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Bücher unterm Weihnachtsbaum sind ein Muss! - Symbolbild

REGION Was wir lesen, was wir schauen (37)

XMas-Special: Bücher unterm Weihnachtsbaum – Teil 2

19.12.21 - Wir schenken, weil wir müssen. Das jedenfalls ist das Ergebnis einer Studie von Francis Flynn & Gabrielle Adams / Stanford University. Sie fanden heraus, dass Schenken Beziehungen stärkt und Menschen verbindet – deshalb greifen wir zum Geschenk. Und das gilt kulturübergreifend so. Wissen Sie was? Für diese Erkenntnis brauche ich keine Wissenschaftler, das war mir immer klar. Schenken ist Kommunikation. Mein Geschenk sagt mindestens soviel über mich aus wie über die Person, der ich etwas schenke. Sie suchen noch etwas? Bitte sehr, hier sind weitere äußerst lesbare Geschenkideen für Sie. Die ‚Aussucherinnen‘ habe ich ihnen bereits in Teil 1 unserer Weihnachts-Serie vorgestellt:

https://osthessen-news.de/n11659577/xmas-special-buecher-unterm-weihnachtsbaum-teil-1.html

Beatles Forever!

Beatles oder Stones? Mit "beide" hat wohl kaum jemand diese Frage beantwortet. Für mich gilt: Beatles – forever! Die Porträtfotos der Fab Four hingen bis zum Auszug in meinem Jugendzimmer, das Songbook war ziemlich durchgesungen und gespielt, und bis heute begleiten mich viele ihrer Songs. Sie tauchen in den verschiedensten Momenten und Stimmungen auf, wie gute alte Freunde, von denen ich mich ein Leben lang weiterhin gern besuchen lasse.

"Get Back" Cover Verlag

Beatles © dpa

Beatles © Ian Macmillan/Apple Corps Ltd.

Bei ihrer Trennung wurde nach Schuldigen gesucht, klassischerweise sah man die vor allem in den Frauen, die "dazwischenkamen". 1969, als die Beatles ein neues Album aufnehmen wollten, waren sie bereits seit drei Jahren nicht mehr live aufgetreten. "Get back" war gemeint als Überschrift und Arbeitstitel des Projekts. Es entwickelte sich leider anders: es wurde ihr letztes Album, ein "Let it be". Dass die Vier nach anstrengenden Jahren mit unzähligen Liveauftritten erschöpft waren, dass sich innerhalb der Band persönliche und künstlerische Differenzen entwickelt hatten, all das ist nachvollziehbar und teilweise dokumentiert. Denn damals hatte Regisseur Michael Lindsay-Hogg den Auftrag, die Arbeit im Studio filmisch zu dokumentieren. Die 60 Stunden Filmmaterial blieben aber größtenteils ungenutzt. Nun hat sich Peter Jackson das Material vorgenommen und digital aufbereitet. Es ist eine vielschichtige Geschichte, die er erzählt, nicht nur in der dreiteiligen Filmdoku, sondern auch in dem dazu erschienenen Buch, das bislang unveröffentlichte Fotos, Gesprächstranskripte und Stills enthält.

© Ian Macmillan/Apple Corps Ltd.

© Linda McCartney / 2020 Apple Corps Ltd.

© Ethan A. Russell / Apple Corps Ltd

Wer seine Beatles-Kenntnisse noch weiter vertiefen möchte: Holen Sie sich gleich noch Paul McCartneys "Lyrics", einen zweibändiger Prachtband, in dem er zusammen mit dem nordirischen Lyriker Paul Muldoon sein Leben und Werk im Spiegel seiner eigenen Songs betrachtet. Bereichert wird das Buch durch private Fotos, handschriftlichen Entwürfe und vieles andere mehr. (Agnes Bötticher)

#Beatles, #FabFour, #Hits, #Musik, #60erJahre, #Getback, #PeterJackson, #Kino
Peter Jackson + The Beatles, Get back. Droemer Knaur Verlag, 44 Euro
Paul McCartney + Paul Muldoon, Lyrics von 1956 bis heute. C. H. Beck Verlag, 78 Euro
 

Verlust und Neuanfang über vier Generationen hinweg

Iris Wolf © Anette Hauschild

Cover Verlag

Dieses Buch ist ein sprachliches Meisterwerk, das einen sowohl vom Umfang als auch vom Verbund der Geschichten in den Bann zieht. Die Personen formulieren wunderbar klare Erkenntnisse des Lebens in fast sentenzhaften Sätzen. So entsteht ein Kopfkino, das eigene Gedanken anstößt und diese nachhallen lässt.

Ich war überrascht, als ich im Nachgang merkte, dass ich sowohl die Autorin als auch die Personen in Siebenbürgen zu verorten hatte. Ein Satz wie "Für Anfänge muss man sich entscheiden, Enden kommen von allein, wenn man sich nicht entschieden hatte" bleibt neben vielen anderen Sätzen in meinem Gedächtnis. (Beate Bott)

#Liebe, #Generationen, #Familie, #Erzählung, #Literatur
Iris Wolff, Die Unschärfe der Welt. Klett Cotta Verlag, 20 Euro
 

Was strebst Du nur nach Gold und Geld?

Pedros Markaris © Regine Mosimann

"Das Lied des Geldes"

Es ist zwar bereits der 13. Fall von Kommissar Kostas Charitos, aber er hat immer noch Biss; auch wenn er inzwischen Großvater ist und immer noch auf seine Beförderung wartet. Sein neuester Fall spielt wieder in Athen – das Thema ist allerdings kein griechisches, sondern ubiquitär: Wohnungsnot und Investoren, unterbezahlte Jobs, Migranten. Es geht gleich gut los: Neben einem Flüchtlingsheim wird ein Investor ermordet, wenig später noch einer. Presse und Politik sind sofort alarmiert, die Morde lösen außenpolitische Verwicklungen aus. 

Großstadtkommissare kämpfen immer hart an der Grenze des Erlaubten. Würden sie immer auf einen Durchsuchungsbefehl warten, würde wohl kaum ein Fall aufgeklärt. Stress pur also. Der beste Ausgleich zu seinem Job mit Stau auf den Straßen und Bürokratie in den Ämtern sind für Kostas Charitos seine multikulturelle Familie und sein sozialistischer Freund Lambros Sissis. Die Freundschaft rührt aus jenen alten Tagen, als die Linke noch gegen die Polizei arbeitete. Inzwischen sind die Probleme jedoch so global und drängend, dass ohne gegenseitige Unterstützung gar nichts mehr läuft.

Alle Fälle sind durchaus auch unabhängig von einander gut lesbar. Man fühlt sich geradezu griechisch, spätestens wenn Adriani, die beste aller Ehefrauen, wegen der leeren Haushaltskasse mal wieder auf alte Bauernrezepte zurückgreift. (Cordula Schlichtig, Stuttgart)

#Thrill, #Crime, #Geld, #Immobilien, #Kochen, #Griechenland
Petros Markaris, Das Lied des Geldes. Diogenes Verlag, 24 Euro


Dieses Buch schreibt mir keiner nach

Oskar Maria Graf © SZ

Oskar Maria Graf, "Das Leben meiner Mutter" Coer Verlag

"Wenn alle meine Bücher vergehen, dieses Buch schreibt mir keiner nach und dies Buch bleibt. Dös glaub´ i bestimmt," urteilte Oskar Maria Graf (1894-1967, ab 1933 im Exil) über seinen autobiographischen Roman "Das Leben meiner Mutter". Auch Thomas Mann zeigt sich angetan: "Das ist ein wahres Monument der Pietät und Liebe und in seiner Art ein klassisches Buch. Gewiß werden später die deutschen Schulkinder Stücke daraus in ihren Lesebüchern finden."

Was die Lesebuch-Ausschnitte betrifft, irrte Thomas Mann, zumindest in Bezug auf die Bundesrepublik. Das dürfte vor allem an der Rezeption des Kommunismus-verdächtigen Pazifisten Graf im westlichen Nachkriegsdeutschland gelegen haben, sicher nicht an der Qualität des Romans, der sehr viel mehr ist als sein Titel suggeriert: nämlich nicht nur ein liebevolles, zugewandtes Porträt von Grafs Mutter Therese "Resl" Graf geborene Heimrath, sondern eine weit gespannte, mit politischen Randbemerkungen versehene Familiengeschichte im Kontext des Vormärz, der Reichsgründung, des Kaiserreichs, des 1. Weltkriegs, der bayerischen Räterepublik, der Weimarer Republik und des schleichenden Aufstiegs des Nationalsozialismus bis zur Machtübernahme.

Ganz klar: Das ist ziemlich viel Inhalt zwischen zwei Buchdeckeln – die gut 650 Seiten eignen sich hervorragend als Lektüre für lange Winterabende. Mich haben mehrere Dinge gefesselt: Zum einen die nie unkritische, aber ungeheuer warmherzige Zeichnung der pflichtbewussten, wortkargen, gottergebenen Resl Graf, die in ihrer "Ora-ora-et-labora-labora"-Mentalität (ja, beide Verben doppelt!) das Gegenstück zu dem sich um jeden Preis ausprobierenden, rebellierenden Sohn Oskar darstellt. Frauen wie sie gab es nicht nur in der Gemeinde Berg am Starnberger See, wo die acht Kinder der Familie Graf aufwuchsen, sondern auch im Landkreis Fulda bis zum Beginn der 1960er Jahre. Nur hatten die keinen Biografen. 

Ich halte dieses Buch für exemplarisch: einmal in Bezug auf eine noch aus eigenem Erleben vertraute Art von Frauenexistenz, aber auch in Bezug auf den Strukturwandel ländlicher Regionen in Deutschland. Exemeplarisch ist das Buch aber auch in Bezug auf das langsame, aber unaufhaltsame Eindringen politischer Ideologien in einen Alltag, der so stark von schwerer physischer Arbeit geprägt ist, dass keine Kapazitäten mehr für (Weiter)-Bildung bleiben. Deshalb finde ich es überaus bedauerlich, dass Thomas Manns Anregung der Lesebuch-Ausschnitte nie aufgegriffen wurde. Ich könnte mir nämlich einige lehrreiche Schulprojekte vorstellen, die ihre Anregungen aus Grafs "autobiographischem Roman" beziehen, der mir mehr "autobiographisch" als "Roman" zu sein scheint. (Gaby Brünnel-Goldberg, Jerusalem)

#Frauen, #Familiengeschichte, #Kaiserreich, #ErsterWeltkrieg, #Räterepublik, #WeimarerRepublik, #Nationalsozialismus
Oskar Maria Graf, Das Leben meiner Mutter. Ullstein Verlag, 12,99 Euro

Eine unbestechliche Kindheit

Edgar Selge © Finn Winkler

Edar Selge, "Hast Du uns endlich gefunden" Cover Verlag

Als Schauspieler schätze ich Edgar Selge schon lange. Dennoch, als sein Romandebüt angekündigt wurde, war ich nicht ganz frei von dem Gedanken: oh, noch ein Schauspieler, der sich zum Schreiben berufen fühlt. Aber manchmal ist der Himmel großzügig bei der Vergabe von Talenten, Selge hat wirklich einen großartigen Roman geschrieben. Er erzählt darin aus der Perspektive des 12-jährigen Edgar eine Kindheit in den Sechziger Jahren und in einer Familie, die stark von den Auswirkungen des Nationalsozialismus geprägt ist. Noch immer stecken die Eltern tief im Prozess, sich eingestehen zu müssen, in was sich ihr ehemaliger Lebensentwurf verkehrt hat.

Einer der vier Brüder verunglückt durch eine unentdeckte Handgranate tödlich beim Spielen – ein Trauma, das fortan alle begleitet und doch nicht wirklich geteilt werden kann. Der Vater, von Beruf Gefängnisdirektor, rettet sich in seine Leidenschaft zur Musik, in die er nicht nur die Familie, sondern zu Weihnachten auch die inhaftierten "schweren Jungs" miteinzubeziehen versucht.

Selge schont niemanden in diesem Buch – nicht den Vater, nicht sich selbst. Beim Lesen war es für mich, als träfe ich einen Seelenverwandten, einen, der die Abgründe kennt – aber auch die Fluchtwege. Einen, der sich durch Lesen, Filme und das sich Hineinfantasieren in durchaus auch fragwürdige Helden durch die Kindheit gerettet hat.  Der sich schämt und rebelliert. Einer der Sätze, der mich am meisten berührt hat, ist: "Ich will nicht jemand sein, der den liebt, der ihn schlägt." Und trotzdem ist dieses Buch durchdrungen von dieser Liebe zu den Eltern und der Suche nach dieser Liebe. (Agnes Bötticher)

#Kindheit, #Nachkriegsdeutschland, #Gesellschaftsroman, #VäterundSöhne, #Autobiographie
Edgar Selge, Hast Du uns endlich gefunden. Rowohlt Verlag, 24 Euro

 
Ihre gute Tat an Weihnachten

Joschi von Sarközy © privat

Cover Verlag

Dieses sehr besondere Buch ist das Ergebnis eines ungeheuren Engagements und großen Herzens. Joschi von Sárközy nämlich unterstützt leidenschaftlich die Hospizarbeit. Seit über 30 Jahren geht er in Kinderhospize und liest den todkranken kleinen Patienten vor. Aus dieser Tätigkeit entstand die Idee, ein Vorlesebuch zu schreiben. Pro verkauftem Buch gehen 0,50 EUR an das Kinderhospiz "Kleine Helden" in Michelsrombach, und der Autor selbst spendet 50 Prozent seines Honorars bei Lesungen.

Krankheit und Tod haben in unserer Leistungsgesellschaft oft keinen Platz. Beides aber sind wichtige Themen, gerade auch für Kinder, die selbst krank sind oder kranke Menschen in ihrem nahen Umfeld erleben. Nein, in dem Buch wird nicht vom Sterben erzählt, sondern vom Leben – und von Freundschaften. Es sind Vorlesegeschichten, die immer wieder thematisieren, dass es nicht darum geht, perfekt zu sein und alles richtig zu machen. Natürlich geht immer wieder etwas schief, Fehler gehören nun mal zum Leben, aber fast immer überwiegt am Ende die Freude.

Herr Amadeus, der in diesem Buch sehr viel erlebt und dem ziemlich viel misslingt, lebt in einem großen Haus mit vielen Mitbewohnern, denn alleine wäre es ihm viel zu langweilig. Wir treffen einen Hund, einen Esel, eine Katze, einen Fuchs – und Huhn Gertrud, das übrigens der heimliche Liebling von Dorothea Anzinger ist, die das Hörbuch eingesprochen hat. Die liebevollen IIllustrationen stammen von Sandra von Kuhnhard. (Jutta Hamberger)

#Regional, #Kinderhospiz, #Mut, #Lebensfreude, #Freundschaft, #Vorlesen, #Kinder
Joschi von Sárközy, Herr Amadeus und die schrecklich schönen Tage. Smart&Nett Verlag, 19,80 Euro

Subversiv-selbstbestimmter weiblicher Lebensentwurf

Angela Steidele © Wikipedia

"In Männerkleidern" Cover Verlag

Mit nur 34 Jahren wurde Catharina Linck 1721 als letzte Frau in Europa wegen gleichgeschlechtlicher Unzucht hingerichtet. Ihren Lebensweg beschreibt Angela Steidele in ihrem fesselnden Buch. Der biographische Bericht wird bereichert durch viele Dokumente und sorgfältig editierte Quellen, die Angela Steidele zusammengetragen hat.
Catharina Linck alias Anastasius Langantinus Rosenstengel verlebte eine Kindheit in ärmsten Verhältnissen. Sie wuchs auf im Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen in Halle. Mit 15 Jahren entschied sie sich dazu, als Mann zu leben und als Prophet auf Wanderschaft zu gehen. Später dient sie mehrere Jahre in verschiedenen Regimenten als Soldat, arbeitet als Knecht und bekam eine Anstellung in der Universitäts-Tuchmacherei in Halle.

1717 nimmt Catharina/Anastasius eine Arbeit bei einem Strumpfmacher in Halberstadt an. Hier lernt sie Margaretha Mühlhahn kennen, die sie im selben Jahr heiratet. Im Mai 1720 wird Catharina von der Schwiegermutter angezeigt, in Haft genommen und im November 2021 vom preußischen König wegen "Unzucht mit einem Weybe" zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Catharina Linck © Wikipedia

Viermal getauft – der Taufeintrag im Kirchbuch von St. Marienberg in Helmstedt bezeugt ...

Catharina Linck alias Anastasius. Gouache in der Sammlung des Davis Museums am Wellesley ...

Das ist weitaus mehr als nur eine spannende Lebensgeschichte, beim Lesen erfährt man viel über die historischen und religiösen Hintergründe der Zeit und die Lebensumstände der Unterschicht im Waisenhaus-Alltag. Catharina begibt sich auf einen abenteuerlichen und furchtlosen Lebensweg, in der Rolle als Mann genießt sie auch dessen Privilegien und sexuelle Freiheiten. Aber sie war eine Frau, und am Ende wurde sie für ihren Freiheitsdrang hart bestraft. Unbedingt lesenswert! (Anne Braun)

#Frauen, #Emanzipation, #17.Jahrhundert, #AnastasiusLagrantinusRosenstengel, #Sexualmoral, #Unzucht
Angela Steidele, In Männerkleidern. Insel Verlag, 24 Euro
 

Kuscheln am Sonntag

"Das große Knuddeln" Cover Verlag

Timon Meyer © Kaya Wielopolski

Julian Meyer Nikolaus Urban

Ein Sonntagmorgen kann ganz wunderbar sein, zum Beispiel wenn man Zeit hat, gemeinsam zu frühstücken. Dann gibt’s was, was es sonst nicht gibt, die Frühaufsteher holen Brötchen, die Gemütlichen decken in Schlafanzug oder Schlamperlook den Tisch, und irgendwie geht es allen gut, so mitten im Wochenende und mit Ausblick auf einen schönen Tag zusammen.

Es begann am Sonntag Abbildungen aus dem Buch (8)

Eier stibitzen

Theo geht’s schlecht

In genau dieser Stimmung beginnen Thorsten das Borstenschwein und Maus Linchen, die Helden dieses Bilderbuchs, den Tag. Es soll Omelett geben, jedenfalls falls Nachbar Theo Eier für sie hat. Die Stimmung kippt aber schnell in Sorge um, denn Nashorn Theo geht es überhaupt nicht gut, er hängt teilnahmslos als Trauerkloß herum. Was tun?

Es müsse ein echter Experte her, ist Maus Linchen überzeugt: "Flauschig weich und von Statur, am besten eine Frohnatur". Damit ist Freund Thorsten mit den Borsten leider aus dem Rennen, so sehr es ihn auch drängt zu helfen: er ist zu klein, zu struppig, zu ruppig. Der empfohlene Tröster und Versteher, Lippenbär Björn, versagt allerdings komplett, und so startet Linchen eine groß angelegte Kuscheloffensive mit allen Tieren.

In der Geschichte hat jetzt eigentlich alles wieder seine Ordnung: die Reime reimen sich (fast alle), die Tiere sind dem Alphabet nach an der Reihe, nur: der Effekt bleibt aus: "Theo verweigert sich komplett: "Ich komm nie wieder aus dem Bett! Was macht ihr alle denn mit mir? Glaubt ihr, ich sei ein Kuscheltier?" Während die Tiere sich zur Beratung zurückziehen, sieht Thorsten seine Chance: es kann doch nicht sein, dass er als Theos Freund nicht zum Zug kommen soll? Was dann passiert und wie der Sonntag endet? Das geht nun wirklich nur in Reimform: lautmalerisch, hochemotional und selbstverständlich mit einem Hoch auf den Helden und unerschrockenen Freund Thorsten. (Katrin Burr)

#Vorlesen, #Freundschaft, #Kuscheln, #Bilderbuch
Timon + Julian Meyer, Das große Knuddeln. Diogenes Verlag, 14  Euro

 
Leichtfüßig und glänzend erzählte Kulturgeschichte

Orlando Figes © Imago

"Die Europäer" Cover Verlag

Was für eine großartige Idee, einen Teil der Kulturgeschichte Europas anhand der Biographie von drei Personen zu erzählen! Pauline Viardot stammte aus einer Künstlerfamilie, war verheiratet mit dem Kunstkritiker Louis Viardot und eine gefeierte Opernsängerin (wie ihre ebenso berühmte und früh verstorbene Schwester Malibran). Bei einer Russland-Tournee lernt sie den Schriftsteller Iwan Turgenew kennen, der zu ihrem "Groupie" wird.

Die Biographien der drei Protagonisten Pauline, Louis und Turgenew bilden den Hintergrund (und stehen durchaus im Vordergrund) für die Entstehung eines europäischen Kulturbewusstseins. Es wird beflügelt durch die Entwicklung der Eisenbahn, das Zeitungswesen, das neu entstehende Urheberrecht, den wirtschaftlichen Aufschwung. All das ermöglicht ein kosmopolitisches Kulturleben und damit den verstärkten Austausch unter Künstler:nnen und Besucher:nnen. 

Fides entwirft ein umfassendes Panorama dieser Zeit. Schon seine Beschreibung der Entstehung von Bahnhofskiosken (weil immer mehr Menschen mit der Bahn fuhren und Lesestoff brauchten) ist hinreißend! So wird Geschichte lebendig und nachvollziehbar. Fides ist nicht ganz unumstritten – siehe auch seinen Eintrag bei Wikipedia – das tut dem Lesevergnügen allerdings keinen Abbruch. Ach ja: Er hat inzwischen offenbar die deutsche Staatsbürgerschaft, als vehementer Gegner des Brexit. (Gabriela Scolik, Wien)

#Erkenntnis, #Europa, #Kulturgeschichte, #Oper, #Literatur, #Kunst
Orlando Fides, Die Europäer. Hanser Verlag, 34 Euro
 

Ein Glück für Leser und Tintenfische

Michael Stavarič © Detailsinn

Michèle Ganser © privat

Faszination Krake Cover Verlag

Wenn Sie beim Stichwort "Krake" gleich abwinken, weil Ihnen die gruselschlechten und mit Millionen-Etats beworbenen Romane eines gewissen Drogeriebarons vor Augen stehen, kann ich Sie beruhigen. Wir sind hier weit entfernt von Müll zwischen Buchdeckeln, dieses Buch ist eine Entdeckungsreise in die Tiefen der Ozeane und zu Lebewesen, die geheimnisvoll-schön sind – und uns näher, als wir uns zunächst vorstellen können. Falls Sie den Netflix Film "My Octopus Teacher" gesehen haben, ist Ihnen die Krake vielleicht schon ein wenig ans Herz gewachsen, wenn nicht, wird es ganz sicher nach diesem Buch so sein.

Ein Krake schaut Dich an Abbildungen aus dem Buch (2)

Vom Pazifischen Riesenkraken bis zum Wunderpus

Der oder die Krake? Sehen Sie, Kraken sind uns sogar darin voraus – sprachlich geht beides völlig problemlos, und Sie müssen nicht mal das Unwort ‚gendern‘ verwenden. Kraken gehören zu den ältesten intelligenten Lebewesen unseres Planeten, und sie haben staunenswerte Fähigkeiten. Sie durchstreifen seit 400 Millionen Jahren die Ozeane, uns Menschen gibt es gerade mal 40.000 Jahre. Sie werden höchstens drei bis vier Jahre alt, haben drei Herzen und 33.000 Gene – viel mehr als der Mensch. Bei Kraken ist der ganze Körper Gehirn, auch die Tentakeln. Jeder Saugnapf kann selbst entscheiden, was er tut.

Evolution, Bionik, Genetik, dazu Geschichten, Witze, Mitmach-Ideen, Rätsel und die faszinierenden Illustrationen von Michèle Ganser – man kann sich weder sattsehen noch sattlesen an diesem wundersamen Buch. Ach ja, geschrieben hat Michael Stavarič das Buch für Kinder, in Wahrheit aber werden wir Erwachsenen es genauso toll finden und verschlingen. (Jutta Hamberger)

#Reise, #Krake, #Kalmar, #Octopus, #Ozean, #Entdeckung, #Kinder, #Sachbuch
Michael Stavarič/Michèle Ganser, Faszination Krake. Leykam Verlag, 25 Euro
 

Ein Hippie auf dem Land

Jess Kidd © Travis McBride

"Freund der Toten" Cover Verlag

Jess Kidd schreibt Geschichten, die so sorgfältig zusammen gesponnen sind, dass das Ende niemals absehbar ist. Ihr Debüt-Roman beginnt mit einem furchtbaren Mord an einer jungen Frau. Deren Säugling verschwindet im Wald und taucht Jahrzehnte später in dem irischen Kaff auf, in dem seine Mutter lebte und starb. Wenn Jess Kidd schreibt, das habe ich mittlerweile gelernt, dann sind Tote niemals weit. Ihre Protagonisten sind immer in bester, übernatürlicher Begleitung. So auch Mahony, das Baby von damals, der nicht nur den Tod seiner Mutter nicht auf sich beruhen lassen will, sondern auch von den Toten des Ortes nicht in Ruhe gelassen wird. Nur Mahony sieht die Gespenster des Ortes, von denen einige murren, andere ihre noch lebenden Geliebten unbemerkt stalken und wieder andere dem selbsternannten Ermittlerteam hilfreich zur Seite stehen. Weitere übernatürliche Ereignisse versetzen das Dorf in Aufruhr und lassen Mahony die Fährte des Mörders aufnehmen.

Die Geschichte vom Hippie Mahony mitten in einem konservativen irischen Dorf ist von Leichtigkeit und Humor getragenen, dabei aber auch so haarsträubend spannend, dass man das Buch einfach nicht weglegen kann. (Marie Louise Puls)

#Thrill, #Spannung, #Irland, #Geister, #Gespenster
Jess Kidd, Der Freund der Toten. Dumont, 20 Euro
 

Kursbücher sind ein Stück Weltliteratur

Jaroslav Rudiš © Michael Ernst

"Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen" Cover Verlag

"Belgier sind überzeugte Eisenbahnmenschen. Sie fahren viel Zug und lieben die Eisenbahn. So wie die Schweizer, Niederländer, Österreicher und auch die Tschechen." Sie merken, die Deutschen fehlen in diese Aufzählung, aber dennoch ist dies kein "senk ju vor träwelling"-Buch, das die vielfältigen Unzulänglichkeiten der Bahn thematisiert. Hier schreibt ein Liebender. Rudiš kommt aus einer Familie von Eisenbahnfans, und wollte eigentlich Lokführer werden. Seine Brille und die strengen Bestimmungen der tschechoslowakischen Bahn verhinderten das, so wurde er Schriftsteller.

Die Bahn spielt in all seinen Werken eine gewichtige Rolle, in dieser Gebrauchsanweisung nun legt er ihr seine Anbetung zu Füßen. Das ist wunderbar, tiefsinnig, manchmal altmodisch, hin und wieder ironisch, mit großer Zuneigung zur europäischen Geschichte und Literatur. Rudiš enthüllt seine tiefe Liebe zu Weichen, Loks, Kursbüchern, Speisewagen, Rangier-, Umsteige-, End-, Zwischen-, Anschluss--, Berührungs- und Trennungsbahnhöfen, aber auch zu den Menschen, denen man auf so einer Bahnfahrt begegnen kann.

Wenn Bahnfahren überwiegend so wäre, wie Rudiš es hier beschreibt, müssten wir nicht über Geschwindigkeitsbeschränkungen und E-Autos diskutieren, wir säßen alle liebend gern und oft im Zug. Bei Rudiš nämlich wird die Bahn zur Metapher des Reisens, durch deren Fenster die Welt an uns vorübergleitet.

Mit Fahrplänen reisen eignet sich besonders für Zeiten des Nicht-Reisen-Könnens, denn was bekommt man da nicht alles geboten: "Abenteuerromane, Reiseromane, Liebesromane, Kriminalromane, historische Romane. Einfach alle Romane, die man sich nur vorstellen kann. Und manchmal ist sogar ein wenig Science Fiction dabei, wenn man sich dann doch in den Verbindungen wie im Weltall verliert." So ein Kursbuch bietet eine friedliche und funktionierende Welt. Man bekommt Lust, sich in den Vindobona, den Hungaria, den Eurocity Berliner oder den Transalpin zu setzen und zum Reisenden zu werden, dem das Unterwegssein wichtiger ist als das Ankommen am Ziel. Und man wünscht sich, recht viele Bahn-Verantwortliche würden dieses Buch lesen, um zu begreifen, was sie aus der Bahn machen könnten.(Jutta Hamberger)

#Reise, #Unterwegssein, #Zugfahren, #Europa, #Bahnhof, #Kursbuch, #Lokomotiven
Jaroslav Rudiš, Gebrauchsanweisung für das Zugreisen. Piper Verlag, 15 Euro +++

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