- Titelbild: Verlag

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (20)

Raynor Winn: Wilde Stille - Am Ende ein neuer Anfang

27.06.21 - Mit  dem "Salzpfad" hat Raynor Winn einen Bestseller geschrieben. An ihr zweites Buch habe ich mich wochenlang nicht rangetraut. Denn wenn ich ein Buch gelesen habe, das mich tief berührt hat, wenn ich den Eindruck habe, mit diesem Buch habe die Autorin vielleicht schon alles gesagt, was sie zu sagen hat, dann überwiegt bei mir zunächst die Skepsis. Ich hatte Fracksausen, "Wilde Stille" zu lesen. Denn ich wollte von dieser Autorin nicht enttäuscht werden. Soll ich Ihnen was sagen? Das neue Buch ist erzählerisch vielleicht nicht so stringent wie das erste, dafür aber noch berührender und spiritueller als das erste.

Die Unruhe, die mich wachhält

Raynor Winn, geboren 1962, ist heute eine der wichtigsten 'Natural Writing' Autorinnen ...Autorenfoto: Robert Darch

Polruan – ein kleines Fischerdorf in Cornwall Foto: Stefan Germer

Leicht salzige Brombeeren – gepflückt im letzten Moment zwischen perfekt und überreif, ...Alle Fotos ohne anderes Copyright stammen vom Instagram-Account der Autorin

Café Fat Apples – in Porthallow, der perfekte Ort für eine Pause, eine Oase mit großartigem ...

"Die Schale muss zerbrechen, bevor der Vogel fliegen kann" – dieses Zitat aus Tennysons "The Promise of May" stellt Raynor Winn ihrem Buch als Motto voran. Und damit ist das Thema des Buchs auch schon gesetzt: Ohne Durchbruch, ohne Aufbruch, ohne Loslassen keine Flugstunde. In diesem Buch geht es um die Liebe, um die Bedeutung der Natur und um die Frage, was eigentlich Heimat ist.

In gewisser Weise sei das neue Buch gleichzeitig Sequel und Prequel, schrieb Laurie Hertzel in Startribune. Und genauso ist es – Raynor führt uns zurück die Vergangenheit, in ihre Kindheit und Jugend auf einer Farm in Devon, in die Zeit, in der sie Moth kennen und lieben lernt, und beschreibt die Zeit "danach" und alles, was das Paar erlebt und erleidet. Mit "Wilde Stille" wechseln Raynor und Moth gewissermaßen ihren Aggregats-Zustand – waren sie im "Salzpfad" noch obdachlos und unterwegs, so sind sie nun angekommen, im malerischen Fischerdörfchen Polruan in Cornwall. Alles könnte also so gut sein! Ist es aber nicht. Raynor hat Schwierigkeiten, sich an ein normales Indoor-Leben anzupassen. Sie schläft nicht, sie ist von großer Unruhe geplagt. Das wird erst besser, als sie ihr altes Zelt in der Kapelle aufschlägt, in der sie Unterschlupf gefunden haben.

Ein Ort zwischen den Welten

Und erst jetzt wird ihr klar: Bei der Wanderung über den Küstenpfad hatten sie ein Ziel und eine Routine: laufen, essen, schlafen, wiederholen. Was aber sollte nun das neue Ziel, die neue Lebensroutine werden? "Es war verdammt schwierig", so Raynor Winn in einem Interview mit der Herald Tribune. "Wir hatten eine Phase durchlebt, in der wir unser Haus verloren hatten, obdachlos wurden und dann wanderten. Als wir endlich wieder ein Dach über dem Kopf hatten, blieb dieses Gefühl von Obdachlosigkeit und Heimatlosigkeit."

"Eine Kante, an der das Land endet und das Meer beginnt. Ein Ort zwischen den Welten, in einer Zeit zwischen den Jahren, in einem Zwischenleben." So beschreibt Raynor Cornwall und Land’s End, v.a. aber ihren eigenen Seelenzustand. Ihre größte Sorge ist Moth, dessen Gesundheitszustand sich wieder verschlechtert, seit sie nicht mehr unterwegs, sondern sesshaft sind. Trost findet sie in ihrem Reisetagebuch, den gekritzelten Anmerkungen in Paddy Dillons Wanderführer "The South West Coast Path". Sie erlebt die intensiven Gefühle jener Tage erneut. Aber nur ihr geht es so, Moth vergisst zusehends Dinge, auch von dieser Wanderung. Das wird zur Initialzündung für das Buch "Der Salzpfad". Für ihren Mann will sie die kostbaren Momente festhalten, damit er sie nie wieder vergisst: "Bewahre Dir unseren Küstenpfad", sagt sie ihm, und überreicht ihm ihr Manuskript, das zunächst ganz anders heißt, nämlich "Leicht salzige Brombeeren".

Das Endgültige des Todes

Lansallos Beach – westlich von Polperro, wo die türkisfarbene See sich mit Strand ...

Raynor und Moth auf einer ihrer Wanderungen

Brown Willy – der höchste Punkt in Cornwall, mitten im Bodmin Moor. Hier ist der Horizont ...

Die Ahnung einer Möglichkeit keimt auf, Raynor beschließt, ihre Notizen in ein Buch zu verwandeln. Bevor aber aus den salzigen Himbeeren ein Salzpfad wird, muss sie durch eine andere, schwere Lebenskrise. Ihre Mutter erleidet einen Schlaganfall, Raynor muss entscheiden, wie und wann die Mutter sterben soll. Eine kaum zu bewältigende Aufgabe, noch schwerer, wenn man zu Lebzeiten ein schwieriges Verhältnis hatte.

 "Ich hatte versucht, das Endgültige des Todes zu begreifen und ihn als Teil des Lebens zu akzeptieren. Und dennoch konnte ich den Tod nur aus der Sicht eines Beobachters sehen, nicht aus der eines Menschen, der sich mit letzter Kraft an sein Leben klammert. Wie also sollte ich die Entscheidung für meine Mutter treffen? Ich wünschte mir sehnlichst, sie könnte sich mir irgendwie mitteilen, mir aus der Welt, in der sie eingeschlossen war, ein Zeichen senden."

Mit dem Tod der Mutter wird ihr klar, dass sesshaft sein nicht bedeutet, nicht mehr unterwegs zu sein. Moth und sie müssen wieder wandern, Raynor ist überzeugt, dann wird es ihrem Mann wieder besser gehen. "Ich würde ihn noch zwingen zu kämpfen, wenn er längst geschlagen am Boden lag und aufgab." Sie recherchiert alles, was es über CBD (= corticobasale Degeneration) zu erfahren gibt. Eins scheint gewiss: Aufenthalte in der Natur helfen. Sie wandern also wieder.

Eine wichtige Lebenskreuzung wird das Angebot eines Londoner Geschäftsmannes, ihnen eine heruntergekommene Farm zu verpachten, die wieder renaturiert werden soll – und der nach Lektüre des "Salzpfads" Raynor und Moth für die idealen Kandidaten hält. Die Entscheidung fällt nicht leicht, und ja, sie ist mit Risiken behaftet – aber was im Leben ist ohne Risiko? Sie sagen zu und machen sich daran, die Farm wieder auf Vordermann zu bekommen. Vandalismus, Feuchtigkeit, Mäuse auf dem Speicher und Moth‘ Gesundheitszustand machen das zu einem anspruchsvollen Unterfangen – und doch wissen beide: sie haben wieder ein Lebensziel und ein Zuhause gefunden.

Auf dem Laugavegur Treck

Der Salzpfad – weltweit ein Bestseller. Allein in Deutschland wurden bisher 200.000 ...

Glen Coulin – unterhalb von Kinlochnewe, eines der schönsten Fleckchen auf der ...

Irgendwo hinter Ullapool – eine Landschaft, die gleichzeitig faszinierend und ...

Viele kleinere Wanderungen beschreibt das Buch, und endet mit einer großen, fast schon spirituellen Island-Wanderung auf dem Laugavegur Treck, der mit seinen 52 km Länge und fast 2.000 Höhenmetern eine der bekanntesten isländischen Wanderrouten ist. Wieder wandern sie an gegen das Unvermeidliche, wieder ist es der Versuch, sich vielleicht gesund zu laufen, physisch so sehr wie seelisch.

Das Buch „Wilde Stille“ – dekoriert in einer Waterstone’s Buchhandlung ...

Godrevy Lighthouse auf dem South-West-Coast-Path

Ein traumhaft schöner Abend auf dem South-West-Coast-Path

Als Island-Novizen wissen sie wenig über die Jahreszeiten dort und gehen davon aus, dass es in Island, genauso wie in England, um diese Jahreszeit Sommer sein werde. Als sie ankommen – fünf Tage vor dem ersten Sonntag im September – ist in Island aber bereits Jahreszeitenwende, der Winter beginnt. "Wir sind also in Island. Am oberen Ende der bewohnbaren Welt. Nördlich von uns ist nur noch die Arktis, nach Süden hin wird der grüne Erdball immer heißer und staubiger, bevor er in Richtung Antarktis wieder abkühlt. Ein eigenartiger Gedanke."

Die Ausgabe der Obdachlosenzeitung The Big Issue, in der Raynor Winns Artikel „The ...

Berserkjahraun – Isländische Eindrücke

Laugavegur, Island Copyright: Pixabay.

"Nach einer vierstündigen Busfahrt fanden wir uns in den südlichen Hochebenen Islands. Wir wurden in einem Camp abgesetzt, das nicht viel mehr war als einige Zelte, die sich um einen Schuppen und einen alten Schulbus herumgruppierten. Die Wildnis war unglaublich – Asche, Lava und regenbogenfarbige Berge. Vermutlich war es eine der spektakulärsten Dinge, die wir je getan haben. Wir wanderten durch diese Hochebenen und hinunter zur Küste, die Großartigkeit und Dramatik dieser Landschaft waren unglaublich intensiv." (Herald Tribune) Trotz der Umstände schaffen die beiden es, durch Eis, Regen und Schwefel zu wandern – und erleben Momente, "in denen das Leben im Gleichgewicht ist".

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Zum Weiterlesen

https://www.theguardian.com/books/2020/aug/30/the-wild-silence-by-raynor-winn-review-in-search-of-healing-and-home

https://www.visitexeter.com/whats-on/the-wild-silence-a-conversation-with-raynor-winn-p2892603

https://www.startribune.com/review-the-wild-silence-by-raynor-winn/600041455/

https://www.nytimes.com/2021/04/06/books/review/the-wild-silence-raynor-winn.html

https://inews.co.uk/culture/books/the-wild-silence-by-raynor-winn-review-deeply-personal-in-its-exploration-of-the-healing-qualities-of-nature-652687

https://bookmarks.reviews/reviews/the-wild-silence-a-memoir/

https://www.heraldscotland.com/news/18714249.raynor-winn-life-salt-path/

 (Jutta Hamberger)+++

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