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Kerzen für die Opfer der Hexenverfolgung wurden aufgestellt - hier Silvia Hillenbrand - Fotos: Martin Angelstein

Gedenkfeier auf dem Dompfarrlichen Friedhof

16.11.08 - FULDA

Nach 400 Jahren: Ein Gedenkstein für 270 Opfer der "Hexenverbrennungen"

An die Opfer der Hexenverfolgung im Bereich des heutigen Osthessen, Vogelsberges, Südthüringen und Unterfranken zu Beginn des 17. Jahrhunderts erinnert seit dem gestrigen Samstag ein fast vier Meter hoher unbehauener Granitstein auf dem ehemaligen dompfarrlichen Friedhof in Fulda. Auf einer Tafel wird an 270 hingerichtete Frauen und zwei Männer erinnert, die während der „Hexenjagd“ im Hochstift Fulda zwischen 1600 und 1606 verbrannt und hingerichet wurden. Es ist zugleich ein seit vielen Jahren verfolgtes „Projekt“ vom Förderverein „Frauenzentrum“ und dem Frauenbüro der Stadt Fulda. Der dompfarrliche Friedhof wurde seit dem Mittelalter bis etwa 1870 genutzt. Heute dient er als Grünanlage. Der ehemalige Dompfarrer und Ehrendomkapitular, Peter Hauser, und die Pfarrerin der evangelischen Versöhnungskirche, Petra Hegmann, weihten den Gedenkstein ein. Ziel sei es, die Würde der Opfer wiederherzustellen und sie zu rehabilitieren, erklärten die Initiatorinnen.

Bei der Gedenkfeier mit etwa 100 Gästen schilderte die Fuldaer Frauenbeauftragte Hildegard Hast den Weg „von der Idee bis zum Stein“. Schon seit Anfang der 90er Jahre habe der Wunsch nach einer Gedenktafel bestanden. Doch die „simpelste Lösung“, etwa am so genannten „Hexenturm“ beim Dom, sei wieder verworfen worden: weil historisch nicht nachgewiesen sei, dass in dem steinernen Bollwerk auch tatsächlich Opfer gefangen gehalten wurden.

Und wenn „einfache Lösungen“ nicht möglich wären, setzten sie manchmal „Prozesse in Gang“, die im Nachhinein betrachtet sogar wertvoller seien - etwa als wenn eine Gedenkstätte nur aus einem einzelnen Beschluss erfolgt sei. Dabei nannte Hildegard Hast eine ganze Fülle von Initiativen:

- 1994 Frauenleben in Fulda ("ein Funke sprang über")

- Ingrid Möller-Münch machte sich zur Anwältin von Merga Bien und forschte durchgängig bis heute

- Ausstellung im Stadtschloss 1995 mit dem Titel "... die Zauberinnen mögen verbrennet werden", initiiert von Silvia Hillenbrandt

- Christine van Endert-Sallier schrieb das Stück "Scheiterhaufen Szenen zur Hexenverfolgung in Fulda und anderswo" (Theater aller art spielte es u.a. in der Frauenwoche 1997)

- Broschüre von Dr. Elisabeth Ott im Jahr 2000: "Die Hexenverfolgungen im Hochstift Fulda"

- Buch von Dr. Jäger (2006) fasste 3 Vorträge zur "Geschichte der Hexenprozesse im Stift Fulda" zusammen

- 1. Benefizveranstaltung im Rahmen der 16. Fuldaer Frauenwoche 2006 – anlässlich "400 Jahre Ende der Hexenverfolgung in Fulda"

- 2. Benefizveranstaltung anlässlich des Internationalen "Tages gegen Gewalt an Frauen" am 25.11. 2006

Die beiden Benefiz-Veranstaltungen seien von der Stadt Fulda unterstützt worden, so dass der Erlös in das Projekt Gedenkstätte fließen konnte, erläuterte Hildegard Hast. Ergänzt durch viele Spenden, hätten in diesem Jahr insgesamt 10.000 Euro zur Verfügung gestanden.

Auch die Suche nach dem Standort und der Form der Gedenkstätte habe sich zunächst schwierig gestaltet - aber dann sei "plötzlich alles klar gewesen", als man 2007 in einem Steinbruch bei Aicha den ewa vier Meter hohen, kantigen, unbehauenen Granitstein gefunden habe. Weil er nicht bearbeitet werden sollte, wurde eine Hinweistafel im Boden dafür eingelassen.

Unter dem Titel „Über die Opfer“ sprach anschließend Ingrid Möller-Münch und schilderte die Ausgangslage vor mehr als 400 Jahren in Fulda sowie die Gründe für den Gedenkstein auf „diesem alterwürdigen Friedhof“. Die Hexenverfolgung habe in Fulda um 1600 begonnen und sich mit der 2. Amtszeit des Fürstabtes Balthasar von Dermbach im Jahre 1602 intensiviert. Schon zu Beginn des darauf folgenden Jahres habe der kirchlich-weltliche Herrscher Balthasar Nuß zum Zentgrafen und zum Hexenrichter berufen. Zu jener Zeit hätten die Menschen "alles Übel auf der Welt", von Pest über Hungersnöte, Kriege und Kindersterblichkeit bis Viehseuchen, den so genannten „Hexen“ zugeschrieben. Man war überzeugt, alles Elend bringt der Teufel durch diese Frauen auf die Erde. Diese so genannten „verderbten Weiber“ zu finden, war Aufgabe des Hexenrichters Nuß.

In nur 3 Jahren gelang es Balthasar Nuß, rund 250 Frauen und 2 Männer wegen Hexerei hinzurichten. 20 Menschen waren schon zuvor um 1600 verbrannt worden. Um so viele Menschen vor Gericht bringen zu können, brauchte es ein "Klima der Angst" und die Bereitschaft, andere zu denunzieren. Zudem erreichte Nuß mit seinen unmenschlichen Foltermethoden, dass die Gemarterten andere Frauen und sogar eigene Verwandte der Hexerei bezichtigten. Selbstverständlich waren es nicht nur Fuldaer Bürgerinnen, die dieses schreckliche Schicksal ereilte, sondern Frauen aus dem gesamten Hochstift waren betroffen. Im Süden reichte das Stift bis Hammelburg, im Osten gehörten Teile von Thüringen dazu, im Westen größere Gebiete vom Vogelsberg.

Nach den Hinrichtungen presste Nuß aus den Hinterbliebenen enorme Geldsummen heraus: das Holz für den Scheiterhaufen, die Ladung der Schöffen, die üppige Verpflegung der Folterknechte und Landsknechte wurden in Rechnung gestellt. Dass er einen Großteil dieser Gelder rechtswidrig in seine eigene Tasche steckte, führte zu seiner Inhaftierung. Denn als Balthasar von Dermbach 1606 starb und sein Nachfolger, Fürstabt Friedrich von Schwalbach nicht mehr schützend seine Hand über Nuß hielt, wagten es die Fuldaer Bürger gegen den Hexenrichter zu klagen. Nach einem 12-jährigen Prozess wurde er auf dem Gerichtsplatz (das Areal zwischen dem heutigen Heinrich-von-Bibra-Platz und der Christuskirche) enthauptet.

Die Verbrennungen der "Hexen" fanden unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt. Einerseits war die Bürgerschaft aus Gründen der Abschreckung dazu verpflichtet, andererseits dürfte es die Schaulust der Leute befriedigt haben. Damit verbunden war sicher auch die große Hoffnung, dass Unglück und Elend mit dem Verschwinden der vermeintlichen Hexen nun ein Ende haben müssten. Vermutlich war diese Hoffnung auch der Grund, dass nach den Verbrennungen die Aschenreste der Hingerichteten ins vorbei fließende Wasser geworfen wurden, damit nichts von ihnen übrig blieb. Diejenigen, die während der Folter starben, wurden auf dem Schindacker außerhalb der Stadt vergraben. Sterbegottesdienste waren nicht erlaubt. All diese unschuldigen Opfer wurden dadurch über den Tod hinaus "aus der Stadt verbannt."

„Mit diesem Stein und der heutigen Feier hier auf dem Alten Dompfarrlichen Friedhof holen wir die geächteten Opfer in unsere Gemeinschaft zurück“ sagte Ingrid Müller-Münch. Stellvertretend für alle wurden die Namen von etwa einem Dutzend Frauen und ihr Herkunftsort verlesen; Mitglieder des Fördervereins Frauenzentrum entzündeten dazu ein Dutzend Kerzen und stellten diese vor dem Gedenkstein abgestellt.

Ein besonderer Moment dieser Gedenkfeier war die „Ode an den Stein“ von Uschi Heppenstiel, mit dem sie in ein „Zwiegespräch“ trat. „Du bist von beeindruckender Größe und sehr alt. Du stehst für die Geschichte der Frauen. Einige wollten Dich nicht – oder zumindest nicht in ihrer unmittelbaren Nähe. Wir wollten Dich unbedingt und haben lange und weit zurückblickend für diesen Tag gearbeitet: Bis etwa 4000 Jahre vor unserer Zeitrechnung haben Frauen Familienleben, Politik, Kunst und Religion maßgebend bestimmt. Es brauchte mehrere Jahrtausende, um die ursprüngliche Macht der Frauen ins Gegenteil zu verkehren. Einen traurigen Höhepunkt markiert die Hoch-Zeit der Hexenverfolgung zwischen 1560 und 1650“ hieß es wörtlich.

Und weiter lautete der Text von Heppenstiel: „Erinnere die Männer: Sie sind nicht für die Taten ihrer Vorgänger in Politik und Religion verantwortlich - aber sie könnten tatkräftiger mithelfen, noch heute bestehende Ungerechtigkeiten abzubauen. Wir werden die Probleme des 21. Jahrhunderts nicht mit der Technik des 20. und dem Denken des 19. Jahrhunderts lösen können. Die Erkenntnis greift Raum, dass Alles mit Allem verbunden und verwoben ist. Materie und Geist werden heute mehr als Einheit gesehen als in früheren Generationen. Erinnere Männer und Frauen, dass wir den einzigartigen Planeten Erde für Menschen nur langfristig erhalten können, wenn wir möglichst schnell gemeinsam und gleichberechtigt auf dieses Ziel hin zusammenarbeiten“.

Bei der Gestaltung der Bronzetafel sei ganz bewusst darauf verzichtet Initiatorinnen zu nennen, „damit unser Stein auch Ihr Stein werden kann“. Alle Menschen seien eingeladen, diesen Ort aufzusuchen - zum Innehalten, zum Klagen und zum Kraftschöpfen. „Wir glauben, dass Merga Bien und die anderen verbrannten Frauen uns von oben zulächeln und anerkennend auf die Schulter klopfen, wenn die Aufarbeitung ihres Schicksals dazu beiträgt, mutig und achtsam auf die heutigen Verletzungen der gottgegebenen Rechte und Würde von Frauen zu schauen. Solange wir an sie denken – leben sie in uns weiter!“

Zum Ende der knapp einstündigen Feier mit einem gemeinsamen Lied wurden alle Anwesenden gebeten, sich eine Blume als Andenken mitzunehmen. +++







Die Gedenktafel im Boden vor dem Stein




Die Fuldaer Frauenbeauftragte Hildegard Hast


Der riesige Granitstein mit der Tafel...

...in Sichtweite der katholischen Bischofskirche, dem Dom zu Fulda


...die evangelische Pfarrerin der Versöhnungskirche, Petra Hegmann

...und Ehrendomkapitular Peter Hauser


Die "Ode an den Stein" von Uschi Heppenstiel (rechts)..

... und auch dabei (v.re.): Oberbürgermeister Möller, Stadtbaurätin Zuschke und der frühere OB Dr. Wolfgang Hamberger...


Der "Hexenturm" von Fulda - historisch verbürgt ist die "Einkerkerung" von Opfern in diesem Turm nicht

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