Mutter Juliane Kaib schildert im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS ihre Erfahrungen in der Corona-Pandemie - Suria Reiche

FULDA Zwischen Homeschooling und anderen Sorgen

Mutter sein in der Pandemie – keine leichte Aufgabe!

18.07.21 - Homeschooling, Hausarbeit, der eigentliche Job und dann auch noch die Sorgen und Nöte, die diese und die vergangene Zeit mit sich bringen. Eins steht fest: Mütter haben gerade ein besonders schweres Los. Eine Mutter, die das mit der Öffentlichkeit teilen möchte, ist die 40-jährige Juliane Kaib. Wenn sie an die vergangenen Monate und daran, was diese mit ihr und ihren Kindern gemacht haben, denkt, fällt es ihr schwer, ruhig zu bleiben. Mit OSTHESSEN|NEWS hat sie darüber ausführlich gesprochen.

"Mama, ich weiß nicht, wo ich mich hinstellen darf." Ein Satz, den Juliane Kaibs Tochter vor kurzer Zeit beim Marktbesuch zu ihr gesagt hat und der ihr heute noch Gänsehaut beschert. Die Kinder hätten während der Pandemie eingetrichtert bekommen, dass sie eine Gefahr für andere Menschen darstellen. Da ist sich Juliane Kaib sicher. Vor allem dann, wenn ihre Tochter Angst davor hat, Oma und Opa zu nah zu kommen, weil diese dann krank werden könnten oder sterben. Oder wenn sie auf den Markt gehen und die Kleine völlig desorientiert zwischen den Menschen steht. Das, was die Jüngsten der Gesellschaft aus der Pandemie mitnehmen, seien oft seelische Probleme. "Man hat ihnen gesagt, dass soziale Kontakte gefährlich sind." Den eigentlichen Grund, der dahintersteckt, könnten die Kleinen noch gar nicht einordnen, beziehungsweise gar nicht reflektieren, was Abstand und Co. bedeuten.

"Wie soll ich meinen Kindern diese Widersprüche erklären?

Obendrauf kamen neben dem Homeschooling, das inzwischen wieder in einen "nahezu normalen Schulalltag" übergegangen ist, auch das kindgerechte Erklären der Maßnahmen, an die sich auch Grundschüler halten mussten und müssen. "Wie soll ein kleines Kind verstehen, dass es plötzlich überall, wo es hingeht, eine Maske tragen muss und am besten keinen Kontakt zu den Menschen haben darf, die es mag?" Den Sinn dahinter zu erklären, sei einfach nur schwer. Und das sagt eine Diplom-Sozialpädagogin, die selbst auch als Lehrkraft für eine Berufsfachschule arbeitet. "Wie geht es dann Eltern, die nicht gut aufgestellt sind?", fragt Kaib. Auch die Aufgaben, die von der Schule gestellt wurden, konnte in der Regel kein Kind allein bewerkstelligen, sagt sie. "Und was machen Mütter mit drei schulpflichtigen Kindern? Die haben ja nicht automatisch auch drei Endgeräte, auf denen die Kinder ihre Aufgaben erledigen können."

Dass von alledem, was die Kleinen in dieser schwierigen Zeit lernen mussten, bei den meisten nicht allzu viel hängengeblieben sei, sei inzwischen erwiesen. "Aber die Lehrer in der Schule haben dennoch zum Präsenzunterricht einfach weitergemacht, planmäßige Arbeiten geschrieben und vorausgesetzt, dass die Schüler sich alles selbst beigebracht haben." Und genau hier setzt Juliane Kaibs Unverständnis ein. Denn so schlimm die Zeit unter Maßnahmen, Social Distancing und Co. auch war: "Dass in der Schule jetzt einfach so weitergemacht wird, kann ich nicht nachvollziehen. Ich würde mir wünschen, dass dieses Jahr in der schulischen Laufbahn nicht zählt und die Kinder sich erst einmal wieder einleben können. Auch die Lehrer selbst haben ja gar keine Grundlagen dafür bekommen, wie sie sich jetzt am besten verhalten und wie sie mit der Situation umgehen sollten."

Kaib fragt sich, worauf eigentlich der Fokus gerade liegt: "Es kann doch nicht immer nur um Leistung gehen." Vor allem nicht in einer Zeit wie dieser. "Den Jugendlichen wurde immerhin ein Teil ihrer Jugend weggenommen und nun werden sie nicht mal an der Stelle abgeholt, an der sie alleingelassen wurden." Man könne doch nicht einfach nur Normalität spielen.

"Erwachsene können auf soziale Kontakte verzichten - Kinder nicht!"

Doch Jugendlichen und Kindern würde das schwerfallen. "Ich habe versucht, meinen Kindern das alles zu erklären. Und zumindest mein Großer ist so weit, dass er reflektieren und das alles ansatzweise verstehen kann." Doch dann kam Anfang des Jahres das, was Kaib und ihren Lebensgefährten an allem hat zweifeln lassen. Ihr ältester Sohn, 15 Jahre alt, stand am Busbahnhof und wollte seiner Mutter eine Sprachnachricht schicken. "Dafür hat er zwölf Sekunden lang seine Maske runtergenommen. Ein Stadtpolizist sah das und er musste sofort seine Daten abgeben." Das Resultat: Eine saftige Geldstrafe kam ins Haus geflattert. Kaib schüttelt mit dem Kopf, wenn sie erzählt, dass neben ihrem Sohn zum gleichen Zeitpunkt ein Mann gestanden habe, der seine Maske abgenommen hatte, um zu rauchen. "Der wurde nicht belangt. Da soll ich dann die Sinnhaftigkeit erklären." Kaib sagt, dass ihr Sohn bis zu diesem Zeitpunkt die Polizei als gesellschaftlich wichtiges Organ angesehen hat. "Tja, und jetzt sagt er: ‚Bullen sind scheiße‘."  Auch für sie selbst habe das Vertrauen in die Polizei gelitten.

Und gelitten haben eben auch die Kleinsten der Gesellschaft unter der Zeit, in der Masken und Abstand zum Alltag gehört haben. Juliane Kaib, die sich inzwischen in Rage geredet hat, spricht nun auch von den fehlenden Lüftungsanlagen in den Klassenräumen und den vielen fehlenden Antworten. "Warum denkt niemand an die Psyche unserer Kinder, die für die Gesundheit der Menschen ausschlaggebend ist?"

"Im April gab es einen Punkt, an dem ich nicht mehr konnte"

Und das, obwohl Kaib selbst nie im Home-Office gewesen ist und damit nicht zu den Eltern zählt, die laut einer Studie der Techniker Krankenkasse besonders im Home-Office gestresst sind. Eine weitere Studie der Bertelsmann Stiftung sagt, dass es rund der Hälfte aller Frauen schwerer als sonst gefallen sei, Beruf und Familie zu vereinbaren. Die Mehrbelastung war und ist vor allem bei Frauen enorm. Zumal es keine Pausen gibt. Denn während die Arbeit gemacht werden muss, rufen auch Haushalt und Kinderbetreuung laut. Und diesmal alle gleichzeitig!

Aber dann müsste doch jetzt, wo zumindest der Schulunterricht wieder langsam normale Züge annimmt, auch alles andere wieder halbwegs gut werden, oder?  So einfach stellt sich Kaib das nicht vor. Denn die Psyche der Kinder habe gelitten. "Sie sind immer wieder verunsichert, wissen nicht, was richtig und was falsch ist. Und im Unterricht sollen sie auf Knopfdruck wieder funktionieren." Sie wünscht sich das bei zukünftigen Entscheidungen die vielen männlichen Verantwortlichen auch Mütter und Frauen überhaupt mehr einbeziehen. Getreu dem Sprichwort: Wer nur mit einem Auge schaut, sieht nur die Hälfte. (Suria Reiche) +++


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