Blumenpracht im Kaukasus, Collage aus dem besprochenen Titel „Durch den wilden Kaukasus“ - Collage: Jutta Hamberger

REGION Was wir lesen, was wir schauen (32)

Sonderedition Buchmesse, Teil 3: Entdecke mich – Bücher, die auf Sie warten

25.10.21 - Geht man selbst in die Buchhandlung und stöbert, kann es passieren, dass man eine hochbeglückende Erfahrung macht – ein Buch finden, das man nicht erwartet, geplant oder gesucht hat. Ein Buch, das einem über den Weg läuft. Auf einmal ist es da und will gelesen werden. Als hätte es auf uns gewartet.

Wir stellen Ihnen im dritten Teil unser Buchmessen-Serie genau solche Bücher vor, Bücher, die uns selbst überrascht haben, weil wir nicht unbedingt davon ausgegangen sind, dass wir so begeistert sein würden. Wir – das sind die Buchhändlerin Agnes Bötticher, Buchhandlung am Markt in Marburg und der Buchhändler Manfred Borg vom Ulenspiegel in Fulda. Gaby Goldberg-Brünnel, die Büroleiterin des Jerusalemer Goethe-Instituts. Marie-Louise Puls, Fuldaer Stadtverordnete, Ergotherapeutin, leidenschaftliche Leserin. Katrin Burr, Buchhändlerin, Markenmanagerin und bei dreisprung verantwortlich für Programm- und Markenstrategie.

Von mir ein großes DANKE an meine wunderbaren Mitstreiterinnen (hier und im ganzen Text sind Männer in den weiblichen Formen immer mitgedacht). Sie alle haben sich sofort und im wahrsten Sinn des Wortes hineingestürzt ins Lesen und Aussuchen. Alle haben ihre Bücher selbst gewählt, es gab keine Vorgaben.

C. Pham Zhang: "Wieviel von diesen Hügeln ist Gold" (Fischer Verlag)

C.Pam Zhang: "Wie viel von diesen Hügeln ist Gold"

C.Pam Zhang © Gioia Zioczower

Zhang erzählt in ihrem Roman die Geschichte der chinesischen Einwandererinnen Ende des. 19. Jahrhunderts und ihres Beitrags zu dieser oft Pionierzeit genannten Ära. Es waren nicht eben wenige, Schätzungen gehen davon aus, dass allein am Eisenbahnbau in den 1860er Jahren 90 Prozent der Arbeiterinnen aus China kamen. Ihr beeindruckendes Buch ist auch eine Auseinandersetzung mit der Frage, was eigentlich Heimat ist, wer was Heimat nennen kann und wie man sich heimisch fühlen kann. Es ist ein Roman über die Sehnsucht nach einem Zuhause.

Jutta Hamberger: Man muss das einfach selbst gelesen haben, wie die Schwestern Lucy und Sam im Kalifornien der 1880er Jahre einen angemessenen Begräbnisplatz für ihren verstorbenen Vater suchen. Der Vater war Schläger, Säufer und Goldgräber. Die Kinder versuchen verzweifelt, die Begräbnisrituale, die ihre verstorbene Mutter sie einst gelehrt hatte, einzuhalten. Dafür brauchen sie Geld, das sie nicht haben, und ergo stehlen müssen. Und ein Pferd auch, so eine Leiche will ja transportiert werden. So machen sie sich auf diesen seltsamen Roadtrip. Das Setting im Wilden Westen scheint vertraut, ist aber verfremdet. Wir hören andere Stimmen als die gewohnten. Es sind die dieser beiden chinesischen Kinder, es ist die der geschundenen und durch die Goldsuche zerstörten Landschaft, und es sind die Stimmen der Ureinwohnerinnen, die aus der kollektiven und weißgewaschenen Erinnerung ausgelöscht wurden.

Lena Gorelik: "Wer wir sind" (Rowohlt Berlin)

Lena Gorelik: "Wer wir sind"

Lena Gorelik © Charlotte Troll

In ihrem autobiographischen Roman macht sich die 1981 in St. Petersburg geborene Autorin auf Spurensuche: Was hat ihre Persönlichkeit geprägt? Welche Rolle spielen Familie, Familientraditionen und Familienmythen? In welchem Verhältnis stehen individuelle und familiär-kollektive Erinnerung zueinander? Was wird an die nächste Generation weitergegeben? In der FAZ vom 24. Juni hieß es über das das Buch: "Die Geschichte ihrer Familie erzählt Gorelik mutig, wütend und melancholisch."

Gaby Goldberg-Brünnel: Der letzte Buchstabe des kyrillischen Alphabets – er sieht aus wie ein nach links gespiegeltes R – bedeutet auf Russisch "Ich". Das "Ich" zum Schluss: diese Konstellation macht es Eltern leicht, kindlichen Egoismus zu bremsen und darauf hinzuwirken, dass sich der Nachwuchs als Teil eines größeren Ganzen versteht.

"Deine Erinnerung ist falsch", bekommt Gorelik häufig von ihrer Mutter zu hören, und: "Du hast vergessen, was Familie ist." Beschäftigt man sich mit der Biographie der Autorin, scheinen die Klagen der Mutter zwangsläufig. Gorelik kam 1992 im Alter von elf Jahren mit ihren Eltern und ihrer Großmutter als jüdischer Kontingentflüchtling nach Süddeutschland. Mit dem Judentum verbindet das Kind nichts, jüdischen Traditionen begegnet sie erstmals in Stuttgart in der Synagoge, und welche Vernichtungsindustrie sich hinter dem Wort "Holocaust" verbirgt, lernt sie in der Schule ihrer schwäbischen Kleinstadt.

Da hat sie schon verinnerlicht, um keinen Preis auffallen, aber um jeden Preis dazugehören zu wollen. Je stärker sie sich in der Fremde anpasst, desto fremder werden ihr die Eltern, die ihrer Elternrolle nicht mehr gerecht werden in einem Land, das Asylantenheime mit Stacheldraht umgibt und ausländische Hochschulabsolventen zu Putzpersonal degradiert.

Nina Lykke: "Alles wird gut" (btb)

Nina Lykke: "Alles wird gut"

Nina Lykke © Agnete Brun

Ihren Durchbruch hatte Nina Lykke 2016 mit ihrem Roman "Aufruhr in mittleren Jahren". Auch in ihrem neuen Roman geht es um die Mitte des Lebens – mit den diversen sich einstellenden Krisen. "Ich bin jetzt über fünfzig und doch zurück in diesem alten kindischen Trotz, als hätte ein jugendlicher Teil meines Ichs irgendwo tief in mir geschlummert und würde sich jetzt erheben und den erwachsenen Teil mit einem Happs verschlucken", heißt es am Ende des 2. Kapitels. Alles wird gut? Nun ja, man kann es sich zumindest einreden. Das Cover suggeriert chick lit-Schwulst vom Feinsten, was man hier aber nicht kriegt. Denn schwülstig ist hier gar nichts, sondern sehr selbstironisch. Der Originaltitel "Full Spredning" (= Volle Bandbreite) wird dem viel besser gerecht als die säuselige deutsche Version.

Agnes Bötticher: Fast hätte ich dieses Buch verpasst. Wäre ich auf Cover und Titel "hereingefallen", hätte ich es als mir dann doch allzu seichte Lektüre abgetan. Dabei ist Nina Lykkes Roman eine messerscharf beobachtete und wunderbar (selbst)ironische Bestandsaufnahme des Beziehungs- und Berufslebens einer Frau in den mittleren Jahren. 

Gut ist im Leben der Allgemeinärztin Elin, Mitte 50, eigentlich gerade so ziemlich gar nichts mehr: 20 Jahre Ehe und das gut situierte Leben im Reihenhaus scheinen beendet, die Behandlungsliege ihrer Arztpraxis ist zu ihrer (vorübergehenden?) Unterkunft geworden. Wenig lustig. Dennoch ist Elin tagsüber weiterhin eifrig bestrebt, stets verständnisvoll, mitfühlend und tolerant für ihre Patienten da zu sein. Anderweitige Gefühle und Wahrnehmungen würde sie sich gar nicht erlauben wollen – doch die übernimmt ungefragt das lebensgroße Plastikskelett Tore, das zu Anschauungszwecken in ihrem Behandlungsraum steht. Seine gnadenlos ehrlichen Kommentare sind nicht nur entlarvend, sondern überaus witzig. Ganz ehrlich: So einen ‚Tore‘ sollten wir alle haben! 

Kat Menschik (Hrsg.): "Durch den wilden Kaukasus" (Galiani)

"Durch den wilden Kaukasus"

Kat Menschik – Selbstporträt © Verlag

Kaukasus-Autoren – gesehen von Kat Menschik © Verlag

Kaukasus. Geht es Ihnen wie mir, und Sie denken bei diesem Titel bipolar an Karl May und Fritz Pleitgen? Abenteuer, unberührte Landschaft, irgendwie gefährlich, aber reizvoll, dank heldenhafter Hauptfiguren aber geht immer alles gut aus. Und dann der sachliche Erklärer fremder Landstriche und Völker (USA inclusive), als Auslandskorrespondent sehr präsent im deutschen Fernsehen der 80er und 90er Jahre. Kaukasien – das sind mehr als 50 verschiedene Ethnien mit über 100 Sprachen. Das sind ethnische und geopolitische Konflikte. Das sind die Länder Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Das ist eine mehr als wechselvolle Geschichte an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien.

Frühlingsenzian © Verlag

Kaukasus-Rhododendron © Verlag

© Verlag

Für die meisten Europäerinnen ist das terra incognita. Gut also, dass wir mit diesem Buch in der Hand wenigstens lesend dorthin aufbrechen können. Illustriert hat es die wunderbare Kat Menschik, vielen sicher aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bekannt.

Wolfsmilch © Verlag

Breitglocken-Schachblume © Verlag

Knabenkraut

Katrin Burr: Mit diesem glitzernden, kleinen Gesamtkunstwerk werde ich blätternd, fühlend, lesend mindestens so viel Zeit verbringen wie mit den geheimen Reisevorbereitungen für meine Wanderreise durch Georgien. Ob ich dann auch einen Berg geschenkt bekomme wie die österreichische Bergsteigerin Cenzi von Ficker 1903? Ob ich wohl den Kaukasusmohn und die anderen 15 Pflanzen sehen werde, die mir durch Kat Menschiks Kunst so vertraut geworden sind? 

Christine und Manfred Färber: "Fürchtetal" (Rotopol)

Fürchtetal

Manfred Färber © Verlag

Christine Färber © Verlag

Nach dem plötzlichen Selbstmord ihres Vaters beginnen Christine und Manfred Färber eine stille Korrespondenz: Sie schreibt ihm, er zeichnet zurück. Jede Seite macht sichtbar, wofür oft die Worte fehlen. Es entsteht ein ganz eigener Dialog, der Platz lässt für Erinnerungen, Rätsel und Gefühle. Die Geschwister erkennen eine allgemeingültige Wahrheit: nichts ist so, wie man es erwartet, befürchtet oder erhofft.

Manfred Borg: Graphic Novel lässt sich nicht einfach mit Comic übersetzen. Bei beiden Genres steht zwar das Bild im Vordergrund, aber in der Graphic Novel werden häufiger auch ernste Lebenskrisen umgesetzt. Das Geschwisterpaar Färber hat den Suicid des Vaters und die eigene Trauer in einer Graphic Novel bearbeitet. Entstanden ist ein Buch mit eindrucksvollen Schwarz-weiß Bildern und einem intimen, berührenden Text.
 

Dolly Alderton: "Gespenster" (Atlantik)

Dolly Alderton : "Gespenster"

Dolly Alderton © Sunday Times

Dolly Alderton ist in Großbritannien sehr bekannt, denn in der Sunday Times schreibt sie eine Kolumne über ihr Liebesleben. In ihrem Debütroman erzählt sie die Geschichte einer jungen Foodbloggerin. Zunächst sehr konventionell, weil es nur um ihre neue, junge Liebe geht. Alles ist so normal und durchschnittlich, dass einem fast die Füße einschlafen. Aber dann geht es los, denn der Traummann ist auf einmal verschwunden, die junge Frau wird zum Opfer von Ghosting. Schade, dass der deutsche Verlag den Titel eingedeutscht hat, so geht die Zweideutigkeit des Originals leider verloren. Denn Ghosting beschreibt einen Zustand, in dem ein Date einfach nicht mehr antwortet – nicht schreibt, nicht anruft, nicht reagiert. Und das tut richtig weh.

In der SZ vom 09.04.21 hieß es: "Alderton erzählt von der gespenstischen Schizophrenie digitaler Strukturen. Indem sie einerseits einen tosenden Lärm erzeugen, ständige Erreichbarkeit herstellen und auf unkomplizierte Weise neue Beziehungen mit Fremden ermöglichen, entsteht eine beängstigende, totenhafte Stille, wenn sich die neuen Freunde plötzlich wieder entziehen." "Gespenster" ist also eine klassische romantic novel, very british, eine kleine Schwester von "Bridget Jones", nur eben im digitalen Zeitalter – demnächst sicher auch im Kino, denn die Filmrechte sind bereits verkauft.

Marie-Louise Puls: Als Urlaubsbuch gekauft, habe ich mich vom Titel über das bonbonfarbene gestaltete Cover täuschen lassen und war zunächst bitter enttäuscht. Was ich da las, entwickelte sich zunächst zu einer ziemlich klischeehaften Love-Story. Fast wäre das Buch deshalb in der Ecke ungelesener Bücher gelandet. Aber dann wendet sich die Geschichte, und wird dem Titel "Gespenster" gerecht.

Für Nina ist es unerträglich, dass ihr Partner Max auf einmal nicht mehr erreichbar ist. Bemerkenswert an dem Buch finde ich, dass die Protagonistin nicht ständig auf ihr Äußeres bedacht ist und Ghosting gedanklich seziert. Im Grunde ihres Herzens weiß sie nämlich, dass sie nicht Teil des Problems ist. Ich finde es sehr erfrischend, wie die Autorin sich mit Klischees auseinandersetzt und mit dem, was Frauen angeblich alles machen müssen, um gängiges Heiratsmaterial – und das mit über 30! Holy Shit! – darzustellen. Den Rest des Buches zu lesen, hat mich viel gekostet, denn die Geschichte ging mir unter die Haut. Ich habe so viel geweint.

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

(Jutta Hamberger)+++

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