01.03.10 - Alsfeld

Denkmalbeirat tagte:„Ghettohaus“ in Angenrod, nicht genehmigte Kunststoff-Fenster

Auf seiner ersten Sitzung mit dem neuen Geschäftsführer, Regierungsbaumeister Hofmann, in Alsfeld ging es um eine Fülle verschiedenster Einzeldenkmale und um grundsätzliche Probleme, auch was die Zusammenarbeit zwischen Politik und Denkmalschutz angeht. Die rege Diskussion bewies wieder einmal, wie wichtig das Gremium Vogelsberger Denkmalbeirat ist.

Nachdem mit der Berufung des neuen Bauamtsleiters, Bernhard Hofmann, der Separatismus nach sechs Jahren sein Ende gefunden hatte, fand die erste diesjährige Sitzung des Gremiums wieder in der europäischen Modellstadt Alsfeld statt, und zwar im historischen Sitzungssaal des Rathauses. Die Vorsitzende, Frau Müller, begrüßte dazu besonders den Gastgeber, Bürgermeister Becker, und den neuen Kreis-Bauamtsleiter, der sich auch kurz vorstellte. Als Leiter des Bauamts der Stadt Alsfeld in den Jahren 2005-2009 verfügt er über detaillierte Kenntnisse seines damaligen Zuständigkeitsbereiches, die er nun gewinnbringend in seinen neuen, erweiterten Bereich einbringen wird.

Neben zahlreichen Einzelfällen, über die, durchaus auch kontrovers, diskutiert wurde, lag diesmal ein Schwerpunkt auf einem besonderen Haus in Angenrod und auf der Frage, wie manchmal Politiker mit Verfügungen des Denkmalamtes umgehen. Das Problem des „Vogelsberger Einhauses“ in Schotten-Sichenhausen, wieder auf der Tagesordnung, bleibt weiter ungelöst: es steht nun für zwei Jahre im Internet und sucht dort nach Kaufinteressenten. Wenn sich keine melden, wird es nicht mehr zu halten sein.

Das „Ghettohaus“ in Angenrod: ein unbedingt zu erhaltendes historisches Denkmal

Über einem alten Fachwerkhaus mit dem Hausnamen „Haus Speier“ schwebt seit 1998 ein Abbruchverfahren. Dieses Haus wird auch als „Ghetto-Haus“ bezeichnet. Wieso? Weil aus diesem Haus im Jahre 1942 die letzten in Angenrod verbliebenen acht Israeliten in die Todeslager und in die Gaskammern der SS deportiert wurden. Dazu muss man wissen: Schon seit 1736 lässt sich in Angenrod eine jüdische Gemeinde nachweisen, 1797 wurde dort eine Fachwerk-Synagoge errichtet, die 1961/62 einem Gefrierhausneubau weichen musste. Angenrod besaß die zahlenmäßig größte jüdische Gemeinde in der Region Oberhessen, und so gab es in dem Ort auch mehrere von Juden bewohnte Gebäude. Das Verhältnis aller Angenröder, gleich welcher Religionszugehörigkeit, wird in Artikeln der „Oberhessischen Zeitung“ bis ins 1. Drittel des vergangenen Jahrhunderts immer wieder als harmonisch bezeichnet.

Während der nationalsozialistischen Zeit emigrierten zahlreiche Angenröder Juden, ihre Häuser wechselten den Besitzer. Das einzige, heute noch stehende und von Anfang an jüdische und in jüdischem Besitz stehende Haus ist das genannte „Ghetto“-Haus an der Leuseler Straße. In diesem Haus mussten die letzten acht Angenröder Israeliten monatelang vor ihrer Deportation ein Ghettodasein verbringen. Angesichts seiner historisch exemplarischen Bedeutung vertritt der Denkmalbeirat die Meinung, dass dieses Haus als Mahnmal zur Erinnerung erhalten und deshalb instandgesetzt werden soll. Das Denkmalamt stellt dafür Landesmittel zur Verfügung. Anderen lobenswerten Beispielen (z. B. Kestrich, Romrod) folgend, könnte hier ein Kulturhaus im ländlichen Raum mit Festsaal für kleinere Veranstaltungen entstehen. Es soll versucht werden, dafür auch vor Ort in der Gemeinde um Verständnis zu werben.

Bauprobleme und Bausünden

Längere Diskussionen entspannen sich über die Frage: Holz- oder Kunststoff-Fenster bei der Restaurierung denkmalgeschützter Gebäude? Nach einer Periode euphorischer Kunststoff-Gläubigkeit hat die Bauphysik inzwischen an zahlreichen Beispielen zeigen können, wie man damit auch „kaputtsanieren“ kann. Alte Handwerkstechniken mussten wiederbelebt werden, um eine denkmalgerechte und für den Baukörper nachhaltig wirksame Sanierung durchzuführen. Hier hat es jüngst unerfreuliche Formen der Zusammenarbeit zwischen Denkmalbehörde und der politischen Kreisspitze gegeben. So wurden z. B. in das alte Gymnasium ungenehmigte Kunststoff-Fenster eingebaut, was, streng genommen, einen Rückbau zur Folge haben müsste. Denn was soll wohl ein privater Bauherr davon halten, wenn die öffentliche Hand selber gegen Auflagen des Denkmalschutzes verstößt? Die sich daraus ergebenden Konflikte des Denkmalschutzes müssen dringend gelöst werden.

Kreis-Bauamtsleiter Hofmann berichtete sodann über die Ausstellung „Alsfeld – Europäische Modellstadt gestern – morgen – heute „ im Rahmen der Fachwerktriennale 2009. Er gab einen Überblick über die Geschichte der Altstadtsanierung der Stadt. In diesem Zusammenhang wurde dann das Thema diskutiert, wie man mit dem Alsfelder Kerber- und möglicherweise auch Sparkassen-Gelände stadtplanerisch umgehen soll: ein gordischer Knoten! Verschiedene Ideen, die dazu entwickelt worden sind, stießen im Denkmalbeirat auf Kritik, der dazu folgende Resolution einstimmig verabschiedete:

Der Denkmalbeirat des Vogelsbergkreises spricht sich dagegen aus, sowohl auf dem Kerber- als auch auf dem Sparkassen-Gelände in Alsfeld überdimensionierte Verkaufsflächen zu planen. In diesem Zusammenhang fordert er, das Gebäude „Schützenrain 2“ zu erhalten.

Zu weiteren, kürzeren Gegenständen der Sitzung gehörten: Planungsvorstellungen zum Tag des offenen Denkmals 2010 und die Gestaltung der Internet-Präsentation des Vogelsberger Denkmalbeirates. Die erste Sitzung – wieder – in Alsfeld zeigte, wie wichtig die Arbeit des Vogelsberger Denkmalbeirats ist.+++

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