Falknerin Rebecca Ohnesorge - Fotos: Hans-Peter Ehrensberger/privat

FULDA Rebecca Ohnesorge ist Falknerin

Vor der Kaninchen-Jagd wird Wüstenbussard-Dame "Mary" fit gemacht

26.06.22 - Seien Sie ohne Sorge, liebe Leserinnen und Leser, auch wenn der Name der Protagonistin dieses Artikels ein wenig an ein Hamburger Mundart-Theater erinnern mag. Wir "snacken" nicht "plattdüütsch", beschäftigten uns auch nicht mit bunten Volksbühnen-Vögeln wie Henry Vahl oder Heidi Kabel. Die Hauptrollen in diesem Lesestück spielen Rebecca Ohnesorge und ein majestätischer Greifvogel. Eine Falknerin. Und eine Wüstenbussard-Dame.

Im "Hauptberuf" ist die 21-Jährige aus Fulda Physiotherapeutin in der "Villa Kunterbunt" in Bad Brückenau. Und beim letztmaligen Durchkneten von verspannten Faszien stieß der Verfasser dieser Zeilen derart spitze Schreie aus, dass Rebecca sich die ebensolche Bemerkung nicht verkneifen konnte: "Das klingt ja wie bei Mary."

Zum Verständnis: "Mary" ist nicht etwa eine Kollegin oder Patientin von Rebecca, sondern ein Wüstenbussard-Weibchen "im neunten Flug", das meint in der Falkner-Fachsprache Lebensjahr. Als Nachzucht im Mai 2014 geschlüpft in Siegen aus einem Ei einer ursprünglich in der Wüste New Mexicos in den USA beheimateten Greifvogelart, die dort "Harris Hawk" heißt. Und schon waren die Faszien nicht mehr fest, dafür aber ein faszinierender Termin bei Vater und Tochter Falkner*in in Fulda festgezurrt. Dort wurde nicht "gesnackt", sondern hessisch "gebabbelt", auch wenn Ohnesorges das Falknerei-Latein wie aus dem Effeff beherrschen würden.

"Ich bin da peu à peu hineingewachsen"

Wie kommt eine junge Frau zu diesem Hobby? "Über meinen Vater Stefan", sagt Rebecca. "Ich bin da peu à peu hineingewachsen und mit groß geworden." Den Jagdschein hat sie schon mit 16 gemacht (was Voraussetzung für die Falknerprüfung und die Ausübung der Falknerei ist). Auch ihr älterer Bruder Johannes ist Jäger, indes nicht Falkner. Spannend findet die Deutsche Teammeisterin im Karate (Kata) an dieser Form der Jagd vor allem die Ruhe und Stille in der Natur, die Unwägbarkeit und Ungewissheit, wie denn für Jäger und Gejagte letztendlich das Duell ausgehen wird. "Mary" jagt mit Hilfe von zwei weiblichen Frettchen auf Kaninchen, die jene aus ihrem Bau treiben - und davor, daneben oder dahinter wartet auf der handschuhgeschützten Hand ihres Halters/der Halterin Stefan oder Rebecca Ohnesorge, eben der, mit Klingelglöckchen und neuerdings auch mit GPS ausgerüstete Wüstenbussard. Und anders als bei dem "banalen Bum-Bum" mit einer Jagdflinte haben die Karnickel dabei durchaus Fluchtmöglichkeiten und Überlebenschancen von mehr als fünfzig Prozent.

Das hängt von der Aufmerksamkeit, den Ablenkungen, der Kondition - genauer dem Trainingszustand des Vogels ab. Gut 1.000 Gramm ist seine "Standard-Schwere" auf den Sitzstangen in der Voliere, sein ideales "Jagdgewicht" liegt etwa 100 Gramm darunter. "Mary muss Appetit haben, sonst jagt sie nicht ernsthaft", erläutert Stefan Ohnesorge, Klinikseelsorger in Marburg und Gelnhausen von Beruf(ung). Der 64-Jährige wiegt seine Wüstenbussard-Dame vor jedem Jagdeinsatz. Das Jagdgewicht wird durch Nahrungsumstellung und langes Muskelaufbautraining erreicht – wie bei jedem Leistungssportler. Außerhalb der Jagdzeit erhält Mary in der Regel eine Futterration von drei Eintagsküken pro Tag.

"Mary" ist in der Mauser

Im Moment ruht die Jagd. "Mary" ist in der Mauser, das heißt sie verliert und erneuert ihr rot-braun-grau-schwarz-weiß-glänzendes Pracht-Gefieder und ist dennoch (oder gerade deshalb) pedantisch nach jeder Mahlzeit auf die Pflege ihrer Schwingen und des gelben Schnabels bedacht. Wüstenbussard-Weibchen sind in der Regel kräftiger als die so genannten männlichen Terzel und für die Beizjagd auf Kaninchen besser geeignet. Dabei jagen sie gerne im Sozialverband mit anderen Wüstenbussarden, was sich die Falkner zunutze machen.

Einmal ist die ausgesprochen hübsch gezeichnete Vogelfrau freilich von Zuhause abgehauen, drei Tage haben sich Ohnesorges große Sorgen gemacht, bis sie ihre Wüstenbussard-Dame wieder heim- und "eingeholt" (so die Falknerei-Fachsprache) hatten. Trainiert wird die Karnickeljagd-erfahrene "Mary" an einer 40 Meter langen Lockschnur mit einem Kunstbalg daran, was ein ziemlich großer Spaßfaktor für sie darstellt. Freilich tut dies noch mehr die reale Jagd auf richtige lebende Ziele. "Bei den Beizjagden bleibt oft im übertragenen Sinne kein Auge trocken", sagt Stefan Ohnesorge. Und Tochter Rebecca "übersetzt", was der Vater eigentlich meint: "Kaum ein Finger bleibt unblutig. Ohne Kratzer geht es kaum ab. Von der Jagd mit Frettchen, einem Wüstenbussard und speziell mit ‚Mary‘ behält man immer etwas zurück!"

Hintergrund

Die Falknerei ist mehr als 3.500 Jahre alt und kommt wohl ursprünglich aus der asiatischen Steppe. Mongolische Reitervölker dürften sie im 1. Jahrtausend nach Europa gebracht haben. Antrieb und Blütezeit hat sie dem hiesigen "Urvater", Stauferkönig Friedrich II. zu verdanken. Gleichwohl ist sie "hierzulande" nicht mit der Falknerei der steinreichen arabischen Scheichs zu vergleichen, die dort ein nicht vergleichbares Statussymbol darstellt. In Deutschland wird zudem mit den vier heimischen Greifvogelarten Steinadler, Habicht, Sperber und Wanderfalke die Falknerei betrieben. Der "Wappenvogel" der Rhön indes, der Rote Milan (wegen seines gegabelten Schwanzes auch Gabelweihe genannt) ist nicht einsetzbar. Die Beizjagd mit "Harris Hawks" ruht von März bis August, in dieser Periode bringen die Kaninchen-"Mamas" in ihren Bauen die Jung-Karnickel zur Welt. "Beste" (erfolgreichste und gesetzlich erlaubte) Jagdzeit mit Wüstenbussarden und den anderen abgerichteten Falknerei-Vögeln ist bei uns von September bis Februar. Seit 2016 gehört die Falknerei in Deutschland zum immateriellen Weltkulturerbe. (Hans-Peter Ehrensberger) +++


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