Lilli Jahn 1918, kurz vor ihrem Abitur - Alle Fotos: Verlag Penguin

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (22)

Martin Doerry, Mein verwundetes Herz - "Vergangenheit, die nie vergeht"

18.07.21 - Am 10. Juni fand auf Einladung des Fuldaer Geschichtsvereins im ehemaligen Wohnhaus des Bezirksrabiners Dr. Cahn in Fulda eine Lesung in der Reihe "Unbekannte Nachbarn. Gespräche zum jüdischen Fulda" statt. Dr. Martin Doerry las aus Briefen seiner Großmutter Lilli Jahn – und es gab wohl niemanden, den diese Lesung nicht tief berührt hätte.

Lilli und ihr lieber, kleiner Amadé

Foto: Buchcover

Autor Martin Doerry ist der Enkel von Lili Jahn Foto: Monika Zucht, Spiegel)

Lilli und Ernst Jahn 1926, im Jahr ihrer Eheschließung

Brief Lillis an Ernst, aus dem Jahr 1925. In den Briefen nennt sie immer „Amadé“ ...

Martin Doerry bei seiner Lesung im ehemaligen Rabbinerhaus in Fulda Screenshot

Eine glückliche Familie: Die Jahns 1939 mit ihren Kindern Ilse, Eva, Johanna und Gerhard ...

Wir können Lilli Jahns Familie nur dankbar dafür sein, dass sie es uns ermöglicht, am Schicksal dieser Frau teilzuhaben. Martin Doerry beschreibt, welche schmerzlichen Diskussionen in der Familie der Veröffentlichung vorausgingen. Nach Jahrzehnten des Schweigens über die Grauen des Holocaust wurden alte Wunden aufgerissen. Aber Lillis Zeugnis ist notwendig, weil Fremdenhass und Antisemitismus noch lange nicht aus der Welt geschafft sind.

Lillis Geschichte ist die von allmählicher Ausgrenzung, zunehmender Schikane, Willkürherrschaft, Rassenideologie und Mord. Das Buch ist eine Sammlung von ca. 500 Briefen, vor allem zwischen Lilli Jahn und ihren Kindern, aber auch Briefe, die sie an Freunde schrieb. Dass diese Dokumente noch existieren, ist ein Wunder. Lilli Jahn konnte sie 1944, kurz vor der Deportation nach Auschwitz, noch aus dem Lager Breitenau schmuggeln.

Lilli wird in gutbürgerlichen jüdischen Verhältnissen in Köln groß. Kultur, Literatur und Bildung spielen eine große Rolle. Lilli studiert Medizin, und verliebt sich 1923 in ihren Kommilitonen Ernst Jahn. Es ist einigermaßen schwierig, aus heutiger Sicht nicht die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen ob dieses Manns. Wehleidig, innerlich zerrissen, dazu wenig entscheidungsfreudig und pessimistisch. Zudem hat er Probleme mit Lillis Vorstellung, auch als verheiratete Frau berufstätig sein zu wollen. Viel lieber hätte er sie ganz aufs Muttersein und die Haushaltsführung reduziert. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine gute Ehe. Aber Lilli lässt sich nicht entmutigen. Auch nicht, als Ernst zwischenzeitlich mit einer anderen Frau liiert ist und sich Sorgen wegen Lillis Judentum macht. Auch Lillis Eltern sind wenig begeistert vom Auserwählten ihrer Tochter. Die aber setzt sich durch, überhört und übersieht alle Warnzeichen. Dass Ernst Jahn kein Mann sein wird, auf den man sich in Krisenzeiten verlassen kann, deutet sich früh an.

Immenhausen – Jahre der Verfolgung

1926 heiraten die beiden. Entgegen Lillis Wünschen und Ratschlag hatte Ernst Jahn eine Praxis in der hessischen Kleinstadt Immenhausen übernommen. Der Ort hatte zwar Stadtrechte, war aber kaum mehr als ein Arbeiterdorf, nach der Weltwirtschaftskrise war die Not groß. Deshalb kamen wenige Patienten in die zunächst von beiden Jahns gemeinsam betriebene Praxis. Zu allem Überfluß wurde Lilli schnell schwanger, in rascher Folge kamen die ersten vier Kinder. Lilli praktizierte kaum noch, aber ihre kleine Familie macht Lilli glücklich.

Mit der Machtergreifung 1933 ändert sich alles. Erstmals gibt es einen Judenboykott, auch Ernst wird für seine Ehe mit einer Jüdin bestraft. "Wird es noch weitere Folgen für uns haben? Wir wagen gar nicht, weiterzudenken", schreibt Lilli im März 1933 an ihre Freunde Hanne und Leo Barth. Es hat weitere Folgen. Nur wenig später musste sie ihr Praxisschild abmontieren. Honoratioren des Ortes, die vorher bei den Jahns ein- und ausgingen, bleiben nun weg, die Familie ist in dem kleinen Ort isoliert. Dazu kommen die vielen Verbote, die Juden vom öffentlichen Leben ausschließen, "es fehlt uns jede Anregung und Abwechslung", schreibt Lilli im März 1935. Eine stetig wachsende Sorge ist die um das Schicksal ihrer Kinder, die nach den NS-Rassegesetzen als Halbjuden gelten. Natürlich denkt Lilli über Emigration nach. Das Bittere ist, sie hätte emigrieren können, aber Ernst verweigert sich, ein Neustart in England schien ihm zu mühsam, da seine Praxis in Immenhausen inzwischen gut lief.

Ernst Jahn mit Gerhard und Ilse vor dem Haus in Immenhausen. 1931 hängen noch beide ...

Gerhard und Ilse vor dem Haus im Immenhausen. 1936 war Lilli Jahns Praxisschild bereits ...

Lillis Schwester Elsa 1936 mit Gerhard, ihrem Patensohn

Die sog. „Kennkarte“ Lilli Jahns, mit dem roten „J“ und dem Namen „Lilli ...

Lillis Töchter Johanna, Ilse, Dorothea und Eva im Frühsommer 1944

Im Innersten einsam und verlassen

Spätestens seit der Reichspogromnacht 1938 muss beiden deutlich gewesen sein, dass sich die politische Lage nicht bessern würde. Juden wurden nun systematisch ausgegrenzt. 1939 zerbricht die Ehe der Jahns. Jahn verliebt sich in Rita Schmidt, eine junge Kollegin aus Göttingen, 1942 kommt ein gemeinsames Kind zur Welt. Für Karl Groß, den Bürgermeister des Ortes, ein weiterer Hinweis darauf, dass man die "Volljüdin Jahn" nun endlich deportieren solle.

Lilli musste jederzeit mit Übergriffen der NS-Bürokratie rechnen, die Ehe mit dem "Arier" Ernst schützte sie kaum. Der Druck auf das Ehepaar Jahn wurde immer größer. Ein anders gestrickter Mann hätte vielleicht standgehalten und um seine Ehe und für das Leben seiner Frau gekämpft, Ernst Jahn tat es nicht. Am 8. Oktober 1942 wurde die Ehe geschieden, Lilli wird das Sorgerecht für die Kinder zugeschrieben, und nur wenige Wochen später heiratet Ernst Rita. An Freundin Hanne Barth schreibt Lilli im März 1943, sie fühle sich "im Innersten grenzenlos einsam und verlassen, ich kämpfe einen schweren Kampf gegen Bitterkeit, Enttäuschung und um den Glauben an die Menschen." Äußerlich hat sich noch nichts geändert, sie wohnt weiter im gemeinsamen Haus, Ernst fährt allabendlich nach Kassel, wo Rita eine Wohnung hat. Diesen Zustand aber wollten die Nationalsozialisten nicht hinnehmen. Ernst wird zur Wehrmacht als "k.v.Heimat" eingezogen, im Juli 1943 muss Lilli Immenhausen verlassen und nach Kassel ziehen.

Denunziert und verhaftet

Schon im August 1943 wird sie verhaftet. Vermutlich hatten Bewohner des Hauses in der Motzstraße sie denunziert, denn in Ermanglung eines Türschildes hatte sie eine alte Visitenkarte an die Tür gesteckt, auf der sie als Dr. med. Lilli Jahn firmiert. Doppelter Fehler also, sie hätte als Jüdin ihren Namen mit Lilli Sara angeben und den Doktortitel streichen müssen. Am 3. September wird Lilli ins Arbeitserziehungslager Breitenau gebracht. Die fünf Kinder waren nun in der Wohnung allein auf sich gestellt.

In einem interessanten Dokument des damaligen Fuldaer Landrats und radikalen Antisemiten und Nationalsozialisten Otto Feuerborn bestätigt dieser der Lagerleitung in Breitenau, er habe schon mehrfach von Inhaftierten gehört, "dass sie lieber tot sein wollten als noch einmal nach Breitenau zu gehen" – das war als Kompliment an die Lagerleitung gemeint. Wir heutigen können uns also ausmalen, wie es im Lager zuging. Lilli selbst schreibt über die Zustände immer nur beschönigend an die Kinder, einmal wegen der Zensur, aber vor allem, um sie nicht noch weiter zu beunruhigen. Im Gegenteil, sie versucht, aus dem Lager heraus den Kindern bei der Organisation ihres Alltags zu helfen.

Im Oktober 1943 zerstören Bombenangriffe das Haus in der Motzstraße total. Die Kinder gehen zurück nach Immenhausen zum Vater. Schnell kommt es zu Spannungen mit Rita, die letztlich dazu führen, dass die Kinder im Haus ihren eigenen, getrennten Haushalt gründen. Die Hoffnungen darauf, Lilli möge bald entlassen werden, schwinden.

Helft, dass ich bald erlöst werde

Die ganze Familie hatte darauf vertraut, Ernst werde ein Gesuch bei der Gestapo einreichen und um Lillis Freilassung bitten. Aber, so Autor Doerry, das hätte in der Logik der Gestapo keinen Sinn ergeben. "Denn wo sollte Lilli in einem solchen Fall eigentlich hin? Man hatte sie doch schon einmal aus Immenhausen vertrieben und in Kassel einquartiert. Dort war nun alles zerstört. Und zurück in das Haus ihres ehemaligen Mannes hätte man sie nie ziehen lassen."

Da bis heute unklar ist, ob Ernst ein Gesuch eingereicht hat, mag die Erfolglosigkeit des Vorhabens mit seiner Feigheit ein wenig versöhnen. Mehr noch die Tatsache, dass Lilli über ihren Ex-Mann nie ein böses Wort verlor, eine Charakterstärke, vor der man sich nur verneigen kann.

Die Sterbeurkunde Lilli Jahns aus Auschwitz. Ausgestellt wurde sie am 28. September ...

Am 27. Februar schreibt Lilli den letzten Brief aus Breitenau an ihre Kinder. Am 17. März 1944 wird sie nach Auschwitz deportiert, sie ahnt, was sie dort erwartet. Im Juni 1944 erhalten die Kinder eine letzte Nachricht ihrer Mutter, die diese offenbar einer Leidensgenossin diktiert hatte. Lilli war wohl schon zu geschwächt, um noch selbst zu schreiben, nur die krakelige Unterschrift "Lilli o. Mutti" stammt von ihr. Wenig später wird Ernst Jahn über den Tod seiner Exfrau informiert.

In Deutschland, England und Israel leben heute 12 Enkel, 26 Urenkel und 29 Ururenkel Lilli Jahns. Sie sind Juden, Katholiken und Protestanten, sie alle verbindet die Erinnerung an Lillis "verwundetes Herz".

Stolperstein in der Lindenstraße 11 in Immenhausen. In diesem Haus praktizierte ... Creative Commons, Wikipedia

Transparenzhinweis: Die Headline dieses Textes ist ein Zitat aus dem Grußwort von OB a.D. Gerhard Möller anlässlich der Lesung Martin Doerrys in Fulda am 10. Juni.

Zur Veranstaltung des Fuldaer Geschichtsvereins mit Martin Doerry

https://osthessen-news.de/n11647362/das-leben-der-lilli-jahn-einblick-in-das-schicksal-einer-juedischen-familie.html


https://www.lokalo24.de/lokales/kassel/ein-verwundetes-herz-8058770.html

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Zum Weiterlesen

Anne Frank: Tagebuch
Viktor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagbücher 1933 bis 1945.
Ruth Klüger: Weiterleben – eine Jugend
Primo Levi: Ist das ein Mensch?
Primo Levi: Die Untergegangenen und die Geretteten
Primo Levi: So war Auschwitz. Zeugnisse 1945 bis 1986. (Jutta Hamberger)+++

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