Renate Gärtner beim Hochsprung-Wettbewerb. - Foto: dpa/Picture-alliance

SCHLÜCHTERN O|N-Gespräch mit der Leichtathletin

Renate Gärtner erinnert sich: Olympisches Hochsprung-Finale vor 50 Jahren

04.09.22 - Vor 50 Jahren, am 4. September 1972, fand in München das Olympische Hochsprung-Finale der Damen statt. Am Ende triumphierte die damals 16 Jahre Ulrike Meyfarth, heute Ulrike Nasse-Meyfarth, die 1.92 Meter bewältigte. Mit dabei im Wettbewerb und am Ende mit 1.82 Metern 14., war die 20-jährige Renate Gärtner aus dem Fliedener Ortsteil Leimenhof (Kreis Fulda), die seit Langem schon in Schlüchtern (Main-Kinzig-Kreis) zu Hause ist. Osthessen|News hat die frühere Oberstudienrätin für Sport und Geografie am Schlüchterner Ulrich-von-Hutten-Gymnasium besucht, um mit ihr über 1972 und vieles mehr zu plaudern.

Das Onlineportal hessen.de hatte vor einiger Zeit geschrieben, die Karriere von Renate Gärtner sei ein "wahr gewordenes Märchen des Leistungssports". Und auch gegenüber O|N erinnert sich die dreifache Mutter und siebenfache Oma mit launig-humorvollen Worten, wie sie einst ihr Cousin Alfred Wess zum Training beim TV Flieden gefahren habe. Sie, die eigentlich zu Hause in der Landwirtschaft helfen sollte - und dies auch tat: Heu ernten, Kartoffeln lesen, die ganze Palette.

1968 wechselte sie zur SG Schlüchtern und nennt dezidiert Ernst Gärtner, "die gute Seele der SG. Den müssen Sie in Ihrem Artikel unbedingt erwähnen". Am Anfang stand nicht unbedingt gleich der Hochsprung, "denn ich habe eigentlich alles gemacht: Kugelstoßen und Diskuswerfen ebenso wie Mehrkampf". Als sich dann jedoch der Hochsprung immer stärker herauskristallisierte, bevorzugte sie den sogenannten Straddle-Stil: "Diese Art der Bewegung hat mir eher gelegen als der damals in Mode gekommene Fosbury-Flop".

Renate Gärtner im Garten ihres Hauses in Schlüchtern, wo sie seit 1995 zu Hause ist. ...Foto: Lenz

1969 wurde die Studentin am Pädagogischen Fachinstitut in Fulda Deutsche Hochsprungmeisterin sowohl bei der Jugend als auch bei den Frauen. Dabei überquerte sie 1.73 Meter und scheiterte knapp an 1.75 Metern. 1971 holte sie sich dann mit 1.83 Metern den Deutsche-Meister-Titel, vor der anfangs erwähnten Ulrike Meyfarth.

Ihr großes Ziel waren aber die Olympischen Spiele 1972 in München, die sie als "farbenfroh, bunt und - zunächst - friedlich" in Erinnerung hat. "In München war die ganze Welt zu Gast, die Atmosphäre gekennzeichnet von Toleranz. Egal, welcher Religion man angehörte oder aus welchem Kulturkreis man kam".

Zerstört wurde dieses große gemeinschaftliche Erleben durch den blutigen Überfall palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft. Erst am Mittwoch wurde bekannt, dass die Bundesregierung den Hinterbliebenen des Olympia-Attentats offenbar ein neues Entschädigungsangebot gemacht hat: rund 28 Millionen Euro. Die Einigung käme kurz vor dem 50. Jahrestag des Attentats am 5. September.
 

Bei der Verabschiedung aus dem Schuldienst 2016 am Ulrich-von-Hutten-Gymnasium ...Foto: O|N - Archiv

Zurück zu Renate Gärtner: Dieses Gefühl des olympischen Miteinanders hat sie auch in ihrer Berufswahl bestärkt, Lehrerin zu werden. Und auch heute noch schwärmt sie vom Zusammenhalt der damaligen Athleten: So hätten sich erst kürzlich, anlässlich der Europameisterschaft, viele 1972-er Aktive im alten Münchner Olympiastadion getroffen: Ulrike Nasse-Meyfarth, Ellen Mundinger (ebenfalls Hochspringerin), Heide Ecker-Rosendahl, Hilde Falk, Ingrid Mickler-Becker oder auch Annegret Richter: "Da hatten wir eine super gute Stimmung zusammen", erinnert sich Gärtner. Eben ganz getreu der olympischen Idee von Zusammengehörigkeit und Begegnung. 

Stichwort Meyfarth: Diese sei 1972 trotz ihres sehr jugendlichen Alters "kein Nesthäkchen-Typ" und von Anfang an immer mit dabei gewesen. Für die schöne Atmosphäre vor dem eigentlichen Beginn der Sommerspiele habe im Übrigen ein gemeinsames Trainingslager in Schongau gesorgt, an dem auch die drei Heimtrainer von Gärtner, Meyfarth und Mundinger teilnahmen.   

Von 1973 bis zu ihrem Karriereende 1980 trat sie für Eintracht Frankfurt an, dann widmete sie sich verstärkt der Familie. Im Jahr 2000 aber packte Gärtner noch einmal der Ehrgeiz. Sie nahm an den Deutschen Meisterschaften der Senioren teil und gewann in der Altersklasse W45 mit 1.50 Metern. Bei den anschließenden Senioren-Europameisterschaften in Finnland wurde sie Dritte mit 1.45 Metern. Und auch bei den Weltmeisterschaften der Senioren 2001 in Australien war Gärtner erfolgreich: Sie wurde Vierte im Hochsprung und Zehnte im Kugelstoßen.

Den Sport habe sie immer als "Training fürs Leben" erachtet und dies später auch an ihre Kinder beziehungsweise Schülerinnen und Schüler weitergegeben. Es komme darauf an, sowohl mit Siegen als auch mit Niederlagen umgehen zu können und auch als Mannschaft zu funktionieren. "Die Erfahrungen, die ich im Sport habe machen können, sind prägend für mein Leben gewesen", sagt Gärtner und formuliert am Ende ihr Motto: "Gewinnen wollen und verlieren können". (Bertram Lenz) +++


Über Osthessen News

Kontakt
Impressum

Apps

Osthessen News IOS
Osthessen News Android
Osthessen Blitzer IOS
Osthessen Blitzer Android

Mediadaten

Werbung
IVW Daten


Service

Blitzer / Verkehrsmeldungen Stellenangebote
Gastro
Mittagstisch
Veranstaltungskalender
Wetter Vorhersage

Social Media

Facebook
Twitter
Instagram

Nachrichten aus

Fulda
Hersfeld Rotenburg
Main Kinzig
Vogelsberg
Rhön