Gemälde auf dem Cover von André Derain „The cup of tea“ - Foto: Rowohlt Verlag

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (28)

Michael Maar: "Die Schlange im Wolfspelz" - Das Geheimnis großer Literatur

03.10.21 - Wenn der Sohn eines großartigen Kinderbuchautors Germanist wird und sich den Kopf darüber zerbricht, wie aus Worten gute Literatur wird, kann es furchtbar werden. Oder richtig gut. Bei Michael Maar bleiben die Alarmglocken aus, denn er lehnt den klassischen Literatur-Kanon und den vom Katheder-herab-Habitus womöglich noch vehementer ab als viele Leser:innen.

Eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache

Michael Maar hat es drauf Foto Autor © Jürgen Bauer

Das Buch ist ein Spazier-, Flanier-, Blätter- und Vorlesebuch, das – obwohl es über Beistriche, Strichpunkte, Verben, Beiwörter, Metaphern, Rhythmus und noch viel mehr sinniert – niemals trockene Germanistenkost wird, sondern genau das richtige Buch ist für Menschen, die die Sprache lieben, und Literatur sowieso. Kuscheldecke, Schokotrüffel, ein Glas Wein oder Whisky, und ab auf die Couch – das wäre meine Leseanleitung für dieses Buch. Maar plaudert mit uns, während er durch seine Bibliothek flaniert. Da spricht ein Kenner, ein Liebhaber, ein Beobachter, ein Analyst, ein Bewunderer. Er doziert nicht, er belehrt nicht, er verreißt nicht, er ist geist- und kenntnisreich und bleibt immer respektvoll gegenüber den Autoren.

Die junge Leserin – Jean-Honoré Fragonard 1732, National Gallery of Art, London ...

Literaturkritik.de verglich das Buch mit einem Aufstieg zum Gipfel. Und der beginne eben im Basislager (die ersten drei Kapitel), in dem wir sehr unterhaltsam fit gemacht werden für die Kraxelei. Dann folgen 50 Miniaturen von Lieblingsautoren, Maar sei von "seinen Vorlieben, Desinteressen und Abneigungen bestimmt", und doch ist es eine durchaus repräsentative Auswahl. Mich hatte Maar ja schon durch die Lässigkeit, mit der er zwei deutsche Nobelpreisträger einfach nicht aufnimmt, für sich eingenommen. Juchu, rief es in mir, Du bist nicht alleine mit Deinen vielen Fragezeichen zum Werk der Herren Böll und Grass. Genauso wenig wie mit meiner Liebe zu Thomas Mann, der auch in Maars Herzen einen Hausaltar hat. Bei Rilke sind wir uns uneins, aber das macht gar nichts, da ich seinem Gedanken, ein ins humoristische gewendeter Rilke sei ein Loriot, durchaus etwas abgewinnen kann.

Die Lesende – Pierre-Auguste Renoir 1874-76, Musée d’Orsay, Paris ...

Maar liebt Literatur – das spürt man in jedem Satz und auf jeder Seite. Die Beispiele, die er bringt, sind allesamt Liebeserklärungen – an Autorinnen und Autoren, an Bücher, an guten Stil. Ich spreche eine kleine Warnung aus – dieses Buch verführt zum Bücherkaufen. Machen Sie es wie Oscar Wilde: "Versuchungen soll man nachgeben, wer weiß, wann sie wiederkommen." Die Buchhandlung Ihres Vertrauens wird sich über Ihre Bücherliebe freuen.

Denkliteratursportaufgabe für Sie

Læsende pige ved vinduet, Lesende am Fenster - Carl Holsøe, 1909, Öl auf Leinwand, ...

Es gibt immer wieder verblüffende Details. Für Sie habe ich daraus ein kleines Literatur-Quiz gemacht, die Auflösung finden Sie am Ende des Textes. Übrigens sind im Buch selbst zwei Literaturquizze enthalten, aber die können Sie ja machen, wenn Sie die "Schlange im Wolfspelz" ihr eigen nennen.

1.      Welcher deutsche Autor verfügt über den größten Wortschatz?

Thomas Mann – Johann Wolfgang von Goethe – Günther Grass

2.      Bei welchem Lyriker macht der Konjunktiv schon einmal eine Zeile unsterblich?

Heinrich Heine – Rainer Maria Rilke – Bertolt Brecht – Gottfried Benn

Die Lesende – Lovis Corinth 1925, Schlesische Sammlungen

3.      Welcher Roman machte den Satz "mit der Seele baumeln" berühmt?

4.      Warum sind Legastheniker eher dazu in der Lage, gute Literatur von schlechter zu unterscheiden?

5.      Wieviele Strichpunkte (Semikolons) gibt es in Melvilles "Moby Dick"?

 500 – 2.000 – 4.000 – 7.000

6.      Schaffen Sie es, den Unterschied zwischen "scheinbar" und "anscheinend" zu erklären?

Lesende Frau - Asta Nørregaard, 1889. Öl auf Leinwand. Privatbesitz

7.      In diesem Satz steckt ein Fehler: "Die Mutter schickte die Kinder in den Wald, um Pilze zu sammeln." Finden Sie ihn?

8.      Von wem stammt die titelgebende Metapher von der "Schlange im Wolfspelz"?

Thomas Mann – Robert Musil – Eva Menasse – Johann Wolfgang von Goethe

9.      Was versteht man unter dem "Trave-Syndrom"?

10. Welche Autoren ordnen Sie eher der Parataxe, welche der Hypotaxe zu?

Heinrich von Kleist, Thomas Mann, Heinrich Mann, Joseph Roth, Franz Kafka, Kurt Tucholsky, Elias Canetti, Herrmann Hesse

Die Leserin – Jean-Etienne Liotard 1750. Sammlung Schirmer. München ...

Lesen macht glücklich

Maar stellt oft verblüffende Zusammenhänge auf, findet Analogien oder Metaphern, die einem die Augen öffnen. Als Germanistik-Studentin hatte ich das Glück, einen Dozenten zu haben, der genauso vorging – ihm verdanke ich meine dann auch fachlich vertiefte Liebe zu Literatur und Musik. Vielleicht hüpfte mein Herz deshalb vor Freude, als ich mit dem Lesen begann, weil ich genau diese Anfangsfaszination wieder spürte, die Entdeckerlust – und das große Versprechen: Es wird immer mehr gute Bücher geben, als Du lesen kannst, der Vorrat ist unerschöpflich. Ein Paradiesgärtlein eben.

Werbetafel einer Buchhandlung. Unwiderstehlich.

Immer wieder ein Leitgedanke im Buch: Das Gute ist der Feind des sehr Guten. Das gilt für die bewusste Wahl von Wörtern nach dem Valéry-Prinzip ("Entre deux mots, il faut choisir le moindre") genauso wie für Metaphern ("wenn Du zwei starke Bilder hast, lass das dritte weg"). Genauso ist das Buch auch ein Plädoyer für Regelbrüche – aber eben gekonnte. Sogar schlechte Metaphern können, wenn von der richtigen Person gesagt, grandios wirken. Wenn aber ein Wort oder eine Redensart oder eine Metapher durch sind, sollte man sie nicht mehr nutzen: "Nimm Bilder ernst, vermisch sie möglichst nicht. Vermeide die überfrequentierten. Denk und sieh neu." Wobei "denk und sieh neu" auch als generelle Leseanleitung genommen werden kann.

Jolabokaflod“, die weihnachtliche Buch-Flut. Ein wunderbarer Brauch auf Island. ...

Ten Pound Island - Frederick Childe Hassam, 1896, Öl auf Leinwand, Privatbesitz ...

Ein solch, man muss ja fast schon sagen, bewusst altmodisches Buch zu schreiben, noch dazu störrisch in alter Rechtschreibung, erfordert Mut und Gelassenheit den Rezensenten gegenüber. Kein Wunder, dass Maar besonders die Autoren schätzt, die seine Schwestern und Brüder im Geiste sind. Er stellt gleich mal die Regeln guten Stils auf:

-  "Regel 1: Man ist Stilist, oder man ist es nicht.

-   Widerlegung der Regel: Wir finden bei Goethe ganz schwache Sätze, und fänden nach eifrigem Bemühen selbst in den "Sternstunden der Menschheit" ein paar gute.

-   Regel 2, modifiziert: Es gibt ein paar unfehlbare Stilisten. Schopenhauer, Hebel, Keller, Kafka.

-   Hauptregel: Es gibt keine Regeln, jedenfalls kann man sie alle brechen. Aber man muss es können".

Im Gang durch seine Bibliothek finden sich die Gewaltigen (Goethe natürlich, auch Lessing und die Grimms). Dann die Highlights der Romantik, des Realismus, die Literatur des 19. Jh., natürlich fehlt der Ausflug in K.u.K.-Gefilde nicht, auch die Lyrik wird gestreift und dann kommt das Pikante, die verbotenen Früchte. Auf dem Maar’schen Olymp thronen K (Kafka) und Tommy (Thomas Mann), "der eine der reinste Autor deutscher Sprache, der andere vielleicht der reichste".

Lesende von August Macke, 1910

Mme Pompadour liest – François Boucher 1756. Alte Pinakothek München ...

Nein, man muss dieses Buch nicht von vorn nach hinten lesen. Man kann springen und hüpfen, verweilen, sinnieren und rennen. Es ist ebenso Lesesessel- wie Badewannen-tauglich. Kennt man die vorgestellten Bücher, so ist die Maar’sche Betrachtung ein Hochgenuss, kennt man sie nicht, wird man ungeheuer neugierig. Lesen und entdecken Sie einfach selber.

Lesende Frauen – lesende Männer

Ein kleiner Nachsatz zu den diesen Text begleitenden Bildern: Es ist tatsächlich so – in der Kunst findet man fast ausschließlich lesende Frauen (das Verhältnis beträgt etwa 90 zu 10 Prozent). Der Unterschied erklärt sich aber leicht: Frauen haben schon immer mehr gelesen als Männer. Das bestätigen konstant auch die Statistiken des Börsenvereins. Vielleser:in ist man übrigens schon, wenn man mehr als zehn Bücher pro Jahr schafft.

Liebe Männer, nur Mut, Frauen LIEBEN Männer, die lesen. Es gibt viele gute Gründe, damit sofort anzufangen oder dieses Hobby zu intensivieren:

Leseratten haben mehr Sexappeal: https://www.welt.de/vermischtes/article1965889/Warum-Leseratten-so-richtig-sexy-sind.html

Leser sind begehrte Liebhaber: https://www.desired.de/liebe/dating/studie-leser-sind-die-begehrteren-liebhaber/

Lesende Männer begeistern zwei Drittel der Frauen: https://www.like-online.de/lifestyle/gesundheitfitness/artikel/details/103739-fitness-und-lesen-machen-singles-attraktiv/

Wer liest, lebt länger: https://www.geo.de/wissen/gesundheit/17562-rtkl-literatur-wer-viel-liest-lebt-laenger

Sir Brooke Boothby, Literat, Linguist, Übersetzer und Mitglied des literarischen ...

Die Lesende – Max Liebermann, 1897. Aquarell. Privatsammlung Rheinland ...

Eine weitere Lesende von Pierre-Auguste Renoir, 1884. Privatsammlung.

Auflösung Literatur-Quiz:

1.    Welcher deutsche Autor verfügt über den größten Wortschatz?

Johann Wolfgang von Goethe. Eine Auszählung hat den schier unglaublichen Wortschatz von 90.000 Wörtern ergeben. Das ist der höchste jemals gemessene deutsche Wortschatz.

2.     Bei welchem Lyriker macht der Konjunktiv schon einmal eine Zeile unsterblich?

Heinrich Heine: Zitiert wird das Gedicht "Mein Herz, mein Herz ist traurig", das mit der Zeile endet: "Ich wollt‘, er schösse mich todt." Maar dazu: "Auf das ‚schösse" zielt das ganze Gedicht, das den Leser fünf Strophen lang in Unschuld wiegt. Das Schlußverb erst macht es unvergesslich."

3.      Welcher Roman machte den Satz "mit der Seele baumeln" berühmt?

Das ist Tucholskys "Schloss Gripsholm", wo es heißt: "Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele".

4.     Warum sind Legastheniker eher dazu in der Lage, gute Literatur von schlechter zu unterscheiden?

Maar zitiert aus Michael Köhlmeiers Büchlein "Umblättern und andere Obsessionen": "Der sehr langsam Lesende ist besser gerüstet, gute von schlechter Literatur zu unterscheiden. Wiederholungen, Klischees, Ungenauigkeiten, Umständlichkeiten, geringer Wortschatz, zu wenige oder zu viele Worte mit Strahlkraft, all das fällt dem Langsamen unerbittlicher auf die Nerven als dem Hurtigen. Der Langsame kann es sich nicht leisten, schlechte Bücher zu lesen."

5.     Wieviele Strichpunkte (Semikolons) gibt es in Melvilles "Moby Dick"?

Das in seiner Form einem Delphin gleichende Satzzeichen wurde 1494 das erste Mal gedruckt, und eroberte dann die Weltliteratur. Fleißige Menschen haben gezählt: Im "Moby Dick" kommt es ca. 4.000 mal vor.

6.     Schaffen Sie es, den Unterschied zwischen "scheinbar" und "anscheinend" zu erklären?

"Es gibt einen entscheidenden Unterschied: "Der Zwerg sagte scheinbar die Wahrheit" meint das Gegenteil von "Anscheinend sagt der Zwerg die Wahrheit". Im ersten Fall lügt der Zwerg, im zweiten Fall spricht zunächst alles dafür, dass er nicht lügt. "Anscheinend" meint das gleiche wie offenbar, allem Anschein nach. "Scheinbar" meint, nur dem Scheine nach, hinter dem sich aber etwas anderes verbirgt."

7.     In diesem Satz steckt ein Fehler: "Die Mutter schickte die Kinder in den Wald, um Pilze zu sammeln." Finden Sie ihn?

Ganz schön fies, denn es klingt doch richtig, und wir sagen es oft genauso. Aber: "um zu" bezieht sich zwingend immer auf das Subjekt des Hauptsatzes. Bei der Mutter, den Pilzen und den Kindern könnte eine korrekte "um zu"-Konstruktion so lauten: "Die Mutter schickte die Kinder in den Wald, um zu Hause ihren Liebhaber zu empfangen." Im Falle der Pilze müsste es daher heißen: "Die Mutter schickte die Kinder in den Wald, damit sie dort Pilze sammelten".

8.     Von wem stammt die titelgebende Metapher von der "Schlange im Wolfspelz"?

Dies wird aufgelöst im Kapitel über schlechte Metaphern. Diese seien ein Sonderfall der Literatur. Elias Canetti ein Meister (z.B. in "Blendung", Thomas Mann sowieso (Frau Stöhr aus dem "Zauberberg"), oder eben Eva Menasse. In ihrem Debüroman "Vienna" kommt der Baudirektor Königsberger, genannt Königsbee vor, ein wahrer Nachfahre der Frau Stöhr. Und von dem stammt die verdrehte Redensart mit der "Schlange im Wolfspelz".

9.     Was versteht man unter dem "Trave-Syndrom"?

Mit dem von ihm erfundenen Begriff "Trave-Syndrom" meint Maar die Synonymsucht. Er zitiert mit sichtbarer Lust Harry Rowohlts Replik auf einen Brief Uwe Tellkamps, in dem dieser geschrieben hatte, er wäre gern zum Grass-Treffen an die Trave geeilt, könne aber leider nicht: "Wenn es im ersten Satz ‚Peru‘ heiße, müsse es im Folgesatz ‚Andenrepublik‘ heißen. Auf ‚Japan‘ folgen ‚Nippon‘ und ‚Land der aufgehenden Sonne‘, oder noch besser, ‚Land des Chrysanthemen-Throns‘, bevor es dann wieder mit ‚Japan‘ weitergehen dürfe". Und die Sottise fehlt nicht, wieso Tellkamp an die Trave wolle, wo er doch Lübeck nicht ein einziges Mal in seinem Brief erwähnt habe. Das Syndrom ist weitverbreitet auch in Sportteilen von Zeitungen.

10. Welche Autoren ordnen Sie eher der Parataxe, welche der Hypotaxe zu?

Die deutsche Sprache erlaubt unglaubliche Satzkonstruktionen – Nicht-Muttersprachler verzweifeln regelmäßig daran. Man kann Satz-Lokomotiven bilden, mit vielen Waggons, die über die Seiten rumpeln – das ist die Parataxe. Man kann aber auch Sätze schreiben, in denen sich der Hauptsatz durch ein Geflecht von Nebensätzen windet und zwischendurch fast verschüttet wird – das ist die Hypotaxe. Mit beiden Satzkonstruktionen kann man unglaublich schlechte Sätze bilden, oder eben Kunstwerke.

Parataxe: Heinrich Mann, Joseph Roth, Franz Kafka, Kurt Tucholsky

Hypotaxe: Thomas Mann, Elias Canetti, Heinrich von Kleist, Herrmann Hesse

Zum Weiterlesen und Schauen

https://www.deutschlandfunkkultur.de/michael-maar-ueber-die-schlange-im-wolfspelz-was-aus-worten.1270.de.html?dram:article_id=488463

M. Maar in "Capriccio": https://www.ardmediathek.de/video/capriccio/michael-maar-die-schlange-im-wolfspelz/br-fernsehen/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvL2Y2YmQ5YWExLWE0NjktNDc4MC1iZDczLTQ2NDY2Y2M1ZmU2Mw/

Wie alles kam: https://www.youtube.com/watch?v=SWCduuiUAXo

Islands "Jolabokaflod": https://www.dw.com/de/verr%C3%BCckte-tradition-allweihnachtliche-b%C3%BCcherflut-in-island/a-51785341
(Jutta Hamberger)+++

O|N Serie: Was wir lesen, was wir schauen - weitere Artikel





































↓↓ alle 36 Artikel anzeigen ↓↓


Über Osthessen News

Kontakt
Impressum

Apps

Osthessen News IOS
Osthessen News Android
Osthessen Blitzer IOS
Osthessen Blitzer Android

Mediadaten

Werbung
IVW Daten


Service

Blitzer / Verkehrsmeldungen Stellenangebote
Gastro
Mittagstisch
Veranstaltungskalender
Wetter Vorhersage

Social Media

Facebook
Twitter
Instagram

Nachrichten aus

Fulda
Hersfeld Rotenburg
Main Kinzig
Vogelsberg
Rhön