Maria Ühlein ist die neue Ärztin im MVZ in Grebenhain. - Fotos: Luisa Diegel

GREBENHAIN Lichtblick im Fachkräftemangel

Maria Ühlein ist die neue Ärztin am MVZ: "Ich bin durch und durch Landarzt"

17.11.22 - Es war ein Meilenstein in der Gesundheitsversorgung im Vogelsbergkreis: die Eröffnung eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) in Freiensteinau und Grebenhain Anfang 2021. Hier werden alle relevanten, hausärztlichen Behandlungen und Untersuchungen durchgeführt, Ärzte arbeiten hier Hand in Hand. Seit dem 15. November ist Maria Ühlein neuer Teil des Teams. 

Doch bis es die 62-Jährige in den Vogelsberg verschlagen hat, hat es tatsächlich etwas gedauert: Nachdem sie ihr Examen in Frankfurt absolviert und später ein halbes Jahr in der Orthopädie gearbeitet hat, eröffnete sie in Groß-Zimmern (Landkreis Darmstadt-Dieburg) eine Allgemeinpraxis. In 2005 schlug sie noch einmal einen ganz anderen Weg ein und ging nach Großbritannien. 


Alltag zwischen Praxis, Pflegeheimen und Hausbesuchen

"Dort herrscht ein ganz anders Gesundheitssystem als hier in Deutschland - was mir gut gefallen hat", erinnert sie sich. Viel habe sie aus dieser Zeit mitgenommen, was ihr in ihrer Arbeit in der Bundesrepublik noch immer hilft. Denn im Brexit-Jahr 2019 ging sie mit ihrem Mann wieder zurück - dieses Mal in den Main-Kinzig-Kreis. Für einige Zeit arbeitete sie dann in einer Allgemeinpraxis in Steinau, bis es sie schlussendlich nach Grebenhain ins MVZ verschlagen hat. 

Hier ist sie seit gestern offiziell Teil des Ärzteteams - zuständig für die Patientenbetreuung in der Praxis, macht zudem auch Besuche Zuhause und in Pflegeheimen. "In Steinau war ich zusätzlich auch für die Aus- und Weiterbildung für junge Mediziner zuständig - das möchte ich auch hier wieder anstreben", sagt sie. 

"In der Stadt bin ich vor allem ein Überweisungsarzt"

Für Ühlein war der Schritt, einer Arzttätigkeit im Vogelsberg nachzugehen, ziemlich leicht. "Ich bin Landarzt durch und durch - fertig", sagt und lacht sie im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS. Schon immer sei dies in ihr drinnen gewesen - vor allem gefalle ihr die große Bandbreite, die man eben auf dem Land als Arzt habe. "Man hat einfach alles - von der kleinen Chirurgie bis zur psychosomatischen Grundversorgung. Ich finde, in der Stadt ist man vor allem ein Überweisungsarzt, denn dort sind alle Fachärzte in der umliegenden Gegend. Doch dafür brauche ich nicht Medizin studiert und über 30 Jahre Berufserfahrung gesammelt zu haben", bringt sie es auf den Punkt. 

Im Vergleich mit dem System in Großbritannien gefällt der erfahrenen Ärztin dieses wesentlich besser: "Dort sind alle Fachärzte nur im Krankenhaus. Alles kommt also vorher zum Hausarzt. Und der macht dort auch fast alles. Viele Frauen sehen in Großbritannien beispielsweise kein einziges Mal einen Gynäkologen. Die Vorsorge macht nämlich auch der Hausarzt", erzählt sie. Da werde eben erwartet, dass diese ganzen Untersuchungstechniken beherrscht und regelmäßig ausgeübt werden.
 

Anstellung für junge Mediziner attraktiv

Dieser Erfahrungsschatz, den sich Ühlein zusätzlich in den Jahren in Großbritannien angeeignet hat, hat das MVZ schnell überzeugt. Immer auf der Suche nach Fachkräften war MVZ-Geschäftsführer Ulf Werner und sein Team froh über die Bewerbung von Ühlein. Denn: Auch bei Medizinern - und gerade im ländlichen Raum - ist der Fachkräftemangel längst angekommen. Vor allem junge Leute fehlen. "Es hat sich eben rumgesprochen, dass ein Medizinstudium nicht gleich bedeutet, dass man Porsche fahren kann", bringt es die Allgemeinmedizinerin trocken auf den Punkt.

Zudem kommen zwei weitere globale Trends hinzu, wie Werner erklärt: "Noch immer ist der Zuzug in die Stadt sehr groß. Außerdem sind zwei Drittel der Medizinstudium-Absolventen weiblich. So hat man die Situation: Man studiert, dann kommt die Weiterbildung. Und mit Mitte 30 wollen eben viele eine Familie gründen. Genau in dieser Zeit, in der man als Mediziner dann eine Praxis gründen könnte, kommt die Familienplanung dazwischen." Für viele in der heutigen Zeit nicht mehr vorstellbar. Deshalb werden Anstellungsmöglichkeiten für Ärzte händeringend gesucht. 

Und dies war bisher auf dem Land ziemlich schwierig. "Praxen, in denen eine Anstellung möglich ist, sind in der Region noch eher die Ausnahme." Und das MVZ in Freiensteinau und Grebenhain komme genau diesem Trend entgegen. "Wir machen den Medizinern ein Angebot: Sie können hier angestellt arbeiten - und eben nebenbei Zeit für die Familie haben." Feste Arbeitszeiten seien genauso attraktiv wie ein Team, welches sich um Verwaltungsangelegenheiten, IT oder Personal kümmert. "Die Ärzte können also hier Ärzte sein." Doch so gut es auch klingen mag, für Werner ist klar: "Jemanden, der in der Stadt aufgewachsen ist, aufs Land zu bekommen - das ist schwierig." 

Doch für Maria Ühlein ist der Schritt Richtung MVZ genau der richtige: "Es ist hier ein Geben und Nehmen. Die Patientenversorgung ist immer gewährleistet. Zudem besteht ein enormes Vertrauensverhältnis - und das merken auch die Patienten." 

Lücken im deutschen Gesundheitssystem

Trotzdem ist für die 62-Jährige nicht alles Gold, was glänzt. Denn - ganz unabhängig vom MVZ - habe das deutsche Gesundheitssystem einige Lücken, die im O|N-Interview nicht unausgesprochen bleiben sollen. Sucht ein Patient eine Praxis im Quartal mehrfach auf, erhält der Arzt hierfür häufig kein Honorar mehr, "denn er wird nur für den einmaligen Kontakt bezahlt. Kommt er nochmal, gibt es eben nichts. Sagen Sie das einmal einem Handwerker", so Ühlein. Für sie sei dies ein typisch deutsches Problem. "In jedem anderen Land würden die Leute sofort auf die Barrikaden gehen." 

Deshalb kann die Allgemeinmedizinerin verstehen, dass Ärzte auf die Straße gehen und protestieren - so wie zuletzt Ende Oktober. "Als kommunales Haus konnten wir nicht zumachen, auch wenn wir den Themen kritisch gegenüberstehen." Deshalb habe das MVZ an diesem Tage Notfälle aus anderen Praxen übernommen. "Jemand anderes hat denn eben für mich mitgestreikt", so Ühlein abschließend. (ld) +++


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