Immer mehr Ärzte hängen ihren Beruf an den Nagel - Symbolbilder: Pixabay

REGION Ärzte schlagen Alarm Teil 1

"Du haben Probleme mit Seele?" Spart die Politik die Medizin kaputt?

24.09.21 - Ob Politik, Pharmaunternehmen oder Ärzte, in einem Punkt sind sich alle einig: Dem deutschen Gesundheitswesen steht ein massiver Umbruch bevor. Immer mehr Mediziner warnen vor dieser Entwicklung. OSTHESSEN|NEWS hat mit zwei von ihnen gesprochen.

Ob "gläserner Patient", ausländische Ärzte, Daumenschrauben für Mediziner oder Medikamentenengpässe: Unsere Gesprächspartner haben ihrem Ärger ordentlich Luft gemacht.

Beide Ärzte (ein Facharzt, eine Allgemeinmedizinerin), möchten unerkannt bleiben. "Von uns wird erwartet, dass wir stets altruistisch und leidensfähig sind. Stimmen gegen die Politik werden nicht gerne vernommen und wir schweigen, weil wir viel zu verlieren haben", erklärt der Facharzt.

Heute: Teil 1

Sämtliche Krankendaten sind – für wen auch immer- abrufbar

Sorgen bereitet ihm beispielsweise die Digitalisierung im medizinischen Bereich und das aus mehreren Gründen: "Der Patient wird gläsern, Lücken in Sicherheitssystemen führen außerdem immer wieder dazu, dass hochsensible private Daten im Darknet landen." Gerade in Zeiten, in denen Versicherer wie auch Pharmariesen nach ebendiesen Gesundheitsdaten gierten, sei das kaum zu akzeptieren.

Für Mediziner bedeute die Digitalisierung hohe Kosten bei viel Mehrarbeit. "Während die Gesundheitsämter versuchten, die Pandemie mit Papier und Bleistift in den Griff zu kriegen, wird das europaweit größte Digitalisierungsprojekt an uns ausprobiert." Während sich der Bundestag für seine Umstellung viele Millionen Euro gegönnt habe, müssten die Ärzte das Gros selbst zahlen. "Damit torpediert uns die Politik massiv."  

Selbst in den Krankenhäusern zeige die Digitalisierung negative Auswirkungen. "Früher hat man als Arzt eine Station oft alleine geschmissen. Man hatte seine Karte, in die hat man sich Notizen gemacht und hatte einen schnellen Überblick. Nach zwei Stunden war man fertig und konnte sich um die Neuaufnahmen kümmern. Das alles vor dem Mittagessen." Heute benötige man mindestens zwei Ärzte auf einer Station. "Mit dem Computerwagen alles eintippen und anfordern, jetzt möchte ich beispielsweise ein EKG buchen. Die stehen da und tippen ewig und dann klappt etwas nicht. Medikament ändern, warte, wie geht das jetzt? Die brauchen den gesamten Vormittag nur dafür, um durchzulaufen und Visite zu machen."

Es gibt keinen Spielraum mehr- Arzt und Patient zahlen drauf

Alles, damit die Krankenkassen auf Knopfdruck nachprüfen könnten, ob ein Medikament ihrer Meinung nach nicht angebracht sei. "Und dann kommt schon der Einzelregress. Das ist auch extrem geworden. Früher ging das über die KV (Kassenärztliche Vereinigung), da wurde geschaut, ob man unter dem Gesamtbudget blieb. Erst danach gab es den Regress. Jetzt, durch die Digitalisierung, geht jedes Rezept mit der Diagnose zur Krankenkasse. Da laufen in deren Systemen Filter durch und wenn was nicht passt, gibt es sofort den Einzelregress. Dann bekommt der Arzt ein Schreiben in dem steht, `Sie haben ein Spray verordnet und die Diagnose vergessen` und schon muss er es selbst zahlen. Früher konnte man sowas über das Gesamtbudget laufen lassen, etwa, wenn man wusste, jemand braucht ein Medikament, kann sich das aber nicht leisten. Das geht jetzt nicht mehr. Jeder Einzelfall wird von den Kassen überprüft. Das gibt es so in anderen Ländern nicht."

"Eine Bürgerversicherung ist nichts Gutes für den Patienten"

Die Digitalisierung sei allerdings nicht das einzige Problem, mit dem Ärzte zu kämpfen hätten. "Sollte jetzt tatsächlich Rot-Rot-Grün kommen, wird es schlimm für uns. "Diese Parteien sprechen sich alle für eine Bürgerversicherung aus und wollen das bewährte Prinzip von Kassen- und Privatpatienten abschaffen. Dabei beachten sie gar nicht, dass Krankenhäuser und Niedergelassene mit den Privatleistungen das querfinanzieren, was sie von den Kassen gar nicht bezahlt bekommen." Würde dies wegfallen, meint er, "sind wir alle blank." Aber auch für die Patienten hätte eine Bürgerversicherung entscheidende Nachteile. Ein Beispiel: "In Großbritannien, in der es eine ähnliche Form der Versicherung bereits gibt, hat sich eine echte Zwei-Klassen-Medizin entwickelt, weil man dort generell Zusatzversicherungen abschließen muss, wenn man mehr als die Basisleistung im medizinischen Bereich möchte." Diese wiederum kostet viel Geld.

Der Arzt glaubt, dass die Politik niedergelassene Fachärzte "kaputtsparen" möchte. "Linke, SPD und Grüne hätten am liebsten Polikliniken, in der Fläche sollen eigentlich nur Hausärzte sein, zusätzlich noch ein paar Medizinische Versorgungszentren (Mvz), welche in den Händen von Großkonzernen sind, das war es dann." Der niedergelassene Facharzt sei der Politik ein Dorn im Auge.

"Billionen werden für griechische Banken ausgegeben, für uns bleibt wenig übrig"

"Es ist immer wichtiger, griechische Banken oder den Euro zu retten, da sind Investitionen in Billionenhöhe kein Thema, aber bei der Gesundheit ist alles grundsätzlich zu teuer. Das ist frustrierend. Die Patienten kriegen das allerdings im Moment noch nicht so mit." Etwas, dass sich bald ändern wird, meint der Facharzt. Medizin, die von staatlicher Seite reglementiert wird, habe bisher in keinem Land funktioniert.

"Nehmen wir die hier geplanten Versorgungszentren: In England zum Beispiel, haben sie über das NHS (National Health Service) staatlich organisierte Medizin. Letztendlich stehen die Patienten auf Wartelisten und kommen nur noch dran, wenn sie richtig schwer krank sind. Ab 60 gab es in der Vergangenheit keine Hüftops, Übergewichtige und Raucher wurden erst gar nicht operiert. Wer es sich leisten konnte, musste zum Privatarzt gehen."

Der Trend zur schlechteren medizinischen Versorgung zeichne sich auch hierzulande immer mehr ab. "Im Raum Hersfeld-Rotenburg gibt es beispielsweise bereits viele Mvzs. "Patienten von dort kommen zu uns in die Praxis, da sie eine zweite Meinung möchten und auch, weil sie die Ärzte, die in den Versorgungszentren tätig sind, sprachlich gar nicht verstehen." Als Facharzt bekäme man viel mit, den Mund verbrennen, wie er sagt, möchte er sich allerdings nicht.

"Du haben Probleme mit Seele?"

Ein Beispiel nennt er auch aus einem Fuldaer Krankenhaus: "Ein Patient kam dort an, die erste Frage, die der Arzt ihm dort stellte, war: Du haben Probleme mit Seele?" Gerade "im sprechenden Fach", wie er meint, sei das ein echtes Unding. "Empathie und Ansprache fallen doch in solchen Fällen völlig weg." Grundsätzlich, meint er, sei er Beruf des Arztes ein sehr sensibler. "Der Mediziner ist eine Vertrauensperson, er muss die Sprache einfach gut können und auch die Feinheiten verstehen, sonst entgeht ihm einiges, was der Patient ihm versucht mitzuteilen und die Patienten wollen einen Arzt, der ihnen nicht weh tut, mit dem sie reden können und der für sie sorgsam entscheidet."

Am Samstag veröffentlicht OSTHESSEN|NEWS den zweiten Teil des Interviews. Sie dürfen gespannt sein! (mr) +++


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