Regionale Bierspezialitäten haben es derzeit schwer - Archivbilder: O|N/Marius Auth

REGION Pleiten und Preissteigerungen erwartet

Wann platzt die Blase? - Trotz teurerer Rohstoffe stagnieren die Bierpreise

04.10.22 - Die für Brauereien notwendigen Rohstoffe erleben starke Preissteigerungen, sind teils zwischenzeitig nicht mehr verfügbar - Produktionen stehen über Tage still. Und doch halten sich Preissteigerungen beim Traditionsgetränk der Deutschen bisher im Rahmen. Ob das nicht widersinnig ist und wie das sein kann? OSTHESSEN|NEWS wollte es genauer wissen und hat mit Ruth Herget-Klesper von Hochstift gesprochen.

Sie ist Verkaufsleiterin bei Hochstift und lenkt gemeinsam mit ihrem Bruder die Geschicke der regionalen Brauerei mit ihren zahlreichen Untermarken. "Der wohl bekannteste Engstand, den wir aktuell verzeichnen, ist ein Mangel an CO₂", das sei notwendig zur Befüllung der Flaschen und Fässer, damit die Flüssigkeiten nicht in Kontakt mit Luft kommen. "Früher waren unsere Tanks mal voll, heute haben wir nur noch so viel, wie wir für einen Tag benötigen." Just-In-Time-Delivery, zu Deutsch: Gerade-in-der-Zeit-Zustellung, heiße dieses Prinzip und sei der Knappheit auf dem Markt geschuldet.

Ruth H.-Klesper im Gespräch mit Bürgermeister Dag Wehner, zur Einführung des "Fuldaer ...

"Leider kommt es aber auch vor, dass eine Lieferung eben nicht in der Zeit kommt. Dann steht von einem Moment auf den anderen die Produktion still", sagt Ruth Herget-Klesper. Einige Male sei das schon vorgekommen. In solchen Momenten priorisiere man dann, stelle die Nebenmarken hintenan. "Betroffen sind da beispielsweise Libella, aber auch die alkoholfreien Biere." Natürlich könne es auch dazu kommen, dass die Hauptmarken betroffen sind. 

"Schwierige Zeiten" - Rohstoffmangel und Energiekrise

"Die Kosten, die da entstehen, sind enorm", berichtet die gebürtige Fuldaerin. Über den Produktionsausfall hinweg müssen ja auch weiter die Gehälter gezahlt werden, Lieferenten warten oder müssen unverrichteter Dinge wieder abfahren. "Wir stellen ja beispielsweise in Motten auch Spezi her, da kommen Logistikunternehmen aus der ganzen Bundesrepublik hunderte Kilometer über viele Stunden angefahren."

Daneben sei es auch so, dass die Preise für die Glasflaschen steigen - einem in der Herstellung äußerst energieintensiven Produkt. Generell sei die Bierherstellung ein äußerst energieintensiver Prozess: Mit dem Kochen der Würze und dem Kühlen des Biers seien erhebliche Kosten verbunden. "Wenn wir den für uns wichtigsten Rohstoff Malz ins Auge fassen, haben wir es mit Preissteigerungen von 80 Prozent im Vergleich zum letzten Jahr zu tun, auch Etiketten und Kronkorken sind 30 bis 50 Prozent teurer geworden." Man rechne also mit Preissteigerungen auf breiter Front. 

"Es sind schwierige Zeiten", beschreibt Ruth Herget-Klesper. "Der mit dem Krieg in der Ukraine verbundene Rohstoffmangel und die Energiekrise treffen uns härter als alle Corona-Lockdowns zusammengenommen." Zulieferer gehen insolvent, sodass man neue Geschäftspartner akquirieren müsse. Vor kurzem sei beispielsweise die Haus- und Hofmelzerei pleite gegangen - auf die habe man sich über Jahre verlassen. "Das ist nervenaufreibend, nicht nur für uns als Geschäftsführer, sondern auch für alle bei uns Beschäftigten, die übrigens einen großartigen Job machen, ohne so zuverlässiges Personal wäre man in viel größeren Schwierigkeiten." 

Die Konkurrenz ist hoch und somit der Preisdruck

Doch wie kann es nun sein, dass es bisher zu keinen erheblichen Preissteigerungen kam? Die "TV-Biere", also die großen Marken, haben aufgrund der enormen produzierten Menge deutlich geringere Produktionskosten, als regionale Biere, so die Verkaufsleiterin von Hochstift. "Die fangen die steigenden Preise mit ihren Gewinnmargen, Rücklagen und Einnahmen aus anderen Sektoren auf." Das mache man bei Hochstift bisher auch, lange werde das allerdings nicht mehr gut gehen. "Irgendwann in naher Zukunft sind wir gezwungen, die Preise zu erhöhen." Das Problem: der Preisdruck beim Bier. Die Konkurrenz ist hoch, auf dem Markt gibt es Überkapazitäten, weiß sie zu berichten. 

"Wir hoffen auf ein Signal - Brauereien, die sich vortrauen. Als regionales Bier könne wir nicht vorangehen", sagt Ruth Herget-Klesper. Wenn eine regionale Brauerei die Preise im Alleingang anhebt, wenden sich die Kunden ab, meint sie. Ein Risiko, das bisher niemand eingehen will. 

Ewig kann das Preisniveau nicht mehr gehalten werden, zum neuen Jahr wird es eng. "Die großen Brauereien müssen zur Besinnung kommen und ein Zeichen setzen, sonst könnte der Markt bald um viele Mittelständler ärmer sein", formuliert sie abschließend. (Moritz Bindewald) +++


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