"In diesen 77 Tagen rief der scheidende Präsident die Mächte des Chaos herbei und wiegelte sie auf." - Foto: Rowohlt Verlag

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (25)

Michael Wolff: "77 Tage - Amerika am Abgrund" - Trump ist immer noch da

29.08.21 - Wissen Sie noch, wo Sie am 6. Januar 2021 waren? Vermutlich ja, denn die Bilder dieses Tages haben sich uns allen nachdrücklich eingeprägt. In den USA sollten an diesem Tag die Wahlergebnisse verlesen werden, ein rein institutioneller Akt. Anschließend sollte der Vizepräsident Biden offiziell zum nächsten Präsidenten der USA ausrufen.

Der Abgrund öffnet sich

All das geschah letztlich auch, davor aber wurde das Land von einem gewissenlosen Präsidenten und ebenso gewissenlosen republikanischen Parteikollegen schier ins Verderben gerissen. Wolff nennt es einen zerstörerischen Nachmittag – und schreibt über die 77 Tage bis zur Inauguration Bidens: "In diesen 77 Tagen rief der scheidende Präsident die Mächte des Chaos herbei und wiegelte sie auf. Dabei nutzte er die Macht, die ihm seine treuen Parteianhänger verliehen, indem sie ihn für nahezu unfehlbar erklärten, zu einem letzten, die Regeln verletzenden Akt einer Präsidentschaft, die auf dem Leugnen der Realität beruhte".

Autor Michel Wolff Foto: © Jen Harris

Wolff, der in drei Jahren drei Bücher über Donald Trump schrieb, ist einer der großen Chronisten Washingtons, und natürlich auch dieser Amtszeit. Er kennt die Akteure aus der Nähe, Trump eingeschlossen, mit dem er mehrmals sprach. Für ihn ist die Geschichte dieses Präsidenten nicht nur die eines fürs höchste Amt der Welt in jeder Beziehung völlig ungeeigneten Mannes. Gerade in den letzten Zuckungen der Amtszeit sei es eine "politische und menschliche Geschichte von Verblendung und Verzweiflung" gewesen. Was bleibt übrig? Ein Kaiser ohne Kleider, ein Stümper, der nichts richtig machen kann – und den dennoch fast 50 Prozent der Menschen in den USA weiterhin als "ihren" Präsidenten sehen, ihm unbeirrt zugetan.

Trumps Club Mar-a-Lago in West Palm Beach, Florida. © New York Daily News Archive /Getty Images

Die Wege fast aller Republikaner führen heute nach Mar-a-Lago, wo Trump einem König im Exil gleich residiert. Eine Umfrage im Mai 2021 ergab, dass 67 Prozent der republikanischen Wähler glauben, Joe Biden hätte die Präsidenten-Wahl nicht rechtmäßig gewonnen. Wieder und wieder behauptet Trump, die Präsidentenwahl sei die korrupteste Wahl gewesen, die je stattgefunden habe. Beweise dafür hat er keine – und gibt es auch keine. 50 von 50 US-Staaten haben die Wahl bestätigt, unzählige Nachzählungen wurden – ergebnislos – veranstaltet, unzählige Klagen vor diversen Gerichten mangels Beweisen abgewiesen. Aber Trump behauptet es weiter, auch wenn alles erfunden ist. Michael Wolff ist der Überzeugung, Trump glaube, was er sage. "Bei Trump geht es immer nur um – Trump. Er hatte wirklich keine politischen Ziele oder klaren Absichten", so Wolff.

Trump im Parallel-Universum

Unterstützer von US-Präsident Trump stehen vor Polizeibeamten vor der Senatskammer ...© Manuel Balce Ceneta, dpa

Wehende Fahnen, wilde Kostüme und lautes Gebaren – Trump Unterstützerinnen und ...© Getty Images / The Washington Post / Evelyn Hockstein

Jake Angeli im US-Kapitol, das bekannteste Gesicht dieses Tages. Der Mann aus Arizona ...© Mike Theiler/Reuters

Nach der Niederlage am 3. November 2020 versank das ohnehin dysfunktionale Weiße Haus vollends im Chaos. Irgendwann nachts, gegen 22 Uhr Ortszeit, erklärte Trump sich zum Wahlsieger. Das war er weder zu diesem noch zu einem anderen Zeitpunkt. In dieser Nacht entstand die Legende, dass alle weiteren Stimmen, die danach an Joe Biden gingen, aus einer großen Verschwörung der Medien und der Demokraten stammen und ihm die Wahl "gestohlen" worden sei.

Hat Trump für diese Sicht Verbündete? Nicht in seiner Familie, nicht bei seinen eigenen Mitarbeitern. Aber auch sie können ihn von dieser Version nicht abbringen. Wolff konstatiert, man könne Trump nur bei Dingen beeinflussen, die ihm nicht wichtig seien, sonst nicht. Die gestohlene Wahl aber sei ein Herzensanliegen Trumps.

„Kämpft! Wir gehen zum Kongress“: Donald Trump bei seiner Rede vor dem Sturm auf ...© Evan Vucci/AP/dpa

Nur ein "besorgter Bürger"? Anhänger des noch amtierenden US-Präsidenten Donald ...© Miguel Juarez Lugo/Imago Images

Donald Trump, ehemaliger Präsident der USA, spricht im Trump National Golf Club. ... © Keystone/AP/Seth Wenig

Viele Mitarbeiter verlassen das Weiße Haus nach der Wahl fluchtartig und stellen schnell fest, dass vier Jahre bei Trump nicht gerade eine Empfehlung bei zukünftigen Arbeitgebern sind, den Fernsehsender Fox einmal ausgenommen. Einzig Rudy Giuliani steht fest an seiner Seite. Die Absurdität der Situation beleuchtet nichts schöner als die legendäre Pressekonferenz vor dem Four Seasons Gartencenter im November 2020. Eigentlich hatte man ins noble Four Seasons Hotel in Philadelphia gewollt, war aber irgendwie auf diesem Parkplatz an der Peripherie der Stadt gelandet. Auf den Bildern sehen wir, wie Rudy fuchtelnd vor dem Mikrofon steht und wie ihm die Haarfarbe in Bächen die Wangen herunterrinnt. Lächerlich. Gruselig.

“We will never concede,” President Trump said at a rally on Wednesday. ...© Pete Marovich for The New York Times

Harte Landung. Trump nach der Rückkehr vom völlig verunglückten Wahlkampfauftritt ...© Patrick Semansky/AP/dpa

Rudy Giuliani, Anwalt des Präsidenten, bei seiner Pressekonferenz am 19. November ...© Tom Williams/Getty Images

Am schönsten ist der Tweet von TV-Autor Zach Bornstein dazu: "Ich könnte noch 800 Jahre lang Witze schreiben und mir nichts Witzigeres ausdenken als Trump, der das Four Seasons für seine GROSSE Pressekonferenz bucht und auf dem Parkplatz vor dem Four Seasons Total Landscaping, einem Sexshop und einem Krematorium landet". Kollege David Simon kommentierte: "Ein Ausklang nach Art unfähiger Trumpisten." 

Noch während der Pressekonferenz veröffentlicht AP das Ergebnis der Wahl in Pennsylvania und damit den Ausgang der Wahl im ganzen Land: Biden ist der Sieger. Und nein, das ist nicht "ridiculous!", wie Giuliani meint, als man ihm das Ergebnis mitteilt. Lächerlich ist das, was Trump und er die nächsten Tage und Wochen veranstalten.

Ein Loser, der das Verlieren nie gelernt hat

Die „große“ Pressekonferenz auf dem Parkplatz am Ende der Stadt. © Chris McGrath/Getty Imanges

Jared und Ivanka © imago images/Xinhua, Liu Jie

Das überforderte Schulmädchen. Ivanka Trump in Osaka im Kreis der Mächtigen. ...© AFP

US-Präsident Donald Trump und seine Tochter Ivanka Trump im Weißen Haus in Washington. ... © Yuri Gripas / ABACA / Picture Alliance

Eine Fliege als Social Media Star – während des TV-Duells zwischen Kamala Harris ...© dpa

US-Präsident Donald Trump hat guten Grund, den Verlust seines Amtes zu fürchten. ...© Getty Images

Melania und Donald Trump vor dem Weißen Haus auf dem Weg zum Helikopter. ...© MANDEL NGAN / AFP

Ivanka Trump – verstummt seit dem 19. Januar 2021. © Getty Images.

Barack Obama 2008, 2012 und 2016. Man sieht es, das ist ein Mann, der seinem Amt Tribut ...© Saul Loeb, AFP/Getty Images

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

Wolff erzählt detailreich und packend, was sich in den Tagen bis zur Inauguration Bidens am 20. Januar 2021 abspielt. Dass Trump mit dem Enthüllungsjournalisten überhaupt sprach, der ja schon zwei nicht eben schmeichelhafte Bücher über ihn geschrieben hatte, wirft ein bezeichnendes Licht auf seine Egomanie.

Wolff traf Trump in Mar-a-Lago, wo er Politik im Stil eines Potentaten macht. Er beschreibt Trump als amtsunfähig. "Es ist gefährlich, weil er wahnsinnig ist, in einer ganz anderen Realität lebt und es dennoch schafft, einen guten Teil des Landes mit sich zu ziehen." Das dürfte eine Hypothek sein, die nicht nur auf der Präsidentschaft Bidens ruht, sondern auf dem gesamten Land.

Vielleicht geht es Ihnen wie mir, und Sie haben schon das ein oder andere Buch über Trump gelesen. Ich garantiere Ihnen, mit "77 Tagen" stoßen Sie in neue Sphären des Wahnsinns vor. Mir sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen, als ich die Passagen las, wie verzweifelt Trumps Mitarbeiter versuchten, ihrem Chef die Wahlniederlage schön zu reden. Wie sie von seinen Unterstützern faseln – da wird sogar Angela Merkel zum "big fan".

Nachgerade irrwitzig ist es, wenn man miterlebt, wie die engste Familie quasi abtaucht. Oder haben Sie seit Beginn dieses Jahres von Jared und Ivanka irgendwas gehört? Beide brachten sich aus der Schußlinie und gingen nach Florida, wo sie in gehöriger (sicherer?) Entfernung zu Mar-a-Lago leben. Nach New York zurück konnten die beiden nicht mehr, man hatte ihnen wohl sehr deutlich zu verstehen gegeben, wie unwillkommen sie seien. Und am 6. Januar war Jared sicherheitshalber erst gar nicht in den USA.

Nur einmal in vier Jahren zeigt Pence Rückgrat

Fast schon psychologische Qualitäten hat das Porträt von Vizerpräsident Mike Pence. Der hat sich vier Jahre durch die Trump-Präsidentschaft gebuckelt und es dabei geschafft, dass ihm nicht einmal die Züge entgleisten. Nicht nur Michael Wolff hält das für eine Leistung. Mein persönliches Lieblingsbild dafür stammt aus dem zweiten TV-Duell vom 7. Oktober 2020 zwischen Kamala Harris und Pence, als eine Fliege minutenlang Pence weißes Haupt als Ruheplatz nutzte – und zum Star der Veranstaltung wurde.

Aber einmal, einmal stellte er sein Land dann doch über seinen Präsidenten, eben an jenem 6. Januar 2021. Er erfüllte die Pflicht, die ihm die Verfassung aufgab. Was wird er wohl gedacht haben, als er die Morddrohungen gegen sich hörte und in Sicherheit gebracht werden musste? Er schwieg weiter. Und er vertrat die Vorgänger-Regierung bei der Inauguration Joe Bidens, bei der Trump nicht erwünscht war. Man darf vermuten, er schwieg vor allem deshalb, weil er sich für 2024 in Position bringen will.

Nach jedem Maßstab erstaunlich

Auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews wird Trump am 20. Januar verabschiedet. Nur wenige Getreue sind gekommen und hören seine letzte Ansprache. Trump rattert nochmals die Liste seiner Errungenschaften runter, mischt die alten Anschuldigungen drunter und endet mit den Worten: "Wir lieben euch. Wir werden wiederkommen, in irgendeiner Form. Habt ein gutes Leben. Bald sehen wir uns wieder."

Nur Nixon musste wie Trump das Amt in Schimpf und Schande verlassen. Aber, so Wolff, es gibt einen ganz entscheidenden Unterschied: Nixon war ein gedemütigter Mann. "Der Trump aber, den man aus dem Amt vertrieben hatte, war derselbe Trump, der ins Weiße Haus gekommen war. In dieser langen Geschichte hatte es keinen transformierenden Moment gegeben. (…) Trump lernte nicht, er entwickelte sich nicht, er änderte sich nicht."

Wird Trump 2024 wieder antreten? Davon geht Michael Wolff aus. Und auch davon, dass es dann nicht besser, sondern eher noch schrecklicher wird. Denn: "In seinem Umfeld gibt es keine vertrauenswürdigen Experten, keine echten Berater, wenigstens nicht in dem Sinn von Menschen, an die er sich wenden könnte, die sich vielleicht besser auskennen als er. Es sind keine Studien in Arbeit. (…) Seine erlesene Lobby-Truppe besteht aus zahlreichen der Opportunisten, Freiberufler und undurchsichtigen Gestalten."

Bleiben wir also wachsam, denn Meinungsforscher Tony Fabrizio hat wohl leider recht: "Mr. President, ihre Wähler glauben alles, wenn Sie ihnen sagen, dass sie es glauben sollen."

Zum Weiterlesen, -schauen und -hören

https://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/77-Tage-Amerika-am-Abgrund-Das-Ende-von-Trumps-Amtszeit-von-Michael-Wolff,amerikaamabgrund100.html

https://www.swr.de/swr2/literatur/trumps-letzte-tage-im-weissen-haus-77-tage-amerika-am-abgrund-das-buch-von-michael-wolff-100.html

https://www.spiegel.de/ausland/buch-landslide-donald-trumps-war-waehrend-des-sturms-auf-das-kapitol-verwirrt-a-c9c85486-2a3c-4d1b-8ec0-48e3d0a15383

https://www.welt.de/kultur/plus232163069/Michael-Wolff-Sturm-aufs-Kapitol-Der-laengste-Tag-des-Donald-Trump.html

https://www.faz.net/aktuell/politik/von-trump-zu-biden/fliege-auf-pence-kopf-sorgt-fuer-belustigung-16991955.html
(Jutta Hamberger) +++

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