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07.07.13 - NACHGEDACHT (26)

"Zur Ruhe kommen..." - Gedanken von Christina LEINWEBER

Sie lief und leicht perlte der Schweiß am oberen Rand ihrer Stirn. Sie lief und lief. Schon seitdem sie aus der Haustür gegangen war. Ein innerer Drang hatte sie erfüllt. Woher er kam, wusste sie nicht. Sie ist einfach vom Schreibtisch aufgestanden, ohne den Fernseher auszumachen. Ohne Tschüss zu sagen. Nur Schuhe hatte sie sich noch hastig angezogen. Und nur eines wusste sie: wohin sie musste. Jetzt. Sofort. Ohne Pause. Auch wenn sich schon ihr Rachen trocken anfühlte und die Lunge tief nach Luft rang. Sie wollte nicht aufhören. Eine Pause hätte alles zerstört. Als sie kurz davor war, vor ihrem Ziel, wendete sie ihren Blick darauf, vorher war er nur auf die Straße fixiert. Die Schritte wurden noch einmal angeheizt, schneller, dann plötzlich, als sie scharf die Umrisse erkennen konnte, hörte sie auf zu rennen und sie lief bedächtiger. Erfüllter. Angekommen. Ihre Hände legte sie ineinander. Wie zum Gebet gefaltet. Sie richtete ihre Augen in die Augen ihres Gegenübers.

Die Person, die sie jetzt endlich erreicht hatte, war so schön anzusehen. Das Gesicht vor ihr war gütig, rein und ihr Blick klar. Die Weisheit und Ruhe, die dieses Gesicht ausstrahlte, war genau das, was sie jetzt endlich benötigte. Sie begann zu lachen. Ohne Ton, aber ihr Gesicht lag in tiefen Lachfalten. Fast hätte sie sogar geweint vor Glück. Aber sie konnte ja jetzt einmal weinen, dachte sie bei sich. Und so liefen ihr die Tränen. Dicke, verheißungsvolle, heiße Tränen der Freude. Oder der Erleichterung. Egal, welche Tränen es waren, es waren gute Tränen. Beim Weinen hörte sie auch nicht auf zu lachen. Diesen Moment nahm sie sich jetzt. Intensiv wollte sie ihn erleben und auskosten. Ausreizen. Denn es musste genau das geschehen, was jetzt geschah. Sie setzte sich auf den Boden vor die Person, die trotzdem ihr gütiges Gesicht beibehielt.

Die Augen der Person, die sie so sehnsüchtig aufgesucht hatte, waren immer noch auf sie gerichtet. Doch sie wollte nicht mit ihr reden. Jedenfalls nicht laut. Hoffentlich erwartet sie das jetzt nicht von mir, dass ich anfange zu reden, denn ich will einfach nur bei ihr sein. Hier sein genügt mir schon, dachte sie sich und begann, die Person und ihr Umfeld weiter anzublicken. Die Kleidung der Person war sehr einfach. Sie trug Sandalen. Die Haare braun und lang.

Etwa eine Stunde verweilte die junge Frau bei der anderen Frau. Ohne etwas laut zu sagen. Ohne ein Wort der Erklärung. Doch obwohl sie kein einziges Wort gesprochen hatte, nickte sie der gütigen Frau zu, als sie sich wieder aus ihrem Schneidersitz erhob. Sie nickte und lächelte ihr zu. Ein dankendes Lächeln. Das Aufstehen viel zwar schwer, aber sie ging jetzt leichter.

Kommen Sie darauf, zu welcher Frau die andere Frau in dieser Kurzgeschichte läuft? Welche Frau trägt Sandalen, hat lange braune Haare? Und welche Frau schaut nur gütig, sagt aber nichts. Sie läuft zu einer Marienstatue. Die junge Frau befindet sich scheinbar in solch einer misslichen Lage, dass sie Hilfe braucht. Und diese scheint sie in diesem Moment nur dort finden zu können.

Wann haben sie das letzte Mal gebetet? Und wenn ja, wie? Diese Frau hat das dringende Bedürfnis, sich an jemanden zu wenden. Viel sagt sie nicht, sie sagt eigentlich gar nichts. Ein klassisches, aufgesagtes Gebet ist es auch nicht. Es ist eigentlich primär "nur" eine Hinwendung zu jemandem.

Nur manche Menschen beten heute noch vor einer Statue. Dennoch leuchten viele Kerzen in manchen Grotten. Was früher ein gängiger Brauch war, ist aber für die meisten kaum noch zugänglich. Aber in dieser Geschichte zeigt sich: Es wird ein Ort der Ruhe benötigt. Dieser wird auch gefunden. Auch wenn die Statue nicht antwortet. Sie verkörpert Güte und Ruhe. Genau das, was die Frau sucht. Und scheinbar auch findet. Und es zeigt, beten kann auch diffus sein, man muss nichts aufsagen. Es geht auch einfach mal darum, zur Ruhe zu kommen, abschalten zu können. Es reinigt psychisch und kann Kraft geben. (Christina Leinweber) +++

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ZUR PERSON: Christina Leinweber, 1988 geboren in der osthessischen Bischofsstadt Fulda, neun Jahre katholisch-private Schulausbildung – so war der Weg zum Theologiestudium für sie vorbestimmt und beschlossen. Es ging dann für vier Jahre Studium in die nächste Bischofsstadt Paderborn - inzwischen hat sie ihr 1. Staatsexamen in der Tasche. Gleichzeitig ist sie Mitarbeiterin bei osthessen-news.de, bezeichnet sich selbst als liberal-theologisch und kommentiert (seit 26 Wochen) in der neuen Serie "NACHGEDACHT" Dinge des Alltags aus ihrer persönlichen Sicht. +++

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