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Ganz vorschriftsmäßig: Sirus Baherani zeigt den Hinweis auf den Eingang für Rollifahrer am Amtsgericht. - Bilder: Max Colin Heydenreich

15.06.05 - Fulda

Zu hoch, zu klein, zu eng: Rollstuhlfahrer werden noch zu oft behindert

Als gesunder Mensch einen Tag im Rollstuhl in Fuldas Innenstadt unterwegs zu sein, um zu testen, mit welchen Schwierigkeiten Behinderte im Alltag zu kämpfen haben – das hatte sich heute eine Gruppe von jungen Leuten vorgenommen, die beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) gerade ihr freiwilliges soziales Jahr absolvieren. Wird das Gesetz für die Barrierefreiheit auch umgesetzt und eingehalten? Vom Bahnhof über das Stadtschloss, Behördenzentrum, Amtsgericht, Finanzamt, diverse Cafés und Kaufhäuser bis zu Bank- und Krankenkassenfilialen reichte die „Teststrecke“ der temporären Rollifahrer.

In vier Gruppen zu je drei Begleitern und einem Rollstuhlfahrer mussten eine Menge unerwarteter Hindernisse überwunden werden: angefangen von der viel zu steilen Rampe an der Unterführung in der Fuldaaue bis zu den zu engen Gängen und Umkleidekabinen bei Karstadt und Kaufhof oder dem fehlenden Hinweisschild auf einen Fahrstuhl bei der AOK wurden alle vorgefundenen Mängel und Barrieren genau erfasst. Aber auch hilfsbereite Passanten habe es durchaus gegeben, berichteten die aufmerksamen Tester anschließend.

Lobend wurde zum Beispiel die Unterstützung und Freundlichkeit des Pförtners im Amtsgericht erwähnt, der der Gruppe mit Rolli sofort den Weg zur vorschriftsmäßig barrierefreien Toilette zeigte. Auch im Museumscafé war die Rampe und Toilette ohne Probleme im Rollstuhl zu bewältigen, während bei Gerlach in der Bahnhofstraße die Tische zu hoch und ein Podest mit niedrigeren Sitzgelegenheiten unerreichbar war. Auch Café Flamme in der Friedrichstraße und Café Storch in der Bahnhofstraße lassen Gäste im Rollstuhl wegen Eingangstreppen vor der Tür. Keine Chance, beim Burger King auf die Toilette zu kommen: die Tür war für den Rolli zu eng. Bei der Deutschen Bank am Uniplatz versuchten die Probanten zunächst vergeblich, die Treppenstufen zu überwinden – es gibt zwar einen behindertengerechten Nebeneingang – aber leider keinerlei Hinweis darauf.

Vor exakt derselben Situation steht dann auch die vorgeblich Behinderte bei der Krankenkasse AOK vor zwanzig unüberwindlichen Eingangsstufen. Kein Schild weist auf den behindertengerechten Extra-Eingang hin. Der Chef des Beratungszentrums stand selbst völlig verdutzt vor der nackten Wand: da sei ein Schild gewesen, jetzt sei es aber verschwunden, wunderte er sich und versprach Abhilfe. Vorschriftsmäßig ohne Hindernisse ging es zum Bürgerbüro im Stadtschloss, beim Busbahnhof und dem Finanzamt zu. Ein wirklich sicherheitsrelevantes Problem stellte sich bei der Sparkasse am Buttermarkt: um die Geheimnummer in den Geldautomaten einzutippen, musste man sich vom Rollstuhl aus verrenken – und jeder im Raum könne die Nummereingabe ohne Schwierigkeit beobachen, berichteten die Tester.

Unter dem „Hubbelpflaster“ in der Innenstadt würde bestimmt jeder Rollstuhlfahrer leiden, konstatierte eine andere Testerin. Eine „echte“ Leidensgenossin habe das bestätigt: das Kopfsteinpflaster sei wirklich katastrophal. „Man denkt nach kurzer Zeit im Rollstuhl an nichts anderes mehr als an zu hohe Bordsteinkanten, Treppen und Steigungen“, klagte eine andere Teilnehmerin. Außerdem habe ihr nach dem Test im Rolli alles wehgetan. „Dabei musste ich gar nichts machen, sondern wurde geschoben.“ Andere aus der Gruppe beklagten auch, von Passanten ungeniert angestarrt worden zu sein: „Erst blöde Blicke und dann schnell weggeguckt!“

Die 16 jungen Leute, die zum Seminar beim DRK eigens aus ganz Hessen zusammengekommen waren, wollen ihre ungewohnte Erfahrung im Rollstuhl aber nicht für sich behalten. Die einzelnen Teststationen sollen angeschrieben und über jeden der festgestellten Mängel aufgeklärt werden. „Mal sehen, ob die dann was ändern“, sagt Seminarleiter Joachim Schrimpf vom DRK. +++



Seine Begleiter Tobias Weber, Alex Barth und Angela Vogt schoben den Tester im Rollstuhl durch die ganze Stadt.


Zuerst keine Chance zum Krankenkassenbesuch gesehen: Carolin Puschold in Begleitung von Friederike Brodt, Katharina Netzer und Theresa Zentgraf.

Scheinbar unüberwindliche Hindernisse im Eingang bei der AOK...


... und kein Hinweisschild auf den Aufzug um die Ecke. Aber Abhilfe ist versprochen.

Solche Schilder fallen den Tester aus der Rollstuhlperspektive besonders auf.

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