Desdemona - Paul Patrick Martin, Öl auf Leinwand, Saatchi Collection - ©Saatchi Collection

REGION Was wir lesen, was wir schauen (40)

Christine Brückner, "Wenn Du geredet hättest, Desdemona"

06.02.22 - Ich will reden, wenn ich will

Cover Verlag

Als dieses Buch 1983 erschien, waren wohl viele überrascht. Christine Brückner war keine Unbekannte, sie hatte bereits zahlreiche sehr erfolgreiche Romane verfasst, am bekanntesten sicher die Poenichen-Trilogie. Man hatte sie unter nett-harmlose Heimat- und Frauenromane abgelegt. Und dann kamen Desdemona und weitere ziemlich wütende Frauen.

Spezifisch Weiblich in vielen Nuancen

Christine Brückner, das Bild wurde 1986 aufgenommen © picture-alliance / dpa

Es waren Frauen, die keine Lust mehr auf den Mist ihrer Männer hatten. Frauen, die sich zu Wort meldeten, weil keiner sie fragte, wie es ihnen geht. Frauen, die fanden, es gäbe schon genug Reden von (ihren) Männern. Und nein, diese Frauen waren nicht lieb und nett, zärtlich und sanftmütig. Sie waren aufsässig, wütend, zornig. Manchmal auch wehmütig, und immer voller Kraft. Sie standen zu sich und ihrem Leben, auch wenn darin nicht alles gelungen war. Ist es ein feministisches Buch? Insofern es Frauen ins Zentrum stellt, gewiss, insofern es auf subtile und literarische Weise patriarchalische Strukturen kritisiert, auch. Vor allem aber ist es ein literarisches Meisterwerk, denn Christine Brückner zeigt sich hier als Meisterin des Monologs – und als Dichterin, die sich in Frauen der Antike genauso einfühlen kann wie in ihre Zeitgenossinnen.

Die Frauen, die hier das Wort ergreifen, kennt man aus Geschichte, Literatur, Mythologie und Politik. Sie sind zwar bekannt, waren in ihrem eigenen Leben aber nie Hauptdarstellerinnen. Wir wissen einiges über das Leben dieser Frauen und viel über die Männer, die es dominierten. Jetzt treten sie aus dem Hintergrund und auf die Bühne und machen den Mund auf. Spot on – Christine Brückner versammelt in diesem Band Reden oder Monologe von Christiane Vulpius, Lysistrata, Gudrun Ensslin, Maria, Sappho, Katarina Luther, Effi Briest, Klytämnestra, der Kameliendame, Laura de Noves, Eva Hitler, einem ungeborenen Kind – und eine eigene Rede. Jeder Monolog ist in eine fiktive Situation eingebettet, jeder Monolog hat einen Adressaten. "Offenbar konnte nur eine Frau – eine Schriftstellerin von Format, eine feinfühlige Psychologin und eine genaue Kennerin des Ehealltags – diesen originellen literarischen Ausflug in die europäische Geschichte seit der griechischen Antike wagen und das spezifisch Weibliche in vielgestaltigen Nuancen erfassen." (so Klaus Ziermann in Berlingeschichte). Alle diese Reden sind großartig, meine Lieblings-Monologe greife ich heraus.

Schweig, Desdemona!

Desdemona wird von ihrem Vater verflucht – Gemälde von Eugène Delacroix ...©Brooklyn Museum

Desdemona – Bild von Frederic Leighton, ca. 1888 © public domain

Wir erleben die letzten Minuten im Leben Desdemonas, die sich verzweifelt gegen ihren rasend eifersüchtigen Gemahl Othello zu wehren versucht, der dem Gift Jagos mehr glaubt als seiner ihn liebenden Frau. "Jeder darf hören, was ich zu sagen habe. Oder hörst du nur auf das, was andere dir einflüstern? Warum fragst du nicht frei heraus? Man spricht nicht über jemanden, man spricht mit ihm!" Die sanftmütige Venezianerin ist empört, dass ihr Mann, der stolze Kriegsheld Othello, sich von einem Taschentuch in die Irre führen lässt. Wo ist der Held geblieben in diesem Augenblick? Sie erinnert ihn an ihrer beider Liebe, und weiß doch in ihrem tiefsten Inneren: Othello ist aus seinem Wahn nicht zu befreien, er wird das Schlafgemach zum Schlachtfeld machen. Wie klein ist dieser Held auf einmal, und wie groß diese zarte Frau!  Christiane Brückner macht klar, hier geht es nicht um klassisches Theater, sondern um eine Ehe-Tragödie von höchster Aktualität.

Im Zirkus Stammheim

Gudrun Ensslin © Bundesarchiv; Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof

Gudrun Ensslin und Andreas Baader in einem Pariser Café © Bundesarchiv; Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof

Ausschnitt aus einem Fahnungsplakat ca. 1970/1972

"Ich will reden, wenn ich reden will, und nicht, wenn ihr wollt, ihr Scheißer!", brüllt Grudrun Ensslin die Wand ihrer Zelle in der JVA Stammheim an, in der sie nur noch auf Socken läuft, weil sie ihre Schritte nicht mehr hören mag. Sie kommt sich vor wie ein undressiertes Raubtier hinter Gittern, "die große Raubtiernummer aus Stammheim, täglich in den drei Abendprogrammen des Deutschen Fernsehens. Fehlt nur noch das Laufgitter. Warum erhebt ihr keinen Eintritt?" Eine wütende Frau, die darauf pocht, eine politische Gefangene und keine Kriminelle zu sein. Und die doch ahnt, dass sie nur eine Fußnote in den Geschichtsbüchern bleiben und man ihr keine Denkmäler bauen wird. Das, was die RAF ursprünglich antrieb, wird hier fast physisch spürbar. Wollte man nicht eine bessere, gerechtere Gesellschaft? Wie passierte es dann, dass die Pfarrerstochter doch zur Kriminellen wurde? Diesen Gedanken denkt Gudrun Ensslin nicht, sie verharrt trotzig in ihrer Märtyrerpose und Arroganz (wir sind klüger als ihr). Je lauter sie auftritt, umso deutlicher spürt man die Versagensangst, und das aufkeimende Wissen darum, den falschen Weg beschritten zu haben.

Goethes dickere Hälfte

Christiane Vulpius, Frau von Johann Wolfgang Goethe, mit ihrem gemeinsamen Sohn August ...© dpa/picture alliance

In einem heute noch stehenden Haus in der Weimarer Luthergasse wurde Goethes Ehefrau ...© Ausflugsziele Weimar

Büste Christiane von Goethes von Carl Gottlob Weißer, ca. 1811/12 © Martin Schutt

Von der feinen Weimarer Gesellschaft wird sie verachtet, insbesondere von der noblen Frau von Stein, die sich allerhand auf ihre Bildung und Kultiviertheit zugute hält und noch viel mehr auf ihre Geistesfreundschaft mit dem Dichterfürsten Goethe. Das lässt sie dessen Verhältnis Christiane Vulpius spüren. Und die leidet unter dieser Hochnäsigkeit, auch wenn sie weiß: "Für ihn war ich sein Blumenmädchen. Ich war sein Mädchen. Er liebte Mädchen. Er hatte genug von den Damens!" Aber die Weimarer halten sie für ein Kind aus der Gosse, eines Dichterfürsten nicht würdig. Doch die "Hätschelehe" ist genau das, was Goethe will und braucht, denn, so Christiane, die standesgemäßen reputierlichen Ehen, die er in Weimar und Jena zu sehen bekam, waren nicht eben eine Werbung für Lebenslust. Wir spüren die Kraft und Energie dieser Frau und können nachvollziehen, was Goethe zu ihr zog. Und am Ende steht dieser kleine freche Gedanke, ob nicht die Vulpius die bessere Seelenfreundin war als die von Stein, gerade auch, weil sie ihm erlaubte, seine sinnliche Seite zu leben.

Aber Effi!

Angelica Domröse als Effi Briest © rbb/DRA/Hans-Jürgen Hoeftmann

Julia Jentsch als Effi Briest © Constantin

Effi und Innstetten (Julia Jentsch und Sebastian Koch) © Constantin

"So hat Mutter mich erzogen: Jeder Mann ist der Richtige. Gutes Aussehen, Adel, gute Stellung. Als ich Innstetten das erste Mal sah, überfiel mich ein nervöses Zittern. Als ob mein Körper sich hätte wehren wollen. Aber ich kannte die Äußerungen meines Körpers nicht." So beginnt Effis Monolog. Sie erinnert sich an ihren Ex-Mann, der sich ihr gegenüber wie ein Schulmeister aufführte, sie in Angst und Furcht versetzte, bestimmte, wann es Zeit für Zärtlichkeiten war, und der auch sonst alles plante und anordnete. Da war kein Platz für Sehnsucht, Zärtlichkeit, Leidenschaft und Heimlichkeit. Instetten war der Mann, der in Effi immer nur sah, was sie nicht war und nicht hatte. Sie konnte es ihm nicht recht machen. Sie war immer die Falsche. Sie war nicht vorbereitet auf das Leben, nicht vorbereitet auf die Ehe, ein selbstbestimmtes Leben war nie vorgesehen – Effi Briests Leben ist voller verpasster oder verbotener Möglichkeiten. Kennst Du nur das Zauberwort… Effi hat es nie gefunden. Und wieder denke ich beim Lesen: Das ist leider kein Drama des 19. Jahrhunderts und ergo Vergangenheit, Frauen erleben dies – auch in Deutschland – nach wie vor. Die Ehe mag gut sein für Männer, für viele Frauen ist und bleibt sie ein Gefängnis.

Die Trostlosigkeit des Bösen

Eva Braun im Bikini © Spiegel TV

Herr und Frau Hitler © Spiegel TV

Eva Braun inszeniert sich als bayerisches Mädel © Spiegel TV

"Ich war keine Mitwisserin, ich war sein Privatleben", das ist einer dieser Sätze, die ins Mark treffen. Eva Hitler sagt ihn, sie ist gerade ihrem Adolf frisch angetraut, aber der macht lieber sein Testament, als sich um die Gattin zu kümmern. Denn geplant sind ja keine Flitterwochen, sondern ein Doppelselbstmord. "Ich habe ihn immer nur mit ‚Meinführer‘ angeredet, auch wenn wir allein waren. Damit ich mich in der Öffentlichkeit nicht verspreche. Meinführer, das stimmte ja auch, eigentlich war er ja nur mein Führer." Auf den wenigen Seiten dieses Monologs zeichnet Brückner das Bild einer Frau, die nicht viel konnte, aber gelernt hatte, sich zu verstellen und anzupassen, und die deshalb auch die dunklesten Flecken ihres Mannes wegschob und ignorierte. "Ich kann mich nicht um alles kümmern!" wird zur Entschuldigung für Krieg, Judenverfolgung und alle anderen Verbrechen Hitlers und seines Regimes. Hauptsache, er liebte sie – und nicht eine andere. Draußen geht die Welt unter, Millionen Menschen sterben – aber Eva Hitler freut sich über ihr persönliches Glück. Kann man diese Frau verstehen? Kann man nachvollziehen, was sie bewegte? Es fällt schwer – und genau das beleuchtet dieser Monolog.

Vergnüglicher literarischer Feminismus

Mit diesem Buch konstatierte die Brückner, dass sie es leid war, als freundliche Pfarrerstochter, die erfolgreichen Mainstream schreibt, abgetan zu werden, ich bin überzeugt, sie wollte raus aus dem Brav- und Nettsein. Vielleicht stieß ihr auch auf, dass die Feministinnen der 1970er und 1980er Jahre sich mit ihren Frauengestalten so schwertaten, weil sie nicht ins links-feministische Weltbild passten. Aber gibt es nicht andere emanzipatorische Möglichkeiten? Vielleicht war Christine Brückner damals schon weiter als viele Feministinnen.

Nach 39 Jahren begeistert mich die "Desdemona" noch so wie beim ersten Mal. Wieder bewundere ich, wie Christine Brückner es schafft, ohne Theorie oder Abhandlung diese Frauengestalten zu porträtieren. Auch, wer noch nie von Effi, Lysistrata, Christiane oder Gudrun gehört hat, weiß nach wenigen Zeilen, wen er vor sich hat. Wir erfahren etwas über die Zeit, in der diese Frauen gelebt haben, die Konventionen, denen sie sich beugen mussten, die Opfer, die sie gebracht haben. Aber es wird uns auch schnell klar: Diese Frauen waren keine Hascherl, keine Opfer ihrer Lebensumstände. Sie haben sich letztlich alle für ihre Lebenswege entschieden, auch wenn keine von ihnen ahnen konnte, wohin ihr Weg sie führen wird.

Cover der Audio-CD

Übrigens ist auch die Audio-CD sehr hörenswert, auch wenn sie nur eine Auswahl der Reden bringt. Eingesprochen wurden die Texte von Eva Matthes, Maria Wimmer, Christa Berndt, Doris Schade und Rita Russek.


Rezensionen

https://berlingeschichte.de/lesezei/blz97_11/text26.htm

Foto: ©Nicole Dietzel, Dinias

(Jutta Hamberger)+++

O|N Serie: Was wir lesen, was wir schauen - weitere Artikel




















































↓↓ alle 51 Artikel anzeigen ↓↓


Über Osthessen News

Kontakt
Impressum

Apps

Osthessen News IOS
Osthessen News Android
Osthessen Blitzer IOS
Osthessen Blitzer Android

Mediadaten

Werbung
IVW Daten


Service

Blitzer / Verkehrsmeldungen Stellenangebote
Gastro
Mittagstisch
Veranstaltungskalender
Wetter Vorhersage

Social Media

Facebook
Twitter
Instagram

Nachrichten aus

Fulda
Hersfeld Rotenburg
Main Kinzig
Vogelsberg
Rhön