Das Thema „Jugend und Alkohol“ macht der Kreiscaritas Rhön-Grabfeld zunehmend zu schaffen, wie sich nicht zuletzt in den jüngsten Feiertagen wieder gezeigt hat. Silvester ohne Alkohol – das können sich nur noch die wenigsten vorstellen. Der Start ins neue Jahr beginnt mit einem entsprechenden Kater. „Komasaufen ist leider in“, beklagt Dieter Schwenkert, Leiter der Caritas-Suchttherapie in Bad Neustadt. Jugendliche, die mit massivsten Alkoholbeschwerden medizinisch behandelt werden müssen, seien beileibe keine Ausnahmen mehr, wie stetige Meldungen in den Medien berichten. Und Horrormeldungen machen auch im Landkreis Rhön-Grabfeld nicht mehr Halt.
„Wenn Kinder und Jugendliche bei diversen Veranstaltungen durch Volltrunkenheit auffallen oder gar mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, macht das sehr nachdenklich.“ Deshalb sei es enorm wichtig, in diesem Bereich mit sinnvollen Präventionsmaßnahmen aufzuklären und gegenzusteuern. „Prävention ist sicherlich eine der Aufgaben einer Suchtberatungsstelle“, erklärt Schwenkert im Pressegespräch mit Kreiscaritasgeschäftsführerin Angelika Ochs.
Bildunterschrift: Die Kreiscaritas mit Jürgen Weigelt, Angelika Ochs und Dieter Schwenkert (rechts) startet ein Präventionsprojekt zum Thema „Jugend und Alkohol“. Foto: Partl
Mit im Gespräch ist Jürgen Weigelt, Leiter einer Kreuzbundgruppe. „Suchtkarrieren“ dauern ihre Zeit. Bis zu 20 Jahren können verstreichen, bis sich Menschen total vom Alkohol vereinnahmt bewusst werden, dass es so nicht mehr weitergehen könne. Zwar sei es niemals zu spät, sich vom Suchtstoff lösen zu wollen, doch sei es allemal sehr schade um jedes „verbaute Leben“. Wer trinkt, werfe in aller Regel rund zehn Jahre seines Lebens einfach weg, „Das sind verlorene Jahre“, macht er geltend. Und vielen werde erst im Nachhinein bewusst, was alles in dieser langen Zeit schiefgelaufen ist.
„Sucht ist nicht heilbar“, so das Fazit von Dieter Schwenkert, der seit 30 Jahren als Suchtberater in der Kreiscaritas Rhön-Grabfeld aktiv ist. „Aber den Umgang damit kann man lernen.“ Einfach sei das ganz gewiss nicht, denn es genüge nicht etwa, den jeweiligen Suchtstoff einfach wegzulassen. Wenn auch der körperliche Entzug relativ einfach sei, die psychischen Hintergründe aufzuarbeiten seien es nicht. Denn hinter jeder Sucht steckt ja auch eine Sehnsucht: die will ergründet wissen und in richtige, weil lebensbejahende Bahnen, gelenkt werden. „Es hat ja Gründe gegeben, warum sich ein Mensch mit Suchtstoffen vollgedröhnt hat.“
Weil gerade Alkohol von der Gesellschaft durchaus toleriert wird, kommen schon Kinder ziemlich leicht an ihn heran. Und die können einfach nicht damit umgehen. Man begegnet Alkohol überall, wobei gegen ein Gläschen in Ehren ab und an überhaupt nichts zu sagen sei. Das wolle auch wirklich niemand niemandem vermiesen. „Die Dosis macht’s, die Menge.“ Gerade bei Kindern und Jugendlichen sei Prävention vonnöten, Aufklärung. Das ohnehin schon harte „Alltagsgeschäft“ indes lasse der Caritas leider wenig zeitlichen Rahmen, um sich in diesem Bereich noch stärker zu engagieren. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Mitarbeitern der Selbsthilfegruppen Kreuzbund wird aktuell ein Präventionsprojekt zum Thema „Jugend und Alkohol“ auf den Weg gebracht. Zielgruppen sind Jugendliche im Alter von etwa 14 und 15 Jahren sowie deren Eltern und als Multiplikatoren Betreuer, Trainer und Gruppenleiter in Vereinen. Im Blick steht einerseits die Frage, warum wird überhaupt zur Flasche gegriffen und wie ist die Entwicklung, andererseits geht es um Aufklärung und verstärkte Hinweise auf das Gefahrenpotential.
Sorgen und Nöte von Kindern erstnehmen
Schwenkert versucht zu verstehen, um entsprechend agieren zu können. Trockene Alkoholiker aus den Kreuzbundgruppen erzählen aus eigener „Alkohol-Karriere“. „Wir haben leider eine stabil hohe Suchtproblematik im Landkreis“, so Schwenkert, und nur über das „Verstehen“ der Problematik sei sinnvolle Hilfe möglich. Das dürfe keineswegs über die Köpfe der Betroffenen geschehen und es reiche auch nicht, zu hoffen, dass sich das Problem Alkohol irgendwann einmal von selbst lösen werde. Letztlich können Präventionsversuche nur gemeinsam etwas verändern respektive verbessern. Vorrangig gesucht werde der Kontakt zu Vereinen, um die Suchtproblematik gemeinsam anzugehen. Denkbar seien unabhängige Veranstaltungen von Kindern und Eltern/Erwachsenen, Im Idealfall stellt sich die Caritas selbst als eine Art „Katalysator“ vor, die einen Vorgang ins Rollen bringt und der sich dann in den Vereinen verselbständigt. Wenn sich Kinder und Jugendliche verstanden fühlen, wenn man ihre Sorgen, Nöte und eventuelle Ängste ernst nimmt und sie begleitet, ihnen hilft, dann bleibe wohl der Griff zu Ersatzdrogen weitgehend aus, so die Hoffnung der Suchtexperten.
Interessierte Vereine im gesamten Landkreis Rhön-Grabfeld können sich unter Tel.: 09771/6116-0 vorab informieren und anmelden. Zum Laufen gebracht werden solle das Projekt „Jugend und Alkohol“ im Anschluss an die Faschingszeit. Hier befürchten die Suchtexperten erneute Auffälligkeiten. (ger) +++