Der Linzer Historiker Roman Sandgruber hat tief gegraben und wurde fündig - Foto: Verlag

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (18)

Roman Sandgruber: "Hitlers Vater" - Gesegnet sei der Dachboden!

30.05.21 - "Die Welt wird nicht bedroht von denen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen." (Albert Einstein). Ein Satz, den man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte. Denn gerade was den Nationalsozialismus angeht, besteht eine starke Neigung, nach Bestien, Ungeheuern und Verbrechern zu suchen und ihnen alle Untaten anzuhängen. Das scheint leichter als die Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass fast alle Deutschen (und Österreicher) Täter und Mitläufer waren. Menschen, die einem ganz normalen Leben nachgingen und dennoch kein Problem hatten, sich der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus zu unterwerfen.

Schon wieder Hitlers irgendwas?

Seit Guido Knopp haben wir uns an Sendungen wie "Hitlers Frauen, Helfer, Krieger" etc. gewöhnt, in denen Fastfood-artig Geschichte verwurstet und zugegebenermaßen schmackhaft aufbereitet wurde. Abschätzig wurde diese Form von Geschichtsaufbereitung oft Histotainment genannt. Na und? Auch das erfüllt seinen Zweck. Lieber ohne Untiefen über das Dritte Reich Bescheid wissen als gar nicht und sich Judensterne mit "Impfgegner" ans Revers heften.

Autor Roman Sandgruber mit dem sensationellen Fund Fotos: Harald Eisenberger

Roman Sandgruber ist weit davon entfernt, Histotainment zu betreiben. Der Linzer Historiker befasst sich nicht das erste Mal mit der Zeit des Nationalsozialismus und seinen führenden Figuren. Dass er dieses Buch schreiben konnte, verdankt sich einem glücklichen Fund – eine alte Dame hatte 31 Briefe Alois Hitlers auf ihrem Dachboden gefunden.

Spätestens seit dem Stern-Skandal um die Hitler-Tagebücher 1983 reagiert die gesamte Historikerzunft mit größter Skepsis auf alles, auf dem Hitler steht. So auch Sandgruber, gewiss aber geleitet von der Hoffnung, er möge einem richtig großen Fund auf der Spur sein.

Roman Sandgruber auf dem Dachboden… nicht der, auf dem die Briefe gefunden wurden, ...

Der Autor und Historiker Roman Sandgruber

Denn von Hitlers Vater existierte bis dato kaum etwas Geschriebenes. Und so wirklich viel weiß man auch nicht über ihn, was auch an den Legenden liegt, die der Sohn und gefällige Nazi-Bonzen über des Führers Vater in Umlauf brachten. Man darf ja nicht vergessen: Ausgerechnet der Exeget des Rassenwahns konnte nicht zwei Generationen seiner Familie stringent zurückverfolgen, denn der Großvater war ein uneheliches Kind (Sandgruber zeichnet schön nach, wer als Erzeuger alles in Frage kommt). Die Briefe aber erwiesen sich als echt, und so wird das Bild des Diktators nun durch neue Facetten bereichert. Und man bekommt einige Antworten auf die Frage, wie, wann und warum Hitler zu "Hitler" wurde.

Hafeld, Lambach, Leonding

Alois Hitler, der Vater Copyright Everett Collection

Alois Hitler in Ausgeh-Uniform Copyright ScherlSZ picturedesk

Klara Hitler, die Mutter Copyright ScherlSZ picturedesk

Der Vater war Zollbeamter und machte im Dienst Karriere. Alois Hitler hatte nicht viel Schulbildung genossen, bildete sich aber autodidaktisch weiter. Das ist eine Parallele zum Sohn, genauso auch die Verbissenheit, mit der beide Wissenschaft, Expertenwissen und Fachleute ablehnten. Beide vertrauten nur dem eigenen Wissen und trieben andere damit schier zur Weißglut. Der Vater erwarb einen Bauernhof in Hafeld  im Innviertel. Er hatte zwar keinerlei praktische Kenntnisse in der Landwirtschaft, meinte aber, das Ding aufgrund seiner Lektüre schon zu wuppen. Damit lag er falsch, es ging in die Grütze, und das gefiel dem Alois Hitler gar nicht. Er erging sich weitschweifig über sein hartes Schicksal. Schuld waren natürlich die anderen – auch hier eine Parallele zum Sohn.

Adolf Hitler als Baby Copyright Bridgeman Art Library picturedesk

Einer der Briefe, die Hitlers Vater schrieb.

Der Bauernhof in Hafeld Privatarchiv

Schon nach zwei Jahren verkaufte die Familie den Hof und zog nach Lambach. Für den Vater ein Abstieg – denn nun wohnte man wieder zur Miete, die begehrten Statussymbole wie Bedienstete, Wagen mit Pferden etc. waren wieder weg. Als Pensionist hatte er viel Zeit, und so begann er, sich der Politik zu widmen. Er veröffentlichte Zeitungsartikel, die von Deutschtum und Nationalismus beseelt waren – eine weitere Parallele zum Sohn. Nach nur zwei Jahren stand der nächste Umzug an, diesmal nach Leonding.

Wieder wurde ein Haus gekauft, kein richtiges Bauernhaus zwar, aber Bienenzucht war möglich, es gab einen Obst- und Gemüsegarten, Hühner, Ziegen, eine Kuh. In der NS-Legendenbildung las sich das später so: "Ganz klein und primitiv. Man führt mich in das Zimmer, das sein Reich war. Klein und niedrig. Hier hat er Pläne geschmiedet und von der Zukunft geträumt. Weiter die Küche, in der die gute Mutter kochte. Dahinter der Garten, in dem der kleine Adolf sich nachts die Birnen und Äpfel pflückte. Hier also wurde ein Genie. Mir wird ganz groß und feierlich zumute…" (so Goebbels am 22.07.1938 in seinen Tagebüchern).

In der "Patenstadt des Führers"

Ab 1900 und dann für vier Jahre wurde Linz Adolfs Lebensmittelpunkt. Hier besuchte er die Realschule. Sachliche Gründe für den Titel "Patenstadt des Führers" gibt es keine, wohl aber emotionale, denn Hitler selbst beschrieb später immer wieder, wie glücklich die Zeit in Linz gewesen sei. So wurde Linz zu seiner Wunsch-Heimatstadt.

Das Haus in Leonding

Die Realschule in Linz, die Hitler besuchte Copyright US National Archives

In der Schule wurde, anders als in Leonding, hochdeutsch gesprochen, die Professoren waren liberal oder deutschnational sozialisiert, er kam erstmals mit Kindern der Oberschicht in Berührung. Als einziger Schüler war Adolf vom (recht hohen) Schulgeld befreit, was nur "sehr braven und sehr bedürftigen Schülern" gewährt wurde. Der Vater wollte den Sohn durch die Schule auf eine Beamtenkarriere vorbereiten. Adolf aber hatte ganz andere Dinge im Sinn und wollte Maler werden, was den Vater entsetzte. Der Zwist war also programmiert.

Von vielen Seiten ist bezeugt, wie oft und heftig Hitler von seinem Vater verprügelt wurde. Das galt zwar um 1900 noch als adäquate Erziehungsmethode, aber Alois Hitler muss weit über das übliche Maß hinausgegangen sein. Als Diktator verinnerlichte Hitler diese Erziehung, und forderte immer wieder, "das Schwache wegzuhämmern". Die Mutter hingegen sei eine Quelle der Liebe und Güte gewesen. Mag sein, aber vergessen wir nicht, dass diese Beschreibung haargenau dem nationalsozialistischen Mutterbild entsprach und deshalb sicherlich arg verherrlicht ist.

1903 starb der Vater, Hitler war 14, zu jung, um schon zu wissen, was er wirklich wollte. Er wechselte die Schule (wegen seiner nicht sonderlich berauschenden Noten), legte mit Ach und Krach die Prüfung ab, hatte aber wenig Lust, sich auf die Matura vorzubereiten. Er ließ sich treiben und versank in Tagträumen. 1907 stirbt auch die Mutter. Finanziell hätten er und seine Schwester eigentlich versorgt sein müssen, aber da Hitler das Geld locker saß und er sich nicht um eine Lehrstelle bemühte, zerrann das mütterliche Erbe schnell. Die Armut der Wiener Zeit ist also selbstverschuldet.

Der prägende Einfluss

Sandgruber sieht in den frühen Innviertler und Linzer Jahren prägende Einflüsse auf den jungen Hitler, die mindestens so stark gewesen seien wie die Wiener Jahre, die Hitler später als seine Lehrzeit bezeichnete. Sandgruber spricht von der gleich dreifachen Hypothek, der Hitler nicht entronnen sei: beklemmende Provinz, übermächtiger Vater und ungewisse Herkunft. Hitler hasste den Vater und liebte ihn. Er wollte von ihm weg und kam nicht von ihm los. Seine Jugend stilisierte er zum Kampf mit dem Vater. Und doch kopierte er ihn in erstaunlichem Maße. Die Taschenuhr des Vaters begleitete Hitler bis in die letzten Tage im Bunker. Und auch dessen Foto trug er immer bei sich. Der Autodidakt Hitler eignete sich Wissen an, um in den Kreisen der Intellektuellen zu glänzen. Germania als Hauptstadt des Reichs sollte seine provinzielle Herkunft ein für allemal vergessen machen.

Erklärt der Vater also den Diktator, den Judenhasser und -mörder, den Weltkriegsentfacher Adolf Hitler? Ist der Vater gar "schuld" am Diktator? Natürlich nicht. Es sind schließlich erstaunlich viele Männer im Innviertel groß geworden, ohne Diktator zu werden. Aber das unprätentiöse Ausleuchten dieser frühen Jahre erklärt den einen oder anderen Charakterzug Hitlers besser.  Und es zeigt Entwicklungslinien auf – etwa die deutschnationale, die antiklerikale und natürlich die antisemitische. Sandgruber macht einmal mehr klar, dass nichts davon aus dem Nichts und überraschend kam, sondern sich lange angekündigt hat.

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Zum Weiterlesen

https://www.welt.de/geschichte/article227189719/Hitlers-Vater-Ein-vermeintlich-allwissender-Autodidakt.html

https://www.kleinezeitung.at/kultur/buecher/5952956/Hitlers-Vater_Autor-Roman-Sandgruber-im-Gespraech-mit-Historiker

https://www.saechsische.de/kultur/hitler-buch-vater-alois-geschichte-5384876.html

Zum Anschauen

Talk mit Roman Sandgruber

https://www.youtube.com/watch?v=lOej11m3ZYc

ZDF Kulturzeit

https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/buch-alois-hitler-100.html (Jutta Hamberger)+++

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