Robin Alexander "Machtverfall" - Titel: Verlag

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (21)

Robin Alexander: Machtverfall - Die Starken sind zerhauen

11.07.21 - Am 26. September 2021, in knapp drei Monaten, werden wir eine neue Regierung gewählt haben. Bis dahin ist noch sehr viel Zeit – und, so haben wir es gelernt – es kann noch sehr viel passieren. Geht man davon aus, dass wir ziemlich sicher noch mehrmals in die Regressionsfalle tappen werden, dann wird sogar mit hoher Sicherheit sehr viel passieren.

Robin Alexander Autorenfoto: Gudrun Senger

Sittengemälde des politischen Berlin

Unter dieser Falle versteht man vereinfacht, dass wir allzu häufig die falschen Schlüsse ziehen: "Intuitiv neigen Menschen dazu, von positiven Ergebnissen auf positive Eigenschaften und von negativen Ergebnissen auf negative Eigenschaften zu schließen." (Dr. Klaus Fiedler). Oder auch: vorherrschende Trends werden nicht anhalten. Im Grunde liefert Robin Alexander, der stellvertretende Chefredakteur Politik der WELT, in seinem toll recherchierten und eminent lesbaren Buch den Beweis für die Regressionsfalle. Die SZ spricht nicht zu Unrecht von einem "Schlacht- und Sittengemälde". Das Buch ist ein Lehrstück in Sachen "Wenn der Mensch anfängt seine Zukunft zu planen, fällt das Schicksal lachend vom Stuhl". Davon können im politischen Berlin einige ein Lied singen.

Robin Alexander bringt alle Puzzleteilchen an den richtigen Ort, erst so entsteht eine stringente Erzählung, mit Haupt- und Nebenfiguren, mit Kulissen und diversen Zuschauerräumen, mit Kabalen, Intrigen und Katastrophen. Ich habe beim Lesen oft laut gelacht, mir vor Vergnügen die Hände gerieben, und oft genug aus Verzweiflung laut aufgeseufzt.

Alle Fotos stammen aus dem Meme-Abreißkalender "Noch 100 Tage bis zur Bundestagswahl" ...

Merkel hatte den Plan, als erste/r in diesem Amt ihren Abgang selbst zu inszenieren. Sie wollte nicht davongejagt werden, sondern ihr Haus wohl bestellt übergeben. Sie kümmerte sich um die Nachfolgeregelung. Ihre letzte Amtszeit begann steinig. Die Koalitionäre mussten in die Große Koalition geprügelt werden. Viele gaben keinen Pfifferling darauf, dass diese Zwangsgemeinschaft vier Jahre überdauern würde. Dass sie es dennoch tat, verdankt sich Donald Trump einerseits, und Corona andererseits.

"Das Annegret"

Kanzlerin Merkel hat in all ihren Amtsjahren eines nie getan – sie baute nie wirklich starke Leute um sich herum auf, und ließ sie auch nicht zu. Das Problem einer Partei, durch eine lange Regierungszeit ohnehin auszehrt, verschärfte sie damit weiter. Ihre Idee, "AKK" als Nachfolgerin zu installieren, war v.a. vom Impetus geprägt, eine Frau wäre die bessere Merkel-Erbin.

An sich gut. Aber dafür wäre vielleicht doch ein etwas größeres Kaliber als das saarländische nötig gewesen. Lustvoll erzählt Robin Alexander, wie Kramp-Karrenbauer und der "AKK-Train" genauso Schiffbruch erlitten wie seinerzeit der Schulz-Train. Bei beiden war der Grund des Scheiterns nicht nur persönliches Unvermögen, sondern auch die tätige Mithilfe der Parteigenossen. Ganz besonders taten sich dabei Armin Laschet und Friedrich Merz hervor. Laschet nie auf offener Bühne, sondern immer aus dem Hinterhalt. Friedrich Merz hingegen machte Kramp-Karrenbauer von Anfang an klar, dass er sich selbst für besser geeignet hielt und deshalb gegen sie kämpfen werde. Was er dann auch tat.

Genauso erschreckend deutlich wird, welche Macht Social Media in solchen Situationen bekommen kann, wenn Infos durchgestochen, verzerrt oder sogar verfälscht werden, oder wenn aus einer Mücke auf einmal ein Elefant wird. Social Media setzt in vielen Menschen leider oft die niedrigsten Instinkte frei. AKK hat das alles erlebt und wird sich oft gefragt haben, ob sie im falschen Film sitzt.

Nach etwas mehr als 400 Tagen gibt Kramp-Karrenbauer auf. Dümmliche Faschingswitze, das Versagen bei den dramatischen Umständen der Landtagswahl in Thüringen, diverse falsche Entscheidungen, das Unvermögen, angemessen auf Youtuber Rezzo zu reagieren, die fehlende Unterstützung durch die Kanzlerin, die Intrigen Laschets, Söders Machtgehabe und Merz‘ Selbstüberschätzung waren ein zu giftiger Cocktail. AKK verschwindet so schnell von der Hauptbühne, wie sie auf diese geschoben wurde.

Der neue Hauptdarsteller heißt Covid. Das Spiel um die Macht wird ausgesetzt, kurzfristig jedenfalls. Wie häufig im Angesicht einer großen Bedrohung, werden zunächst die Reihen geschlossen. In den ersten Lockdown gehen Land und Politik einmütig. Diese Einigkeit ist schnell dahin. Das, was wir das Föderale System nennen, erweist sich als nicht viel besser als die deutsche Kleinstaaterei des 18./19. Jahrhunderts. Viele Regionalfürsten ringen um Macht und Einfluss, auf Kosten des Landes, allein dem eigenen Vorteil verpflichtet.

So jedenfalls lässt sich das bis dahin eher unbekannte und unwichtige Gremium der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) verstehen. Es ist in mancherlei Hinsicht einzigartig: Es ist nicht gewählt wie das Parlament, die Frage nach der demokratischen Rechtmäßigkeit seiner Aktionen stellt sich daher schnell. Und: Es ist indiskret. Alles, was besprochen wird, wird von den Akteuren oder ihrer Entourage sofort nach draußen durchgestochen. Es ist auch ineffektiv, denn keine getroffene Entscheidung überlebt den Tag. Nirgends hat sich der Föderalismus so sehr geschadet wie in und mit diesem Gremium. Die zunächst stringente und dann immer seltsamer mäandernde Corona-Politik kann man hier dramatisch verdichtet nachlesen.

Schmutzeleien im Männer-Ballett

Die Highlights des Buchs sind aber zwei Showdowns. Zunächst der Fight zwischen Merkel und AKK. Vielleicht gehört es zu Kramp-Karrenbauers größten Irrtümern, in Merkel die Freundin gesehen zu haben. Als es ernst wird, steht sie allein wie der heroische Sheriff in "High Noon" auf der Straße und kämpft, während ihr von links und rechts die Kugeln um die Ohren sausen. Es bleibt ihr Schicksal, dass Merkel nicht als großer Freund "Shane" einreitet und sie errettet. "Ich bringe Leute in Positionen, laufen müssen sie selber", lautet eine Kanzlerinnen-Devise. Für Merkels Geschmack hatte AKK zu früh gezeigt, dass sie das nicht beherrscht.

Dann Programmwechsel, "Die drei ??? und der Schatz im Bergsee". Die Suche der CDU nach einem Kanzlerkandidaten gerät zum Schlachtfeld. Noch ist nicht zu übersehen, wie viele Leichen das Feld eigentlich bedecken (bei manchen sind noch Sanitäter am Werkeln). Ich kann mir nicht helfen, ich musste oft an eines der bedeutendsten Sonette des Barock denken, an Andreas Gryphius‘ "Tränen des Vaterlands" von 1636. Darin geht es um die Auswirkungen des 30-jährigen Kriegs – wir haben dafür nur 15 Monate Pandemie gebraucht:

Die Türme stehn in Glut, die Kirch' ist umgekehret.
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun…

Ungefähr so kommt man sich vor, wenn man die 375 Seiten geschafft hat. Die ZEIT urteilt: "Wer an den prachtvollen Abgründen der Politik, die immer unsichtbar bleiben sollen, Gefallen findet, wird sich mit diesem Buch bestens unterhalten fühlen." Das stimmt uneingeschränkt. Was traurig stimmt ist, dass die Partei, die in Deutschland gemeinhin als Kanzler-Partei gilt, es nicht vermocht hat, rechtzeitig einen Merkel-Nachfolger aufzubauen – sei er nun eine sie oder ein er – und dass sie sich in einen blutigen Machtkampf treiben ließ. Denn wenn uns Zusehern eines klar geworden ist in den letzten Wochen, dann dies: Die drei Egomanen Merz, Söder und Laschet haben sich für dieses Amt nicht einmal ansatzweise qualifiziert. Und heute sind es noch exakt 77 Tage bis zur Bundestagswahl.

Das letzte Wort gehört Gryphius, diesmal aus "Ebenbild unseres Lebens":

"Der Mensch, das Spiel der Zeit, spielt, weil er allhie lebt,
Im Schauplatz dieser Welt, er sitzt und doch nicht feste.
Der steigt und jener fällt, der suchet die Paläste
Und der ein schlechtes Dach, der herrscht und jener webt".

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Zum Weiterlesen:

https://www.sueddeutsche.de/politik/merkel-machtverfall-robin-alexander-1.5303095

https://www.zeit.de/2021/22/machtverfall-robin-alexander-angela-merkel-regierung?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F
(Jutta Hamberger)+++

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