Im Einsatz: Medizinische Fachangestellte Paula Schmidt und Dr. Michael Karges - Fotos: Henrik Schmitt

HOFBIEBER Dr. Michael Karges im O|N-Gespräch

Impfalltag in einer Hausarztpraxis: Unverschämte Bitten und dreiste Patienten

05.06.21 - Wenn am kommenden Montag die Impfpriorisierung fällt, dürfte es voll werden in so mancher Arztpraxis. Theoretisch kann jeder Impfwillige über 18 Jahren ab 7. Juni in den Praxen der niedergelassenen Haus- und Fachärzte geimpft werden. Doch dieses Angebot bleibt Theorie, so lange so wenig Impfstoff zur Verfügung steht wie bisher. OSTHESSEN|NEWS hat über die allgemeine Impfsituation in Hausarztpraxen mit dem Allgemeinmediziner Dr. Michael Karges aus Hofbieber gesprochen.

Diskussionen über die Impfstoffe, Gefälligkeitsbitten oder ungehobelte Patienten: Dr. Karges hat in den vergangenen Wochen einiges in seiner Praxis erlebt. Dennoch ist der Mediziner aktuell größtenteils zufrieden mit der Impfsituation und das auch, weil endlich mehr Vakzine zur Verfügung stehen. "Die Anfangszeit war wesentlich schwieriger, wir hatten zu wenig Impfstoff und wussten nie, wie viel wir in der kommenden Woche bekommen." Planungen seien somit schwer gewesen. Mittlerweile wird in Hofbieber Biontech, AstraZeneca sowie Johnson und Johnson verimpft.

Der Ladenhüter

Doch mit den neuen Impfstoffen kam ein weiteres Problem: "Als wir mit AstraZeneca impfen konnten, wollte es plötzlich niemand." Der Impfstoff sei zu Unrecht schlecht gemacht worden, die Entscheidungen der Ständigen Impfkommission sowie der Bundesregierung hätten dazu beigetragen. "Erst hieß es, das Vakzin käme nur für Personen unter 60 Jahren infrage, dann für die über 60- Jährigen, zwischendurch wurden die Impfungen ganz gestoppt und nun gibt es wieder die Freigabe für alle. Das hat zu Unsicherheiten in der Bevölkerung geführt, der den AstraZeneca- Impfstoff zum Ladenhüter machte."

In der Hausarztpraxis Dr. Karges in Hofbieber wird gegen das Corona-Virus geimpft ...

Nach wie vor bei den Patienten am beliebtesten ist das Vakzin von Biontech ...

Dr. Michael Karges im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS

Einen Grund, den Impfstoff nicht zu verwenden, sieht Dr. Karges nicht. "Der Arzt überprüft vorab, ob ein Risiko besteht, eine Nebenwirkung zu entwickeln." Die Angst vor einer Sinusvenenthrombose sei demnach in der Regel unbegründet. "Was viele auch gar nicht wissen: Die Gefahr, eine derartige Thrombose zu bekommen, ist bei einer Covid-19-Erkrankung ganze zehn Mal höher."

Der erfahrene Mediziner aus Hofbieber hofft, dass mit dem Wegfall der Impfpriorisierung AstraZeneca besser angenommen wird. "Es wäre wünschenswert, wahrscheinlicher ist jedoch, dass die meisten Patienten diesen Impfstoff noch immer nicht wollen."

Angst vor den großen "Run" auf seine Praxis hat Dr. Karges derzeit nicht, denn bei ihm darf grundsätzlich nur derjenige in die Sprechstunde, der vorher telefonisch einen Termin vereinbart hat. "Natürlich werden wir am Dienstag schlauer sein als heute – dass sich bei uns allerdings eine Schlange vor der Praxis bildet, glaube ich nicht." Dennoch befürchtet er, dass es einige Arztpraxen geben wird, die in der kommenden Woche enormem Stress ausgesetzt sein werden.

"Ellenbogenmentalität"

In den vergangenen Wochen hat der Arzt einiges erlebt. "Es gab viele Patienten, die auf Teufel komm raus versuchten, in eine Priorisierungsgruppe reinzurutschen." Einfache Angestellte hätten sich als Führungskraft in Verfassungsorganen ausgegeben, andere dichteten sich 20 Kilogramm mehr auf die Rippen. "Dann stellt man die Leute auf die Waage und sieht, dass sie eben nicht derart adipös sind, wie sie am Telefon behaupteten und somit nicht in die Prio 3 gehören." Ausreden wie: "Aber meine Waage daheim zeigt etwas anderes an oder: Drücken Sie doch mal ein Auge zu", seien bei den Ertappten an der Tagesordnung. "Ja aber, heißt es dann häufig. Machen Sie doch einfach dort ein Kreuzchen, Herr Doktor, oder, tun Sie dies, tun Sie das. Das ärgert mich dann schon." Ein Durchsetzungsproblem hat Dr. Karges allerdings nicht. "Ich habe ein dickes Fell und bin im Prinzip auch die letzte Instanz. Wenn ich sage, ist nicht, dann ist das auch so." Dennoch schreckt so mancher Patient nicht einmal davor zurück, kriminelle Handlungen zu fordern. "Wir hatten hier auch schon jemanden, der fragte, ob er einen ausgefüllten Impfpass ohne Impfungen bekommen könnte, um, ohne Corona-Tests, in den Urlaub fahren zu können." Verständnis hat der Arzt für derartige Wünsche nicht. "Das ist völlig unsozial den anderen gegenüber so tun zu wollen, als wäre man geschützt und dann – im schlimmsten Fall -andere anzustecken und zu gefährden."

Der Piks geht schnell...

und tut auch nicht weh

Die Anfragen, die täglich reinkämen, seien sehr variabel. "Ich werde, selbst beim Einkaufen, mindestens 15- bis 20-mal täglich nach Impfungen gefragt." Die Modalitäten, meint er, müssten mittlerweile jedem bekannt sein. "Wenn tatsächlich eine Impfdose am Nachmittag übrig ist, haben wir eine Liste, von der ein nachrückender Patient informiert wird. Wir können nicht einfach unsere Bekannten, Freude, Familie oder sonst wen durchimpfen." Solche Gefälligkeiten, betont er, würde es in seiner Praxis nicht geben.

Medizinisches Personal bekommt viel ab

Und auch wenn Derartiges manchmal Stress verursachen könne, seien es die Arzthelferinnen, die unter wesentlich größerem Druck stünden. "Manche, die in unserer Praxis anrufen, werden wohl schon ziemlich unverschämt oder sind offen unfreundlich. Davon bekomme ich selbst nur wenig mit."

Einschätzung – hätte etwas bei der Impfkampagne besser laufen können?

"Mir tun, ehrlich gesagt, die Politiker manchmal ein bisschen leid, denn man muss fair bleiben. Im Nachhinein sind wir immer alle schlauer, hätten alles besser gewusst. Ich maße mir nicht an, zu sagen, welcher der richtige Weg gewesen wäre", meint Dr. Karges. "Viele Länder haben unterschiedliche Wege bestritten und dennoch– früher oder später -mit Problemen zu kämpfen gehabt." Corona sei eben einfach keine Mathematik.

Einen großen Fehler in der deutschen Pandemiebekämpfung sieht er allerdings doch: "Ich verstehe nicht, warum man die Hausärzte nicht von Anfang an in die Impfkampagne einbezogen hat." Was den Gesundheitsminister dazu veranlasste, allein auf die teuren Impfzentren zu setzen, könne er sich nicht erklären. "Man hätte nur schauen müssen, wann die letzte Krise war. Dann hätte man gesehen, dass das 2009, als die Schweinegrippe wütete, gewesen ist. Man wäre zu der Erkenntnis gelangt, dass die Hausärzte das damals hervorragend gemeistert haben – und hätte entsprechend schnell und vor allem effizient handeln können." (Miriam Rommel) +++


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