Geld oder Liebe, Leidenschaft oder Pflicht? Edith Wharttons preisgekröntes Meisterwerk - Foto: Verlag

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (19)

Edith Wharton, Zeit der Unschuld - "Liebesträume, Lebensversäumnisse"

13.06.21 - 1920 erschien Edith Whartons Roman "Zeit der Unschuld", der die New Yorker Oberschicht der 1870er Jahre porträtiert. Die Autorin war damals schon 50 Jahre alt, weit gereist und hoch anerkannt. Sie war die erste Frau, die den Pulitzer-Preis erhielt. Mit anderen Worten: Ihr eigenes Leben verlief vollkommen anders als das ihrer Protagonistinnen. Dieser reizvolle Antagonismus macht die Lektüre noch lohnender. Auch, weil die Neuübersetzung von Andrea Ott frisch, pfeffrig und absolut staubfrei ist – großes Kompliment für diese Leistung!

Sie liebt mich, sie liebt mich nicht

Das Cover der DVD  

Auch wenn die Begebnisse des Romans 150 Jahre zurückliegen, ist diese Geschichte taufrisch. Vielleicht gibt es heute nur noch wenige von der Familie arrangierte Ehen. Arrangierte Ehen gibt es gleichwohl, denn das erledigen heute Parship, Tinder und Co. Die Algorithmen der Dating-Portale berechnen schließlich, wer zu wem passt. Nach wie vor halten wir es also mit der "vernünftigen" Partnerwahl, die auf Gemeinsamkeiten beruht, nicht auf Sturm und Drang.

Der Roman beginnt mit einer Szene aus Gounods "Faust" (Szene 11, No. 18 – dem Duett zwischen Faust und Margarethe). Er versucht, sein argloses Opfer nach allen Regeln der Kunst zu verführen, sie ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe und ihren Ängsten. Ein Blumenorakel soll Sicherheit bringen – wir alle kennen es, haben es sicher als Kinder unzählige Male selbst so gespielt: Margarete: Er liebt mich – er liebt mich nicht, er liebt mich – nicht, er liebt mich, nicht – er liebt mich! Faust: Ja, glaub' ihm ganz, du holdes Himmels-Angesicht! Das Blumenwort sei Götter-Ausspruch, Kind, für Dich.

Pulitzer-Preisträgerin Edith Wharton Abbildung: dpa / picture alliance / Bifab)

Kunstvoll ist so die Bühne für den Roman bereitet. Wir erleben die feine Gesellschaft des New Yorks der 1870er Jahre. Sie ist durch unzählige Traditionen und Gepflogenheiten bestimmt. An diesem Opern-Abend sind alle wichtigen Personen des Romans präsent, in verschiedenen Logen, oder – wenn nicht vor Ort – dann durch ihre Persönlichkeit und Bedeutung in den Gesprächen der anderen. Man hört zwar die Gounod‘sche Musik, sogar mit der schwedischen Star-Sopranistin Nilsson, aber recht eigentlich beschäftigt man sich mit sich selbst und freut sich auf den Ball danach im Hause Beaufort.

Archer und May Fotos: Screenshots aus dem Film "Age of Innocence”

Wer ist da und mit wem, wer trägt was, wer spricht mit wem, wer bietet Gesprächsstoff? Alles wird sofort bewertet, und für diese Bewertungen gibt es selbstverständlich unumstößliche Autoräten. Das wissen auch die Hauptfiguren dieses Romans sehr genau. Als da wären Newland Archer, seine angehende Verlobte May Welland und deren geschiedene Kusine Ellen Olenska. Die beiden Damen sitzen in der Loge der Familie Welland – und Ellens Erscheinen sorgt für heftige, wenn auch zunächst unsichtbare Wellen. Denn Ellen ist ihrem Mann, einem polnischen Grafen, weggelaufen und will die Scheidung, weil sie seine Untreue leid ist. Zwar darf "frau" sich nach dem Gesetz scheiden lassen, aber gesellschaftlich stellt sie sich damit für immer ins Abseits. "Unsere Gesetze sind mit Scheidungen einverstanden, unsere gesellschaftlichen Konventionen nicht", heißt es im Roman. Diese Frau, quasi im gesellschaftlichen Zwischenreich, stört den "Betrieb" der feinen Gesellschaft. Allein ihre Existenz stellt die Gesellschaftsordnung in Frage. Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis aus anfänglicher Gastfreundschaft der dringliche Wunsch wird, Ellen schnellstens wieder nach Europa zurückzuverfrachten.

"Reinheit, Helle und Güte an meiner Seite"

Archer und May

Ellen und Archer

In der Wahl seiner zukünftigen Gattin folgt Archer dem Prinzip, gesellschaftlich alles richtigzumachen. Natürlich ist es eine arrangierte Ehe. Seine Mutter hat die überaus wohlhabende, hübsche und in fast jeder Hinsicht harmlose May Welland, deren Unschuld "ihren Geist gegen Fantasie und ihr Herz gegen Erfahrung abschottet", ausgesucht. Mit May glaubt er, eine junge, liebliche, naive und zarte Blume zu der seinen zu machen. Das klingt so nett und parfümiert langweilig, wie es ist. Bei der ersten Konfrontation mit wahrer Leidenschaft gerät Archers Welt ins Wanken und er genau dorthin, wo er nicht hin möchte, zwischen die Fronten, zwischen Ellen und May.

Ellen

In die selbstbewusste und unkonventionelle Ellen verliebt er sich unsterblich, und noch am Vorabend seiner Hochzeit ist er bereit, Hals über Kopf mit ihr zu flüchten. Er tut es nicht – auch weil May ahnt, was in ihm vorgeht und entsprechend vorbaut. Mays Harmlosigkeit nämlich gleicht eher einem Stahlpanzer als dem Maiglöckchenduft, mit dem sie sich gern umgibt. Zudem steht Archer auch klar vor Augen, was die Folgen seines Handelns wären: Wählt er die Frau, die er liebt, verliert er Familie und Ansehen. Wählt er die Frau, die vernünftigerweise zu ihm passt, verliert er die Liebe seines Lebens. Wie sehr Leidenschaft und Liebe jede Ordnung zerfetzen können, breitet der Roman genüsslich aus. "Das Individuum wird in solchen Fällen fast immer dem sogenannten kollektiven Interesse geopfert", erklärt Archer Ellen, als er ihr die Scheidung ausreden soll – doch recht eigentlich über sich und seine Gefühle für diese Frau spricht.

Der Roman macht die Fragwürdigkeit dieser Ordnung sehr klar, bei seinem Plädoyer für die Freiheit des Individuums merkt er aber auch an, dass nicht jede und jeder dafür geschaffen sind. Die Frauen des Romans eigentlich alle nicht.  Sie sind "Dressurprodukte", geschaffen, um alles, nur nicht lebenstüchtig zu sein. Sie sollen in den Hafen der Ehe einlaufen und dort funktionieren, mehr wird weder erwartet noch gewünscht. Das dies durchaus auch für die Ehemänner von Nachteil ist, merkt Archer gegen Ende seiner Flitterwochen: "Es war weniger mühsam, sich der Tradition zu fügen und May genauso zu behandeln, wie seine Freunde ihre Ehefrauen behandelten, als zu versuchen, die Theorien, mit denen er als ungebundener Junggeselle geliebäugelt hatte, in die Praxis umzusetzen. Es hatte keinen Sinn, eine Frau emanzipieren zu wollen, die nicht einmal ahnte, dass sie nicht frei war."

"Ich will irgendwie mit Dir fort"

Edel gedeckter Tisch

Unbarmherzig entlarvt der Roman Archers Verliebtheit in Ellen als hollywoodeske Romanze, die nicht für das wirkliche Leben gedacht ist. Als beide die zweite Chance haben, sich gegen die Gesellschaft und füreinander zu entscheiden, sagt er ihr, er wolle irgendwie fort mit ihr, "in eine Welt, in der Wörter wie diese, Kategorien wie diese, nicht existieren" und wo man einfach nur Liebende sein könne, fragt Ellen nur zurück: "Ach, mein Lieber – wo ist dieses Land? Warst Du schon einmal dort?" Sein Schweigen ist Antwort genug, und die Entscheidung dann auch. Sein Leben wird "lauwarmen Flitterwochen" ohne Fieber und Leidenschaft gleichen, die Krone der Liebe wird er nicht erreichen. Und Ellen verschwindet – zurück nach Paris. Mays Lüge, sie sei schwanger, beschleunigt die Abreise und zementiert die Entscheidung. Ellen bleibt ein Traumbild für Archer, "zusammengesetzt aus allen Versäumnissen seines Lebens".

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Dreißig Jahre später – inzwischen hat er drei erwachsene Kinder und May ist gestorben – hätte er die Chance, gemeinsam mit seinem ältesten Sohn auf einer Paris-Reise Ellen zu besuchen. Er verweilt lange auf dem Platz vor ihrem Haus, und geht dann weg, ohne sie nochmals gesehen zu haben, denn: "Für mich ist es hier wirklicher, als wenn ich hinauf gehe."

Was wir schauen

Martin Scorsese "The Age of Innocence”: Daniel Day-Lewis, Winona Ryder, Michelle Pfeiffer, Miriam Margolyes, Geraldine Chaplin, Richard E. Grant, Joanne Woodward. Erhältlich als DVD und Blue Ray.

Den Film sollten Sie sich wirklich nicht entgehen lassen. Der Film erschien 1993 und ist bis heute ungewöhnlich im Werk dieses Regisseurs. "Nur weil keiner stirbt, heißt das nicht, dass dies kein brutaler Film ist," hat er über diesen Film einmal gesagt, und auch, es sei der gewalttätigste Film, den er je gemacht habe. Hier werden Leidenschaften unterdrückt, in anderen Scorsese-Filmen explodieren sie geradezu. Es ist wie eine Expedition in eine fremde, ferne Gesellschaft, der man sich mit Staunen und Faszination nähert.

Interview mit Martin Scorsese: https://www.youtube.com/watch?v=oigqJ91YM24

Trailer zum Film: https://www.youtube.com/watch?v=I3Mx8OSlNYM

Strange Scorsese: https://www.youtube.com/watch?v=kRDnG8Wr8DA

Age of Innocence – an analysis: https://www.youtube.com/watch?v=XvSBq-uueL0

Little White Lies:  https://lwlies.com/articles/the-age-of-innocence-martin-scorsese-most-violent-film/

(Jutta Hamberger)+++

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