Michael Roth (SPD) ist mit neuer Kraft zurück im politischen Berlin. Aber auch im heimischen Wahlkreis ist der 52-Jährige seit dem Jahreswechsel wieder unterwegs. - Fotos: Michael Farkas

BAD HERSFELD O|N-Interview mit SPD-Politiker

Nach Auszeit: Michael Roth startet neu durch und warnt vor Demokratiemüdigkeit

17.01.23 - Viele Monate war der heimische Bundestagsabgeordnete Michael Roth (SPD) von der politischen Bühne verschwunden. Nun ist er zum Jahreswechsel wieder zurück. Im Interview mit OSTHESSEN|NEWS spricht er über seine vergangenen Monate, sein derzeitiges Wohlbefinden, aber auch über die aktuelle politische Lage. 

Zum Hintergrund: Michael Roth war wegen eines "psychischen Erschöpfungszustand" von der politischen Bühne zweimal temporär abgetreten. Zudem begab er sich in Behandlung. Seit dem Jahreswechsel ist er wieder zurück und vertritt den Wahlkreis 169 (Hersfeld-Rotenburg und Werra-Meißner) in Berlin.

OSTHESSEN|NEWS: Sie haben sich zum zweiten Mal nun einige Monate von der Öffentlichkeit zurückgezogen. Deshalb die Frage: Wie geht es Ihnen?

Michael Roth: "Danke. Mir geht es gut. Ich freue mich, wieder an Bord zu sein, im Wahlkreis und in Berlin."

O|N: Was haben Sie in den vergangenen Monaten für Ihre persönliche Regeneration getan?

Roth: "Es war wichtig, Abstand zu gewinnen, zur Ruhe und wieder zu Kräften zu kommen. Dabei haben Sport und viel Zeit in und mit der Natur sehr geholfen. Unverzichtbar ist aber auch die professionelle Unterstützung und Begleitung. Ich gehe jetzt achtsamer mit mir und anderen um. Ein schönes Gefühl."

O|N:
Doch nun zur Politik: Krieg in der Ukraine, Kostenexplosionen, Energie-Krise - die Ampel-Koalition befindet sich stets und ständig im Krisenmodus. Sie sind nicht mehr Teil der Bundesregierung, deshalb die Frage, welches Zeugnis würden Sie nach etwas mehr als einem Jahr ausstellen?

Aufgrund psychischer Erschöpfung begab sich der SPD-Politiker in professionelle ...

Roth: "Die vergangenen Jahre waren allesamt nicht einfach, den Menschen wurde viel zugemutet an Krisen, Veränderungen und Bewährungsproben. Ich kenne es eigentlich nicht anders. Doch ich gebe Ihnen recht: Die Ampel hat seit Beginn ihrer Amtszeit alle Hände voll zu tun. Besonders der brutale russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat uns gezeigt, wo Probleme liegen. Hier geht die Bundesregierung entschlossen voran. Wir unterstützen die Ukraine bei ihrem mutigen Freiheitskampf gegen die russische Aggression, haben uns im Rekordtempo unabhängig gemacht von Öl, Gas und Kohle aus Russland und tun alles dafür, um unser Land klimaneutral, sozial gerechter und sicherer zu machen. Das Bürgergeld, ein höherer Mindestlohn, der Bau von Flüssiggas-Terminals an unseren Küsten oder die weitreichenden Entlastungen für Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger in der Energiekrise. Ich finde, diese Erfolge können sich sehen lassen. Was mich besonders freut: Trotz der wirklich schwierigen Jahre ist die Arbeitslosigkeit in unserer Region nach wie vor auf sehr niedrigem Niveau. Wir brauchen sogar noch Fachkräfte in nahezu allen Branchen.

Dass es in dieser Koalition auch einmal knirscht, ist bei drei Parteien, die zum Teil ganz unterschiedliche Hintergründe haben, verständlich. Was dieses Bündnis aber eint, ist der Wille, unser Land voranzubringen und zu modernisieren. Aber manchmal wäre es schon besser, die Zwistigkeiten nicht öffentlich auszutragen. Denn eigentlich ist die Stimmung zwischen den Kolleginnen und Kollegen von SPD, Grünen und FDP wirklich gut."

O|N:
Sie sind der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses. Wie kann Deutschland die Ukraine beim russischen Angriffskrieg noch mehr unterstützen?

Roth: "Zuerst einmal freue ich mich, dass wir gemeinsam mit unseren Verbündeten erst vor kurzem weitere militärische Unterstützung für die Ukraine vereinbart haben. Damit senden wir gleich zu Beginn des Jahres eine deutliche Botschaft an unsere Freundinnen und Freunde in der Ukraine genau wie an Russland. Wir müssen und werden der Ukraine auch weiterhin dabei helfen, sich von der russischen Besatzung zu befreien. Russland führt einen furchtbaren Krieg gegen die Zivilbevölkerung, legt das Land in Schutt und Asche. Erst wenn Russland einsieht, dass es militärisch gescheitert ist, gibt es eine ernsthafte Chance für eine diplomatische Lösung. Die Verteidigungskraft der Ukraine stärken und damit die Voraussetzungen für ein Ende dieses Krieges durch Verhandlungen schaffen - unter anderem dafür werde ich mich als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses auch weiterhin einsetzen.

Unsere Unterstützung für die Ukraine beschränkt sich im Übrigen nicht nur auf die Lieferung von Waffen. Wir helfen dem Land auch politisch, humanitär und finanziell, haben vielen hunderttausenden Menschen aus der Ukraine auch in unserer Heimat eine sichere Zuflucht gegeben und sorgen dafür, dass die Ukraine schnell Teil des vereinten Europas werden kann. Und wir denken bereits jetzt an den Wiederaufbau des von Russland zerstörten Landes nach dem Krieg."

O|N:
Die Politik genießt derzeit bei den Menschen gefühlt kein hohes Ansehen mehr. Grund dafür sind auch einige Skandale - können Sie die Menschen teilweise verstehen, dass Sie mit der Politik unzufrieden sind?

Roth: "Ohne Vertrauen kann Politik nicht funktionieren. Das fängt bei den Entscheidungen in der Gemeindevertretung an, gilt aber natürlich besonders für Vertreterinnen und Vertreter im Land, Bund oder in Europa. Die Veränderungen sind dramatisch, die Zeiten fordernd, Lösungen sind kompliziert. Das ängstigt und überfordert nicht Wenige. Aber ich kann vor einer Sehnsucht nach der guten alten Zeit nur warnen. Nostalgie hilft uns nicht weiter. Rechtsextreme, Demokratie verachtende Kräfte missbrauchen die Sorgen der Menschen, in dem sie einfache Lösungen vorgaukeln oder Sündenböcke finden. Das bestätigt Menschen, die mit Frust und Enttäuschung auf unsere Demokratie beziehungsweise 'Die da oben' schauen.

Diese Gefühle von Unzufriedenheit dürfen wir nicht einfach achselzuckend hinnehmen, sondern wir müssen uns jeden Tag bemühen, Vertrauen zurückzugewinnen. Mit einer Politik, die Probleme erkennt und passende Lösungen erarbeitet, einem starken Staat und einer gehörigen Portion Kritikfähigkeit. Ich selbst versuche in meiner Arbeit nah- und erreichbar zu sein für die Fragen von Bürgerinnen und Bürgern, zuzuhören und meinen Beitrag zu leisten, dass unsere ländliche Region gut vertreten ist im Bund. Ich freue mich über alle, die dieses Angebot annehmen."

O|N:
In diesem Jahr findet in Hessen die Landtagswahl statt - auch hier Name waberte dabei immer wieder durch die Gerüchteküche. Schließen zu 100 Prozent aus, in die Landespolitik zu wechseln?

Roth: "Ich bin seit fast 25 Jahren direkt gewählter Bundestagsabgeordneter meiner Heimat und fühle mich auch in meiner Aufgabe als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag wohl. Wie wir uns als hessische Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten für die kommende Landtagswahl im Herbst aufstellen, wird unter anderem auf dem kommenden Hessengipfel in Friedewald Anfang Februar entschieden werden. Klar ist aber: Wir werden überzeugende Köpfe und Konzepte vorstellen, um Hessen sozialer, gerechter und stärker zu machen. Darauf freue ich mich."

O|N:
Zum Abschluss: was ist Ihr größter Wunsch für das Jahr 2023 persönlich, wie auch politisch?

Roth: "Gelassenheit und Gesundheit. Dass wir uns mit Respekt und Anstand begegnen, wir uns nicht von Hass, Lügen und Verachtung von Nationalisten und Populisten weiter vergiften lassen. Wir brauchen keine Zuschauer-, sondern eine Mitmachdemokratie. Und ich wünsche mir Frieden für uns alle. Das setzt voraus, dass die Ukraine aus diesem Krieg als freies, demokratisches Land unter Wahrung ihrer territorialen Unversehrtheit siegreich hervorgeht." (Kevin Kunze)+++


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