"Kinder", spricht die Mutter Hase, "putzt euch noch einmal die Nase mit dem Kohlblatt-Taschentuch! Nehmt nun Tafel, Stift und Buch!" Liebevoller Start in den Schultag – und nach der Schule das Familienritual der gemeinsamen Mahlzeit - © Verlag

REGION Was wir lesen, was wir schauen (45)

"Kinder", spricht die Mutter Hase - Albert Sixtus: Die Häschenschule

17.04.22 - Diese Karzeit war besonders hart. Angriffskrieg gegen die Ukraine, Zeitenwende in Deutschland und Europa, wachsende Unsicherheit. Seither müssen wir Antworten auf Fragen finden, die wir viele Jahre aus Bequemlichkeit nicht gestellt haben. Und die andere große Krise mit dem C ist ja längst noch nicht vorbei. Zeit für einen Oster-Verschnaufer, liebe Leserinnen und Leser!

Geschichte eines Bestsellers

Die schwarze Erstausgabe 1924 – für vier Ausgaben blieb die „Häschenschule“ ...© Sixtus Archiv

Ich stelle Ihnen heute ein Buch vor, das ziemlich genau 100 Jahre alt ist – der Text entstand 1922, die Illustrationen 1923, das Buch erschien 1924 bei Alfred Hahn, Leipzig. Bis 1943 kletterte die Auflage auf 388.000 und bis heute auf weit über eine Million. Allein seit 2009 wurden laut Media Control über 300.000 Exemplare verkauft (Originalausgabe und Mini). Das Buch gibt es auch in vielen fremdsprachlichen Ausgaben, sogar eine alemannische, eine sorbische und diverse mundartliche Ausgaben (ja, klar – auch hessisch!) kann man bekommen. Es gibt sicherlich nur wenige Haushalte, in denen dieses Buch nicht vorhanden ist, wir alle können die ersten Verse wohl auswendig. Inzwischen gibt es auch zwei Kinofilme und einige Fortsetzungen der Geschichte.

Albert Sixtus in einer ca. 1926 entstandenen Aufnahme © Sixtus Archiv

Albert Sixtus war Lehrer und begann seine Tätigkeit 1915 an der Realschule in Kirchberg, Kreis Zwickau. Im selben Jahr heiratete er, bekam einen Sohn, und wurde eingezogen. Den Ersten Weltkrieg überlebte er, litt aber zeit seines Lebens an den Verletzungen. 1918 trat er wieder in den Schuldienst ein. Dort blieb er, bis die Nazis ihn 1937  entließen, seine liberale, menschenfreundliche Haltung passte nicht in ihre Ideologie. Bis 1936 veröffentlichte er 44 Bilderbücher, publizierte in vielen Zeitschriften, schrieb Verse und Stücke. "Von Mitte der zwanziger bis Mitte der dreißiger Jahre gab es wohl kaum ein Kind, das nicht in irgendeiner Form mit seinen Reimen in Berührung kam, und an vielen Schulen wurden seine Märchenspiele aufgeführt." (Website Sixtus-Archiv). Sixtus starb nach langer, schwerer Krankheit 1960 in Jena. In seinem Nachlass wurden zahlreiche nicht veröffentlichte Manuskripte gefunden.

Von der 26. bis zur 40. Auflage sah die Häschenschule grün aus, die 55. und 56. Auflage ...© Sixtus Archiv

Die Häschenschule schrieb Sixtus in der Nacht des 30. April 1922. Er selbst sagte dazu: "Die Verse purzelten mit nur so aus der Feder. Alles rundete sich wie von selbst zu einem Ganzen". Da auch seine Frau sehr zufrieden mit dem Werk ist, schickt er es an den Verlag Alfred Hahn, Leipzig. Dort erkennt man das Potenzial, bittet den Autor noch um einige neue Szenen und beauftragt den Illustrator Fritz Koch-Gotha mit Illustrationen. 1924 erscheint die "Häschenschule" in der Form, wie wir sie heute kennen – es hat bis heute nur wenige Veränderungen gegeben. Was macht dieses Buch so erfolgreich? Kommen Sie mit mir in die Häschenschule, vielleicht finden wir es heraus.

Lesen Sie doch, was Sie wollen!

Natürlich gibt es auch Ostereier zum Befüllen mit Motiven der Häschenschule © ...© Jutta Hamberger

Schwedische Ausgabe von 1956, italienische von 1998 und in Latein von 2005 ...

Kann man die Häschenschule nicht mögen oder sogar ablehnen? Man kann, klar kann man. In meinen Recherchen bin ich auf einen Artikel aus der taz vom 27.03.2013 gestoßen, in dem der – übrigens in Fulda geborene – Kinder- und Jugendbuchautor Wolfgang Hänel die Häschenschule in Grund und Boden verteufelt: Ein ‚Erziehungsbuch‘ hätte der Lehrer Sixtus damals geschrieben, "das mit einfach gereimten Texten und farbenfrohen Bildern für das warb, was keinesfalls hinterfragt werden durfte und aus kleinen, anarchistischen Monstern brave Kinder und gute Erwachsene machen sollte." Also reinste wilhelminische, schwarze Pädagogik.

Aus Sixtus‘ Vita wissen wir, dass er das Buch vor allem für seinen kleinen Sohn und seine Frau schrieb, die beide märchenhafte, magische Geschichten liebten. Für ihn selbst stand der märchenhafte, kindgerechte Charakter der Geschichte immer im Mittelpunkt.

Ja gewiss, dieses Bilderbuch erweckt eine längst vergangene, festgefügte Welt zum Leben. Genau darin liegt doch sein Reiz, genau wie bei anderen Nostalgie-Produkten. Nostalgie hat viel mit Selbstvergewisserung zu tun, mit Sehnsucht nach dem Gestern und schönen Erinnerungen an Vergangenes – und mit dem klaren Wissen, dass das Heute andere Anforderungen stellt. Genau diesen Aspekt ignoriert Hänel aber, er postuliert, dass – wer die "Häschenschule" möge -  alle (pädagogischen) Veränderungen seit 1968 negiere. Ich sehe das keineswegs so. Ich lese Literatur aus vergangenen Jahrhunderten nicht deshalb, um ihr ‚Fehler‘ nachzuweisen und meine ‚richtige‘ Gesinnung zu überprüfen, sondern weil ich gerne und vielseitig lese und mich auseinandersetze.

Die Häschenschule gibt es auch als erzgebirgischen Schmuck – diese hier steht in ...© Jutta Hamberger

Wer Bücher verbieten will, egal aus welchem ideologischen Grund, steht immer auf der Seite der Unfreiheit. Ich bin davon überzeugt, wer liest, braucht niemanden, der Lektüren vorschreibt oder verbietet. Es gibt keine ‚guten‘ und ‚schlechten‘ Bücher – es gibt nur solche, die uns Lesern in einer bestimmten Phase unseres Lebens etwas bedeuten. Oder eben nicht. Erst durch den Dialog mit dem Leser gewinnt ein Buch seine Bedeutung. Wenn der Leser keine Beziehung zu einem Buch herstellen kann, wendet er sich achselzuckend ab. Die für sich selbst richtige Lektüre zu finden, ist eine lebenslange und wunderbare Beschäftigung. Damit kann man gar nicht früh genug beginnen.

Für deutsche Schulpolitik kann die Häschenschule nichts

Bereits zwei Filme entstanden nach den Charakteren und Motiven der Häschenschule, ...

"Jagd nach dem Goldenen Ei"

Ja, die Schule hat (und verursacht) Probleme. Ja, das Prinzip des Nürnberger Trichters scheint noch immer Lehrpläne zu formen. Ja, der schöne alte Lateinersatz, "non scholae, sed vitae discimus" wird im Klassenzimmer fast täglich zu Grabe getragen. Ja, das in der Schule vermittelte ‚Wissen‘, das man später nie benötigt, ist eindeutig größer als das, was einen als Mensch und Persönlichkeit reifen lässt. Ja, dem Lernen wird in der Schule vielfach die Lust ausgetrieben. Ja, man muss als Schüler und begleitender Erwachsener erhebliche Anstrengungen machen, um dem entgegenzuwirken. Ja, es gibt kaum Eltern, die nicht drei Kreuze schlagen, wenn die Schulzeit endlich vorbei ist.

Klar, Schulen sind heute diverser, Familien auch – Papas können kochen und Mädchen sind nicht mehr nur adrett und brav. Ich lese gern Bilderbücher vor. Der schönste Teil daran ist immer das Gespräch mit dem Kind, dem man vorliest. Denn Kinder stellen tausend Fragen beim Betrachten und Vorlesen, so entsteht in ihnen die Welt des Buchs neu – Kopfkino eben. Man kann neue und andere Akzente in die ‚Häschenschule‘ hineinbringen, kann die Kinder entscheiden lassen, was ihnen besonders wichtig ist, kann über Unterschiede zum Heute sprechen usw., die "Häschenschule" hält all das problemlos aus.

Drei von vielen Fortsetzungen – nicht alle stammen von Albert Sixtus ...© Esslinger Verlag

Man kann in der "Häschenschule" übrigens auch eine ganz andere pädagogische Idee aufschimmern sehen – alles, was mit dem Begriff Montessori beschrieben wird. Man ist draußen im Grünen, auf Kreativität wird Wert gelegt, es wird Musik gemacht, wildes Toben in den Pausen ist erwünscht, es wird Sport getrieben, die Häschen lernen Pflanzen kennen und kümmern sich um ihren Schulgarten.

Die Welt entdecken mit der Häschenschule

Auf dem Schulweg. Weit und breit keine Helikopter-Eltern zu sehen © Verlag

Eier bemalen, Musik machen – diese Schule legt Wert auf kreative Betätigung ...© Verlag

In der Pause wird getobt, und der Sport kommt auch nicht zu kurz © Verlag

Sich selbst innerhalb klarer Strukturen entdecken und ausprobieren ist nicht, Anarchie austreiben, es entspricht dem, was jüngere Kinder brauchen. Ein anderer Kinderbuch-Bestseller lebt von diesem Gegensatz, Maurice Sendhaks "Wo die wilden Kerle wohnen". Der berühmte letzte Satz lautet: "Und das Essen war noch warm." Schöner kann man das Spiel zwischen Aufbrechen und Heimkommen nicht zeigen.

Erst lernen die Häschen die Pflanzen kennen, dann geht’s praktisch im Schulgarten ...© Verlag

Auch Häschen haben ihren Putin – hier ist’s der böse Fuchs © Verlag

Es ist ein urmenschliches Bedürfnis, wie es sich in vielen Märchen und Büchern spiegelt, und eben auch in der "Häschenschule". Alle kleinen Entdeckerinnen und Entdecker brauchen irgendwann Ruhe und Erholung, und sie brauchen die Zusicherung, "ich bin für Dich da, wenn Du nachhause kommst." Lesen Sie also getrost die Häschenschule weiter vor und lassen Sie sich nicht beirren. Ich wünsche Ihnen von Herzen frohe und Gesegnete Ostern!

Weiterführende Links

Website Autor / Archiv: http://www.albert-sixtus.de/

Foto: Nicole Dietzel, Dinias


 
(Jutta Hamberger) +++

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