Creditreform-Chef Wolfram Busold im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS - Fotos: Carina Jirsch

REGION "Fulda trotz Krisen gut aufgestellt"

Creditreform-Chef Busold zur aktuellen wirtschaftlichen Lage in der Region

30.11.22 - Die Wirtschaft befindet sich seit fast drei Jahren in einer Ausnahmesituation: Nachdem viele Unternehmen in Deutschland bereits schwer unter der Corona-Pandemie zu leiden hatten, stellen der Krieg in der Ukraine und die damit verbundene Energiekrise die Betriebe vor neue Herausforderungen. Und dennoch: "Die Wirtschaftsregion Fulda steht trotz aktueller Krisen gut da", zieht Wolfram Busold, Geschäftsführer der Creditreform Kassel/Fulda Schlegel & Busold KG im exklusiven Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS Bilanz.

Steigende Energiepreise und Lücken bei der Gasversorgung haben die Geschäftsaussichten ...

Anders als in der Corona-Pandemie sind aktuell vor allem die mittleren Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe betroffen. Steigende Energiepreise und Lücken bei der Gasversorgung haben die Geschäftsaussichten bundesweit teils massiv eingetrübt. Auch kriegsbedingte Lieferschwierigkeiten belasten deutsche Unternehmen. "Dennoch befinden sich die Insolvenzen generell auf einem historischen Tiefstand. Das ist für uns ein toller Seismograf, der zeigt: Unserer Wirtschaft geht es gut. Doch in den vergangenen drei Monaten nehmen leider auch die Insolvenzen wieder zu. Es findet derzeit eine Trendwende statt", bringt es Busold auf den Punkt. Im Jahr 2022 verzeichnet der Landkreis Fulda mit insgesamt 21 Unternehmensinsolvenzen einen leichten Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. 

In den vergangenen drei Monaten nehmen laut Busold leider auch die Insolvenzen wieder ...

Christian P. Stadtfeld, Chefredakteur von OSTHESSEN|NEWS

Moderate Zahlen in Fulda

"Wir befinden uns in Fulda in einem robusten Umfeld und verzeichnen im Bundesvergleich moderate Zahlen. Wohin die Reise jedoch in Zukunft geht, ist schwer zu sagen", so Busold. Von einer Insolvenzwelle geht der Creditreform-Geschäftsführer jedoch aktuell nicht aus: "Trotzdem müssen wir in Zukunft langfristig mit höheren Zahlen über einen längeren Zeitraum rechnen. Zudem wird es vermehrt zu Marktaustritten kommen. Es wird sich definitiv etwas verändern. Genaue Tendenzen sind jedoch noch ungewiss." So hätten sich viele osthessische Unternehmen mit ihren Rücklagen einen "Speckgürtel" aufgebaut. Doch auch dieser sei laut Busold früher oder später aufgebraucht. Bei der Einschätzung der kommenden Monate sei ein Blick nach Österreich und in die Schweiz hilfreich, wo es derzeit deutliche Zunahmen bei den Unternehmensinsolvenzen gibt. Als aktuelle Megatrends der deutschen Wirtschaft sieht Busold aktuell die Inflation, den Personalmangel, Volatile Märkte (Lieferketten, Energie, Handelskonflikte), die Digitalisierung sowie das Thema Nachhaltigkeit (ESG).

Erfreulich niedrige Überschuldungsquoten in der Region

Zudem thematisierte der Geschäftsführer in seinem Ausblick auch die aktuellen Zahlen des Schuldneratlas 2022. So seien bundesweit derzeit 5,88 Millionen Bürger überschuldet, was einer Überschuldungsquote von 8,48 Prozent entspricht. "Das ist in der Summe ein erfreuliches Ergebnis. Im Jahr 2021 lag die Quote noch bei 8,86 Prozent", so Busold. Der Landkreis Fulda bewege sich im bundesweiten Vergleich im oberen Drittel und erziele mit einer Überschuldungsquote von 6,54 im Jahr 2022 somit ein gutes Ergebnis. Auch im Vogelsberg sowie im Main-Kinzig-Kreis sei die Überschuldung in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Laut Schuldneratlas habe sich die Überschuldungsquote somit in fast allen osthessischen Gemeinden verbessert. Eine Verschlechterung der Lage konnte nur in Hünfeld, Schlitz, Hofbieber, Hosenfeld und Ehrenberg festgestellt werden.

O|N-Volontärin Lea Hohmann

Laut dem Geschäftsführer könne man seit 2015 eine kontinuierliche Verbesserung der Quote verzeichnen. Dies sei vor allem auch auf Corona zurückzuführen. "Für viele Verbraucher bedeutete die Pandemie Konsumverzicht, aus Vorsicht und oder Mangel an Möglichkeiten, bei gleichbleibendem Einkommen", so Busold, der beispielsweise den Rückgang an Urlaubsreisen in der Pandemie als Beispiel anführte. "Verschuldete Menschen konnten so ihre Schulden zurückbezahlen und teilweise sogar neue Rücklagen bilden." Wie sich die Überschuldungsquote in den kommenden Jahren weiterentwickle, sei jedoch ungewiss. Ein entscheidender Faktor sei dabei auch die Nebenkostenabrechnung. Die wahren Belastungen lägen demnach in der anhaltend hohen Inflation und den steigenden Energiekosten, welche noch längst nicht vollständig beim Verbraucher angekommen seien. Zudem hätten in Zukunft gerade energieintensive Unternehmen wie Bäckereien oder die Transport- und Logistikbranche zu kämpfen.

Liquidität wird schrittweise aufgezehrt

Der "Zustand" der Wirtschaft wird laut Busold mithilfe des Debitorenregisters gemessen, welches Liquiditätsrisiken sichtbar macht und zugleich offenlegt, dass sich die Zahlungsmoral bundesweit kontinuierlich verschlechtert. Es lässt sich beobachten, dass die Anzahl an überfälligen Rechnungen in den vergangenen vier Monaten zunimmt. "Die Liquidität der Unternehmen nimmt langsam, aber stetig ab und wird in vielen Betrieben schrittweise aufgezehrt. Jede fünfte Rechnung in Deutschland ist überfällig", macht Busold deutlich. Die höchste Überfälligkeit verzeichne man mit 14 Tagen in der Baubranche. Zudem ist eine deutliche Verschlechterung der Liquidität in der Metall- und Elektroindustrie und im Bau erkennbar. "Das sind Tendenzen, die man weiter beobachten muss." 

Vertriebsmitarbeiterin Sabrina Röher

Mit zunehmenden Zahlungsverzögerungen steige bei Kreditgebern und Gläubigern die Gefahr von Forderungsausfällen. Der Zahlungsverzug nehme unter anderem im Bereich Bau, Metall & Elektro und Logistik zu. "Viele Aufträge bei Baufirmen oder Handwerkern werden derzeit storniert. Das hat natürlich massive Auswirkungen. Der Kapitalfluss ist nicht mehr gegeben. Des Weiteren zeigt die steigende Überfälligkeit bei Zahlungen, dass sich gerade etwas in der Wirtschaft verändert." Lieferanten müssten somit Zahlungsüberfälligkeit von rund zwei Wochen einkalkulieren. "Dass das auch massiven Einfluss auf die Vorfinanzierung hat, ist bei vielen Unternehmen noch gar nicht richtig angekommen", so der Geschäftsführer.

Empfehlung eines straffen, stringenten Risikomanagements

Um die Lage der deutschen Wirtschaft in Zukunft zu optimieren, rät Busold zu einem "straffen und stringenten Risikomanagement". Erhält ein Unternehmen keine Zahlung, so müsse es zeitnah reagieren. "Bleibt die Zahlung aus, löst das in der Wirtschaft eine Kettenreaktion aus. Das Geld fehlt, Unternehmen bekommen in Sachen Vorfinanzierung ein Problem. Monitoren Sie Ihre Kunden, um frühzeitig über Bonitätsveränderungen informiert zu sein", empfiehlt der Creditreform-Geschäftsführer. "Denn Risikomanagement fängt bereits bei der Rechnungsstellung an", so Busold.

Wie sich Inflation und Marktgeschehen in Zukunft tatsächlich entwickeln werden, steht also noch in den Sternen. Der Landkreis Fulda und die Region Osthessen seien aber bisher laut Busold gut durch die Pandemie und die aktuellen Krisen gekommen. Dass die hohen Preise jedoch wieder auf "Vor-Corona-Niveau" sinken, daran glaubt Wolfram Busold aktuell nicht. (Lea Hohmann) +++


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