Am 1. Juni 2004 trat ein CDU-Politiker sein neues Amt als Bürgermeister der Stadt Fulda - und Nachfolger von Bernd Woide - an, den hier zuvor lediglich „Insider“ aus dem Bereich Sozialpolitik und hessischen Kommunalgremien kannten. Inzwischen ist er in Fulda schon gut bekannt und wenn er in der Stadt unterwegs ist, stoßen sich oft Kinder oder Jugendliche gegenseitig an: „Guck mal, der Dippel.“ Das ist durchaus anerkennend gemeint und nicht selten winken sie dann auch – denn der 50-jährige Bürgermeister Dr. Wolfgang Dippel hat nicht nur viele Schulen, Jugendgruppen und Kindergärten besucht, sondern auch „einen guten Draht“ zum bürgerschaftlichen Nachwuchs.
Dippel kommt aus der nordhessischen Kleinstadt Breuna, gehört seit über 20 Jahren der CDU an und arbeitete vor seinem Fuldaer Amt lange beim Landeswohlfahrtsverband (LWV) in Kassel: als persönlicher Referent des LWV-Direktors Lutz Klein und Chef des Leistungsbereiches. Von seinem Fundament her ist er halb Finanzmann und halb Sozialpolitiker: "gelernt" hat er ursprünglich den Kaufmanns-Beruf und dann im zweiten Bildungsweg ab 1982 Wirtschaft und Sozialwesen an der Gesamthochschule Kassel (GHK) studiert. Durch den Austausch der GHK im Sozialbereich lernte Dippel auch die Fachhochschule Fulda kennen.
Über 600 Termine in 12 Monaten - und auch noch Spaß daran
Vor vielen Jahren dachte er bei der Zugfahrt durch Fulda – zum Bruder nach München – vor allem an „die 3 B: Barock, Bischof, Bonifatius“. Nach 365 Tagen Fulda kennt er nicht nur das „Image“, sondern auch das reale Innenleben: das Barockviertel durchmisst er zu Fuß oft zu Terminen, die Bischöfe kennt und schätzt der Protestant und „....Bonifatius hat mir einen schönen Einstieg beschert: das Jubiläum war ein sehr guter Anlass viele Menschen aus und in Fulda kennen zu lernen“. In den 12 Monaten hat er über 600 Termine absolviert – ohne „inhäusige“ Pflichttermine wie Stadtverordnetenversammlungen, Fraktionssitzungen oder Dienstbesprechungen mitzuzählen. Sein Arbeitstag – wie von allen Magistratsmitgliedern – beginnt in der Regel um 7:30 Uhr und dauert bis 22 Uhr.
Dippels Ziel war von Anfang an Bürgernähe: „Das war nicht nur wichtig, damit ich hier alles kennen lerne – es ist auch Lust dabei, ich gehe gern auf Menschen zu“. Und reden tut er auch gerne und viel: im Gespräch mit ihm ist man stets in Versuchung, in das Thema „über-Gott-und-die-Welt“ einzutauchen. Nicht verwunderlich: der 50-jährige weiß nicht nur viel zu erzählen, er kann auch gut zuhören und geht auf seine Gesprächspartner ein.
Die "Dippel-Regel"
Zu Beginn unseres Redaktionsgespräches überlegt er, ob er das Handy ausmacht – entscheidet sich dann aber dagegen: „Ich habe meinen Kindern gesagt, ich bin immer für Euch erreichbar“. Und was er verspricht, hält er auch. Das ist sozusagen eine „Dippel-Regel“. Er hat nicht viele unumstößliche Grundsätze, ist kein Prinzipienreiter. Aber zu dem, was nicht verhandelbar ist, gehören: Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Konsequenz. Und das Streben, sich erst eine Meinung zu bilden, wenn alle Beteiligten gehört wurden.
Sein persönliches Eigenschafts-Paar „Neugier und Offenheit“ bringt er bewusst in die erste hauptamtliche Politikposition ein: „Weil ich frühere Vorgänge oder lokale Hintergründe nicht kenne, kann ich unbefangen an die Dinge heran gehen. Bei mir wird jeder gleich ernst genommen.“ Ein hoher Anspruch für eine Aufgabe, bei der es auch um problematische Sozialfälle, Jugendhilfesachen oder Vereinswünsche geht. Wie schafft er das? „Ich hab’ ne Sozialarbeiterausbildung – da lernt man, mit Leuten umzugehen. Jetzt als Bürgermeister kann ich meine Berufsausbildung und das Studium erst richtig in die Praxis umsetzen“, sagt Wolfgang Dippel und lächelt, als sei er selbst über diese Fügung erstaunt.
Man kann es nicht jedem recht machen - aber jeden ernst nehmen
Doch er lässt sich nicht nur Sorgen und Wünsche vortragen, sondern sagt auch „Nein“, wenn es sein muss. Und wirklich jeder kriegt eine Rückmeldung, auch wenn es eine „Absage“ ist. „Ich sitze nichts aus, schiebe nichts weg, rede mit jedem. Man kann es nicht allen recht machen. Aber wenn man den Menschen Notwendigkeiten sachlich erklärt, sie auf Zusammenhänge hinweist, können sie es meistens nachvollziehen“.
So wie die Gruppe 9 – 13-jähriger aus Ziehers-Nord, die kürzlich einen Termin bei ihm hatte und den Bürgermeister unter Hinweis auf den schlechten Spielplatz aufforderten: „Bau uns mal einen neuen.“ Da hat er ihnen klipp und klar gesagt, der koste 60.000 Euro. Dass ein neuer Spielplatz so teuer ist, ahnten sie nicht. Der Kompromiss: jetzt wird am alten erst mal das Nötigste erneuert. Kinder nimmt er sehr wichtig – nicht nur weil er selbst drei Kinder hat: „Kinder merken genau, ob man es ernst meint“.
Auch in der Verwaltung sagt er intern deutlich, welche Dinge ihm nicht gefallen. Aber er freut sich auch über Eigeninitiative und Einsatzwillen und ist für seine Amtsleiter („...ich halte viel von Vorbildfunktion“) rund um die Uhr erreichbar. Dippel lacht: „Getestet hat das bisher nur einer, nachts um eins.“ Und ergänzt, jetzt ernst: „Nein, das war völlig richtig – es ging um eine sehr wichtige Entscheidung“.
Gerhard Möller ist ihm hervorragender Fachmann und fürsorglicher Mensch
Die Zusammenarbeit mit den hauptamtlichen Kollegen im Magistrat macht ihm „Freude“. Gerhard Möller, den er früher beim LWV und dem Hessischen Landkreistag traf, hat er als „einen hervorragender Fachmann“ kennen gelernt: „Er gibt mir gute Tipps, ich lerne viel von ihm, er lässt mir Freiheit, obwohl er ja der Chef ist und die letzte Verantwortung trägt. Gerhard Möller ist ein fürsorglicher Mensch und guter Kamerad.“ Auch mit Cornelia Zuschke versteht sich Dippel gut und sieht es als gutes Zeichen, dass „wir uns alle ergänzen“.
Nicht so gut findet er, wenn Möller als bloßes „Sparbrötchen“ dargestellt wird. Der OB habe nun mal kein volles Kommunalsäckel im Stadtschloss vorgefunden. Und außerdem: “Ist denn Sparen was Negatives? Ich muss doch zuhause auch schauen, wie wird das mit dem Urlaub, wie finanzieren wir das Auto oder Reparaturen.“
Gut aufgenommen fühlt sich der Bürgermeister auch bei der Fraktion, obwohl er sich dort keinem festen Kreis angeschlossen hat. Interessiert holt er sich auch die Meinungen der Oppositionspolitiker ein – Toleranz hat er schließlich in der eigenen Familie erprobt: sein 7 Jahre älterer Bruder in München ist nicht nur Arzt, sondern auch FDP-Politiker. Bei aller Aufgeschlossenheit hält er die CDU-Politik für die richtige: „Die Linie stimmt in Fulda.“ Die Gefahren langer großer Mehrheiten in der Politik sind ihm bewusst, doch er sagt ehrlich: „Die lange politische Kontinuität hat der Stadt genutzt und nicht geschadet“.
Ganz pragmatische Visionen für die Zukunft
Seine politischen Visionen sind ganz konkret und praktisch: „Den Sozialetat 2006 auf dem Niveau von heute halten, mehr Kinderfreundlichkeit in Fulda, die Ganztagsschule nach Maß umsetzen, den Sport am Leben erhalten und die Aschenberg Projektförderung beibehalten,“ sagte Wolfgang Dippel wie aus der Pistole geschossen. Er hofft, dass ein gerade entstehendes Konzept für Spielplätze unter dem Motto „Mehr Bewegung in die Stadt“ hessische Landesförderung bekommt. Am Herzen liegt ihm auch das Projekt „Schnittstelle Grundschule“ des Erziehungs- und Bildungsplans, nach dem als erste Domschule und Kindergarten Fulda-Aue enger zusammen arbeiten sollen.
Bei einem persönlichen Ziel ist er schon recht weit: in seiner sechsjährigen Amtszeit will er alle 80 Sportvereine besuchen - 20 hat er schon. „Als Sportdezernent habe ich gehört, wo und wie viele Vereine miteinander kooperieren, aber ich erfahre so auch, wo es knirscht.“ Und bei persönlichen Besuchen sieht er auch, welche ehrenamtliche Arbeit geleistet wird und „was für großartige sportliche Leistungen dahinter stecken“. Nicht unwichtig für einen, der für seine Bewegung schon mal abends 5.000 Meter läuft. Solche Termine sieht er auch als Spaß an – und versteht es auch, sich selbigen zu verschaffen. Wie neulich beim Besuch des Kanu-Vereins – als er auf der Fulda mitpaddelte.
Fulda hat einfach gepasst
Er hatte früher schon Anfragen für OB- oder Bürgermeister-Posten in Solingen, dem nordhessischen Frankenberg und Königstein im Taunus. Aber bei keinem Ort gab es – wegen Lebensplanung und Neigung - Ambitionen: „Fulda hat einfach gepasst – vom Zeitpunkt her und von der Sympathie“. Und seine Frau gab ihm bei der Anfrage aus Fulda den knappen Rat: „Mach es doch“.
“Nicht ein negatives Erlebnis in dem ersten Jahr“ konstatiert der 50-jährige und man mag es kaum glauben. Wirklich nichts zu kritisieren, keinen Ärger? „Nein, wirklich nicht.“ Vielleicht liegt es aber auch an seiner Mentalität. „Es kommt nicht darauf an, was wir erleben, sondern wie wir es erleben,“ – diese heute vielzitierte Lebensweisheit scheint auf Dippel zuzutreffen.
Er findet ein paar Dinge höchstens „nachdenkenswert“. Etwa die Feststellung, dass Bürger heute immer mehr Anliegen haben. Oder die Erfahrung: je mehr man vor Ort ist, desto mehr Anfragen kommen. Ganz persönlich ist die Erkenntnis: „Ich bin hier Tag und Nacht im Dienst – das ist eine Umstellung“. Bedeutet auch: überall wo er auch privat hingeht, wird er angesprochen – oder beobachtet. Doch mit der anderen Seite der Medaille Popularität will er vorsichtig umgehen, für sich und seine Familie ein Stück Privatheit bewahren.
Vorerst zwei Zuhause statt Hauruck-Umzug
Bisher hat es der Wahlbeamte anscheinend ganz gut geschafft, nicht nur seine Person zwischen Fulda und Breuna aufzuteilen – sondern auch, seine Familie mit Fulda vertraut zu machen. Ehefrau Ute, mit der er knapp 17 Jahre verheiratet ist und die drei Kinder (2 Töchter 15 und 13 Jahre, 1 Sohn 9 Jahre) wohnen noch in Nordhessen. Aber alle zusammen sind auch in der Rhön unterwegs, haben eine Jahreskarte für das Schwimmbad
„Eine Organisationsfrage und ein flexibler Dienstplan - meine Frau oder auch die Kinder sind 3 – 4 mal die Woche in Fulda. Es hat sich eingependelt.“ Und die älteste Tochter hat OB Möller bereits mitgeteilt, welche Einkaufsmöglichkeiten ihr in Fulda noch fehlen (klar: H&M ist auch dabei). „Ich habe zwei Zuhause“, sagt Dippel und weiß doch, dass einige in Fulda diesen Zustand nicht befürworten. Aber einen Hauruck-Umzug wollte er nicht nur seiner Familie, sondern auch der 80-jährigen Mutter in Breuna nicht zumuten, um die sich Frau Dippel sehr kümmert.
Die Aufgabe macht Freude - vielleicht bis zur Rente?
Vielleicht macht er sich auch noch ein bisschen Gedanken wegen der Kommunalwahl im Frühjahr 2006 – denn auch als „Hauptamts-Neuling“ weiß er, dass beim Verlust einer politischen Mehrheit die „Jüngsten“ zugunsten von Koalitionären gehen müssen. Da fehlt ihm wohl noch etwas das „fuldische CDU-Selbstbewusstsein“.
Jedenfalls macht er vorerst, was er gut kann: zusammenführen. Er fördert die Kontakte zwischen Nord- und Osthessen, plant einen Fulda-Besuch des Breunaer Fußballvereins, in dem sein Sohn spielt. Und wird auch Fuldaer in seine „alte Heimat locken“.
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Das Fazit nach einem Jahr: „Hier kann ich noch was bewegen, die Leute nehmen es an und gehen drauf ein. Eine Aufgabe die Freude macht, mit interessanten Begegnungen. Jeder neue Tag ist für mich ein gewonnener Tag. Fulda ist noch überschaubar, bietet aber schon genug städtischen Freiraum. Ich könnte mir vorstellen, bis zum Schluss des Arbeitslebens in dieser Position hier zu bleiben.“ Und Ehefrau Ute hat einen Unterschied zum LWV-Job festgestellt: „Du bist jetzt zufriedener“. Na bitte!
Gabriele Weigand-Angelstein