Filmszene aus „Report der Magd“ von Joy Flood - Foto: Film

REGION Was wir lesen, was wir schauen (33)

Sonderedition Buchmesse, Teil 4: Nachlese – ans Herz gelegt

26.10.21 - Was war das für eine seltsame Messe! "Spooky" fand es eine Kollegin von mir, ein Verleger sprach von "Totentanz", von einer simulierten Messe war in der Welt die Rede, die Messe selbst sprach von "re:connect".

Ziemlich wenig los

Nur 25.000 Besucherinnen (hier und überall sind in den weiblichen Formen Männer immer mit gemeint) täglich durften auf das Gelände. Kein Gedränge in den Hallen, auf den Gängen und der Plaza draußen. Keine Schlangen vor den Klos und den Würstchen-Ständen. Sehr viel Platz – und sehr wenige Menschen. Es gelte, wieder dabei zu sein, hatte die Messe geworben. Viele Verlage hatten das nicht so gesehen, von den sonst ca. 7.500 Ausstellern blieben gerade mal 1.700 übrig. Viele mit stark verkleinerten Ständen. Und nicht überall waren an allen Tagen auch Standbesatzungen. Das Votum eines Kleinverlegers lautete: "Zu wenig Leute, zu teuer."

Man muss sich die Frage stellen, ob die Buchmesse nicht in Zukunft immer anders sein wird. Im letzten Jahr, als sie nur digital stattfand, haben viele gemerkt – hoppla, es geht auch ohne, auch in diesem Jahr haben viele dankend abgewunken. Was wird das für die Messe 2022 heißen?

Mehr als über Bücher wurde über einen rechten Verlag diskutiert, dessen Anwesenheit manch einer nutzte, um die eigene Gesinnung wie eine Monstranz vor sich herzutragen. Nein, so ein Verlag gefällt mir nicht. Ich bin aber davon überzeugt, dass Demokratinnen es aushalten müssen, dass es in Deutschland Meinungsfreiheit gibt. "Net amol ignorieren", heißt das auf bayerisch.

Gudrun Penndorf © Picture Alliance/dpa

"Die spinnen, die Römer"

Die 82-jährige Gudrun Penndorf wurde bei der Verleihung des Kinder- und Jugendbuchpreises für ihr Lebenswerk geehrt. Sie kennen Gudrun Penndorf nicht? Da geht es Ihnen wie vielen, aber ich bin mir sicher, Sie kennen die Bücher, die sie übersetzt hat – die Asterix-Comics. "Ihre kreativen Umbenennungen des Comicpersonals, ihr akribischer Rechercheeifer, ihre treffenden Wortspiele setzen bis heute Maßstäbe für das Übersetzen – nicht nur von Comics", hieß es in der Begründung der Jury.

Der allererste Asterix – „Asterix und der Gallier“

Penndorfs Lieblings-Asterix – „Asterix und Kleopatra“

Der aktuelle Asterix Bd. 39 – „Asterix und der Greif“

Für den Erfolg der Asterix-Bände in Deutschland war Penndorf ebenso wichtig wie ihre Kollegin Erika Fuchs für den Erfolg der Donald-Duck-Bände. Die ersten 29 Asterix-Bände hat sie betreut, und dabei viele ikonische Redewendungen geschaffen. Eine hochverdiente Auszeichnung!

Ein unbequemes Buch zur rechten Zeit

Antje Rávik-Strubel © Website Autorin

Antje Rávik-Strubel "Blaue Frau"

Den Deutschen Buchpreis erhielt am 19. Oktober Antje Rávik Strubel für "Blaue Frau". In Strubels Roman geht es um Adina, eine junge Tschechin, die mit einer Vergewaltigung durch einen westdeutschen Politiker zurechtkommen muss. Sie ist durch diese Gewalttat wie paralysiert. Sie wird nicht wirklich ernst genommen, eher erfährt sie Reaktionen wie "naja, so was passiert halt". Damit verwoben ist die Thematisierung des Ost-West-Konflikts oder auch die von Haben und Nicht haben (Geld und Einfluss, nämlich). Ohne den Preis wäre das vermutlich ein Buch für Kennerinnen geblieben, jetzt druckt der Fischer Verlag in sechsstelliger Höhe nach.

In einem Interview mit dem Tagesspiegel vom 17.10.21 sagte Antje Rávik Strubel: "Adina hat ein sexueller Übergriff unsichtbar gemacht. Unsichtbarkeit und Sprachlosigkeit in Sprache zu bringen, das hat mich interessiert. Außerdem die Frage, wie wir als Gesellschaft mit der grassierenden Gewalt gegen Frauen umgehen. Was macht diese Gewalt mit uns allen? Was betrachten wir als normal? Wieviel "rape" wollen wir in unserer "culture"?

Es sind genau diese Fragen, die sprachlos machen, weil wir nicht nur eine persönliche Antwort finden müssen, sondern auch eine gesellschaftliche. Das Buch habe "existentielle Wucht" und sei doch "poetisch präzise", begründet die Jury ihr Urteil. Leicht macht Strubel es uns nicht. Sie fordert uns heraus – sprachlich genauso wie emotional.

Seit Montag, 18. Oktober hat ihr Roman eine ganz neue Aktualität. Da nämlich kam "Me-too" so richtig in Deutschland an. BILD-Chefredakteur Julian Reichelt wurde endlich gefeuert, nachdem er jahrelang sein Unwesen getrieben hat, seine Macht missbraucht und jungen Frauen in der Redaktion ungestraft nachgestellt hat. Es ist die immer gleiche Geschichte: Machtbesessene Männer nutzen ihre Position aus, verführen, lassen fallen und drohen – und werden von noch mächtigeren Männern gedeckt. Es ist der NY Times zu verdanken, dass der Deckel vom Topf flog. Die fackelte nicht lange und deckte auf, in Deutschland übernahm das der Spiegel, denn die eigentlichen Investigativ-Journalisten, die monatelang recherchiert hatten, wurden von ihrem eigenen Verleger zum Schweigen vergattert. Auch das ein Skandal, der hoffentlich Folgen haben wird.

Die Stimme der afrikanischen Frauen

Filmemacherin, Theater- und Romanautorin: Tsitsi Dangarembga prägt die Literatur ...© APA / AFP / Daniel Roland

Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt am 24. Oktober Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe. Dangarembga ist Filmemacherin und Autorin und gehört nach Meinung der Jury zu den bedeutendsten Stimmen der afrikanischen Gegenwartsliteratur. Gerade im englischsprachigen Raum ist die Autorin keine Unbekannte. Für "Nervous Conditions" ("Aufbrechen", 2019) erhielt sie 1989 den Commonwealth Writers’ Prize. Die BBC nahm das Buch in die Liste der 100 wichtigsten Bücher auf, die die Welt geprägt haben. "This Mournable Body" ("Überleben", 2021) stand 2020 auf der Shortlist des Booker Prize. Tsiti Dangarembga gibt in ihren Büchern und Filmen afrikanischen Frauen Stimme und Gesicht und setzt sich für politische Veränderungen in ihrem Heimatland ein.

Tsitsi Dangarembga "Aufbrechen"

Tsitsi Dangarembga "Überleben"

Tsitsi Dangarembga "Der Preis der Freiheit"

Mit "Überleben" schließt sie ihre Trilogie um Tambu Sigauke ab. Für diese gibt es kein Entrinnen aus einem Leben, in dem Frauen weniger wert sind als Männer. Das Schlimmste aber: Tambu glaubt selbst daran. Dangarembga schreibt über gebildete Frauen im postkolonialen Afrika. Aber mal Hand aufs Herz – erkennen Sie sich in vielem nicht wieder? Für mich mit am erschütterndsten an ihren Büchern ist es, dass es ganz offenbar egal ist, ob FRAU in Afrika oder Europa beheimatet ist (oder anderswo). Sie trifft überall auf dieselben Grenzen und Begrenzungen. Sie wird überall damit konfrontiert, weniger wert und weniger wichtig zu sein als ein Mann. Sie wird überall sexualisiert. Und sie läuft überall Gefahr, diese Werturteile zu verinnerlichen. Diese Wahrnehmung von Frauen beschädigt Frauen. Das sollte Sie wütend machen – als Frau genauso wie als Mann.

Gastland Kanada

Reden wir endlich über Kanada. Dieses riesige Land, von dem sich auf der diesjährigen Buchmesse 60 Autorinnen präsentierten, aber nur wenige wirklich da waren. "Singular Plurality" war das kanadische Motto, einzigartige Vielfalt. Denn in Kanada spricht und schreibt man nicht nur englisch und französisch, sondern auch die Sprachen der First Nations oder die der großen asiatischen Einwanderergruppen. Hier vier Bücher made in Canada, die Sie unbedingt lesen sollten! Zwei Klassiker – und zwei Neuerscheinungen.

Margaret Atwood © Luis Mora / Piper

Margaret Atwood "Report der Magd"

Margaret Atwood, Der Report der Magd. Ein Klassiker ist diese Dystopie, die Sie vom Hocker reißen wird. Das Buch ist eine einzige Provokation. Es spielt in einem totalitären Staat, in dem Frauen zu Gebärmaschinen degradiert werden und keine Rechte haben. Eine dieser "Mägde" aber träumt von der Flucht, von einem eigenen Leben. P.S.: Lesen Sie einfach alles von Margaret Atwood, Sie können gar nix falsch machen.

Alice Munro © Derek Shapton

Alice Munroe"Zu viel Glück"

Alice Munro, Zu viel Glück. Das sind 10 Erzählungen, deren Heldinnen und Helden nicht das rechte Glücksmaß finden, mal ist es zu wenig, mal zu viel. Munro braucht nur wenige Seiten, um ganze Welten sichtbar zu machen und Schicksale zu erzählen – einfach großartig. Sie war übrigens die erste Kanadierin, die den Literaturnobelpreis erhielt. P.S.: Lesen Sie einfach alles von Alice Munro, Sie können gar nix falsch machen.

Michael Jean © Julien Faugere

Michael Jean "Kukum"

Michel Jean, Kukum. Das ist das richtige Buch für Sie, wenn Sie sich für die First Nations interessieren. Jean ist Autor und Journalist, und er ist Innu, spricht aber zu seinem Bedauern die Sprache nicht. Im Mittelpunkt des Romans steht Jeans Urgroßmutter, eine starke Frau, die darunter litt, dass man ihr Volk zwang, ihr Nomadenleben und ihre traditionelle Lebensweise aufzugeben. Die Verletzungen, die daraus resultieren, wirken bis heute nach. Ein Stück kanadischer Geschichte, vor dem das weiße Kanada lange die Augen verschloss.

Dany Laferrière © Camille Robitaille

Dany Laferrière "Granate oder Granatapfel"

Dany Laferrière, Granate oder Granatapfel – was hat der Schwarze in der Hand? Das ist eine Jack Kerouac-Geschichte. Ein junger (schwarzer) Schriftsteller soll für ein angesehenes Magazin eine Reportage über Nordamerika schreiben. Er reist und reist und reist, beobachtet, notiert, macht Fotos. Laferrière taucht ein in den amerikanischen Rassismus mit all seinen Stereotypen und Klischees. Es zieht ihn zu den Kontrasten – von bitterarmen Ghettos zu den Villen der Superreichen. Der Titel des dokumentarischen Romans bezieht sich auf Amadou Diallo, der gerade seinen Schlüssel aus der Tasche ziehen wollte, als er von weißen Polizisten erschossen wird. Sie gaben 41 Schüsse ab, von denen 19 den unbewaffneten Mann trafen. Das geschah 1999 in New York.

Frauen zählen? Frauen zählen!

Ist Ihnen beim Lesen der Sonderedition Buchmesse etwas aufgefallen? Es sind erstaunlich viele Bücher von Frauen, über die wir in unseren vier Reports erzählt haben. Von den 25 vorgestellten Autoren sind 20 Autorinnen. Ich hebe das deshalb hervor, weil es nicht selbstverständlich ist. Denn auch die Buchbranche ist nach wie vor "a man’s world". Wenn Sie ein wenig in Rage kommen wollen, bitte sehr:

https://www.boersenblatt.net/archiv/1525669.html
https://www.zeit.de/kultur/2016-04/schriftstellerinnen-literaturbetrieb-frauenquote-10-nach-8?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F
http://www.frauenzählen.de/

Und das sind ein paar Fakten:

Frauen zählen. Zur Pilotstudie über die Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im ...

- Mehr Frauen als Männer lesen und kaufen Bücher.

-  In der Verlagsbranche arbeiten mehr Frauen als Männer – nicht allerdings in den Top-Positionen (obwohl es sich zäh und langsam ändert).

-  Im Feuilleton werden mehr Bücher von Männern als von Frauen besprochen.

-  Kritiken über Bücher von Autoren erhalten mehr Platz.

-  Die überwiegende Zahl der Rezensenten und Kritiker ist männlich. 

Frauen gehen in L.A. gegen sexuelle Gewalt auf die Straße. © AP

Frauen schreiben so klug, so berührend, so nachdenklich, so intensiv und so spannend wie Männer. Aber sie bekommen dafür oft weniger Anerkennung und Aufmerksamkeit.  "Es geht in der Debatte nicht nur um Nachteile im Rennen um wirtschaftlichen Erfolg und Renommee, sondern auch um kulturelles Gleichgewicht. Denn nur was erscheint, kann auch besprochen und mit Preisen ausgezeichnet werden und so weiter in Bibliotheken, den Kanon und ins Bewusstsein einer Gesellschaft einziehen." (Michael Wurmitzer im Standard, 21.01.2020).

Sonst ergeht es uns so wie NRWs Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, der – von Markus Lanz am 13.10. dazu befragt, wieso denn nur Männer für den CDU-Vorsitz im Gespräch seien – antwortete: "Bei Frau sehe ich zur Zeit niemanden so richtig." Kann einem passieren, wenn man angestrengt immer nur in eine Richtung schaut und vergisst, dass die Welt keine Scheibe ist. In diesem Sinne – machen Sie es besser, und verbringen Sie vergnügliche Lesestunden!

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

(Jutta Hamberger)+++

O|N Serie: Was wir lesen, was wir schauen - weitere Artikel









































↓↓ alle 40 Artikel anzeigen ↓↓


Über Osthessen News

Kontakt
Impressum

Apps

Osthessen News IOS
Osthessen News Android
Osthessen Blitzer IOS
Osthessen Blitzer Android

Mediadaten

Werbung
IVW Daten


Service

Blitzer / Verkehrsmeldungen Stellenangebote
Gastro
Mittagstisch
Veranstaltungskalender
Wetter Vorhersage

Social Media

Facebook
Twitter
Instagram

Nachrichten aus

Fulda
Hersfeld Rotenburg
Main Kinzig
Vogelsberg
Rhön