Lea Gärtner bei der Arbeit im Friseursalon - Fotos: Marius Auth

FULDA Perspektiva gGmbH

Geh(t) doch: Lea Gärtner wird bei der "Cutting Crew" zur Fachpraktikerin

01.08.21 - Wer den theoretischen Anforderungen einer Berufsausbildung aufgrund einer Behinderung bisher nicht gewachsen war, konnte trotzdem eine Fachpraktiker-Ausbildung absolvieren: Praxisorientiert und leistungsstark sind die Fachpraktiker seit rund zehn Jahren nicht nur in handwerklichen Berufen gefragt. Seit Januar 2020 können Jugendliche, die eine Empfehlung für den Berufsbildungsbereich in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung erhalten haben durch das Budget für Ausbildung, mit Hilfe finanzieller Förderung durch die Agentur für Arbeit, eine Ausbildung absolvieren.

Die Ausbildung zum Fachpraktiker soll Jugendlichen mit einer Beeinträchtigung ermöglichen am Arbeitsleben teilzuhaben und sich beruflich zu qualifizieren. Damit wird auch dem Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen und dem Bundesteilhabegesetz Rechnung getragen. Das Hessische Perspektivprogramm zur Verbesserung der Arbeitsmarktchancen schwerbehinderter Menschen (HePAS) bezweckt, Menschen mit Behinderungen in ein reguläres, möglichst dauerhaftes Beschäftigungs- oder Ausbildungsverhältnis zu bringen. Dafür werden Unternehmen seit 2020 durch die Agentur für Arbeit in Form des Budgets für Ausbildung finanziell gefördert und den Jugendlichen eine individuelle Assistenz in Betrieb und Schule finanziert.

Eines der Projekte, die vom Hessischen Sozialministerium und dem LWV Hessen Integrationsamt gefördert werden, ist "Geh(t) doch! Berufswege in den allgemeinen Arbeitsmarkt" aus Fulda. Das Projekt hat u.a. die Zielsetzung das Budget für Ausbildung in der Region Fulda zu initiieren und zu etablieren. Kooperationspartner ist das Unternehmernetzwerk Perspektiva. Dort erfolgt sowohl die Beratung als auch die konkrete Assistenzleistung für die Jugendlichen. Fünf Jugendliche der Arbeitsschule Startbahn werden die Förderung ab August in Anspruch nehmen können.

Gärtner fängt im August ihre Lehre im "Cutting Crew"-Salon in Künzell an ...

Davon profitiert auch Lea Gärtner aus Künzell, die mit Unterstützung des Budgets für Ausbildung im August ihre Lehre als Fachpraktikerin Friseur im "Cutting Crew"-Salon vor Ort beginnt. Die 21-Jährige hat in der Filiale bereits 2018 Praxistage absolviert, zwei Tage in der Woche im Reich der Scherenzauberer und Lockenvisionäre haben den Berufswunsch geformt und bestärkt: Friseurin soll es sein. Ab 2020 wurden aus dem Schnupperpraktikum Blocktage: "Mir hat die Arbeit gleich gefallen, der Umgang mit Menschen und die Kreativität: Haare typgerecht gestalten, das richtige Handwerkszeug nutzen und den Kunden glücklich machen", erklärt Gärtner. Vier Tage die Woche konnte Gärtner sich auch bei Chefin Jutta Ressel beweisen. 

Unterstützung von Perspektiva

Geschäftsführerin Jutta Ressel Archivfoto: Carina Jirsch

"Ich wurde von der Kreishandwerkerschaft Fulda angesprochen, ob ich Interesse daran hätte, eine Fachpraktiker-Ausbildung zu ermöglichen. Natürlich ist man als Chefin erstmal skeptisch: Was ist, wenn Lea in die Lehre geht, aber Defizite im Lernen der Theorie Probleme bereiten? Wer stellt sicher, dass die Lerninhalte gut vermittelt werden, muss man als Arbeitgeber vielleicht selbst Vermittler zwischen Auszubildendem und Schule sein? Kognitive Defizite beim Lernen komplexer Inhalte sind im Berufsalltag kein Problem - das Durchhaltevermögen eventuell schon", erklärt Ressel.

Das Perspektiva-Geschäftsführer-Team: Jan Martin Schwarz und Silke Gabrowitsch ...

Hier kommt Perspektiva ins Spiel: Über die gemeinnützige GmbH aus Fulda konnten bisher Jugendliche eine Ausbildung absolvieren oder in Arbeit vermittelt werden, die zu schwach für den allgemeinen Arbeitsmarkt, aber zu stark für einen Arbeitsplatz in einer Werkstatt für behinderte Menschen sind. Durch die Förderung des Budgets für Ausbildung sowie das Perspektivprogramm "Geh(t) doch! Berufswege in den allgemeinen Arbeitsmarkt" in Kooperation mit dem Hessischen Sozialministerium können nun auch praxisstarke Jugendliche, die sonst in der Behindertenwerkstatt arbeiten würden, qualifiziert werden. "Es ist ein höherer Zeitaufwand zur Qualifizierung als bei unseren bisherigen Perspektiva-Jugendlichen nötig, teilweise eine direkte Betreuung im Betrieb und der Berufsschule. Die Defizite bei den förderfähigen Jugendlichen liegen vor allem bei komplexen kognitiven Fähigkeiten. Deswegen spielen Prüfungsvorbereitung und das Herunterbrechen von Lernaufgaben durch unsere Pädagog*innen eine wesentliche Rolle", erklärt Jan Martin Schwarz aus der Geschäftsführung der Perspektiva gGmbH.

Theoriereduzierter Ausbildungsrahmenplan

Kreishandwerksmeister Thorsten Krämer Archivfoto: Marius Auth

Für den theoriereduzierten Ausbildungsrahmenplan der Fachpraktiker sind die Handwerkskammern zuständig. Fachpraktiker beziehungsweise Fachpraktikerinnen gibt es inzwischen für Bürokommunikation, Hauswirtschaft, Metallbau, Holzverarbeitung und andere Bereiche. "Wir als Kreishandwerkerschaft Fulda freuen uns natürlich darüber, dass junge Menschen mit kognitiven Defiziten die Fachpraktiker-Ausbildung nicht mehr auf eigene Faust auf sich nehmen müssen, sondern durch staatliche finanzielle Unterstützung einen Partner wie Perspektiva für Assistenzleistungen in Anspruch nehmen können. Das ist ein kleiner Baustein zur Fachkräftegewinnung - und natürlich ein großer Schritt auf dem Weg ins selbstbestimmte Leben für junge Menschen", erklärt Kreishandwerksmeister Thorsten Krämer.

Von links: Lea Gärtner, Jutta Ressel, Jan Martin Schwarz, Silke Gabrowitsch, Thorsten ...

Ab nächstem Jahr wird die finanzielle Förderung erweitert, sodass auch Jugendliche, die bereits in einer Werkstatt für behinderte Menschen tätig sind, davon profitieren können. "Unternehmen können auf uns zukommen, wir kümmern uns um den Rest – vom Antrag bis zur Betreuung und zur Kommunikation im Betrieb, damit die Ausbildung reibungslos und unkompliziert ablaufen kann", erklärt Silke Gabrowitsch aus der Geschäftsführung der Perspektiva gGmbH. (mau) +++


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