Christina Lander ist Autorin bei OSTHESSEN|NEWS für die Serie "Nachgedacht". - Foto: O|N-Archiv / Hendrik Urbin

REGION Von Christina Lander

Nachgedacht im Mai: "Saudade" - eines der schönsten Wörter dieser Welt

02.05.21 - "Saudade" wurde 2007 zu einem der schönsten Wörter dieser Welt gewählt. Es lässt sich nicht übersetzen, es lässt sich wohl nur fühlen. Sehnsucht, Weltschmerz, Nostalgie, Einsamkeit, Fernweh. Die Liste an Synonymen ist endlos, womit man dem portugiesischen Wort Saudade wohl aber nur nahe kommen, es aber nie vollends treffen kann. Ein Wort, das gleich für mehrere Emotionen steht. Jeder, der es verwendet, würde es anders übersetzen, fühlt es anders, benutzt es anders.

Corona wurde 2020 zu einem der meistgehassten Wörter dieser Welt. Es lässt sich nicht bändigen, es lässt sich nur ertragen. Pandemie, Krankheit, Tod, Krise. Die Liste an Wörtern, die zu Corona gehören, ist endlos.
Ein Wort, das gleich für mehreres steht. Jeder, der es verwendet, würde eine eigene Geschichte, eine Meinung dazu äußern können, jeder fühlt die Pandemie auf seine Weise. Und jeder geht mit ihr auf seine Weise um. Zwischen Regeltreue und Leugnung gibt es viele Facetten, doch die extremen Meinungen schreien momentan lauter. Und so spaltet es unser Land, unsere Gesellschaft und teils auch Familien. Weil der Onkel nichts von Corona hält und die Tante aber Angst davor hat. Weil der eine schwer vorerkrankt ist und der andere sich für fit hält. Weil der eine weiß, was die Krankheit machen kann, und der andere denkt, es sei nur eine Grippe. Weil der eine keinen Bock mehr auf Regeln hat und der andere sich denken kann, was ohne Regeln passiert.

#allesdichtmachen gegen #allemaleineschichtmachen


Und dann noch die Aktion in der letzten Woche: #allesdichtmachen gegen #allemaleineschichtmachen. Komplett konträre Ansichten zu ein und demselben Thema. Aber das ist unsere Realität: Menschen, die Corona hautnah erleben müssen, und Menschen, die es bagatellisieren, weil sie es nicht hautnah erleben müssen - eigentlich doch zu ihrem Glück. Und dann kommt da aber ein Intensivpfleger namens Ricardo Lange ins Spiel, der etwas sagt, was so verdammt richtig ist. "Wir sind blind geworden"; besonders füreinander.

Ja, für viele ist die eigene Situation im Homeschooling oder aufgrund der Regeln schier unerträglich geworden. Es scheint so, als ob alle die Schnauze voll hätten. Egal wer. Egal wie sehr er überhaupt finanzielle, wirtschaftliche oder gesundheitliche Schäden wegen Corona in Kauf nehmen musste. Doch was bringt uns dieses Lamentieren? Warum muss ständig gemeckert und gezetert werden? Gibt es nicht sinnvollere Beschäftigungen? All dieses ständige Meckern kostet Kraft und raubt Energie.

Oh man! Echt jetzt?


Der Großteil der Bevölkerung hat doch Glück, auch wenn wir nicht in allem der Sieger sind, auch wenn unsere Regeln teils schwierig sind, so leben wir doch in einem der Länder, in dem wir nicht um unsere Versorgung Angst haben müssen. Bilder aus Indien, zuvor Bilder aus Südamerika und Italien hätten uns das zur Genüge vor Augen führen können. Doch trotzdem ist der Sommerurlaub ein Heiligtum, der Kauf der Druckerpatrone fürs Homeschooling nervt, das Wetter ist zu kalt und man will doch auf jeden Fall noch nachts joggen gehen. Während beinahe jeden Tag mehrere hundert Menschen sterben. Oh man! Echt jetzt? Diese Scheuklappen machen doch so viel kaputt. Wenn jeder nur auf sich schaut und nicht das große Ganze sieht.

Wir brauchen doch eigentlich Energie und Atem dort, wo es Sinn macht, den Mund aufzumachen. Wo wir für andere Gruppen kämpfen sollten, die wirklich Verlierer sind. Und einfach mal Zähne zusammenbeißen, geht das nicht? Woran liegt das? Schaffen es viele nicht mehr, ihre Situation zu relativieren, sie in einen anderen Kontext zu stellen oder sogar Empathie für andere zu empfinden, die es weitaus schlimmer getroffen haben?! Sind die Regeln wirklich so schlimm oder werden sie nur aufgebauscht? Man muss kein Mathematikprofessor sein, um durchzurechnen, wo unser Land ohne Regeln stände. Und man muss auch nicht bei allem, was zu viel ist, die Klappe halten. Nur das alles doch bitte mit Sinn und Verstand und nicht mit Hetze und Polemik.

Saudade - Weltschmerz, Wehmut oder was auch immer empfinden viele gerade. Corona erleben viele auch. Doch jeder auf seine eigene Weise. Uns eint aber alle, dass es unser gemeinsamer Feind ist. Wir alle wollen, dass es vorbei ist. Und dafür müssen wir mehr tun, als zu meckern. Und dann ist da auch noch etwas anderes, was wir wieder lernen sollten. Gestern hat mir ein vierjähriges Mädchen vorgemacht, worum es geht. Sie hat im Nachbarsgarten abends bei einem Lagerfeuer einen Marshmallow gegrillt und dabei das Lied gesungen, dass ich Gott sei Dank über den Gartenzaun hören konnte: "Froh zu sein, bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König!" (Christina Lander) +++


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