Der Angriff auf Pearl Harbour war eine militärische Katastrophe: Ein Großteil der amerikanischen Pazifikflotte wurde versenkt und zerstört, 2.335 US-Soldaten starben. - © US NAVY/Interim Archives/Getty Images

REGION Was wir lesen, was wir schauen (42)

"Fünf Tage im Dezember": Weltgeschichte von Pearl Harbor bis Kiew

13.03.22 - Am 07. Dezember 1941 griffen die Japaner Pearl Harbor an. In vielen Köpfen ist verankert, dass damit automatisch aus dem Krieg ein Weltkrieg wurde. Am 11. Dezember 1941 erklärte Hitler den USA den Krieg. Zwischen diesen beiden Tagen hing das Schicksal der Welt in der Schwebe – mit hektischen Anrufen, Konferenzen und diplomatischen Aktivitäten rund um den Globus.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben

Nach dem Angriff auf Pearl Harbour © Hulton Archive / Getty Images

"Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt". Vielleicht täte es uns allen gut, mehr Weimarer Klassik zu inhalieren als dauernd Social Media! Am 24. Februar 2022 begann Putin seinen Angriffskrieg auf die Ukraine – und unsere Welt wurde eine andere. Jetzt ist viel von einer Zeitenwende die Rede, für mich ist es eher ein Zeitenriss. Putin beendete die Jahrzehnte währende Friedensordnung in Europa, unklar ist, wie viel davon er noch einreißen will. Was jetzt als (neuer) politischer Realismus beschrieben wird, ist so neu aber nicht: Wer den Frieden will, muss dafür sorgen, dass alles andere außer Frieden für potentielle Angreifer ungleich teurer wird. Im Poesiealbum aller Pazifisten müsste entweder die oben zitierte Tell’sche Sentenz stehen oder der Merksatz: Wer Schwerter zu Pflugscharen machen möchte, sorgt besser dafür, dass die Schwerter scharf sind.

In diesem Ukraine-Krieg haben viele Beteiligte sehr falsch gelegen. Putin dachte, die Ukrainer wollen zurück zu Russland. Er ging davon aus, der Krieg sei eine Sache von wenigen Tagen. Und im Westen ging man ohnehin davon aus, dass er schon keinen Krieg anfangen würde. So viele falsche Annahmen – womit wir wieder im Dezember 1941 wären. Die Parallelen zwischen Putin und Hitler sind unübersehbar.

Wieso kam es zu Hitlers Kriegserklärung?

Hitler Kriegserklärung an die USA am 11. Dezember 1941. Übrigens war diese Kriegserklärung ...© Keystone-France/Gamma-Keystone via Getty Images

Wieso erklärte Hitler den USA eigentlich den Krieg? War ihm nicht klar, dass das nur in einer Niederlage enden konnte? Stand er unter Drogen oder war das womöglich Kalkül? Wenn Sie das genauer wissen wollen, sollten Sie das ungemein kluge und spannende Buch von Simms/Laderman lesen. Lassen Sie sich von dem etwas drögen deutschen Titel nicht in die Irre führen. Der Originaltitel "Hitler’s American Gamble" trifft es viel besser – denn was in diesen fünf Tagen ablief, glich einer Partie am Roulette-Tisch. Und wie das beim Spielen so ist – die Einsätze sind hoch, und am Ende geht einer geschlagen von dannen. Auf dem Weg in den Weltkrieg gab es keinen Automatismus. Es sind einzelne Entscheidungen der zentralen handelnden Personen, die zum Weltkrieg führten. Es hätte auch anders kommen können.

Sieger und Verlierer nach dem Ersten Weltkrieg

Autor Brendan Simms © Autor

Cover “Fünf Tage im Dezember” © DVA

Autor Charlie Laderman © Onur Pinar

Ohne Verständnis für die Folgen des Ersten Weltkriegs versteht man weder den Zweiten Weltkrieg, noch Pearl Harbour und das Eintreten der USA in den Krieg. Die USA hatten, genau wie Deutschland und letztlich auch Japan, ihre Schlüsse aus dem Ersten Weltkrieg gezogen. Für die USA lief es gut, das Jahr 1918 markiert den Beginn der amerikanischen Entwicklung hin zum wirtschaftlich und militärisch potentesten Staat der Welt. Dem Völkerbund traten die USA nicht bei, man hatte keine Lust auf Internationales. Man war überzeugt, die Welt für die Demokratie gesichert zu haben (so US-Präsident Woodrow Wilson).

Damit hatte man allerdings die Rechnung ohne die Mächte gemacht, die zu kurz gekommen waren oder das so empfanden. Erkennen Sie ein Muster? Auch im Jahr 2022 gibt es Mächte und Länder, denen es gut geht, die sich prächtig entwickeln – und solche, die unter Minderwertigkeitskomplexen leiden und alter Größe nachtrauern. Und die willens und in der Lage dazu sind, daran etwas zu ändern. Hitler wollte den Versailler Vertrag ungeschehen machen und Deutschland zu alter Größe, gern auch größerer Größe, führen. Putin leidet an Phantomschmerzen durch den Zerfall der Sowjetunion, und will diese zurück.

Hitler sah schon in den 20er Jahren sehr klar die Stärke der USA und betrachtete sie als Machtfaktor, der auch Deutschland gefährlich werden konnte. Um das abzuwenden, verfolgte er drei Ziele mit aller Macht:

-        den Einfluss der Juden zurückdrängen,

-        Territorialgewinne machen, vor allem dort, wo es reiche Bodenschätze gab,

-        Aufrüstung im großen Stil.

Ähnlich hielt es Japan, das zwar zu den Siegermächten des Ersten Weltkriegs gehörte, aber unter der fehlenden Anerkennung durch Großbritannien und die USA litt. Dazu kam noch der verletzende anglo-europäische Rassismus. Auch in Japan waren Rohstoffe knapp, auch hier sah man die Lösung in territorialen Gewinnen. Im Grunde betrieben also beide Mächte eine Art Lebensraum-Politik. Der Dritte im Bunde derer, die bei einer Neuverteilung der Macht endlich einen fetten Happen abhaben wollten, waren die Italiener. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich diese drei "Herausforderer-Mächte", wie die Autoren sie nennen, zusammenschlossen und miteinander kooperierten.

Hitlers Arbeitszimmer in der Neuen Reichskanzlei. Riesige Dimensionen – eher ein ...© Bundesarchiv, Bild 183-J31305 / CC-BY-SA 3.0

Die Achse, die sich da bildete, war äußerst aggressiv und erfolgreich.  Spätestens ab 1937 sah Nazi-Deutschland die USA und Großbritannien als feindliche Mächte. Diese beiden Mächte sah man als "Besitzende", die den "Habenichtsen" Berlin, Rom und Tokio die ihnen zustehend Rolle in der Welt verweigerten. Eine Sichtweise mit entsetzlichen Folgen, vor allem für die Juden Europas.

Diese Unzufriedenheit der Herausforderer-Mächte kontrastiert mit der Selbstzufriedenheit der USA, die sich, durch zwei Ozeane von den europäisch-asiatischen Kriegstreibern geschützt, sicher fühlte. In den 1930er Jahren war es daher erklärtes Ziel der US-Außenpolitik, eine Beteiligung an einem Krieg im Ausland zu vermeiden. Dennoch waren die Amerikaner relativ früh bereits in den Krieg involviert, denn sie unterstützten zunächst Großbritannien, nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 auch diese mit Militärgütern (festgelegt im sog. Leih-Pacht-Gesetz).

Die faschistische Bildsprache wiederholt sich dieser Tage bei Putins Inszenierungen ...© Mikhail Klimentyev/dpa

Ich schlage wieder den Bogen ins Jahr 2022: Putins Verherrlichung Stalins als Sieger des Zweiten Weltkriegs und Bezwinger der Nationalsozialisten ist eine grobe Verfälschung der Tatsachen. Die Rote Armee hat sicher den höchsten Blutzoll aller Soldaten entrichten müssen – und ja, das trug erheblich zu Hitlers Niederlage bei. Mindestens so wichtig war aber, dass Amerika sein ganzes Gewicht in die Waagschale warf und jenseits aller Ideologie für den Sieg über den gemeinsamen Feind eine zeitweilige Partnerschaft mit der Sowjetunion einging.

Pearl Harbour – Ende und Anfang

Simms und Laderman greifen zu einem für uns Leser:innen außerordentlich lustvollen Kunstgriff: sie übersetzen die Gleichzeitigkeit dieser fünf Tage im Dezember zwischen Angriff und Kriegserklärung in ein Drehbuch. So sind wir live in allen Zeitzonen dabei, wenn in Berlin, Tokio, London, Paris, Washington und anderen Orten Weltgeschichte gemacht wird. Die Autoren ordnen Geschehnisse ein, erklären, beleuchten, vertiefen – und lassen neben den Mächtigen der Welt auch immer wieder einfache Leute in ihren Briefen oder Tagebüchern zu Wort kommen.

In diesen Dezembertagen endet Hitlers Blitzkriegstrategie, der europäische wird zu einem Weltkrieg und die Weichen für die Nachkriegszeit werden gestellt. Wir Heutigen, für die ‚sofort‘ und ‚überall verfügbar‘ gewissermaßen mediale Grundbedingung geworden ist, können uns nur schwer in eine Zeit hineinversetzen, in denen Nachrichten langsam reisten, am schnellsten noch über den Telegrafen. Auch daraus speist sich der Schwebezustand jener Tage. Die Analyse der beiden Autoren ist exzellent, ich weiß nicht, wie viele Dokumente sie herangezogen haben (der Anhang mit Quellen und Zitaten ist fast 100 Seiten stark). Durch diese Collage entwickelt man ein viel besseres Verständnis für die damaligen Vorgänge.

Es gab keinen Automatismus

In einem Land, in dem man das Wort „Krieg“ nicht aussprechen darf, muss man wohl ...© Twitter

Putin im Gespräch mit seinem Außenminister Lawrow, eigentlich einer seiner engsten ...© Kreml/dpa

Auf den weltweiten Demonstrationen gegen den Ukraine-Krieg am 27. Februar trug ein ...@ Facebook

Die weitverbreitete Ansicht, Pearl Harbour habe ganz klar zum Eintritt der Amerikaner in den Krieg geführt, widerlegen die beiden Autoren. Es gab eben keinen Automatismus, sondern ein banges Warten darauf, wie die Würfel fallen würden. Denn zunächst beendeten die Amerikaner alle Lieferungen aus dem Leih-Pacht-Gesetz, weil sie davon ausgingen, die Militärgüter nun zur eigenen Verteidigung zu benötigen. Das wiederum verschärfte die Situation für Großbritannien und die Sowjetunion. Das amerikanische Volk wollte keinen Krieg gegen Nazi-Deutschland, sondern einen gegen Japan. Und nicht zu vergessen: Deutschland war im Dreimächtepakt nicht verpflichtet, Japan beizustehen, jedenfalls nicht, solange die USA nicht Japan angriffen. Die USA wiederum hätten sich für einen lokal begrenzten Krieg im Pazifik entscheiden können.

Mit den beiden Autoren gelangen wir so von Wegscheide zu Wegscheide, verfolgen die Entscheidungen und was jeweils daraus resultierte. Der Wendepunkt ist Hitlers Kriegserklärung an die USA. Mit dieser einen Entscheidung besiegelte er seine Niederlage.

"Das Buch ist vor allem ein Lehrstück in Strategie. Es fokussiert durchgängig auf den Zusammenhang zwischen Diplomatie und Militärstrategie. Die klassischen Diplomaten sehen dabei bisweilen alt aus."  (NZZ, 07.12.2021) Déja-vu-Gefühle? Ja, die sollten Sie haben. Auch im Jahr 2022 lernen wir und lernen vor allem die politischen Eliten im Westen aufs Neue, dass Militärstrategie Teil der Diplomatie sein muss. Und womöglich werden wir in einigen Monaten auch erkennen, dass Putins Angriff auf die Ukraine den Anfang seines Endes markiert.

Rezensionen

https://www.nzz.ch/feuilleton/pearl-harbor-brendan-simms-und-charlie-laderman-ueber-1941-ld.1658481

https://www.thetimes.co.uk/article/hitlers-american-gamble-by-brendan-simms-and-charlie-laderman-review-00kvnw9md

https://www.nytimes.com/2021/11/19/books/review/hitlers-american-gamble-brendan-simms-charlie-laderman.html

https://www.sueddeutsche.de/politik/pearl-harbor-zweiter-weltkrieg-usa-japan-hitler-buch-1.5491181

(Jutta Hamberger)+++

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