- Fotos: Salih Usta

15.02.17 - FULDA

Schizophren, verschuldet, paranoid

Ex-Drogensüchtiger will mit seiner Lebensgeschichte wachrütteln

Kontakthttps://www.mathias-wald.de/

Es gibt einen Tag im Leben des heute 42-jährigen Mathias Wald, den er niemals vergessen wird: Es ist der 15. Februar 2003. Der Tag, an dem ihn der Mut zum Leben verlassen hat. An diesem Samstag wollte Mathias Wald Schluss machen, Schluss mit seinem Leben. Auf die Autobahn fahren, gegen die nächste Brücke brettern und einfach alles hinter sich lassen. Die Drogensucht, die Schizophrenie, die Wahnvorstellungen und auch den Job, den er niemals geliebt hat. Vier Tage lang hatte er nicht geschlafen, die Augen waren schwer vom Wachsein, der Körper aber vom Speed aufgeputscht und alles andere als müde. Ein Horror-Trip, der nur beendet werden konnte, weil das Schicksal eingegriffen hat. Seine Lebensgeschichte, die er am Freitag, den 17. März, im Kolpinghaus erzählen will, soll andere Menschen wachrütteln, vor einem solchen Schicksal bewahren.

Wenn Mathias Wald heute an diesen 15. Februar denkt, dann bekommt er Gänsehaut am ganzen Körper. "Es war der tiefste Punkt in meinem Leben. Ich stand vor den Trümmern meiner Existenz." Zwölf Jahre lang hatte er zu diesem Zeitpunkt Drogen genommen, die Sucht hatte seinen Körper fest im Griff. "Ich war abgemagert, dehydriert", sagt er und hält seinen kleinen Finger in die Luft, um zu verdeutlichen, wie er ausgesehen haben muss. Tagelang keinen Schlaf, ein Schuldenberg, der gefährlich lauerte, und scheinbar keinen Sinn mehr im Leben. 

"Meinen ersten Joint hab' ich mit 17 geraucht. Am Lagerfeuer während einer Azubi-Fahrt." Mathias Wald saß mit drei seiner Kollegen zusammen. Plötzlich drehte einer eine Tüte, gab sie rum. "Ich hab gelogen und gesagt, ich hätte so was schon mal geraucht", sagt Wald und redet über Zugehörigkeit. Die sei ihm damals sehr wichtig gewesen. "Das Gefühl nach dem ersten Joint war geil", erinnert er sich. Alles sei plötzlich lustig und leicht gewesen. Dann schaut Wald wieder ernst und klopft sich an den Kopf: "Ich habe den Joint als positives Erlebnis im Gedächtnis abgespeichert." Dass das so spät, also erst mit 17 Jahren passiert ist, war einfach großes Glück", meint der 42-Jährige. "Wäre es früher dazu gekommen, säße ich heute nicht so hier."

"So", damit meint er den schicken Anzug, den er trägt. Das gepflegte Äußere, den Aktenkoffer, mit dem er das Café betreten hat. Wald ist heute Geschäftsführer einer erfolgreichen Werbeagentur in Fulda. Vor einigen Jahren wäre das unvorstellbar gewesen. Der Joint am Lagerfeuer sollte nämlich nur der Anfang gewesen sein: "Weil ich das Kiffen als so positiv in meinem Gedächtnis abgespeichert hatte, habe ich den Kontakt zu Menschen gesucht, die mit Drogen zu tun gehabt haben." Eine Hemmschwelle gab es für ihn nicht mehr. Irgendwann fand er sich inmitten der Techno-Bewegung wieder, nahm das erste Mal Speed. Mit der aufputschenden Wirkung des Amphetamins hatte er nicht gerechnet. Um wieder runterzukommen, kiffte er. "Und dann ging's los mit Ecstasy."

Anfangs konsumierte er nur am Wochenende. "Weil ich montags dann immer sofort in ein Loch gefallen bin, hab ich auch mal während der Woche angefangen, mir eine Line zu legen." Während Wald das erzählt, bleibt er ganz ruhig, trinkt immer wieder einen Schluck Kaffee und kann sogar über die ein oder andere Episode aus seinem Suchtleben schmunzeln. Es scheint, als gehörten die Anekdoten nicht zu seinem heute so geordneten Leben. Und doch bekommt er eine Gänsehaut, wenn er daran zurückdenkt, wie er 1995 plötzlich einen Riss in der Lunge hatte, "vom vielen Kiffen". Das Leben zeigte ihm zum ersten Mal die Grenzen. Aber Wald stoppte nicht vor ihnen, er überrannte sie einfach, als wären sie nicht da.

"Dann hab ich mir eben alles einfach eingeworfen", sagt er, "du wirst kreativ in so einer Situation." Die zweite Mahnung des Lebens folgte auf dem Fuße: Mit Drogen im Gepäck wurde er von der Polizei erwischt. 10.000 Euro Strafe, Führerschein weg. "Ich hab das Dealen daraufhin gelassen, aber süchtig war ich immer noch." Hauptsächlich nach Speed und Cannabis. 2002 war dann einer der Tiefpunkte in Walds Leben: Er entwickelte eine Psychose. "Ich war manisch-depressiv, schizophren und hatte Halluzinationen." Wald bildete sich ein, der heilige Geist zu sein, über das Leben der anderen Menschen bestimmen zu können. Außerdem verschanzte er sich in seiner Wohnung, verriegelte Türen und Fenster luftdicht und lebte in dem Glauben, sich sein eigenes Raumschiff gebaut zu haben, mit dem er alle retten könnte. 

Daraus brach er am besagten 15. Februar schließlich aus. "Ich bin auf die Straße gerannt, wollte mich ins Auto setzen und mich umbringen. Ich habe die Welt so nicht mehr ertragen." Weil Wald schon mehrere Tage lang nicht mehr an der Arbeit war, fasste einer seiner Kollegen just in diesem Moment den Entschluss, zu schauen, ob es ihm gut geht und traf ihn vor der Tür an. "Das war Schicksal. Ich hab' zu ihm nur gesagt, dass ich niemandem mehr vertrauen kann" Der Satz, den ihm sein Arbeitskollege dann entgegnete, sollte mit einem Schlag alles ändern. Was genau er sagte, will Mathias auf seinem Vortrag erzählen. Vor seinen Augen spielte sich daraufhin ein Film ab. Er sah sich selbst als Kind, wie er lernte, Fahrrad zu fahren. Und plötzlich war alles klar: "Ich war auf einmal nicht mehr der heilige Geist, ich war Mathias." Der 15. Februar sollte der Tag sein, ab dem der heute 42-Jährige nie mehr Drogen nahm. "Ich hab mich selbst in die Psychiatrie eingewiesen. Dort habe ich ein halbes Jahr lang 16 Stunden lang am Tag geschlafen. Meine Erinnerungen kamen zurück, ich habe meinen Job gekündigt und endlich das getan, was ich schon immer tun wollte: kreativ gearbeitet."

Mathias Walds Leben war nicht mehr fremdbestimt, das sollte es nie mehr sein: nicht von Drogen, nicht von der Gesellschaft. Er gründete die Werbeagentur MyByte Media, die er bis heute erfolgreich führt. "Ich bin endlich wieder glücklich." Und genau das will er anderen Menschen, vor allem Jugendlichen, mit auf den Weg geben: "Du wirst nur glücklich, wenn du deine Persönlichkeit auslebst. Tust du das nicht, wird das Belohnungssystem aktiviert und und die Sucht kommt in irgendeiner Form. Der Schlüssel ist, man selbst zu sein." Am Freitag, 17. März, will Mathias Wald seine Lebensgeschichte im Kolpinghaus erneut erzählen: Bis jetzt ist rund die Hälfte der Eintrittskarten verkauft. Wald will, dass vor allem Schulklassen und Jugendliche seinen Vortrag hören. Deswegen will er ihnen die Möglichkeit geben, kostenlos zu kommen. ""Lehrer und Schüler können sich einfach bei mir melden und sich anmelden. Ich will dieser Geschichte einen Sinn geben. Andere sollen aus meinen Fehlern lernen. Ich will ihnen dieses Schicksal ersparen." Mathias Wald geht heute an Schulen und Betriebe in Deutschland, Östereich und in der Schweiz, dort betreibt er seit zehn Jahren aktiv Suchtprävention. (Suria Reiche) +++




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