Anita Lasker-Wallfisch am Cello - © privat, Abb. aus dem Buch

REGION Was wir lesen, was wir schauen (34)

Anita Lasker-Wallfisch: "Ihr sollt die Wahrheit erben"

07.11.21 - "Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng."

Paul Celans "Todesfuge" entstand Ende 1944/Anfang 1945, auf deutsch erschien sie 1948, erreichte aber erst einige Jahre später die Aufmerksamkeit und Wirkung, die wir heute mit diesem Gedicht verbinden. Es ist ein großartiges und erschütterndes Werk, das viele Kontroversen auslöste – immer entlang des Adorno’schen Diktums, nach Auschwitz sei es barbarisch, noch Gedichte zu schreiben.

Anita Lasker © privat, Abb. aus dem Buch

Konsens ist, dass das Grauen von Auschwitz nicht in Worte zu fassen ist, nicht in lyrische, nicht in sachliche. Konsens ist auch, dass niemand wirklich ermessen kann, was es bedeutet, Auschwitz überlebt zu haben. "Vor der Wahrheit der Vernichtung sind das Reden und das Schweigen gleichermaßen verloren. Es ist nicht gewiß, ob wir zur Welt der Opfer Zugang finden, ob durch Reden oder Schweigen. Sie bleibt uns oft auf schreckliche Weise entzogen", so Klaus Harpprecht in seinem Vorwort zu Anita Lasker-Wallfischs Buch "Ihr sollt die Wahrheit erben".

Mutter Lasker mit ihren drei Töchtern © privat, Abb. aus dem Buch

Nachmittagstee bei Familie Lasker © privat, Abb. aus dem Buch

Vater Lasker mit seinen drei Töchtern © privat, Abb. aus dem Buch

Dass Überlebende die Kraft fanden, uns Nachgeborenen von ihrem Leid zu erzählen, uns zu warnen, uns klar zu machen, wogegen sich das "Nie wieder!" richtet, ist eine schier übermenschliche Leistung. Sie taten und tun es auch, um dem in Deutschland wieder erstarkenden Rechtsradikalismus die Stirn zu bieten. Sie sind sich dessen bewusst, dass es sehr bald keine lebenden Zeitzeugen mehr geben wird – es bleiben Filme, Interviews und Bücher. Eines der bewegendsten Dokumente ist das Buch, das ich Ihnen heute ans Herz legen möchte. Auch, aber nicht nur, weil wir in wenigen Tagen wieder jener furchtbaren Reichs-Pogromnacht vom 9. November 1938 gedenken. "Es gibt Szenen in diesem Buch, die uns jede Sprache verschlagen, noch heute, 50 Jahre danach. Die uns stumm machen. Die manches, das wir sagen wollten, was wir vielleicht sagen müßten, ins Schweigen zurückdrängen", so Harpprecht, der mit Renate, Anitas Schwester, verheiratet war.

Ein Lager wie andere?

Monumente des Grauens aus dem Effektenlager in Auschwitz. Die Häftlinge nannten ...© Jutta Hamberger

In ihren Erinnerungen schreibt Anita Lasker-Wallfisch, Auschwitz habe sich wohl nicht fundamental von den anderen ca. 5.000 Vernichtungslagern unterschieden, es sei überall gleich schrecklich gewesen. Und doch ragt Auschwitz als Monument des Grauens und der Unmenschlichkeit hervor, mehr Menschen als hier wurden nirgends derart fabrikmäßig und systematisch ermordet (man geht von einer Million Opfer aus). Anita Lasker-Wallfisch dazu: "Es war eine Existenz auf Abruf, wenn nicht ein Wunder geschah, gab es keinerlei Grund zu der Annahme, dass man lebendig wieder aus dem Lager kommen sollte. Und trotzdem, die menschliche Natur ist so beschaffen: solange man noch atmet, hat man immer noch Hoffung. (…). Mit dem Kopf wusste man, dass es aus dieser Hölle keinen Ausweg gab – außer durch den Schornstein."

Schuhe, Museum Auschwitz © Jutta Hamberger

Leere Koffer, Museum Auschwitz © Jutta Hamberger

An der Rampe in Auschwitz © Jutta Hamberger

Die Familie Lasker war das, was man gutbürgerlich nennt – gebildet, literarisch aufgeschlossen, musikalisch talentiert, von einigem Wohlstand. Anita war die jüngste von drei Töchtern, sie und ihre Schwester Renate beschrieben immer wieder die liebevolle Atmosphäre im Elternhaus. Die Eltern ließen ihren Kindern eine gute Erziehung angedeihen, das Erlernen eines Musikinstruments gehörte selbstverständlich dazu. Anita wählte das Cello.

Die Eltern werden 1942 deportiert und ermordet. Anita und Renate kommen zunächst in ein Waisenhaus, dann ins Gefängnis, weil sie aufflogen beim Fälschen sogenannter Reisepapiere. Beide sagten später, das sei ihr Glück gewesen, denn im Vergleich zum KZ war ein Aufenthalt im Gefängnis fast schon luxuriös. Dennoch werden beide – getrennt voneinander – irgendwann nach Auschwitz deportiert. Anita an einem Donnerstag, dem "Auschwitz-Tag", wie sie schreibt. Im KZ wartet die sogenannte Willkommens-Zeremonie im Entlausungs- und Badeblock auf sie: "Ich musste mich ausziehen, mein Kopf wurde rasiert, und die Nummer 69388 wurde auf meinen linken Arm tätowiert. (…) Ich war wie gelähmt vor Angst und Vorahnungen. (…) Wahrscheinlich hat mich das Abrasieren der Haare doch letzten Endes am tiefsten traumatisiert. Man fühlt sich vollkommen nackt, unendlich verwundbar und zu einem NIEMAND reduziert. Da stand ich also, splitternackt und ohne Haare, mit einer Nummer auf dem Arm. In kürzester Zeit fand man sich jeder Faser menschlicher Würde beraubt."

Alma Mahler-Rosé

Irgendwann fällt das Stichwort Cello. Die Reaktion überrascht Anita: "Das ist ja phantastisch! Stell Dich abseits, bleib dort stehen und warte! Du wirst gerettet werden."

Die Walzermädel – das Orchester, mit dem Alma Rosé mit großem Erfolg durch Europa ...© Gustav Mahler Gesellschaft, Wien

Alma Rosé und ihr Vater © Gustav Mahler Gesellschaft, Wien

Alma Rosé – eine mondäne Dame von Welt © Gustav Mahler Gesellschaft, Wien

Was Anita da noch nicht weiß – das Instrument wird ihr wirklich das Leben retten. Denn sie kommt ins Mädchenorchester von Auschwitz, das Alma Mahler-Rosé leitete. Der war Musik in die Wiege gelegt wurden – Onkel: Gustav Mahler, Komponist, Vater: Arnold Rosé, Dirigent. Sie selbst war eine erstklassige Geigerin, hatte mit ihren "Walzermädeln"  in ganz Europa Konzerte gegeben und gehörte zu Wiens mondäner Welt.

Das Mädchenorchester in Ausschwitz – Illustration von Mithäftling Mieczysław ...

In Mädchen-Orchester gab es Geigen, Mandolinen, Gitarren, Flöten, Akkordeons – aber eben kein Cello. "Alma war eine starke Persönlichkeit. Sie wurde bedingungslos respektiert – von uns und allem Anschein nach auch von der SS. Sie nahm eine einzigartige Position ein. (…) Wenn es jemanden gegeben hat, der einer nahezu unmöglichen Aufgabe gegenüberstand, dann war sie es. Unter diesen schwierigen Umständen und mit einer Kollektion äußerst unkonventioneller Instrumente und einer ebenso unkonventionellen Kollektion von Musikern hatte sie die Aufgabe, ein Orchester zu gründen."

Alma Rosé im Jahr 1927 © Georg Fayer

Dies alles, während ringsum Tag und Nacht die Öfen arbeiten… eine schier nicht fassbare Situation. "Sie zog uns alle in den Bann ihres Wahns, aus dem Repertoire, das wir spielten, ewas Perfektes zu machen – und gerade damit half sie uns, daß auch wir nicht den Verstand verloren. Ich bin sicher, dass wir Alma viel schulden. Wer von uns überlebte, verdankt es vor allem ihr." Alma starb 1944 an den Folgen einer ungeklärten Erkrankung. Anita Lasker-Wallfisch sagte einmal über sie: "An ihrer Wiege stand Gustav Mahler, an ihrer Bahre Josef Mengele."

Irgendwann kommt auch Schwester Renate nach Auschwitz, dass sie sich finden, ist eine Fügung. Das Cello rettet letzlich auch die Schwester, denn Anita erreicht bei der Lagerkommandantin Maria Mandl, dass Renate als "Läufer" eingesetzt wird.

Transport nach Bergen-Belsen

Die russische Front rückt näher, die SS löst Auschwitz auf, verlegt ca. 3.000 Häftlinge nach Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide. Nur – dort gibt es gar keine Baracken für die Neuankömmlinge. Man verfrachtet sie kurzerhand in Zelte. Irgendwann werden Baracken frei – weil die bisherigen Häftlinge ermordet worden waren. In diesem KZ gibt es kein Orchester, dennoch bleibt die Gruppe der Musikerinnen zusammen. "Wir passten aufeinander auf wie die Luchse. Es war so schwer, der Versuchung zu widerstehen, sich gehen zu lassen und sich nicht mehr jeden Tag von Kopf bis Fuß zu waschen. Die Wasserhähne befanden sich im Freien, und es war Winter. Wir beobachteten uns gegenseitig, wie wir immer mehr abmagerten, und wir teilten miteinander, was immer wir an Eßbarem auftreiben konnten."

Anita und Renate Lasker nach ihrer Befreiung © privat, Abb. aus dem Buch

Anita Lasker-Wallfisch beschreibt, wie man in Belsen existierte. Im Lager funktionierte nichts, denn es hatte nicht die Todes-Einrichtungen von Auschwitz. Dort hatte man Menschen systematisch ermordet, in Belsen krepierte und verhungerte man einfach – und die Leichen blieben liegen. Die Alliierten rückten weiter vor, und sukzessive wurden die Häftlinge auf Todesmärsche gen Westen geschickt. Am 15. April 1945 erreichen die Engländer Bergen-Belsen. Die Zustände in den ersten Tagen und Wochen sind gut dokumentiert.

Beschäftigung mit einer neuen Dimension – dem Leben

Anita Lasker-Wallfisch © Philipp Gessler, taz

Anita Lasker-Wallfisch mit ihrer Tochter Maya Jacobs-Wallfisch. © B. Görlitzer

Anita Lasker-Wallfisch mit Bundespräsident Walter Steinmeier. © AP

Beide Schwestern melden sich bei der britischen Armee, und werden sofort als Dolmetscherinnen eingeteilt. Viele Freundinnen haben das Lager schon verlassen, denn sie hatten Heimatländer, in die sie zurückkehren konnten. "Das galt nicht für uns. Wir konnten Deutschland oder Breslau nicht mehr als unsere Heimat betrachten." Da Schwester Marianne in England ist, hoffen Anita und Renate, ebenfalls dorthin reisen zu können. Aber schnell geht da gar nichts.

Mit gefälschten Papieren – beide machten sich jünger, da man nicht älter als 21 sein durfte – beginnt dann endlich die Ausreise – erste Station: Brüssel. Es kommt zu Verzögerungen, denn die Mädchen haben einen Onkel in New York, und nach geltenden Kriterien qualifizieren sie sich damit nicht für die Einreise nach England. Es dauert drei Monate, bis beide die ersehnten Visa endlich in Händen halten. Im März 1946 beginnt für Anita und Renate das neue Leben.

"Überlebende sind eine Rasse für sich. Wie komplett auch die Integration in die Normalität sein mag, verbleibt immer ein unantastbares Gebiet, das der Alleinbesitz derer ist, die auf unerklärliche Weise verschont geblieben sind. (…) Meine eigene Geschichte hatte ein happy end, im Gegensatz zu der von Millionen anderen, deren Existenz ausgelöscht wurde. Sie haben keine Gräber, die bezeugen, dass sie jemals gelebt haben. Ihre Geschichten werden niemals erzählt werden. Die Millionen von Ermordeten verlassen sich auf die Überlebenden, Zeuge ihrer Existenz zu sein."

Foto: Cover

Zum Weiterlesen und -schauen

Ein Tag in Auschwitz https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/ein-tag-in-auschwitz-108.html

Ankunft eines Transports in Auschwitz https://www.zdf.de/dokumentation/zdf-history/auschwitz-birkenau-102.html

Das Geheimnis der Auschwitz-Alben https://www.zdf.de/dokumentation/zdf-history/auschwitzalbum-100.html

A painful reminder for all mankind https://archive.org/details/apainfulreminderevidenceforallmankind

Hoffnung, dass der Verstand siegt: Anita Lasker-Wallfisch bei der Gedenkstunde im Dt. Bundestag 2018

https://www.youtube.com/watch?v=nCD78mGo1XE

Zeitzeugenbegegnung mit Anita Lasker-Wallfisch

https://www.topfundsoehne.de/ts/de/service/mediathek/videos/2020/135254.html

Mich hat Auschwitz nie verlassen – Zeitzeugengespräch mit Anita Lasker-Wallfisch

https://www.youtube.com/watch?v=eHpK6oDKt8s

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

(Jutta Hamberger)+++

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