Autor Florian Illies - Fotos: Jutta Hamberger

FULDA Florian Illies: "Liebe in Zeiten des Hasses"

Literatur im Stadtschloss: Aus Liebe heiraten? Besser nicht!

08.06.22 - Es war der Abend eines local hero – nach 2007 war Florian Illies erneut zu Gast in der Fuldaer Reihe Literatur im Stadtschloss. 15 Jahre ist das her, viel zu lang, befand Oberbürgermeister Dr. Wingenfeld in seiner launigen Begrüßung. Und freute sich über den Gast, der mit seinem "Heimspiel" den Schlusspunkt der diesjährigen Reihe setzte.

In Fulda wird gern gelesen

Dass es ausgerechnet ein quasi Fuldaer sei, der hier lese und dass die Fuldaer König Fussball die kalte Schulter gezeigt hatten an diesem Abend, begeisterte den OB ganz besonders. Insgesamt 1.400 Lesebegeisterte seien in den fünf Lesungen da gewesen, eine beachtliche Zahl. Zum Erfolg der Reihe trage auch bei, dass sie als wahrscheinlich einzige in ganz Deutschland nach wie vor kostenlos sei – und dass bei so hochkarätigen Autorinnen und Autoren. Der Oberbürgermeister dankte dafür ganz besonders den Sponsoren, die der Reihe vom ersten Tag an gewogen waren, allen voran der Sparkasse und Parzeller.

Illies zeigte sich gebührend ehrfürchtig angesichts einer Phalanx von drei ehemaligen und dem amtierenden Oberbürgermeister und erinnerte sich an seine Schulzeit in der Winfriedschule. Als Kind der 70er und 80er habe er zwar x-mal den Nationalsozialismus durchgenommen und könne nach wie vor die zehn Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik herunterbeten. Aber wie haben die Leute damals gelebt und gefühlt? Er habe die Nähe zu ihnen gesucht, und das weitab aller Klischees, die über die 1920er Jahre existierten. Denn das sei doch die entscheidende Frage: Wie und warum führte ausgerechnet dieses Jahrzehnt in den Nationalsozialismus?

Geschichte ist nicht nur Fortschritt

Die deutsche Gesellschaft vor den Nationalsozialisten nämlich war überraschend modern. Nirgends in Europa hatten Frauen mehr Rechte. Das wirkte sich auch auf die Liebesbeziehungen aus, denn diese Frauen trafen auf Männer, die durch die traumatischen Ereignisse des Ersten Weltkriegs seelisch und körperlich verstört waren. Remarque beschreibt diese verlorene Generation in "Im Westen nichts Neues". Die Frauen hingegen waren stark und selbstbewusst – exemplarisch stehen dafür Werke wie "Das kunstseidene Mädchen" (Irmgard Keun), "Menschen im Hotel" (Vicky Baum) und "Effingers" (Gabriele Tergit).

Tatsächlich sei dies erstmals eine Zeit gewesen, in der es genauso prägende Frauen- wie Männerfiguren gegeben habe. Es sind die Frauen, die das Geschehen treiben, nicht die Männer. Illies postulierte in einem Interview mit BR-Online am 04.11.2021 die Schwäche der Männer: "Das waren alles Männer, die zwar aus dem Ersten Weltkrieg rausgekommen sind, aber der Erste Weltkrieg nicht aus ihnen." Beim Lesen kommt der Gedanke auf: Womöglich war das mit ein Grund, warum die Nationalsozialisten Frauen derart radikal auf ihre Reproduktionsfähigkeiten zurückgeschnitten haben. Männer, die nicht stark sind, aber gern so tun als ob, kommen mit klugen und starken Frauen ja noch weniger klar als alle anderen.

In diese Zeit bricht das Jahr 1933 – für die einen ein Märchen (Goebbels), für die anderen ein Alptraum (Klaus Mann). Alles, was zuvor möglich gewesen war, wird schlagartig unmöglich. Viele Liebesbeziehungen enden unter dem Druck der Verhältnisse, andererseits entstehen neue Lieben im Exil.

Ein Roman wie ein Pastiche

"Liebe in Zeiten des Hasses" ist das Porträt eines Jahrzehnts. Ihn interessiere die Stille vor dem Schuss, die Zeit vor den großen Momenten, erklärt Illies. Diesmal sind es die Jahre zwischen 1929 und 1939, er nennt sie DAS Jahrzehnt der Liebe. Den Titel des Buchs würde man in der Musik "Pastiche" nennen, neudeutsch könnte man auch von nachhaltiger Wiederverwertung des Materials anderer Künstler bei vollkommener Ehrlichkeit über die Quellen sprechen. Einerseits greift die Titelformulierung nämlich einen Satz aus Musils "Mann ohne Eigenschaften" auf – Musil schreibt dort, die gesamte Weltgeschichte sei mindestens zur Hälfte eine Liebesgeschichte. Andererseits erinnert sie an Gabriel García Marquez wortmächtiges Epos "Liebe in Zeiten der Cholera". Sogar für den Untertitel gibt es ein Vorbild, Alexander Kluges "Chronik der Gefühle" (Kluge hat ein Ehrenplätzchen im Buch).

Illies lässt ganz unterschiedliche Protagonisten zu Wort kommen und webt daraus den Teppich dieses Jahrzehnts als Geschichte unterschiedlicher Beziehungen. Das ist effektvoll, gefühlvoll, hin und wieder sachlich, immer aber vergnüglich zu lesen. Der geschichtliche Hintergrund steht eigentlich immer im Vordergund: Mit den 30er Jahren endeten die "Goldenen Zwanziger" und es beginnt eine der größten Katastrophen der Welt, deren erstes Fanal bezeichnenderweise 1933 die Bücherverbrennung war. Die Liebespaare stemmen sich gegen das, was da heraufzieht, denn sie ahnen den drohenden Untergang.

Das kann man Liebes-Almanach nennen, oder Montage-Sachbuch oder, wie Illies selbst, emotionale Geschichtsschreibung.

Illies erzählt ganz altmodisch als allwissender Erzähler so, als sei er bei all den Liebesdramen dabei gewesen. Das wirkt auf uns Leser:innen im Jahr 2022 manchmal ein wenig befremdlich und gelingt nicht immer, weil wir es dem Erzähler einfach nicht abnehmen. Gleichzeitig lässt Illies seine Protagonisten selbst erzählen und erzeugt so Nähe und Wärme, der nötige Gegensatz zu den postulierten Zeiten der Kälte und des Kriegs. Episode auf Episode tupft er so plaudernd hin, und ist manchmal ironisch, überwiegend aber mit viel Pathos und hin und wieder auch mit einer gehörigen Portion Kitsch unterwegs.

Ein Buch wie eine Soap

Für sein Buch sammelt Illies Anekdoten berühmter Kulturschaffender jener Zeit – und betrachtet die durch die Linse der Liebe. Alles, was Rang und Namen hat, tritt auf: Simone de Beauvoir und Sartre. Brecht und Benn und ihre jeweiligen Frauen. Die Fitzgeralds – Scott und Zelda. Picasso. Dalí. Die Familie Mann. Kurt Weill und Lotte Lenya. Christopher Isherwood. Hesse und Ninon. Kaiser Wilhelm Zwo. Marlene Dietrich und Ernest Hemingway. Kurt Tucholsky. Alfred Döblin – und sehr viele andere. Es gibt viel Unglück in diesen Beziehungen, sehr viel Verzweiflung, sehr viel Drama, sehr viele Dreiecksbeziehungen, sehr viele Lügen, sehr viel Unordnung, sehr viel Alkohol, sehr viele Drogen, und ja, auch einige Selbstmorde. Fast immer liegen ja mindestens drei in einem Doppelbett.

Was für eine immense Recherche-Arbeit steckt in diesem Buch! Briefe, Tagebücher, Romane, Sachbücher, Gemälde – alles zieht Illies heran. Er erzählt von den ca. 40 Bücherstapeln, die er hin- und hergeschoben habe, weil er nicht eine Figur linear zu Ende erzählen und dann mit der nächsten beginnen wollte, sondern weil ihm die Gleichzeitigkeit wichtig war – ins Jahr 1933 gehen sie alle gemeinsam. Dass wir seine Arbeit beim Lesen nicht spüren, sondern uns vergnügt von Liebesfrust zu Liebeslust hangeln können, ist das große Verdienst des Autors.

Man wird großartig unterhalten in diesem Buch. Es ist im besten Sinn Operette – unanstrengend und von großer Badewannen-Tauglichkeit. Gerade in Deutschland ist dieser unbedingte Wille, die Leser:innen auch zu unterhalten, bemerkenswert – das ist ja nicht gerade eine deutsche Kernkompetenz. Ich schätze Illies für diese Haltung sehr. 'Der Standard' hat es in seiner Rezension vom 24.11.2021 gut getroffen: "Man fühlt sich wie in einer Soap voller Sex und Tratsch und wird zugleich staunender Zeuge einer sehr kundigen Kulturgeschichte des auf den Untergang zutaumelnden Kontinents."

Erschreckende Aktualität

Es sind nachdenkliche Worte gegen Schluss der Lesung, die Illies dem Publikum mitgibt. Niemand habe jemals etwas kommen sehen, schon gar nicht, wenn es kam, denn Geschichte sei nun einmal uneindeutig. Die Logik ergäbe sich immer erst im Rückblick. Das ist ein sehr kluger Gedanke und einer, der auffordert dazu, sich intensiver und anders mit Geschichte auseinanderzusetzen.

"Jede Generation muss neu lernen, sich zu erinnern", so Illies. Ihm sei beim Schreiben klar geworden, dass nichts jemals und für immer vorbei sei. Ausbrüche von Barbarei gäbe es immer wieder – das zeige gerade der Ukrainekrieg, der den vielen Fluchten und Flüchtlinge, von denen er erzähle, schmerzliche Aktualität verleihe. Mit großem Beifall feiern die Fuldaer Illies und danken ihm für eine Lesung, die oft einer amüsant-eleganten Plauderstunde glich. (Jutta Hamberger) +++


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