Im Theodore Roosevelt National Park in North Dakota. Eine der vielen Gegenden, in die Sie die heute vorgestellten Bücher entführen - Foto:© Wikipedia

FULDA Was wir lesen, was wir schauen (30)

Sonderedition Buchmesse 2021: Bücher, die ausgezeichnet wurden

19.10.21 - Jedes Jahr erscheinen ca. 70.000 neue Bücher in Deutschland. Das finden Sie viel? Ich auch! Die Zahl macht klar, dass es nicht gerade einfach ist, sich zu orientieren. Deshalb gibt es Bestseller-Listen, Buchpreise und Buchhändler/innen, die Ihnen Lesestoff empfehlen können.

Heute stelle ich Ihnen meine Auswahl aus den Büchern des Herbstes vor und schaue dabei auf einige mit Literaturpreisen ausgezeichnete Titel. Für die Bücher des zweiten und dritten Teils (erscheinen jeweils Mitte und Ende dieser Buchmessen-Woche) habe ich Menschen befragt, die sehr gern sehr viel lesen. Privat und/oder beruflich. Ich wollte von ihnen wissen, welche Bücher ihnen besonders ans Herz gewachsen sind und welchen Büchern sie viele Leser wünschen.

Der Literatur-Nobelpreis – ziemlich oft ziemlich daneben

Aus der Galerie derer, die niemals einen Literatur-Nobelpreis erhielten: Rainer ...© Ullstein

Leo Tolstoi © Sergej Prokudin-Gorski

Simone de Beauvoir © Ullstein

Virginia Woolf © George Charles Beresford

Man kommt nicht an diesem Preis vorbei. Er ist groß, er findet überall statt, er hat Renommee. Alfred Nobel hatte testamentarisch verfügt, der Literatur-Nobelpreis solle an denjenigen gehen, "der in der Literatur das Herausragendste in idealistischer Richtung produziert hat". Für die Entscheidungsfindung ist das eine äußerst wolkige Anweisung. Jürgen Kaub schrieb in der FAZ vom 13. Oktober 2016: "Es fällt in der Chronik des Nobelpreises auf, in wie vielen Begründungen für seine Vergabe auf ein im weitesten Sinne humanitäres Engagement der Autoren hingewiesen wurde. (…) Bei drei von vier Preisverleihungen wird die Literatur als moralische Instanz im Streit um Gerechtigkeit gepriesen." Tja.

Es gibt viele Gründe, diese Preisvergabe sehr grundsätzlich sehr suspekt zu finden. Ganz besonders ärgert mich: Nur 13,6 Prozent Autorinnen haben diesen Preis erhalten, aber 86,4 Prozent Männer. Und damit ist das die zweitweiblichste Nobelpreis-Kategorie, nur für "Frieden" gingen etwas mehr Auszeichnungen an Frauen.

Ich bin mit meinem Bauchgrimmen übrigens nicht allein. Der amerikanische Literaturkritiker George Steiner schrieb schon 1984 im New York Times Book Review: "More misses than hits". Häufiger daneben als getroffen. Damit Sie das nachvollziehen können, hier einige von der viel zu langen Liste der Nicht-Ausgezeichneten. Da finden sich u.a. W. H. Auden, Simone de Beauvoir, Bertolt Brecht, Paul Celan, Patricia Highsmith, James Joyce, Franz Kafka, Vladimir Nabokov, Marcel Proust, Rainer Maria Rilke, Arthur Schnitzler, August Strindberg, Anton Tschechow, Leo Tolstoi, Mark Twain, Virginia Woolf und Emile Zola. Literarische Schwergewichte, deren Werk und Bedeutung der Akademie entgangen sind oder die sie bewusst ignorierte. Die Akademie hat sich den Ruf, besonders gern die Falschen zu küren, wirklich redlich erworben. Und deswegen werde ich hier auch nichts über den Nobelpreisträger dieses Jahres, Abdulrazak Gurnah, schreiben. Es liegt eh kein Buch vom ihm auf Deutsch vor.

Der Pulitzerpreis – Louise Erdrich

Der Nachtwächter von L. Erdrich

Louise Erdrich © Aufbau Verlag

Ein Preis, den ich liebe. Es gibt ihn seit 1917, sein Renommee ist ähnlich hoch wie das des Oscars. Er wird in mehreren Kategorien vergeben. Für herausragende literarische Leistungen gibt es ihn seit 1948. Schaut man sich die Liste der Preisträger an, ist das ein wahres Who is who der amerikanischen Literatur. Als Leserin fühle ich mich hier sehr oft bestätigt, angeregt und angezogen. Das ist ein Preis, der bei mir Leselust auslöst.

2021 ging der Pulitzer an Louise Erdrich für ihren Roman "The Night Watchman / Die Nachtwächter". Es ist nicht die erste Auszeichnung dieser großartigen Schriftstellerin. Sie wurde u.a. bereits mit dem American Book Award (1985), dem National Book Award (2012) und dem PEN Bellow Award (2014) ausgezeichnet.

In diesem Buch geht es um eines der düstersten Kapitel der amerikanischen Geschichte, die sogenannte Termination Politics. 1953 wurde festgeschrieben, dass alle Reservationen der amerikanischen Ureinwohner aufgelöst und diese zur Assimilation gezwungen werden sollten. In der Resolution gab es eine Liste der zu terminierenden Stämme, unter diesen auch die Turtle Mountain Chippewa. Im Buch heißt es: "Das ist es dann also, dachte Thomas, als er die nüchternen Satzgirlanden der Gesetzesvorlage vor sich sah. Wir haben die Pocken überlebt, die Winchester-Repetierbüchse, die Hotchkiss-Kanone, die Tuberkulose. Wir haben die Grippeepidemie von 1918 überlebt und in vier oder fünf Kriegen für die USA gekämpft. Und jetzt vernichtet uns diese Ansammlung knochentrockener Wörter."

Thomas, der auch Vorsitzender im Stammesrat ist, beginnt seinen Kampf gegen die erneute Auslöschung seines Volkes. Sie sammeln Unterschriften, gehen zum lokalen Bureau of Indian Affairs, erreichen eine Anhörung im Kongress. Dort treffen sie auf einen Senator aus Utah, der die Terminierungspolitik mit allen Mitteln vorantreibt. Und müssen feststellen: Gegen religiösen Wahn helfen weder bestehende Verträge noch Argumente. Der Senator ist strenggläubiger Mormone und davon überzeugt, Gott habe den Mormonen alles Land versprochen, das diese wollten. Da stören die Indianer nur. Die Geschichte basiert auf dem Leben von Erdrichs Großvater Patrick Gourneau – Erdrich hat indigene und deutsche Wurzeln. Wenn Ihr Englisch gut genug ist, lesen Sie lieber das Original, die deutsche Übersetzung wird Louise Erdrichs Sprache nicht immer gerecht.

Der Luchs – Andreas Steinhövel

Rico, Oscar und das Mistverständnis von A. Steinhövel

Andreas Steinhövel © Dirk Steinhövel

Kinder- und Jugendbücher leiden oft unter heftiger Pädagogisierung und Zwangsbeglückung mit Botschaften, so dass einem das Lesen schon mal vergehen kann. Nicht beim Luchs. Da geht es ums Lesevergnügen. Der Luchs zeichnet Kinder- und Jugendbücher aus, vergeben wird er von der ZEIT in Kooperation mit Radio Bremen. Den Luchs gibt es monatlich, und aus dem zwölf Monatspreisen wird dann der Jahrespreis erkoren. Der Luchs 21 kommt also erst gegen Weihnachten.

Ich empfehle Ihnen daher wärmstens den Preisträger des vergangenen Jahres, Andreas Steinhövel für "Rico, Oskar und das Mistverständnis". Auszeichnungen hat Steinhövel bereits viele erhalten, u.a. den Kinder- und Jugendliteraturpreis (für "Rico, Oskar und die Tieferschatten"), den Erich-Kästner-Preis sowie den James-Krüss-Preis. Steinhövel ist in mancherlei Beziehung Barrikadenbrecher – so ist er beispielsweise der erste Kinderbuch-Autor, der Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ist (und der würden mehr Kinderbuchautoren ganz gewiss nicht schaden!).

Die Rico-Reihe ist auch deshalb so erfolgreich, weil sie Kindern auf Augenhöhe begegnet. Steinhövel packt seine jungen Leser nicht in Watte, im Gegenteil: Alleinsein, Entführungen, Vernachlässigung, Streit, Selbstmord – das alles wird nicht ausgespart. Er will keine Märchen erzählen, sondern von der Realität. "Wenn man es entsprechend verpackt, kann man Kindern viel zumuten", meint der Autor, "man darf sie nur nicht damit allein lassen". Wissen Sie was? Lesen Sie am besten gleich alle Rico-Bände, auch wenn Sie älter als zwölf Jahre sind, haben Sie dabei Mordsspaß - versprochen.

Der Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse – Heike Behrend

Menschwerdung eines Affen von H. Behrend

Heike Behrend © Matthes & Seitz Verlag

Die Leipziger Buchmesse hat der großen Schwester in Frankfurt etwas voraus: Sie ist eine Messe der Leser. Und eine der Begegnungen zwischen Autoren und ihren Lesern. Vielleicht sind die Preisentscheidungen deshalb immer so nah dran an Lesebedürfnissen.

2021 wurde in der Kategorie Sachbuch Heike Behrend für "Menschwerdung eines Affen" ausgezeichnet. Die emeritierte Ethnologin arbeitete v.a. in Ostafrika. Schon ihre Arbeitsbiographie liest sich wie ein Roman: Sie war auf den Spuren der Holy-Spirit-Bewegung in Uganda unterwegs, erforschte die Praktiken von Straßenfotografien an der kenianischen Küste und arbeitete über die katholische Kirche in Westuganda. Ihr Buch beleuchtet, was in der Ethnographie-Forschung höchstens am Rand vorkommt, "die unheroischen Verstrickungen und die kulturellen Missverständnisse, die Konflikte, Fehlleistungen sowie Situationen des Scheiterns in der Fremde" (zitiert nach Matthes & Seitz Verlag).

Heike Behrend macht klar, dass die Erforschung anderer Völker immer auch etwas mit Fremdheit und Kolonialismus zu tun hat, und damit, wie sich das Machtgefüge zwischen Forscher und Erforschten verändert. Denn: wer beobachtet, wird Teil des Systems und verändert dieses, auch unwillentlich. Die Frage, wer eigentlich wen beobachtet, ist das aufregende Leitmotiv dieser Autobiographie. Behrend schreibt zugleich empathisch und schonungslos. Nicht unbedingt eine bequeme Lektüre, aber eine sehr erhellende.

Der Kurd-Lasswitz-Preis – Andreas Eschbach

Eines Menschen Flügel von Andreas Eschbach

Andreas Eschbach © Olivier Favre

Ein Preis, den wahrscheinlich nur Spezialisten auf dem Schirm haben. Dabei ist das der bedeutendste deutsche Preis für Sciencefiction. Es gibt eine Besonderheit – einen Autor, der quasi ein Abonnement auf den Preis hat. 2021 erhielt ihn Andreas Eschbach für seinen Roman "Eines Menschen Flügel". Bereits in den Jahren 2020, 2019, 2012, 2010, 2008, 2004, 2002, 2000, 1999 sowie 1997 ging der Preis an Eschbach. Nicht, weil er keine Konkurrenz hätte, sondern weil er so unglaublich gut ist. Noch eine Besonderheit hat dieser Preis – man wird zwar geehrt, bekommt aber kein Geld.

Andreas Eschbach ist in der deutschen Buchszene ein Phänomen. Vom Feuilleton wird er in der Regel nicht beachtet, denn er schreibt ja "U"-Bücher. Vermutlich ist er dem Feuilleton schlicht auch viel zu erfolgreich und zu populär. Er schreibt Jugendbücher, historische Romane, Sciencefiction und Perry Rhodan-Romane. Ja, er ist ein Bestseller-Autor. Und wissen Sie was? Das ist großartig. Bei Eschbach gibt es nämlich eine eingebaute Garantie: er unterhält sie mit atemloser Spannung und Tempo. Eschbach ist für mich so etwas wie ein Oetker der Buchszene.

"Eines Menschen Flügel" ist als Weltraum-Oper bezeichnet worden, das trifft es recht gut. Es geht um eine sehr ferne und scheinbar paradiesische Welt auf einem anderen Planeten, aber natürlich trügt der Schein. Der Boden ist vergiftet, nur an wenigen Stellen kann man ihn gefahrlos betreten. Deshalb wurden die Menschen gentechnisch modifiziert, haben Flügel und leben gemütlich auf Riesenbäumen. So könnte es noch tausend Jahre weitergehen, aber Sie wissen ja, was Menschen zuverlässig aus Paradiesen vertreibt – ihre Neugier. Lassen Sie sich von Eschbach entführen ins Weltall.

Der Deutsche Buchpreis – Monika Helfer

Wie immer wird der Deutsche Buchpreis zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse vergeben. Auf der Shortlist stehen sieben Romane, ganz paritätisch sind Frauen und Männer nominiert. Die Bücher kommen aus "D-A-CH", also dem gesamten deutschsprachigen Raum:

-        Norbert Gstrein, Der zweite Jakob
-        Monika Helfer, Vati
-        Christian Kracht, Eurotrash
-        Thomas Kunst, Zandschower Klinken
-        Mithu Sanyal, Identitti
-        Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

Vati von Monika Helfer

Monika Helfer © Salvatore Vinci

Da die Preisverleihung zu knapp vor Erscheinen dieses Textes stattfindet, habe ich mir aus der Shortlist das Buch ausgesucht, das mich besonders gereizt hat, nämlich Monika Helfers autobiographischer Roman "Vati". Das beginnt schon mit dem Titel. Vati – wer redet noch so? Heute niemand mehr, aber es war in den 50ern die gebräuchliche Anrede für den Vater. Noch in den 1970er Jahren war auf einem Gewerkschaftsplakat zu lesen "Samstags gehört Vati mir". Es ist ein seltsam tümelndes Wort, und – so mein Eindruck – es bringt auch eine ganz bestimmte Haltung zum Ausdruck. Bei "Vati" schwingt immer das Autoritäre mit, das hin und wieder durch Jovialität verdeckt wird. Bei "Vati" weiß man nie, ob es gut ausgeht oder nicht.

Monika Helfer wurde bereits mehrfach für ihre Bücher ausgezeichnet. Mit "Vati" schreibt sie ihre eigene Familiengeschichte fort, die mit "Die Bagage" begann. Sie umkreist ihren Vater, erzählt von einer Kindheit in schwierigen Zeiten und der Suche nach der eigenen Herkunft. Der Vater sei büchersüchtig gewesen und habe fast das ganze Geld für Bücher ausgegeben, er war stockkonservativ und habe ein antiquiertes Familienbild gehabt. Eine Vätergeschichte, eine Versehrtengeschichte, eine Familiengeschichte. Das ist oft tragikomisch, manchmal absurd, oft aberwitzig. Und danke – es ist ein kurzes Buch geworden, genau die richtige Dosis für einen Leseabend.

Literaturpreis der Stadt Fulda – Timon Kaleyta

Timon Kaleyta © Christian Werner

Den Preisträger des Jahres 2021 habe ich Ihnen in meiner Kolumne vom 6. September bereits vorgestellt, Timon Kaleyta und seine "Geschichte eines einfachen Mannes": https://osthessen-news.de/n11652697/kaleyta-geschichte-eines-einfachen-mannes-der-erwahlte-der-sich-standig-irrte.html

Das Buch ist ein Roman der 00er-Jahre, ein Anti-Entwicklungsroman, und natürlich ein Schelmenroman. Mit allen Ebenen spielt Kaleyta gekonnt, und so ist der "Einfache Mann" eine höchst unterhaltsame Lektüre. Unterhaltsam, ohne dass es an Tiefgang fehlt.

Die Jury begründete ihre Auswahl mit dem "satirischen Blick auf den Zeitgeist und die Verhältnisse seit dem Ende der Ära Kohl". Ob irgendjemand im Fürstensaal die akademisch verschwurbelte Laudatio Insa Wilkes wirklich verstanden hat? Ich bezweifle es. Ist aber auch egal, das Buch versteht man bestens und wird davon gleichermaßen unterhalten wie berührt. (Jutta Hamberger)+++

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