VhU-Präsident Mang zur aktuellen Lage. Im Fokus: Erdgas. - Symbolbild: Pixabay

FRANKFURT AM MAIN Erdgas-Versorgung im Fokus

VhU-Präsident Mang: "Ohne Erdgas stehen die Produktionsbänder still"

10.04.22 - Flächendeckenden Produktionsausfälle und massive Störungen der Wertschöpfungs- und Lieferketten: Davor warnt die hessische Wirtschaft im Falle eines Erdgas-Mangels. Die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) lehnt aus diesem Grund ein kurzfristiges Erdgas-Embargo ab, wie aus der offiziellen Pressemitteilung von Freitag hervorgeht. "Ohne Erdgas stehen nahezu überall in Hessen die Produktionsbänder still: Produkte können nicht mehr hergestellt werden, Maschinen und Material drohen irreparabel Schaden zu nehmen. Wir wollen uns alle nicht ausmalen, was es bedeuten würde, wenn Grundstoffe und Güter fehlten und neben Lebensmitteln in den Supermärkten beispielsweise auch Medikamente in den Apotheken knapp würden", so das Statement von VhU-Präsident Wolf Mang.

Außerdem heißt es vom VhU-Präsidenten weiter: "Die Rückmeldungen aus unseren Mitgliedsverbänden und Unternehmen unterstreichen, wie vielschichtig und weitreichend die Auswirkungen auf das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben wären. Das geht quer durch alle Branchen und Unternehmensgrößen. Allein die Nutzenergieversorgung der rund 90 im Industriepark Höchst ansässigen Chemie- und Pharmaunternehmen mit etwa 120 Produktionsanlagen basiert im Wesentlichen auf Erdgas."

Einige Unternehmen etwa bei Stahl oder Papier hätten ihre Produktion bereits zurückfahren, weil sie laut Mang die Preissteigerungen bei den Energiekosten nicht mehr kompensieren können. "Wenn jetzt auch noch ein Versorgungsdefizit bei Erdgas hinzukäme, dann würden wir davon reden, dass viele Chemie- und Industrieunternehmen, darunter beispielsweise MeierGuss in Limburg oder Fritz Winter in Stadtallendorf, ihre Produktion ganz oder teilweise einstellen müssten."

Erdgas-Lieferungen: Mang warnt vor Konsequenzen

In der Pressemitteilung stellt Mang zusätzlich heraus: "So sehr ich die Rufe nach einem Erdgas-Embargo angesichts der abscheulichen Kriegsverbrechen in der Ukraine nachvollziehen kann und emotional teile – als Präsident der VhU ist es meine Aufgabe und meine Pflicht, vor den Konsequenzen eines solchen Schrittes zu warnen. Wir haben uns in eine Abhängigkeit begeben, die es uns jetzt unmöglich macht, kurzfristig auf Erdgas-Lieferungen aus Russland zu verzichten. Die Folgen wären dramatisch. Mit einem Erdgas-Embargo würden wir uns mehr schaden als dem Aggressor Putin. Das ist die bittere Wahrheit."

Der VhU-Präsident unterstütze deshalb den Kurs der Bundesregierung, kurz- und mittelfristig an russischen Erdgas-Lieferungen festzuhalten, bis die Mengen durch andere Lieferanten und Energieträger ersetzt werden können. Mang konstatiert: "Es gibt derzeit keine verfügbare Alternative zu Erdgas aus Russland. Wir dürfen unsere volkwirtschaftliche Basis nicht aufs Spiel setzen. Sonst gefährden wir auch unsere Fähigkeit, militärische und humanitäre Hilfe leisten zu können – während des Krieges, aber auch danach. Nur als wirtschaftlich starker Partner sind wir in der Lage, die Ukraine beim Wiederaufbau zu unterstützen."

Ein Ausfall von Erdgas könne in den meisten Fällen kurzfristig nicht kompensiert werden und würde in vielen Unternehmen unweigerlich zum Produktionsstopp führen. "Viele Prozesse benötigen Temperaturen im hohen dreistelligen Bereich. Diese Prozesswärme ist technisch derzeit oft nur mit Erdgas darstellbar. Das ist etwas anderes als das Heizen von Gebäuden. Hier geht es nicht um ein paar Grad mehr oder weniger, sondern um ganz oder gar nicht."

Dabei sei es unerheblich, wie viel oder wenig Erdgas benötigt werde. "Der Erdgas-Anteil am Gesamtenergiebedarf beträgt in einer nordhessischen Gießerei rund 15 Prozent, in einem mittelhessischen Industrieunternehmen etwa die Hälfte und in einem südhessischen Chemieunternehmen circa 90 Prozent. Trotzdem wäre die Folge überall gleich: alle drei Unternehmen könnten ohne Erdgas nicht mehr produzieren", so Mang in der Pressemitteilung. 

"Die einzelnen Produktionsschritte greifen wie Zahnräder ineinander. Fällt ein Zahnrad aus, funktioniert der gesamte Prozess nicht mehr. Da nützt es wenig, wenn ich als Gießerei den Schmelzofen als Hauptprozess zwar mit Strom betreiben kann, ich aber im vorgelagerten Prozessschritt einzelne Komponenten wie Sandkerne oder sogenannte Pfannen nur mit Erdgas trocknen oder erhitzen kann." Bremsscheiben, Schaltschränke, Gusseisen, Abwasserrohre, Kunststoffe – all diese Produkte seien laut Mang an irgendeiner Stelle der Herstellungsverfahren auf den Einsatz von Erdgas angewiesen.

Kurzfristig auf einen anderen Energieträger umzusteigen, sei für die meisten Unternehmen keine realisierbare Option. So werde im Industriepark Höchst zwar derzeit geprüft, ob das eigentlich bereits stillgelegte Kohlekraftwerk wieder reaktiviert werden könnte. Doch das wäre allenfalls mit mehreren Monaten Vorlaufzeit möglich und mit erheblichen Kosten im siebenstelligen Bereich verbunden. Mang gibt außerdem in dem Statement zu bedenken, dass ein Wechsel des Energieträgers, etwa von Erdgas auf Öl, zum Entzug der Betriebserlaubnis führen könne oder dass behördliche Grenzwerte nicht mehr eingehalten werden könnten.

Mang warnte abschließend in der Pressemitteilung vor einem Dominoeffekt, dessen Folgen auch über die Industrie hinaus reichen würden: "Denken wir beispielsweise an Gullydeckel auf den Straßen. Die Firma MeierGuss aus Limburg ist Hauptlieferant solcher Schachtabdeckungen für Deutschland und Europa. Auch dieses Unternehmen wäre gezwungen, die Produktion einzustellen. Ein Ausfall seiner Lieferungen würde mittelfristig zu einem Stopp zahlreicher Straßenbauprojekte führen." (pm/mkr) +++


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