20.06.14 - BAD HERSFELD

Alle Register der Ruine gezogen

Glanzstück "KISS ME KATE" bei den Festspielen - V I D E O

„Another Op’nin’, another Show“: Der Eröffnungstitel des Musicals „Kiss me Kate“ trifft den Einduck nicht ganz, der bereits innerhalb der ersten Minuten in der Bad Hersfelder Premiere entsteht. Wieder einmal stellt die Musicalproduktion auf den Brettern der Stiftsruine bereits bei der Erstaufführung klar: dies ist alles andere als nur eine weitere Premiere oder eine Show von Vielen. Vielmehr ist mit dem Musical im Festspielprogramm auch in diesem Jahr ein ganz besonderes Glanzstück gelungen, in dem alle Register gezogen werden, die Theater im allgemeinen und Musiktheater im speziellen bieten. Vor allem aber sind es die Stärken der Stiftsruine die genutzt und inszeniert werden. Das Motiv des Stückes im Stück: Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“, wird von einer reisenden Theatergruppe aufgeführt.

Dies lässt sich wiederum auf das spezielle Bad Hersfelder Umfeld projizieren. Stefan Hubers packt in seiner Inszenierung das Stück im Stück in eine weitere Schachtel ein: die Realität der diesjährigen Bad Hersfelder Festspiele. Und wieder einmal werden die Grenzen zwischen Theater und Wirklichkeit fließend: Auf der zunächst leeren Bühne entsteht durch mitgebrachte Requisiten in der ersten Szene Bad Hersfelder Theaterrealität; die Festpielkantine auf der einen Seite und die Garderobenräume auf der anderen. Im Zentrum bildet Stephan Prattes (Bühnenbild) die Kulisse der Stiftsruine selbst ab, eine Hommage an die theatralische Ästhetik der Klosterkulisse und ein faszinierendes Stilmittel im Spiel mit Phantasie und Wirklichkeit.

Dieses Spiel ist auch in den zentralen Rollen des Musical-Klassikers angelegt. Es verlangt von den Darstellern eine breites Ausdrucksspektrum. Thomas Borchert (Fred Graham/Petruchio) und Katharine Mehrling (Lilli Vanessi/Kate) beweisen dies von Anfang an, und was noch mehr beeindruckt: sie schaffen es, den Spannungsbogen bis zur letzten Szene aufrecht zu erhalten.

Die Technik des Stücks im Stück, also die Reflexion des Theaters durch das Theater selbst bietet aber auch vor allem eine große Chance auf darstellerischer Ebene: Sie versetzt in die Lage, frei und ungezwungen mit überzogenen Stilmitteln zu arbeiten. Die Darstellung einer übertriebenen Darstellung bietet im Schutz der Selbstironie ungeahnte Möglichkeiten des Ausdrucks und der Kommödie. Katarine Mehrling und Thomas Borchert können also in die Vollen gehen, und genau das tun sie auch, in der darstellerischen wie auch in der musikalischen Interpretation. Die Stilvielfalt von Cole Porters Musik bietet den entsprechenden Raum dafür: vom Broadway Schlager bis zum Jazz Standard, von der Reminiszens an Renaissanceklänge, bis zum Bigband Sound. Alles ist vorgesehen und alles wird meisterhaft zum Klingen gebracht vom Festspielorchester und bewährter Leitung von Christoph Wohlleben. In absoluter Präzision spielen Darsteller und Orchester, Sänger und Instrumetalsolisten zusammen. Großartig besetzt sind neben Kate und Fred die Rollen von Bill/Lucentio mit Sascha Luder, der stimmlich ausgewogen und zugleich ausdrucksstark auftritt und Lois/Bianca, deren Stärke in der Dynamik und dem Witz der Darstellung liegt.

Die Choreografie von Melissa King und vor allem ihre meisterhafte Umsetzung durch das Ensemble auf der Bühne geben dem Stück eine zusätzliche Dimension. Die Dynamik der Bewegung, die Farbigkeit der Musik, das Wechselspiel der Perspektiven, das Verweben der Handlungsebenen lassen das Bezugssystem des Zuschauers verschwimmen. Man treibt im Strom Stücks im Strudel Eindrücke, vergisst Zeit und Raum. Auf der musikalischen Ebene wirkt die rhythmische Präzision der Kompositionen hier wie eine ordnende Schwerkraft, die Orientierung gibt. Auf der Bühne sind es Bühnenbild (Stephan Prattes) und Kostüme (Susanne Hubrich, Andrea Wagner), die diese Orientierung geben. Bunt ist nicht gleich bunt, und farblos nicht der einzige Konttrast zur Farbigkeit. Die Gegenüberstellung von monochromen Farben und gewagten Farbmixturen stellen ein ordnendes und zugleich dynamisches System dar.

Standing Ovations sollten eine besondere Auszeichnung bleiben, auch in Bad Hersfeld - diese Premiere hatte sie verdient und bekam sie ohne Zögern durch ein begeistertes Publikum. (Klaus Scheuer) +++

Fotos: Hans Hermann Dohmen




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