Olena Laubach, Schwester der Geflüchteten und Liudmyla Bakharieva, geflüchtete Ukrainerin (von links) - Fotos: Laura Walter

FULDA Auf der Flucht bei minus 15 Grad

Über eine ukrainische Familie in Not und die Hilfen aus der Region Fulda

19.05.22 - Stellen Sie sich vor, Sie kommen von der Arbeit heim und freuen sich Ihren Mann und Ihre zwei Kinder zu sehen - Sie führen ein ganz normales Leben. Doch schon am nächsten Tag ist alles anders und Sie müssen schon bald alles, was für Sie "Heimat" bedeutet, hinter sich lassen. Liudmyla Bakharieva muss sich diese Geschichte nicht überlegen, denn für sie und ihre Familie ist das die traurige Realität. In einem Interview mit OSTHESSEN|NEWS erzählt sie über ihre Flucht. 

Am 24. Februar um 5 Uhr begann der Albtraum von Liudmyla und vielen anderen: Plötzlich hörte sie in ihrem Haus in Kiew Bomben und Schüsse. Ihr Mann und ihr Sohn haben sich sofort freiwillig gemeldet, um das Land zu verteidigen. Der Familienvater war sich sicher: Die Familie solle im Haus bleiben, denn der Krieg wird schon bald vorbei sein. Nach zwei Wochen und mehreren Nächten im Keller des Hochhauses wurden sie eines Bessern gelehrt, denn noch immer war kein Kriegsende in Sicht.  

Mit emotionaler Unterstützung ihrer Schwester Olena Laubach, die bereits vor über 10 Jahren nach Deutschland gezogen ist, hat sie den schweren Entschluss gefasst: Mit einem gepackten Rucksack müssen sie und ihre Tochter auf unbestimmte Zeit nicht nur das Land, das eigene Zuhause, Freunde und ihre Katze zurücklassen, sondern auch ihre Familie. Denn ihr Mann und ihr 21-jähriger Sohn bleiben im Kriegsgebiet, um das Land vor russischen Angriffen zu verteidigen. 

Auf der Flucht bei –15 Grad 

Liudmyla musste ihren Mann und ihren Sohn in der Ukraine zurücklassen und gemeinsam ...

Während des Kriegs wurden überwiegend in den Nächten, teilweise auch tagsüber, Ausgangssperren verhängt. Nachdem die nächtliche Ausgangssperre beendet war, schnappten sich Liudmyla und ihre Tochter ein Taxi, um an den nächstmöglichen Bahnhof zu gelangen. "Das Taxi war 10-Mal so teuer wie sonst, aber es gab sonst keine andere Möglichkeit", berichtet ihre Schwester. Sie erreichten schließlich den Bahnhof, wo weitere tausende Frauen mit ihren Kindern und einem gepackten Rucksack auf den Zug warteten, der die einzige Möglichkeit war, aus dem Land rauszukommen.  

Mit Glück konnte sie in den nächsten Zug stürmen, der sie innerhalb von 12 Stunden nach Lwiw brachte. Sie erinnert sich, dass die Menschen im Zug so eng aneinander standen, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten. Glücklicherweise konnten die Mutter und die Tochter nach der Ankunft bei Bekannten übernachten, sodass sie für den weiteren Weg gestärkt waren. Denn schon am nächsten Morgen ging es mit dem Taxi weiter bis zur polnischen Grenze. Bei –15 Grad mussten sie die letzten Kilometer zu Fuß zurücklegen. "Daher waren auch alle Geflüchteten sehr glücklich über die Helfer, die warmes Essen angeboten haben", übersetzt uns ihre Schwester.  

Herzliche Ankunft in Deutschland  

Da Liudmyla kein Deutsch sprechen kann, hat ihre Schwester für uns übersetzt ...

Durch die tatkräftige Unterstützung ihrer Schwester wurde es ihr ermöglicht, schnell nach der Ankunft in Polen nach Fulda zu gelangen. Hätte sie keine Abholmöglichkeit bekommen, hätten Mutter und Tochter noch weitere drei Tage darauf warten müssen, bis sie mit dem Zug nach Berlin gekommen wären und von dort aus zurück nach Fulda. Gemeinsam mit vielen weiteren Geflüchteten sind sie schließlich am 13. März in unserer Domstadt angekommen. Dank der großen Unterstützung ihrer Schwester konnten sie und ihre Tochter mit einer weiteren geflüchteten Mutter, sowie ihrer Tochter, schnell in eine leerstehende Wohnung in Bad Salzschlirf einziehen. 

Für die Familie aus Großenlüder war es eine Selbstverständlichkeit, ihnen ein Dach über dem Kopf zu ermöglichen: "Wir hatten die Möglichkeit der Übernachtung und dann war es für uns klar, die Ukrainerinnen zu unterstützen." Kommuniziert wird über eine Übersetzungsapp, sodass sie sich gut verständigen können. "Wir haben beide Familien als sehr herzlich und dankbar kennengelernt und dann freut es einen auch selber, wenn man helfen kann", berichtet die Familie aus Großenlüder. 

"Jeder kann helfen und es wird auch gesehen"

Sven Pöttgen, Prokurist und Matthias Seifert, Inhaber von Schütze + Seifert, Olena ...

Nur fünf Tage später konnte Liudmyla bereits als Näherin wieder in Deutschland arbeiten. Einerseits, um Geld für sie und ihre Tochter zu bekommen, doch viel mehr, um sich ablenken zu können. "Wir haben uns sofort gefreut, dass wir ihr den Job ermöglichen konnten und somit einen Teil dazu beitragen konnten", erklärt Matthias Seifert, Inhaber von Schütze + Seifert in Fulda. "Schon immer wollten wir Geflüchteten helfen und ihnen eine Arbeitsstelle ermöglichen, aber zuvor war die Bürokratie zu hoch und dieses Mal hat es unwahrscheinlich gut und schnell geklappt."  

Um weiteren Flüchtlingen helfen zu können, wurde die Webseite erneuert und die Funktion eingeführt, die Webseite in der ukrainischen Sprache übersetzen zu können: "Wir haben gemerkt, dass die sprachliche Hürde oftmals sehr hoch ist und so können wir ihnen diese nehmen", erklärt Sven Pöttgen, Prokurist. Sie möchten somit auch andere ermutigen, den Geflüchteten zu helfen, denn eine Arbeitsstelle zu finden bedeutet für die Ukrainer:innen viel mehr, als "nur" einen Job zu haben. Ein Job zu haben ermöglicht ihnen eine Unterkunft, ein gefüllter Kühlschrank und vor allem können sie so, wenn auch nur für eine kurze Zeit, das Erlebte hinter sich lassen. (law)+++


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