REGION Der Stadtpfarrer bei O|N

Impulse von Stadtpfarrer Buß: "Ein Webfehler"

22.05.21 - Ein Webfehler und der Heilige Geist. Wenn die Navajos einen Teppich herstellen, dann weben sie - habe ich gelesen - bewusst in einer Ecke einen kleinen Webfehler ein. Den betrachten sie als die Stelle, an der der Geist in den Teppich hinein- und aus ihm herausgeht: Dort, wo das exakte Muster unterbrochen wird, bekommt der Geist eine Chance. "Der hat einen Webfehler." Das kann man bei uns von einem Menschen sagen, den man für verrückt hält.

Stadtpfarrer Stefan Buß. Archivfoto: O|N/Hendrik Urbin

An Pfingsten - als der Geist Jesu, der Heilige Geist einen Zugang zu den Aposteln fand, als sie begeistert das Evangelium von Jesus Christus verkündeten - da sagten die anderen: "Die haben einen Webfehler! Die sind nicht ganz bei Verstand! Die sind verrückt oder betrunken!" Die Geschichte der Kirche beginnt - könnte man salopp formulieren - mit einem Webfehler. Am Anfang steht nicht eine "konstituierende Mitgliederversammlung ... ‚bei der sich die Jünger unter der Leitung von Petrus auf eine für alle Völker und alle Zeit unverändert gültige Verfassung geeinigt hätten" (Eleonore Beck, Autorin 1926 - 2014). Am Anfang steht nicht das exakte Muster - Grundsätze, die man bewahren und vor jeder Veränderung schützen muss - sondern ein Webfehler: Das Hereinbrechen des Heiligen Geistes in das Haus und in die Menschen, die im Vertrauen auf Jesus dort warten: Ängstliche bekommen Mut, Zögernde geraten in Bewegung, Unsichere werden Zeugen. Und es waren immer Menschen mit kleinen Webfehlern, begeisterte und begeisternde Christen, die der Kirche zu einem neuen Pfingsten verholfen haben.

Ich denke an Franz von Assisi, den verrückten Aussteiger, dem die Kinder auf der Straße ‚Idiot‘ und ‚Spinner‘ nachgerufen haben, und der selbst einmal geäußert hat: "Der Herr sagte mir, er wolle, dass ich ein frischgebackener Narr in der Welt sei…" Ich denke auch an den liebenswürdigen und humorvollen Johannes XXIII., über dessen Alter und Leibesfülle man sich in Rom lustig macht. Viele der steifen Formen, in die ein Papst gezwängt wird, ignoriert er einfach. In einem Moment plötzlicher Eingebung kündigt er das II. Vatikanische Konzil an, das er selbst als neues Pfingsten versteht. Auf die Frage, was er sich von diesem Konzil erhoffe, soll er das Fenster in seinem Arbeitszimmer weit geöffnet und gesagt haben: "Dass es frische Luft hereinlässt!"

Mein Pfingstwunsch an unsere Kirche wäre, dass sie sich von der Webkunst der Navajos inspirieren lässt, dass sie kleine Webfehler zulässt - als Türen für den Heiligen Geist: Denn ihre Sprache wird geistlos, wenn sie zu bloßen Formeln erstarrt, wenn Worte nicht mehr aufhorchen lassen und neugierig machen auf das Evangelium. Ihre Strukturen werden geistlos, wenn nur an den alten Mustern weiter gewoben wird, wenn durch Festhalten an eingefahrenen Gewohnheiten die Offenheit für Überraschendes und Neues verloren geht. Und da alle Christen miteinander Kirche sind, heißt mein Pfingstwunsch: Machen Sie‘s wie die Navajos - erlauben Sie sich einen Webfehler im oft so eintönigen Muster Ihres Alltags! Gönnen Sie sich kleine ‚Aus-Zeiten‘ für Stille und Gebet. Machen Sie‘s wie die Navajos - erlauben Sie sich einen Webfehler im oft so festgefahrenen Umgang mit anderen Menschen! Durchbrechen Sie das geistlose Verhaltensmuster, immer mehr haben und immer besser sein zu wollen. Machen Sie sich selbst die Freude, Ihre Talente für andere einzusetzen! Und wenn dann jemand von Ihnen behauptet, Sie hatten einen Webfehler, können Sie lächelnd antworten ‚Hoffentlich!" oder "Gott sei Dank!" (Stefan Buß) +++


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