiner Vorgängerin, die nicht nur glücklos, sondern v.a. instinktlos agierte. Es war einfach keiner mehr da, der den Schlamassel aufräumen konnte. Oder wollte. So wurde er auf den Schild gehoben.

Mit "clercs" bezeichnet Anne Applebaum all jene, die diese Umstürze oder Umschwünge überhaupt erst möglich machen – in den sozialen Medien, in den klassischen Medien, im Fernsehen, bei Datenanalysten, in der Justiz und anderen Institutionen. Gezielt werden die Legenden gewoben und weitererzählt, bis die Wahrheit nicht mehr durchdringt. Gezielt werden Leute an entscheidenden Stellen ersetzt durch Jasager und Mitläufer, die dann diensteifrig die Axt an die Demokratie legen. Nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus schierem Eigennutz.

Eine Vorliebe für einfache Lösungen

Der Kreis jener, die komplexe Antworten nicht (mehr) aushalten können, scheint zu wachsen. Die Verführungskraft simplizistischer Antworten ist riesengroß. Anne Applebaum meint, die Lust auf autoritäre Vereinfachungen sei geistige Schlichtheit: "Viele Menschen fühlen sich zum autoritärem Denken hingezogen, weil sie keine Lust haben, sich auf Komplexität einzulassen. Sie mögen keine Diskussionen, sie wünschen sich Einigkeit. Bei einer plötzlichen Konfrontation mit Vielfalt, sei es von Meinungen oder Erfahrungen, verlieren sie die Fassung."

Komplexität hat viele Gründe – etwa den demografischen Wandel, Migration, andere Lebensweisen (von politisch über religiös bis sexuell), die Ungleichheit von Einkommen und Wohlstand, die zunehmende Technologisierung und Digitalisierung der Welt. All das kann Wut und Angst auslösen. Die Polarisierung nimmt zu, und irgendwann dann auch die Radikalisierung der verfeindeten Seiten. Man redet nicht mehr miteinander, da man sich im Besitz der Wahrheit glaubt, der andere also nur falsch liegen kann. Das eigene Weltbild wird nicht mehr hinterfragt. Das Verständnis für Kompromiss und Konsens schwindet, der Respekt für Andersdenkende erst recht. Der Grundton ist ein tiefsitzender Pessimismus und die Überzeugung, einem würde Unrecht getan. Schuld sind natürlich immer die anderen. Eines der ersten Opfer populistischer Bewegungen ist immer der Gemeinsinn - und gleich dahinter kommt der gesunde Menschenverstand.

Es kann einem speiübel dabei werden. Man kann sich aber auch sagen, dass kein Sieg für immer ist. "Wir haben immer gewusst oder hätten es wissen sollen, dass die Geschichte wieder in unser Leben eingreifen und es auf den Kopf stellen kann. Wir haben immer gewusst, dass andere Vorstellungen von unseren Nationen eine Versuchung darstellen können. Aber vielleicht werden wir auf diesem Weg durch die Finsternis feststellen, dass wir ihnen gemeinsam widerstehen können."

Darin liegt die Kraft und Ermutigung dieses klarsichtigen Buchs: Jede:r von uns kann sich entscheiden, auf welcher Seite er stehen möchte.

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Zum Weiterlesen:

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/anne-applebaums-neues-buch-die-verlockung-des-autoritaeren-17229070.html

https://www.deutschlandfunkkultur.de/anne-applebaum-die-verlockung-des-autoritaeren-starke.950.de.html?dram:article_id=493494

https://www.spiegel.de/politik/ausland/anne-applebaum-warnt-vor-gefahren-fuer-die-demokratie-durch-verschwoerungstheorien-a-eaa28afa-0002-0001-0000-000176138650

(Jutta Hamberger) +++

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