Das Motto des diesjährigen Rosenmontagszuges in Fulda „Karneval im Übersch(w)all“ erwies sich heute als falsch: „..im Überschwang“ hätte es – jenseits aller Reimfähigkeit – heißen müssen. Denn der närrische Höhepunkt 2005 übertraf alles da Gewesene: der ROMO war nicht nur traditionell der größte Fastnachtsumzug in ganz Hessen, sondern schlug mit 222 Zugnummern und 4.020 aktiv Mitwirkenden seinen eigenen Rekord – so umfangreich war der ROMO noch niemals gewesen.
Über zwei Stunden zogen die aktiven Karnevalisten mit 27 Kapellen, 142 Fußgruppen, 12 Pferden und 1 „echtes“ Kamel rund fünf Kilometer durch die Fuldaer Innenstadt. Und mit 70.000 Menschen an den Straßen brach der Zug auch den Zuschauerrekord. Strahlender Sonnenschein und nicht zu kalt – kein Wunder, dass die Fastnachter schwärmten: „So könnt’ es jedes Jahr sein.“
Gute Stimmung herrschte bei vielen Zuschauern – dass allerdings “...in Fulda rund 70.000 schunkelnde Menschen feierten...“, wie es eine Nachrichtenagentur verbreitete, konnte vor Ort niemand beobachten. Für die nötige Bewegung am Straßenrand sorgten die vielen „Wurfgeschosse“ – verteilte Präsente für die Zuschauer waren neben zentnerweise Bonbons wieder Chipstüten, Schnapsfläschchen, Blumen, kleine Kuchen, Zündholzschachteln, Blumen und Bälle.
Von „Westendlady“ Brigitte Schmitt – der Ehefrau des Westendmarschalls aus dem Fuldaer Stadtteil Haimbach – konnte man sogar „Five Dollars“ nach Hause tragen: schön grün, mit ihrem Konterfei und der Aufschrift „The United States of Germany“ – allerdings nur gültig für den Westendball Haimbach.
Gülden blinkende und selbst geprägte Münzen verteilte das Antoniusheim Fulda. Die effektvoll als „Zitronenfalter“ verkleideten Frauen und Männer – in weißen Overalls mit gelben Schmetterlingsflügeln – der über 100-jährigen Sozialeinrichtung für Menschen mit Behinderungen wollten damit auf nötige Förderung für das gleichnamige Projekt des Frühförderzentrums aufmerksam machen. Und so stand auch auf dem großen Motivwagen „Zitronenfalter O.K. – was gibt der OB?“
Wie beim Fuldaer ROMO üblich zeigten die meisten Prunk- und Motivwagen bunte Darstellungen der Mottos oder Symbole der jeweiligen „närrischen Fürstlichkeiten“. Höchstens über aufgemalte Sprüche kam ein „Hauch Kommunalpolitik“ ins Spiel. Der Fuldaer Freizeit- und Carneval-Klub, der „traditionell“ immer einen politischen Motivwagen gestaltet, befasste sich in diesem Jahr auch nicht mit einem kommunalen Thema, sondern griff die bundesweite Diskussion „um den Torwart der Fußballnationalmannschaft“ auf: da keiften sich – aufgemalt – Kahn und Lehmann an und der FFCK stellte unter Hinweis auf Hartz IV, Pisa und Gesundheitsreform die Frage „Haben wir keine anderen Sorgen?“
Eine witzige Idee steckte hinter dem umgestalteten Bauwagen des Deutschen Roten Kreuzes: die Senioreneinsatzgruppe muss aktiviert werden, weil sonst der Rettungsdienst – dank Kostendämpfung - nicht mehr aufrecht erhalten werden kann.
Auffällig war in diesem Jahr die große Anzahl phantasievoll kostümierter Fußgruppen: Clowns und Pinguine, Zitronenfalter, Piraten, Südseebewohner, überdimensionale Bienen, Burgfräulein aus dem Mittelalter und edle Ritter, Schneemänner, Mäuse, Schotten aus Aschaffenburg, lebensgroße „Mensch-ärgere-Dich-nicht“-Spielfiguren und Würfel, Haremsdamen, Märchenfiguren, Schneeflocken, Skihasen und nordische Tiere.
Wie man mit wenig Aufwand witzige Ideen umsetzen kann, bewies eine Fußgruppe von Refendaren an Fuldaer Schulen: die „Pädagonauten“ waren in einem bescheidenen Ufo gelandet und trugen Sauerstofftanks auf dem Rücken, um die Atmosphäre in den Bildungsstätten der Erdlinge ertragen zu können. Ihr Motto: „Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir begleiten die Bildung in bisher unbekannte Höhen!“
Eine Fußgruppe des Nordends warf die Frage auf, ob der Fuldaer Landrat Kramer nach 33-jähriger Amtszeit in den Bundestag geht: „Fulda ade – nach Berlin ich geh’?“ Das Kulturzentrum Kreuz, dessen Mitglieder jedes Jahr den Namen wortgewandt einbinden, führte heute den "Kreuzzug für die Lightkultur" und schlug als Projekte dafür "Deutsch für Bayern" oder "Ausländer rein - Rheinländer raus" vor.
Eine Fuß- oder besser Fahrradgruppe nutzte den Karnevalsumzug ganz unverblümt für "Wahlwerbung" - als "lustige Pedalos" auf einem Achter-Tandem fahrend machte "Woides Fan Club" Reklame für den einen der beiden CDU-Bewerber um die Landratsnachfolge. Den gereimten Wahlslogan verlasen die Moderatoren des "Offenen Kanals" bei der Live-Übertragung wörtlich und waren darüber sogar selbst erstaunt: "Och, war das jetzt Wahlwerbung?" hauchte die junge Dame ins Mikrofon. Ob die Zugkommentatoren an den 19 Sprechstellen des ROMO auch alle den Werbe-Reim verlesen haben ? Einige Zug-Beobachter der Region fanden diese "Benutzung" des Rosenmontagszuges für Polit-Reklame jedenfalls nicht wirklich lustig.
Zu den vielen musikalischen „Zug-Begleitern“ gehörten unter anderem die Guggenmusik-Gruppe „Bäraberg-Schiddler“ aus Ostwürttemberg, die Marching-Band der Freiwilligen Feuerwehr aus dem Künzeller Ortsteil Bachrain, das Musikcorps Ufhausen der Freiwilligen Feuerwehr Ufhausen – die eine tolle Show-Formation bieten -, die Original Antrifttaler Musikanten aus dem Vogelsbergkreis, der Musikzug Bebra und der Stadtspielmannszug aus dem thüringischen Mühlhausen.
Allerdings hat der als "närrischer Höhepunkt" gefeierte Rosenmontagszug auch negative Seiten, die nicht verschwiegen werden sollten. Nach Recherchen unserer Redaktion gab es in diesem Jahr etwa ein Dutzend Fälle, bei denen "betrunkene Personen" am Nachmittag eingeliefert werden mussten, in die Kinderklinik in Fulda - nicht etwa Erwachsene, sondern Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren. Auch einige Mädchen waren dabei - teils nicht mehr ansprechbar. Offenbar sind die - in Großstädten bereits vielfach beklagten - "Modeerscheinungen Kampftrinken und Koma-Saufen" auch in Fulda "angekommen".
Ein auswärtiger Beobachter des heutigen Zuges in Fulda meinte am Abend ein wenig erschüttert, dieser Hinweis sollte manche Eltern, Alkohol-Verkäufer oder Ordner sowie Sicherheitskräfte im Fastnachtszug alarmieren und zu persönlichem Eingreifen anregen. Ideen zur "Vorbeugung" gäbe es schon: Eltern könnten sich nach dem Zug mit ihrem Nachwuchs verabreden, die Verkäufer alkoholischer Getränke müssten auch - und gerade - an Fastnacht noch mehr auf die Einhaltung des Jugendschutzes achten. Ordner oder Sicherheitskräfte könnten auch während des Zuges ruhig einmal jugendliche "Trinker" kontrollieren oder zum Aufhören auffordern.
Gabriele Weigand-Angelstein +++