Maja Göpel: Unsere Welt neu denken - Eine Einladung - Foto: Ullstein Verlag

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (24)

Maja Göpel "Die Erde neu denken" - Bringt eure Box zum Wackeln!

15.08.21 - Der Weltklimarat hat dieser Tage seinen Klima-Bericht vorgelegt und konstatiert in aller Deutlichkeit: Menschen sind verantwortlich. Die Aussagen vorangegangener Reports wurden nachgeschärft. In Griechenland und der Türkei brennen die Wälder, in Deutschland verschwinden Täler und Orte in Wassermassen. Apocalypse now?

Ihr habt uns vergessen!

Die Fernsehbilder aus Griechenland und der Türkei sind erschütternd. Wälder brennen, auf riesengroßen Flächen. Außer Kontrolle schreibt sich so leicht, aber was bedeutet das für die Menschen, die in diesem Inferno leben, die fliehen müssen, die verzweifelt versuchen, Hilfe zu leisten? Letztes Jahr verbrannten in Australien mehr als 12 Mio. Hektar Wald. Die Bilder danach wirkten wie aus einer Dystopie made in Hollywood. Furchtbarer Nebeneffekt: Australien erwärmt sich stärker als der Durchschnitt der Erde. In Brasilien wurden im letzten Jahr 12 Mio. Hektar Tropenwald vernichtet. Also einmal ganz Österreich und Belgien – einfach weg. Und es waren 12,2 Prozent mehr als im Jahr davor.

Earthrise – das berühmteste Umweltfoto überhaupt. „Mann, ist das schön!“, ...Foto: Wikipedia

Der Ausstoß von CO² hängt in hohem Maße vom Einkommen ab. © Umwelt-Bundesamt

Sehr frisch sind auch noch die Hochwasserbilder aus Deutschland. Und immer wieder ertönt der Ruf: Ihr habt uns vergessen, ihr macht euer Ding, wir sind euch egal. Nur – das alles kann uns nicht egal sein. Warum geschieht dann so wenig? Das ist auch Maja Göpels Einstiegsfrage. Wir wissen doch, was Sache ist, warum zur Hölle nur tun wir nichts oder zu wenig oder das Falsche?

Es gibt vermutlich keinen Menschen auf der Welt, von blutrünstigen Diktatoren einmal abgesehen, der sich nicht Frieden, die Überwindung der Armut und eine schöne, sichere Umwelt wünscht. Was hält uns davon ab, mit aller Kraft für genau dieses Ziel zu kämpfen? Bitte schauen Sie sich das berühmteste und vielleicht auch wirkmächtigste Umweltfoto aller Zeiten einmal an, bitte mit der Andacht und Bewunderung wie damals die Astronauten der Apollo 8. "Earthrise" – unser einzigartiger blauer Planet. Wir haben nur den einen. Und der ist kostbar.

Schaukämpfe und Intrigantentum

Stattdessen erleben wir in Deutschland gerade lauter Schaukämpfe. Nein, mir als Bücherfrau ist es absolut NICHT egal, ob Autoren korrekt mit ihren Quellen umgehen. Ich bin ein Fan des Urheberrechts. Verstöße muss man kritisieren, und als Betroffene/r dann beheben, dann ist aber auch gut.

Globale Umwelt-Inanspruchnahme durch den deutschen Konsum. Die Verbraucher leben ...© Umwelt-Bundesamt

Erde leer. Und wo ist jetzt bitte die nächste? ©Germanwatch

Ja, ich weiß, wenn Kameras im Wahlkampf quasi rund um die Uhr auf einen gerichtet sind, sieht man auch mal dämlich aus oder kann sich mal in der Geografie irren. Tatsächlich blutdrucksteigernd aber ist es, wie nun von einigen ganz offenbar ein Dreckschleuder-Wahlkampf eröffnet wurde. Da werden Aussagen verfälscht, in missverständliche Kontexte gestellt oder schlicht auch einfach erfunden. Das trifft nur scheinbar den politischen Gegner. Es legt die Axt an das Demokratieverständnis einer Nation, es unterhöhlt das Vertrauen in demokratische Institutionen, es führt zu Politikverdruss.

Sorry, wir haben ganz andere Probleme. In der EU sind über 90 Prozent der Bürger:innen der Überzeugung, die Klimakrise sei ein Riesenproblem und wollen, dass ihre Regierungen das endlich anpacken. Gleichzeitig will die Mehrheit der Bevölkerung persönlich keinen Beitrag dazu leisten. Man braucht kein Universitätsdiplom, um zu erkennen, dass diese Rechnung nicht aufgehen kann. Es ist aber auch klar, warum viele Menschen ihren eigenen Anteil an der Krise nicht sehen wollen – wir bekommen es ja von oben so vorgelebt. Mein Eindruck ist aber, die Erkenntnis reift, dass Klima auch etwas mit einem selbst zu tun hat. Es ist Sache verantwortungsvoller Politik, das aufzugreifen.

Wir sind Schuldner der Erde

Prof. Dr. Maja Göpel, geboren 1976, arbeitet als Politökonomin und Nachhaltigkeitswissen-schaftlerin ...Foto:© Kai Müller

Mauna Loa Observatorium auf Hawai. Seit 1958 misst es den Anteil von Kohledioxid in ...Foto: © wikipedia

Am 29. Juli erst war der sogenannte "Earth Overshoot Day", der Tag, an dem wir zum Schuldner der Erde wurden. Das funktioniert genauso wie mit einem Bankkonto – entweder ist was drauf, oder man ist im Minus. Will man messen, wie wir Menschen uns auf dem Planeten niederschlagen, nimmt man dafür die Kenngröße des ökologischen Fußabdrucks. Der bezieht mit ein, wie viel Natur wir verbrauchen – für Nahrung, Energie, Verkehr und Konsum. Er vergleicht diesen Wert mit der Fläche, die die Natur zur Verfügung hat, um unseren Konsum wieder auszugleichen. Das funktioniert wie bei einem Bankkonto.

Vor 50 Jahren, zu Zeiten der Apollo-Mission, lag der ökologische Fußabdruck noch im Rahmen dessen, was die Erde hergibt. Seit den 1970er Jahren aber liegt dieser Wert ständig darüber. Jahr für Jahr wandert der Erdüberlastungstag weiter nach vorn. Wir leben über die Verhältnisse der Erde.

Ja, wenn wir das gewusst hätten!

Ein altbekannter Klageruf. Dumm nur, dass wir seit ungefähr 50 Jahren alles wissen! 1972 nämlich entwickelten Wissenschaftler am MIT (Massachusetts Institute of Technology, Boston) erstmals Computer-Simulationen und berechneten, wie die Zukunft der Menschen aussehen würde. Ihre Studie "Die Grenzen des Wachstums" schlug ein wie eine Bombe: Wenn wir ungebremst so weitermachen wie bisher, bricht die menschliche Zivilisation in absehbarer Zeit zusammen.

Die auf Mauna Loa gemessene Keeling-Kurve zeigt den CO²-Gehalt der Luft. Unschwer ...

Ablesbar ist das übrigens auch an der sogenannten Keeling-Kurve.  Die wird seit 1958 auf Mauna Loa/Hawai erhoben und misst den Gehalt von CO² in der Atmosphäre. Und: Sie steigt kontinuierlich an. Übrigens gilt dieser traurige Befund für alle Umweltmessungen: Rohstoff-Extraktion, Abholzen der Wälder, Plastikmüll, Verlust der Artenvielfalt.

Die Messgrößen, an die wir uns gewöhnt haben, vergrößern das Problem eher. Das BIP etwa umfasst den Gesamtwert alle Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres in einem Land hergestellt und angeboten werden. Wohlstand und Wachstum werden anhand des BIP gemessen. In seinen Grundzügen geht das BIP bis ins 17. Jahrhundert zurück, als der Engländer William Petty erstmals maß, was die Bürgerschaft so erwirtschaftet. In seiner jetzigen Form entstand es Mitte des letzten Jahrhunderts, und Kritik an dieser Kenngröße gab es quasi sofort. Die Welt hat sich in den letzten 100 Jahren dramatisch verändert.

Schöner als Robert Kennedy kann man es nicht sagen. ©Moment.at

Wichtige Parameter sind im BIP nicht enthalten. Etwa die (meist kostenlosen) Familienleistungen (Erziehung, Pflege etc.), die vor allem Frauen erbringen. Auch die Natur und die in ihr angerichteten Schäden tauchen in keiner ökonomischen Bilanz auf. Es gilt daher weiterhin der Satz Robert Kennedys von 1968: "Das BIP misst alles außer dem, was das Leben lebenswert macht."

Warum Fortschritt auch ein Bumerang ist

Fortschritt, neue Technologie – super, machen wir! Unser Leben wird doch besser dadurch, oder? Mit der Glühbirne kam mehr Licht in die Welt und wir wurden unabhängig vom Tag-Nacht-Rhythmus. Andererseits stieg der Energieverbrauch. Was früher Luxus war, gilt heute als Standard (fließend warmes Wasser und Strom. Waschmaschinen. Erdbeeren im Winter). Wir heizen zwar insgesamt energieeffizienter, leben aber in größeren Räumen und verbrauchen so mehr. Elektrogeräte sparen Strom, halten aber nicht mehr so lange. Oder so: Alles hat einen Preis, auch wenn wir den nicht sofort sehen. Die Wissenschaft spricht vom Rebound-Effekt – die Einsparungen an einer Stelle werden an einer anderen wieder aufgefressen.

Lieben Sie ihre Kinder, ihre Enkel? Ich nehme Ihnen Ihr JA auf diese Frage ohne Wenn und Aber ab. Und frage doch zurück: Wenn Sie diese Liebe empfinden, warum wollen Sie der nächsten und übernächsten Generation die Probleme aufhalsen, die unsere verursacht hat? Wenn wir die Verantwortung nicht tragen, verlagern wir die Lasten in die Zukunft. Übrigens nicht nur auf unsere Nachfahren, sondern auch auf Menschen in ärmeren Gegenden der Erde, die sich nicht wehren können. Es ist halt teuflisch einfach, Ursache und Wirkung zu entkoppeln. Die Wissenschaft nennt das Externalisierung – Verlagerung von Problemen. Wir genießen, andere leiden – und wir merken es nicht mal.

Aus der Zukunft für heute denken

John Rawls und der Schleier des Nichtwissens. Hier denkt man aus der Zukunft, und zwar ...

Verzweifelt? Dazu besteht kein Grund. Es gilt der Satz vom Anfang: Was Menschen gemacht haben, können sie auch wieder ändern. Und damit kann jede:r bei sich selbst anfangen. Maja Göpel lädt dazu ein, die Bilder und Vorstellungen im eigenen Kopf zu hinterfragen: Das Bild der Erde und der Natur, das Menschenbild, die Vorstellungen von Fortschritt und Technik. John Rawls spricht davon, sich in den "Schleier des Nichtwissens" zu begeben, wenn man über die Zukunft nachdenkt, Maja Göpel nennt es "die Box zum Wackeln bringen". Probieren Sie es doch einfach mal aus. Und suchen Sie sich Verbündete, wenn bei Ihnen dann Box und Wände wackeln.

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Zum Weiterlesen, -schauen und -hören

Den eigenen ökologischen Fußabdruck berechnen:

https://www.fussabdruck.de/ und http://www.footprintcalculator.org/

Ressourcen-Rechner – wollen Sie wissen, was Sie verbrauchen? Zehn Minuten, und Sie haben Ihren Ist-Zustand, incl. Ideen, was Sie verändern könnten. https://www.ressourcen-rechner.de/

Arnold Schwarzeneggers Key Note Speech auf dem Austrian World Summit 2021: https://www.youtube.com/watch?v=N0GkE7iMXhk&t=365s

Website der Autorin: https://www.maja-goepel.de/
(Jutta Hamberger)+++

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