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FULDA Was wir lesen, was wir schauen (26)

Kaleyta: Geschichte eines einfachen Mannes - Der Erwählte, der sich ständig irrte

06.09.21 - Am 8. September wird Timon Kaleyta den Literaturpreis der Stadt Fulda erhalten. Beim Lesen seines Romans kam mir sofort Gryphius in den Sinn, vor allem das Sonnett "Es ist alles eitel" von 1643: "Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden." Die barocke Überzeugung war, des Menschen Leben werde keine Wendung zum Besseren nehmen, solange er sich für die Krone der Schöpfung halte. Solange bleibe er "Schatten, Staub und Wind". An diesen Erkenntnispunkt gelangt man durch viele Irrungen und Wirrungen.
 
Ein deutscher Schelmenroman

Autor Timon Karl Kaleyta © Christian Werner

Don Quichotte – einer der Urväter aller Schelmenromane. © Pixabay

Foto: © Briefeguru

An genau diesem Faden können Sie Kaleytas Helden durch dessen Leben folgen. Man kann den Roman auf ganz unterschiedlichen Ebenen lesen. Das ist ein Roman der 00er-Jahre, ein Anti-Entwicklungsroman, und natürlich ein Schelmenroman. Mit allen Ebenen spielt Kaleyta gekonnt, und so ist der "Einfache Mann" – ich nehme das gleich mal vorweg – eine höchst unterhaltsame Lektüre.

Ich habe eine tiefe Zuneigung zu Humor und Komik in der Literatur. Und ich liebe Schelmenromane. Dessen Helden faszinieren durch ihre Vielschichtigkeit. Sie sind Lebenskünstler, Betrüger, Schauspieler und Möchtegerns. Sie sind Außenseiter, sie lavieren am Rande des Gesetzlichen, sind im Dauerkonflikt mit der Obrigkeit, balancieren über Abgründe. Sie sind moralisch eher in der Grauzone angesiedelt, nicht richtig schlecht, nicht überzeugend gut. Aber sie sind extrem unterhaltend.

Schelmenromane sind leichtfüßig, nicht schwergängig. Das heißt aber nicht, dass sie im Lachen und Schmunzeln nicht tiefgründige Fragen aufwerfen. Doch sie überlassen es uns, damit umzugehen. Moralisiert wird nicht. Das will etwas heißen in einer Zeit, die unglaublich gern wertet, bewertet, abwertet – und mit Moralkeulen schnell bei der Hand ist. Für Empörungswellen reicht es heute ja schon, bestimmte Worte zu verwenden. Insofern gebührt dem Autor schon dafür ein großes Danke, dass er uns mit seinem Roman nicht belehren, sondern unterhalten möchte. "Ein Buch mit einem Lächeln – und vielleicht einer Träne" (nach Chaplin).

Fast ein Glückskind

Timon Kaleyta erzählt die Geschichte eines Helden, gefangen im "fast" – fast der beste Abiturient des Jahrgangs. Fast der beste Geisteswissenschaftler. Fast die große Musikerkarriere. Fast die Karriere an der Hochschule. Fast die große Liebe. Fast das gelungene Leben im Ausland. Fast die reiche Frau.

Dieses "fast" rührt aus der unerschütterlichen Überzeugung des Helden, erwählt und besonders zu sein. Das ist der Grund, warum er sich zu keinem Zeitpunkt seines Lebens Gedanken über den nächsten Schritt macht, sondern davon ausgeht, ihm als Glückskind werde schon alles zufallen. Und es ist auch der Grund, warum ihn ehrliche Arbeit abstößt, das ist nichts für ihn. Und ja, er ist auch nur fast ein Hans im Glück, die Irrungen und Wirrungen seines Lebens zeigen deutlich, dass er genau das nicht ist, sondern immer wieder von jemandem rausgehauen werden muss. Ironischerweise – aus Sicht von uns Leser:innen – müssen immer wieder die Menschen ran, die der Held für ihr Leben und ihre Entscheidungen eigentlich verachtet. Zum Retten aber sind seine Eltern sowie die Freunde Vincent und Sebastian gut genug.

Der gar nicht so einfache Mann

Heinz Rühmann als Hauptmann von Köpenick – die Köpenickiade ist auch ein Schelmenroman. ...© Screenshot Film

Heinz Rühmann als braver Soldat Schwejk © Screenshot Film

Oskar Matzerath in der Blechtrommel. © Screenshot Film

"Der junge Mann aus einfachem Haus" – seinen Namen erfahren wir nicht – ist bei weitem nicht so einfach, wie der Titel des Buch glauben macht. Er ist intelligent, er ist gerissen, er hat kein Problem damit, strategisch anzutäuschen, um zu bekommen, was er will. Er glaubt, er sei was Besseres und habe es verdient, Karriere zu machen. Und er ist erstaunlich unintellektuell und weltfremd. Er trifft eigentlich alle Entscheidungen auf Basis von falschen oder verdrehten Informationen – bzw. er lässt sich in die Entscheidungen treiben.

Der Held erfüllt den Lebenstraum seiner Eltern – Kind, Du sollst es einmal besser haben als wir. Die Eltern – Ruhrpott-Arbeiterklasse, hohes Arbeitsethos, haben sich ein eigenes Häuschen gebaut und zahlen die Schulden ab – sind stolz auf den Sohn, der als erster der Familie aufs Gymnasium geht. Dass der keine Ausbildung machen will, erschreckt sie, dass er studieren will, fasziniert sie – das ist eine vollkommen fremde Welt für sie. So sehen sie auch nicht, wie vollkommen unvorbereitet ihr Sohn für die akademische Welt ist, er weiß nicht einmal, was er studieren soll oder welche Zugangsvoraussetzungen bestehen. Denn – ein Leitmotiv seines Lebens – er hat sich im Vorfeld um nichts gekümmert.

Ins Leben reingeschlittert

Alle weiteren Stationen im Leben des Helden sind dadurch geprägt, dass er in sie reinschlittert. Denn zu wirklicher Arbeit fühlt er sich nicht berufen, er erwartet höhere Weihen, und die möglichst sofort. Dass das nur schiefgehen kann, wissen wir Leser:innen, und beobachten das "einfache Experiment" mit Amüsement.

Unser Held aber glaubt sich stets auf der richtigen Lebensspur. Das ist so, als er zum Auslandsstudium in Madrid ankommt. Der Weg ins Ausland zwecks Aufpeppen des Lebenslaufs und der akademischen Meriten aber wird ein Fiasko. Außer einem gebrochenen Herzen bei der spanischen Geliebten resp. Vermieterin und ziemlich hohen Schulden beim DAAD bleibt nichts. Was also tun? Zeit für eine Errettung, in höchster Not fällt ihm Freund Sebastian ein. Und der springt selbstlos ein.

Der frisch Errettete verspürt die alte Sorglosigkeit, jetzt, jetzt wird bestimmt alles ganz wunderbar werden. Die Musikkarriere gemeinsam mit dem Freund läuft an, beim Studium der Medienwissenschaften ist er halbwegs ehrgeizig, bald darf er ein Proseminar halten, und dank eines schmerzenden Weisheitszahns lernt er eine charmante Zahnärztin kennen und lieben. Und wieder ist unser Held davon überzeugt, jetzt, endlich, laufe sein Leben wie am Schnürchen.

Der Traum von der Musikkarriere zerplatzt natürlich, genauso auch der von der großen Liebe. Die Schulden sind inzwischen so hoch, dass unser Held den Canossa-Gang zu seinen Eltern antritt, die für ihn einspringen. Noch ein letztes Mal tut sich in tiefster Verzweiflung eine Tür auf, die zu einer Berliner Galerie.

"Es ist alles eitel"

Horst Buchholz und Werner Hinz in einer Szene von „Bekenntnisse des Hochstaplers ...© Interfoto

DVD des Filmklassikers von 1957 – „Felix Krull“ mit Horst Buchholz ...

Der (deutsche) Urvater des Schelmenromans – Grimmelshausens „Simplicius Simplizissimus“. ...

Neuverfilmung „Bekenntnisse des Hochstaples Felix Krull“ durch Detlev Buck. ... © Bavaria Film

Ich fand spannend, wie der Roman der Überzeugung des 17. Jahrhunderts folgt, das Leben sei eigentlich Mühsal, das Glück unbeständig, die Unsicherheit groß – und "alles sei eitel", also vergebens (Gryphius). Im Deutschland des 21. Jahrhunderts kommen Pest, Krieg und Religionswirren seltener vor, Kaleyta ersetzt dies durch die Einfalt des Helden, der sich der Mühsal zu entziehen versucht, an die Beständigkeit des Glücks trotz widriger Erfahrungen glaubt und deswegen einen ebenso labyrinthischen Lebensweg nimmt wie der Simplicissimus. Der endet als Eremit, Kaleytas Held als Hausmeister. Die Titelanklänge – "einfacher Mann", "Simplicius" sind nicht zu überhören.

Streng strukturiert folgt im Roman auf eine erwartungsfrohe Hoffnungszeit immer eine Zeit erhabener Glückseligkeit, dann kommt der krachende Absturz. Leitmotivisch ist der Optimismus des Helden, der sich von keinem Rückschlag entmutigen lässt, sondern "einfach" weiter macht. Leitmotivisch ebenfalls, dass er in Wahrheit keine einzige Entscheidung selbst trifft, sondern treffen lässt – von den Freunden, oder den Umständen. Die deutsche Kernfamilie bleibt übrigens namenlos – der Held und seine bienenfleißigen Eltern. Sympathisch sind die Nebenfiguren, die deus-ex-macchina-mäßig auf die Bühne geschoben werden, wenn der Held sie braucht – sie haben nur eine Funktion: Illusionen aufrechterhalten, oder aus tiefer Not retten.

Kaleyta erzählt das alles mit viel Ironie und Hintersinn, spielt mit der Allwissenheit der Leser:innen, die immer mindestens einen Schritt weiter sind als der Held. In einem Interview äußerte Kaleyta sich so: "Ich glaube, unser Freund begreift nicht, dass sich die Zeiten ändern (…). Er ist ein Zuspätgekommener, irrt sich ständig, in sich selbst, in seinen Talenten, in der Zeit (…) Und immer, wenn ihm das vage zu Bewusstsein kommt, stürzt er sich nur umso beherzter in die falsche Richtung".  

Zum Weiterlesen,- schauen und -hören

https://www.sueddeutsche.de/kultur/timon-karl-kaleyta-die-geschichte-eines-einfachen-mannes-roman-rezension-1.5262446


https://www.youtube.com/watch?v=Fb93imCQ8Fo


https://www.youtube.com/watch?v=Bfi528KUSVY


https://www.swr.de/swr2/literatur/timon-karl-kaleyta-die-geschichtes-eines-einfachen-mannes-100.html


https://www.ndr.de/kultur/sendungen/ndr_kultur_a_la_carte/Timon-Kaleyta-schreibt-ueber-das-fast-ganz-grosse-Glueck,sendung1155364.html


https://detektor.fm/kultur/dear-reader-timon-karl-kaleyta


https://bachmannpreis.orf.at/stories/3102039/


https://www.zeit.de/2021/22/die-geschichte-eines-einfachen-mannes-timon-karl-kaleytas?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F (Jutta Hamberger)+++

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Szene aus der Neuverfilmung mit Jannis Niewöhner als Felix Krull. © Bavaria Film

Foto: Nicole Dietzel, Dinias


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