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Weitverbreiteter Cartoon in den Sozialen Medien – wenn die Titanic heute sinken würde - © Twitter

REGION Was wir lesen, was wir schauen (35)

Richard Evans: "Das Dritte Reich und seine Verschwörungstheorien"

28.11.21 - Verschwörungstheorien unterhaltsam zerlegt

Haben Sie gerade auch die Nase gestrichen voll von so ziemlich allem? Von Politikern, die nicht mehr oder noch nicht regieren wollen. Oder können – je nach Blickwinkel. Von Menschen, die sich für Quer'denker' halten, obwohl ihr Verhalten mit Denken rein gar nichts zu tun hat? Von kommunikativen Sündenfällen im Dutzend. Von feigen Politikern, Medienmachern, Talkshow-Mastern?

Die schöne Welt der Helden und Bösewichte

Buchcover Foto: DVA

Richard J. Evans © privat.jpg

Schön. Dann sind Sie in genau der richtigen Stimmung, um sich mit Verschwörungstheorien auseinanderzusetzen. Ich empfehle Ihnen dafür das spannende Buch von Richard Evans, in dem er sich mit fünf zentralen Verschwörungsmythen des Dritten Reichs auseinandersetzt. Es ist ein exzellent recherchiertes Buch, das sehr erhellend ist und immer wieder nachdenklich macht.

Evans macht klar, was der Nährboden für Verschwörungstheorien ist oder wer ihn bereitet: Menschen sind dann offen für jeden Mist, wenn ihr Wunsch nach Klarheit, Prägnanz und Struktur nicht erfüllt wird. Wenn also zentrale Funktionen versagen und/oder ein Führungsvakuum eintritt, gedeihen Verschwörungstheorien besonders gut. Wir leben gerade in Corona-Welle 4 und können die Theorie am eigenen Leibe überprüfen: Es gibt keinen Fehler, den die Verantwortlichen nicht und noch dazu mehrfach gemacht hätten. Wenn etwas verwundert, dann die erstaunliche Disziplin, mit der so viele Deutsche nach wie vor das befolgen, was sie von den Wissenschaftlern gelernt haben. Wenn wir diese Pandemie besiegen, wird es ein Sieg der vernünftigen Leute auf der Straße sein, nicht einer der Politik.

Narrative der Verschwörung

Es ist aber keineswegs so, dass Verschwörungstheorien ein Phänomen unserer Zeit oder gar der sozialen Medien wären. Es gab sie schon immer. Die Möglichkeiten des Netzes funktionieren allerdings wie ein Resonanzkörper und verstärken alles um ein Vielfaches – aber das Muster ist dasselbe geblieben. Evans meint, im Grunde seien Verschwörungstheorien das "Produkt moderner Wissenschaft und Gelehrsamkeit, deren grundlegende und gebräuchlichste Strukturen und Argumentationsweisen sie vielfach teilen". Aber dann trennt sich die Welt in Fakten und Schwurbeleien. Verschwörungstheorien malen eine Welt in Schwarz und Weiß, in der es entweder Helden oder Bösewichte gibt. Es ist eine Welt ohne Zweideutigkeiten. Wenn es nur GUT und BÖSE mit nichts dazwischen gibt, ist das einfach zu verstehen und bietet beste Möglichkeiten der Identifikation mit den Helden. Dumm nur, dass die Realität sich in der weniger aufregenden Grauzone der Komplexität abspielt.

Schauen wir zurück in eine der dunkelsten Phasen deutscher Geschichte – Jahre, die besonders empfänglich waren für Verschwörungstheorien. Die ‚schönsten‘ versammelt Richard Evans in seinem Buch – auch deshalb, weil sie teilweise bis heute weiterwirken. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie einfach widerlegbar jede einzelne von ihnen ist. Aber genau das ist eines der Kernprobleme von Verschwörungstheorien: Erst schwurbelt man sich die Welt so zurecht, wie es zur eigenen Vorstellungswelt passt. Wenn es zur Friktion mit der Wirklichkeit kommt, wird die zweite Stufe gezündet: Die Wahrheit wird angeblich unterdrückt, wesentliche Beweise vernichtet. Stufe drei ist dann lodernder Wahnsinn – bis aufs Blut wird die alternative Wirklichkeit verteidigt.

Fakten vs. Fiktionen

Protokolle der Weisen von Zion

Brennender Reichstag © Bundesarchiv, Bild 102-14367 / CC-BY-SA 3.0

Der Reichstag brennt © BPK

Der Reichstag brennt

Marinus van der Lubbe, ein niederländischer Arbeiter, der politisch eher links orientiert ...© Picture alliance

Ein Bild aus dem Prozess gegen Marinus van der Lubbe © akg-images

Das Dritte Reich war gut im Erfinden eigener Verschwörungstheorien, griff aber auch lustvoll damals sehr beliebte auf und drehte sie weiter. Sie können sich in diesem Buch vertiefen in

-        die Protokolle der Weisen von Zion von 1903,

-        die Dolchstoß-Legende von 1918,

-        den Reichstagsbrand von 1933,

-        die Flucht Rudolf Heß‘ nach Großbritannien im Jahr 1941,

-        die (angebliche) Flucht Hitlers aus dem Bunker im April 1945.

Adolf Hitler und Rudolf Heß © REX Shutterstock

Hitler und Heß © Keystone/Getty Images

Vor dem Führerbunker. Vermutlich die letzte Aufnahme Hitlers im April 1945 ...© picture alliance/AP

Zusammen ergeben sie das geistige Panorama, in dem sich der Nationalsozialismus bewegte. Evans macht klar, dass es nie darum ging, ob die NS-Größen diese Verschwörungstheorien tatsächlich glaubten (überwiegend taten sie das nicht), sondern darum, wie diese Theorien instrumentalisiert und gegen die sogenannten Gegner des Reichs eingesetzt wurden. Verschwörungstheorien waren eine Waffe wie Gestapo, KZ und Stukas. Sie wurden bewusst in der Propaganda des Regimes benutzt.

Anhänger von Verschwörungstheorien tun genau das, was sie allen anderen vorwerfen: sie stellen das Denken ein. Sie sind zu träge, um sich jenseits ihrer ‚bubbles‘ umzuschauen, zu feige, kontrovers zu diskutieren und zu dumm, sich Fehler einzugestehen. Sie sind nicht in der Lage, Quellen und Zitate zu beurteilen und suchen sich ihr Weltbild zusammen. Was nicht passt, wird passend gemacht – fertig ist die Verschwörungstheorie. Fast jede Verschwörungstheorie kann man mit einem gezielten Argument zerplatzen lassen – beispielhaft mal mit zwei der Theorien, die das Buch behandelt:

Heß im Gefängnis in Spandau © H. Aldrige & Sons, B/N/PS

Der Führerbunker im Garten der Reichskanzlei, Berlin

Was vom Führerbunker übrigblieb Bundesarchiv, Bild 183-V04744 / CC-BY-SA 3.0

-        Heß brachte Hitlers Friedensangebot nach Großbritannien und war auf einer Mission? Bullshit. Heß war zu diesem Zeitpunkt längst entmachtet. Wieso die Heimlichtuerei, wenn er in offizieller Mission unterwegs war? Wieso hat er sich nicht direkt an die britische Regierung gewandt, sondern an den Duke of Hamilton, der mit den Regierungsgeschäften nun wirklich gar nichts zu tun hatte?

Der gemeinnützige Verein Historiale hat doch tatsächlich den Führerbunker im ...© Historiale e.V.

Hitler auf einer der bekannten Fotografien von Heinrich Hoffmann © picture alliance / akg-images | Heinrich Hoffmann

Hitler lebt? © US Government/FBI/public domain

-         Hitler gelang es, den Führerbunker zu verlassen und nach Südamerika zu fliehen. Echt jetzt? Es gibt zahllose Augenzeugenberichte, sein Testament, die Überreste der verbrannten Körper etc. Und wieso, wenn er in Südamerika war, haben die dort zahlreich vertretenen Nazis nie Kontakt mit ihm gesucht? Wieso holte der Mossad sich dann den anderen Adolf (Eichmann), und nicht Hitler?

Von Sündenböcken und Komplexitätsfallen

Cartoon 'Impfen macht doof', Illustration von Mario Lars © Tagesanbruch Newsletter

© Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Ganz wesentlich für Verschwörungstheorien sind scheinbar einfache Antworten auf komplexe Sachverhalte. Deshalb gibt es in aller Regel jemanden, der schuld ist, schuld sein muss. Das wird als grundlegende Wahrheit verkauft, als Wurzel allen Übels. Das Heilmittel ist einfach und bedient sich der Denkstruktur des "Wenn nur…, dann!" Wenn Du die Wurzel des Übels beseitigst, dann hast Du das Problem gelöst. Bei den Protokollen der Weisen von Zion sind das die Juden. Beim Reichstagsbrand die Kommunisten und bei der Dolchstoß-Legende die verräterische, unpatriotische Heimatfront. Es ist einfach zu schön, sich im Schwarzweiß einzurichten. Ich zeige mit dem Finger auf jemanden, und zack, habe ich das Problem gelöst. Wenn dieser ‚jemand‘ dann bloßgestellt, beseitigt, ermordet wird, verschwindet das Problem ja wohl von selbst. Oder?

Wer mit Ungewissheit schlecht umgehen kann, der findet in Verschwörungstheorien Gewissheit und Kontrolle. Wem der aktuelle Zustand der Welt nicht passt, greift zur Verschwörungstheorie. Wer schon immer bestimmte Menschen argwöhnisch betrachtet hat, neigt dazu, sie zu Sündenböcken zu machen. Das alles ist emotional ungeheuer attraktiv, weil es wie eine Belohnung wirkt – der Weg raus aus der Komplexität führt in ein überschaubares, erklärbares Leben.

Das Gegengift

Wir schlagen den Kreis zurück zum Anfang. Was hilft gegen dieses ganze Geschwurbel? Menschen und Institutionen, denen man vertrauen kann. Und von denen Klarheit, gute Kommunikation und verständliche Erklärungen. Stringenz, Haltung und Überzeugung auch dann, wenn’s weh tut.

Kann man Verschwörungsfans davon überzeugen, dass sie falsch liegen? Selten. In der Regel lassen sie Austausch nur in der eigenen Überzeugungsblase zu und schwadronieren von "alternativen Fakten". So gut wie immer wird jede widerlegte Tatsache mit einem "ja, aber …" erwidert. Die übergroße Detailversessenheit führt dazu, dass das große Ganze aus dem Blick gerät. Und im Zweifel brüllt man eben "Fälschung", wenn man anders nicht mehr weiterkommt.

Verschwörungstheorien haben dieselbe Qualität wie der Enkeltrick. Das heißt: Entweder lesen und sehen Sie das als unterhaltsame Geschichten à la Hollywood, oder Sie entlarven den Quatsch. Bloß drauf reinfallen sollten Sie bitte nicht. Die Grundausstattung dafür haben wir schließlich alle mitbekommen, ca. 100 Milliarden Gehirnzellen.

Zum Weiterlesen

https://www.deutschlandfunkkultur.de/das-dritte-reich-und-seine-verschwoerungstheorien-die-ewige-100.html

https://www.buecher.de/shop/buecher/das-dritte-reich-und-seine-verschwoerungstheorien/evans-richard-j-/products_products/detail/prod_id/61391043/#reviews

https://www.nzz.ch/feuilleton/richard-j-evans-ueber-verschwoerungstheorien-zum-dritten-reich-ld.1651431

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

(Jutta Hamberger)+++

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