Gateway to the Blues – der Süden der USA ist mehr als Rednecks, Rassismus und Konföderiertenflagge - © Imago / Imagebroker

REGION Was wir lesen, was wir schauen (46)

Anne Fairbairn: Und wählte fünf glatte Steine - Roman der Bürgerrechtsbewegung

01.05.22 - Es gibt Bücher, die liest man, und das Erleben ist so intensiv, dass man es nie wieder vergisst. Als ich "Und wählte fünf glatte Steine" vor mehr als 40 Jahren das erste Mal las, wusste ich noch nicht, dass es eine Ära beschrieb und ein Mega-Bestseller war. Für mich war es einfach ein tolles Buch, das ich von einer Freundin auslieh, die es geschenkt bekommen hatte. Es ist eine Liebesgeschichte, eine Aufbruchsgeschichte und eine Amerikageschichte.

Statt einer Vorrede

Lange war dieses Buch vergriffen und höchstens antiquarisch erhältlich. Seit ein paar Jahren aber gibt es im Rowohlt Verlag die Sparte ‚Rowohlt Repertoire‘ – wo lange vergriffene Bücher wieder neu aufgelegt werden. Tolle Idee! Ich finde zwar nicht, dass wunderbare alte Bücher ein Spezialgehege brauchen, aber in einer Branche, die sich vorrangig um Bücher kümmert, die jünger als sechs Monate sind, vielleicht auch nachvollziehbar.

Drei verschiedene Umschläge für ein Buch: „Fünf flache Steine“ – Das amerikanische ...

Anne Fairbairn Negro Digest, March 1967

Achtung, eine Warnung vorab: Sprachreiniger müssen sich warm anziehen. Das Buch erschien 1966 und spricht, wie es damals üblich war – im amerikanischen Original ist das noch deutlicher spürbar als in der deutschen Übersetzung. Und bitte deshalb keine woken Rassismus-Vorwürfe: Dieses Buch ist zutiefst anti-rassistisch und ehrlich, es bringt das größte Problem der USA – die Ungleichbehandlung von schwarz und weiß – besser auf den Punkt als so mancher politische Kommentar. Mehr als eine Million Exemplare wurden verkauft, und ich bin davon überzeugt, dass dieser sensible Roman, der in seinem Kern eine Romeo-und-Julia-Erzählung ist, viel für das gegenseitige Verständnis von schwarz und weiß geleistet hat. David Champlins facettenreiche Geschichte ist die des Civil Rights Movements in den USA, des Kampfes der Schwarzen um Gleichberechtigung. Sie ist auch die Geschichte des American Dream.

Autorin Anne Fairbairn (1902-1972) ist zwar kein gebürtiges Kind des amerikanischen Südens, verbrachte dort aber ihre Jugend. Bekannt wurde sie durch diesen Roman, den sie mit 64 Jahren schrieb – und in dem sie als weiße Frau das Kunststück fertigbrachte, sich in die Welt der benachteiligten Schwarzen so einzufühlen, als wäre sie eine der ihren. Der Autorinnen-Name ist übrigens ein Pseudoym. Fairbairn arbeitete viele Jahre als Impresaria für den bekannten Jazz-Klarinettisten George Lewis aus New Orleans, und begleitete ihn auch auf einer Europa-Tournee.

Ein Wikinger in New Orleans

Das Denkmal für den konföderierten General Beauregard in New Orleans wurde 1915 ...

Wir schreiben die 1930er Jahre, in den USA herrscht die Depression, die Schwarze noch stärker trifft als Weiße. Im Armenviertel von New Orleans wird David Champlin geboren und sogleich zum Waisen. Er wächst in der Geborgenheit des großväterlichen Hauses auf. Opa Li’l Joe ist ein gütiger, warmherziger Mann, der sein Geld vor der Depression als Boxer und als Musiker verdient hat. Im Jahr des Banken-Crashs lernt er in einem Club den Dänen Bjarne Knudsen kennen, einen Wikinger von Statur, Geschichts-Professor, wohlhabend, ein Jazz-Liebhaber. Bald schon gibt er ihm Banjo-Stunden und zwischen den beiden ungleichen Männern entsteht eine Freundschaft, die zumindest Li’l Joe vorher für unmöglich gehalten hatte.

Knudsen ist anders als die Weißen, die Li’l Joe sonst kennt. Und er sieht genau, welche Verletzungen der Rassismus auslöst. Als er die Champlins in deren ärmlicher Hütte das erste Mal besucht, sagt er: "Du denkst, es kann keine Freundschaft geben in einer Welt, in der man ein Kind die Angst lehren muss, in der man ihm beibringen muss, sich zu fürchten. Es ist ein schrecklicher Gedanke, dass ein Kind dazu erzogen und trainiert werden muss, Angst zu haben vor normalen Dingen, gelehrt werden muss, einem anderen Menschen nicht in die Angen zu blicken, wenn der weiß ist." Sätze, die nach wie vor von bestürzender Aktualität sind – man braucht nur an die vielen Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze denken, und natürlich an die Black Lifes Matter-Bewegung.

Ein „Jim Crow Car“ aus dem Kentucky Railway Museum. Das waren Waggons, deren Namen ...© Kentucky Railway Museum

Knudsen ist überzeugt davon, dass Bildung ein Weg aus der Misere ist, und auch, dass Rassismus den Keim der Vernichtung in sich trägt. Aber – es bedarf des Kampfes gegen diesen Rassismus. Er macht es sich zur Aufgabe, für Davids Erziehung zu sorgen. Li'l Joe und seine Frau Geneva bringen ihrem Enkel bei, in einer Welt zu überleben, in der Menschen dunkler Hautfarbe verachtet und benachteiligt werden. Und sie vermitteln ihm den überlebenswichtigen Unterschied zwischen "weiß wie der Professor" und "New Orleans-weiß".

David gegen Goliath

Rosa Parks und Martin Luther King um 1955. Mit Rosa Parks‘ Busboykott begann die Bürgerrechtsbewegung ...© U.S. Information Agency

Für David wird Li’l Joe das Zentrum in einer Welt voller Gefahren, und Bjarne Knudsen zu einem Mentor, der ihn ermutigt, dennoch seinen Weg hinaus in diese Welt zu gehen. Und das tut er, trotz aller Widrigkeiten und Steine, die man ihm in den Weg legt. Er besucht eine Universität im Norden des Landes, und studiert dann Jura in Harvard und internationales Recht in Oxford. Er könnte in Europa Karriere machen, später auch in Washington, ein Leben in Luxus und Reichtum führen, aber er kehrt in den tiefen Süden zurück und engagiert sich im Kampf für die Bürgerrechte. Cainsville, ein Flecken im Schatten des Ku-Klux-Klan-Terrors, wird zum Prüfstein für Davids Befreiungskampf. Denken Sie an die Märsche in Selma, Alabama – dann haben Sie das richtige Bild im Kopf.

State Troopers beobachten den Protestmarsch über die Edmund Pettus Brücke am 9. ...© Bettmann Archive/Getty Images

Es ist ein Kampf David gegen Goliath – der Titel des Romans ist dem Ersten Buch Samuel 17, 38-40 entlehnt: "Und Saul legte David seine Rüstung an und setzte ihm einen ehernen Helm auf sein Haupt und legte ihm einen Panzer an. Und David gürtete sein Schwert über seine Kleider und versuchte zu gehen; aber er war es nicht gewohnt. Da sprach David zu Saul: Ich kann so nicht gehen, denn ich bin’s nicht gewohnt; und er legte es ab und nahm seinen Stab in die Hand; und wählte fünf glatte Steine aus dem Bach und tat sie in die Hirtentasche, die er hatte, und nahm die Schleuder in die Hand und ging dem Philister entgegen."

Der Marsch von Selma nach Montgomery © Peter Pettus / Library of Congress

Die Polizei attackiert die friedlichen Protestler außerhalb Selmas © Federal Bureau of Investigation

Viele Episoden im Roman erzählen, wie Rassismus sich anfühlt. Schwarze können nicht auf die Toilette gehen, wenn es keine "black facilities" für sie gibt. Schwarze dürfen jederzeit von Weißen beleidigt werden. Schwarze dürfen in Clubs zwar Musik machen, sich dort aber nicht hinsetzen und etwas essen oder trinken. Schwarze Frauen sind Freiwild für Weiße. Schwarze werden nicht angemessen für ihre Arbeit bezahlt. Schwarze verrichten Arbeiten, für die Weiße sich zu fein sind. Vielleicht am schmerzlichsten beim Lesen ist die Erkenntnis, dass nichts davon Exzess ist, sondern schwarzer Alltag, mit dem man irgendwie zurechtkommen muss. In Li’l Joes Worten: "Ein Mann muss nicht am Boden kriechen, um klarzukommen, aber er muss lernen, die Dinge zu nehmen, wie sie sind." Genau hier ist Bjarne Knudsen anderer Meinung: "Deine Leute denken bei Amerika nicht ‚unser Land‘, so wie die Weißen es tun. Aber es ist euer Land. Eines Tages muss dieses Land euch euer Geburtsrecht geben. Aber zuerst musst Du dafür kämpfen. Und es wird kein schöner Kampf sein, es ist nie ein schöner Kampf, wenn man für das einstehen muss, was einem von rechts wegen zusteht."

Der verweigerte American Dream

Am 06. August 1965 unterschreibt Präsident Johnson den Voting Right’s Act- Schwarze ...© Yoichi Okamoto

Davids Stipendium am Pengard College in Ohio stellt ihn vor neue Herausforderungen. Nun muss er sich in einer überwiegend weißen Welt zurechtfinden und mit dem mal offenen, mal verdeckten, mal verlogenem Rassismus umgehen. Er trifft dort aber auch auf wunderbare Freunde. David spürt, dass auch wohlmeinende, liberal eingestellte Weiße nicht die geringste Ahnung davon haben, was es bedeutet, als Schwarzer in Amerika zu leben. David seinerseits schlägt sich mit Fragen der Identität herum – wie nah darf man Weißen emotional sein, ohne zum Uncle Tom zu werden? Verrät er seine Herkunft, wenn er in die Welt der Weißen eintaucht? Auf keine dieser Fragen gibt es leichte Antworten.

Gedenkstätte an der Edmund Pettus Bridge, Alabama © Roland Arhelger

Lynchmord an Thomas Shipp und Abram Smith in Indiana (1930) © Getty Images

Der Ku-Klux-Klan gilt als die älteste terroristische Organisation der USA ...© ARTE France / Library of Congress

Das alles würde ja schon für genügend Roman- und Sprengstoff sorgen, aber David verliebt sich in ein weißes Mädchen – Sara Kent. Auch wenn er das nicht will, liebt er Sara, diese zarte kleine Person, die Künstlerin werden will. "Smallest" ist sein Kosename für sie. Er will sich nicht in sie verlieben, zu deutlich sieht er, mit welchen Problemen ‚mixed race couples‘ konfrontiert sind. Aber schlimmer, als sich in Sara zu verlieben ist es, ohne sie zu leben. Auch Sara liebt ihn – und stellt sich die gleichen Fragen wie er, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Immer wieder zieht es die beiden zueinander hin, dann wieder sind sie getrennt – aber letztlich erweist sich die Liebe stärker als alles Trennende. Die Diskussion des Paares, warum es besser sein würde, eine Tochter als einen Sohn zu haben, sind herzzerreißend – und jede schwarze Mutter versteht sofort, welche Ängste David bewegen.

Wenn Harriet Beecher-Stowe in "Uncle Tom’s Cabin" (1852) das Plantagenelend beschreibt und Margaret Mitchells "Gone with the wind" (1936) den alten Süden romantisch beschwört, so ist Anne Fairbairns kraftvoller Roman der klare, unverstellte Blick auf den Süden und die schwärende Wunde des Rassismus.

Playlist zum Roman

Musik spielt in diesem Roman eine große Rolle, sowohl David als auch sein Großvater sind begnadete Musiker. Die Songs dieser Playlist kommen alle im Buch vor, Sie können Sie bei oder nach der Lektüre genießen. Oder wenn Sie sich am traditionellen Louisiana Gumbo versuchen!

Aretha Franklin, Oh Mary, don’t you weep https://www.youtube.com/watch?v=yJ_m7Yu3H3A

Jelly Roll Morton, Winin‘ Boy Blues https://www.youtube.com/watch?v=fxkvu_gWlQI

Jelly Roll Morton, Michigan Water Blues https://www.youtube.com/watch?v=CTfo2WBugmk

Bessie Smith, Yellow Dog Blues https://www.youtube.com/watch?v=JVL24i38F2s

Shirley Bell, Lord, Lord, Lord, you sure been good to me https://www.youtube.com/watch?v=lbu6Gq3yObw

King’s College Choir, Abide with me https://www.youtube.com/watch?v=deJDkU6qiGE

George Jones, The Lily of the Valley https://www.youtube.com/watch?v=t9gsnwr9xD8

Mahalia Jackson, Where you there when they crucified my lord https://www.youtube.com/watch?v=3ji7eP7k8cA

Billie Holiday, Embraceable you https://www.youtube.com/watch?v=0VaaGLNfrhI

Art Tatum, Tea for two https://www.youtube.com/watch?v=9kMEPYU1Xwg

Red Nichols & his Five Pennies, Alice Blue Gown https://www.youtube.com/watch?v=FqOGtlr_zDE

Los Angeles Chapter of the GMWA Mass Choir, Walking with the king https://www.youtube.com/watch?=DW3FG8WElno

The Loving Sisters, Don’t let my running be in vain  https://www.youtube.com/watch?v=KTHpC_qUrnY

Das typische Louisiana Gumbo © Ankerkraut

Gumbo, das National-Rezept Louisianas

David ist ein ziemlich guter Koch, und hat von seinen Großeltern gelernt, wie man ein richtig gutes Gumbo macht – ein typisches Rezept der Cajun Küche. Wenn Sie es nachkochen wollen, bitte sehr – hier ist der Link ins kulinarische Glück:
https://www.ankerkraut.de/blogs/rezepte/cajun-shrimp-and-sausage-gumbo

Wenn Sie die Jamie-Oliver-Variante bevorzugen, dann hier entlang:https://mealsmenu.netlify.app/mix/1607-recipe-of-jamie-oliver-ultimate-seafood-gumbo/

Foto: Nicole Dietzel, Dinias

(Jutta Hamberger)+++

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