22.09.14 - KÜNZELL

"Gelebte Utopie und exemplarisches Frauenprojekt"

Frauensiedlung Loheland – Denkmalpfleger und Architekten auf Fortbildung

„Für mich war es eine ganz besondere Erfahrung, ein Gebäude in seiner Eigenart und seiner besonderen Charakteristik sinnlich und wissenschaftlich zugleich erfassen und dokumentieren zu können,“ sagte eine Teilnehmerin der Fortbildungsreihe „Architekt/in, Planer/in in der Denkmalpflege“ der Propstei Johannesberg gGmbH. Die Teilnehmer der Fortbildungsveranstaltung haben am 17. und 18. September 2014 zwei historische Gebäude der Siedlung Loheland nahe Fulda auf dem Herzberg in der Rhön von Hand vermessen, gezeichnet und dokumentiert.

„Das im Grunde traditionelle Zeichnen direkt am Ort ermöglicht uns eine Detailtreue, die mit anderen Verfahren nicht zu erreichen ist“, erläuterte Dr. Jennifer Verhoeven vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen und Seminarleiterin für die Propstei Johannesberg gGmbH. Nur so könne man ein Gebäude in all seinen Facetten kennenlernen, ergänzte Ortrud Weis-Lauer, Co-Seminarleiterin, hauptberuflich als Architektin und Stadtplanerin bei der Stadt Oberursel auch für den Denkmalschutz verantwortlich. Ganz selbstverständlich würden neben den Qualitäten auch mögliche Mängel und Schäden am Bauwerk wahrgenommen und eröffneten sich erste Perspektiven zur Instandsetzung und zur Revitalisierung.


Jedes Gebäude bedarf einer individuellen Lösung

Die 1924/25 und 1933 erbauten Häuser „Eva“ und „Sutor“ hätten sich für das Projekt geradezu angeboten, so Dr. Verhoeven und Weis-Lauer weiter, da sie derzeit leer stünden. „Wir sind froh und dankbar, dass wir an diesen beiden Objekten den adäquaten Umgang mit einem historischen Gebäude erproben können. In beiden Gebäuden sind die Ausstattung aus der Entstehungszeit und teils auch das ursprüngliche Mobiliar erhalten. Eine Erfahrung authentischer Überlieferung, die in dieser Dichte selten geworden ist.“ Während das aus Stein erbaute Eva Haus noch bis vor kurzem bewohnt war und nur renoviert werden müsse, verlange das quasi in Leichtbauweise aus Holz errichtete Sutor Haus nach anderen Lösungen, denn niemand wolle im Winter frieren oder über Gebühr heizen. „Unsere Aufgabe ist es, individuelle Details zu suchen, die das Gebäude zukunftsfähig machen, ohne den besonderen Charakter und Reiz zu zerstören.“

Die Namen der Gebäude gehen auf die ersten Bewohnerinnen der Häuser zurück, die die Siedlung mit gegründet haben: „Eva Maria Deinhardt und Edith Sutor, zwei der bekannten, frühen expressionistischen Tänzerinnen der Arbeitsgemeinschaft Loheland", erläuterte Elisabeth Mollenhauber-Klüber, Leiterin des Archivs Loheland.


Die Siedlung Loheland

„Als gelebte Utopie und exemplarisches Frauenprojekt der Moderne in der Provinz ist die anthroposophische Siedlung Loheland zweifellos ein Kulturdenkmal ganz besonderer Güte“, sagte Dr. Maria Wüllenkemper, zuständige Bezirkskonservatorin im Landesamt für Denkmalpflege Hessen. Die Siedlung gelte als einzige der Jugendbewegung aus der Vorkriegszeit, die die wirtschaftlichen Herausforderungen zwischen 1914 und 1932 gemeistert habe und noch immer bestehe. „Hier gibt es noch sehr viel Raum für Forschung und wissenschaftliche Aufarbeitung“. Die Initiative zur Gründung der Siedlung ging von den beiden Leiterinnen des Seminars für klassische Gymnastik Hedwig von Rohden und Louise Langgaard aus, die 1919 in der Gemeinde Künzell ein großes Stück Land erwarben.

Hier wollten sie nach siebenjähriger Wanderschaft eine Ausbildungsstätte nach ihren Vorstellungen und Idealen aufbauen. Ausgehend von „Bewegung als Element des Lebens“ fanden Frauen einen Ort, wo sie eine neue Arbeits- und Lebensweise entwickeln konnten. Die Loheländerinnen integrierten Gymnastik, Landbau, Handwerk und Kunst in ihrem Konzept. Bauen war dabei ein notwendiger Entwicklungsprozess. Im Laufe der vergangenen fast hundert Jahre kamen immer wieder neue Bauten hinzu. Heute ist Loheland von Gebäuden unterschiedlichster Größe und Erscheinung geprägt. Auf dem Gelände der Siedlung befinden sich unter anderem die Rudolf-Steiner-Schule, das Archiv der Loheland Stiftung, eine Tagungsstätte und Wohngebäude.


Zertifikatslehrgang „Architekt/in, Planer/in in der Denkmalpflege“

Die Fortbildungsreihe „Architekt/in, Planer/in in der Denkmalpflege“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Propstei Johannesberg gGmbH Fortbildung in Denkmalpflege und Altbauerneuerung mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen und der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen. Das 12-wöchige Fortbildungsprogramm, das sich über insgesamt drei Jahre erstreckt, richtet sich an freie und angestellte Architekten/innen, Planer/innen, Ingenieure/innen und an Mitarbeiter/innen von Bauämtern und Denkmalschutzbehörden. Ziel der Reihe ist es, die Teilnehmer für die verschiedenen Bereiche des Denkmalschutzes zu sensibilisieren und sie entsprechend zu schulen. Das Team der Referenten ist interdisziplinär besetzt von Architekten, Bauforschern, Bauingenieuren, Kunsthistorikern und Restauratoren.

Die Seminarwoche in Loheland thematisierte Grundsätze, Ziele Fragestellungen und Vorgehensweise bei Bauuntersuchung und -dokumentation. In Vorträgen erfuhren die Teilnehmer mehr über die Entstehungsgeschichte der Siedlung und die Herangehensweise und Problematik bei der Denkmalerfassung. Außerdem wurden grundsätzliche Kenntnisse zum Erstellen einer Baudokumentation vermittelt. Dazu zählen beispielsweise auch die Arbeit im Archiv, die Fotodokumentation und technische Grundlagen. Die Propstei Johannesberg ist eine Fortbildungseinrichtung für alle in der Denkmalpflege und Altbausanierung Tätigen und bietet eine Vielzahl von Seminaren unterschiedlicher Schwerpunkte an.

Weitere Informationen unter www.propstei-johannesberg.de/ und www.loheland.de/ +++




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