- Foto: Hans-Peter Ehrensberger

REGION Der graue Lappen ist Geschichte

"Wehmütiger Abschied und Liebeserklärung an meinen alten Führerschein"

ZusatzinformationDas Landratsamt Fulda weist darauf hin, dass die alten Führerscheine auch nach der im Artikel genannten Frist vom 19. Januar noch problemlos umgetauscht werden können.+++

07.01.22 - "Nie wer' i den Tag vergessen, wie wir zwa uns das erschte Mal geseg'n ham. Es war Liebe auf den ersten Blick." Mit diesem Songtext beschreibt der österreichische Liedermacher Rainhard Fendrich die "Zweierbeziehung" zu seinem ersten Auto. Warum mir dieser lyrische Text einfiel und ich die eingängige Melodie still in mich hineinsummte? Gestern Morgen um 11:15 Uhr? Auf der Kfz-Zulassungsstelle in Bad Brückenau? Weil es absolut in den Zusammenhang passte. Weil die enge Verbindung eine ähnliche, die Situation und Stimmung eine ebenso emotionale war. Weil eine "Liebesbeziehung" endete, die 45 Jahre dauerte und hier auf der Führerscheinabteilung nun ein jähes Ende fand. Weil ich dort meine Lizenz zum Fahren abgeben musste. Damit wir uns gleich richtig verstehen: Umtauschen. Nicht abgeben. Behalten darf ich den grauen Lappen auch weiterhin. Gestanzt. Entwertet. Aber immerhin.

Abgeben musste ich das Uralt-Dokument indes zuvor noch nie. Das wäre wohl eher in der "Grünen Minna" passiert, die auch im schwarzen Bayern mittlerweile blau gedressed und angestrichen daherkommt. Aber seinerzeit eben noch in Grün. Und grün hinter den Ohren war der damalige Fahranfänger und heutige Verfasser dieser (spätzündenden) Zeilen, als er 1976 seinen Führerschein machte. Bei einer Fahrschule aus dem Landkreis Bad Kissingen, mit insgesamt 19 Überland-Fahrstunden rund um Burgsinn, Berg-Anfahren an der 17-prozentigen Gefällstrecke in Gräfendorf, Rück- und Vorwärts-Einparkversuchen in allen Dörfern des oberen und unteren Sinngrundes, die erste Autobahn- und Nachtfahrt auf dem noch relativ neuen Rhön-Highway A7 zwischen Bad Brückenau und Fulda, die theoretische Fahrprüfung in Hammelburg, die 15-minütige, sich gefühlt aber mindestens eine Stunde länger anfühlende praktische im Gebiet um Gemünden am Main - ja und eben nach Ablegung der Prüfung die Abholung des Papiers am Landratsamt in Karlstadt, die Aushändigung der "Erlaubnis zum Führen eines Kraftfahrzeugs mit Antrieb durch Verbrennungsmaschine der Klasse drei", wie es im Amtsdeutsch heißt und genauso im grauen Lappen drin steht.

Der begleitete mich fortan (manchmal auch nicht, weil vergessen zu Hause im Nachtschränkchen liegend, was sich aber an den fünf Fingern einer Hand abzählen lässt) zwei Drittel meines Autofahrer-Lebens. In meinem ersten "Schlitten", einem grünen Ford Escort. Zur Bundeswehr nach Mellrichstadt. Zum Studium in die bayerische Landeshauptstadt. In den ersten Ohne-Eltern-Urlaub auf einem Autoreisezug nach Sylt. In die Disco nach Zellingen. Als im Autoradio und über Kassette die "Dire Straits" mit "Sultans of Swing", von der "Spider Murphy Gang" deren Hit "In München steht ein Hofbräuhaus"  oder eben Rainhard Fendrichs "Zweierbeziehung" liefen.

Meine "Zweierbeziehung" war immer akkurat doppelt gefaltet, so dass sie in den (allenfalls nur spärlich!) mit Hartgeld gefüllten und auf ihn durchdrückenden Geldbeutel passte. Einmal wurde der Führerschein mitgewaschen, als er ausnahmsweise mal nicht im Portemonnaie steckte, sondern in der rechten Gesäßtasche einer Bermudashorts vergessen wurde. Das hat freilich der Konsistenz des widerstandsfähigen grauen Dokuments und schon gar nicht dem unwiderstehlichen Schwarz-Weiß-Foto seines Besitzers schönheitstechnisch Abbruch getan - eine Vokuhila-Frisur und der alte Lappen sind eben zeitlos und unverwüstlich. Zweimal fragten Polizisten nach ihm (dem Lappen, nicht dem Föhnfrisur-Träger) - einmal im Rahmen einer allgemeinen Verkehrskontrolle, das andere Mal waren zehn D-Mark Verwarnungsgeld wegen 15 km/h-Geschwindigkeitsüberschreitung inbegriffen.

Zwischen den Bildern liegen schon ein paar Jahrzehnte... Archivbild: Martin Engel

Nun muss ich meine einmalige Autofahrer-"Geburtsurkunde" gegen eine Plastikkarte eintauschen. Noch eine mehr, neben Gesundheits-, Scheck- und Sparkassenkarte, zusätzlich zu Presse-, Renten- und Schwerbehinderten-Ausweis. Und, und, und. Wo Plastik in Tütenform doch gerade verboten wird. Und mein alter, unverwechselbarer, mit einem absoluten Alleinstellungsmerkmal versehener und hunderten Erlebnissen verknüpfter grauer Lappen ebenso. Doch ich werde ihn weiterhin in meinem Herzen tragen und heimlich in der Seitentasche meines Handys mit mir führen. So fährt (hoffentlich noch lange)  mein alter grauer Lappen, ausgestellt am 01.09.1976 vom Landratsamt Main-Spessart,  als ruhestands- und rastloses Relikt über die Straßen dieser Republik!

Hintergrund zum  Führerschein-Pflichtumtausch

So langsam wird es eng und zeitlich knapp. Noch bis zum 19. Januar 2022 haben die Geburtsjahrgänge 1953 bis 1958 Zeit und Gelegenheit, ihren alten Führerschein, eben den "grauen Lappen", bei den zuständigen Führerscheinstellen in der Region umzutauschen und durch einen neuen, den EU-Scheckkarten-Führerschein, zu ersetzen.

Wenn der alte Führerschein nicht bei der jetzigen Zulassungsbehörde ausgestellt wurde, dann braucht man dafür noch eine so genannte Karteikartenabschrift der erstausstellenden Behörde. Das kann man telefonisch oder per E-Mail beantragen, wie man auf diese Weise auch Termine bei der zuständigen Umtauschstelle festmachen kann.

Zum eigentlichen Pflichtumtausch bei der dem Wohnsitz am nächsten gelegenen Behörde muss man mitbringen:

●     Personalausweis bzw. Reisepass

●     1 aktuelles biometrisches Lichtbild

●     1 Unterschriftsblatt zur Herstellung des Kartenführerscheins (kann vor Ort ausgefüllt werden)

●     bisheriger Führerschein

●     sofern der Papierführerschein nicht beim jetzigen Landkreis ausgestellt wurde, zusätzlich eine Karteikartenabschrift der Behörde, die den Führerschein ursprünglich ausgestellt hat

●     sofern Land- oder Forstwirtschaft besteht: Kopie Beitragsbescheid BG oder sonstiger Nachweis.
 
Bei Antragstellung durch einen Dritten zusätzlich:

●     Vollmacht

●     Ausweis der bevollmächtigten Person.

Der neue EU-Kartenführerschein wird direkt von der Bundesdruckerei durch die Deutsche Post AG per Einwurf-Einschreiben nach rund drei Wochen zugestellt. Sollten in diesem Zeitraum Auslandsfahrten anstehen, bitte einen anderen Umtauschtermin wählen, da der bisherige Führerschein beim Umtauschvorgang entwertet und lediglich als vorläufiger Nachweis der Fahrberechtigung gestempelt wird. Ein vorläufiger Nachweis hat im Ausland allerdings keine Gültigkeit. Der Umtausch in der örtlichen Führerscheinstelle kostet rund 30 Euro. Dazu kommen noch die Kosten für das biometrische Passfoto.

Die Verkehrsministerkonferenz hat zuletzt beschlossen, schreibt der ADAC, dass denjenigen, die es möglicherweise wegen Corona-bedingt eingeschränkter Öffnungszeiten der Ämter nicht schaffen, ihren Führerschein fristgerecht umzutauschen, bis zum 19. Juli keine Geldbuße droht. Wer danach dennoch weiter mit seinem alten Pkw- oder Motorrad-Führerschein fährt und die Frist für den Umtausch verstreichen lässt, riskiert ein geringes Verwarnungsgeld. (Hans-Peter Ehrensberger)


Wer auch noch einen solch antiken grauen Lappen sein Eigen nennt und sich nur unter Schmerzen davon trennt, sollte uns dringend ein Foto (bitte im Querformat!) mailen und gerne auch ein aktuelles Vergleichsfoto an [email protected] (red.) +++


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