Enthüllung: es gibt jetzt in Hünfeld eine Ernst-Bräuning-Straße .. - Fotos: F.Ihle-Wirth

Der Künstler Ernst Bräuning - fotografiert im Dezember 1968 - Foto: Stadtarchiv Hünfeld

24.07.05 - Hünfeld

"Zwei Leben mit Bravour gemeistert" - Stadt ehrte Künstler Ernst BRÄUNING

Mit einem Doppel-Ereignis wurde am Wochenende der vor 22 Jahren verstorbene Künstler Ernst Bräuning von der Stadt geehrt: eine Straße wurde nach ihm benannt und im Anschluss daran im Stadtmuseum eine Dauerausstellung mit unterschiedlichsten Werken von Bräuning eröffnet.

Im Neubaugebiet "Südlicher Molzbacher Straße" hatten sich am frühen Freitagabend Kommunalpolitiker, Familienmitglieder, Vertreter von Museum und aus heimischen Kunstkeisen, zur Enthüllung des Namensschildes versammelt. Bürgermeister Dr. Eberhard Fennel würdigte das künstlerische Werk und das Leben von Ernst Bräuning, der von seinem Berufswunsch Künstler nach dem Krieg abrücken musste und aus familiären Gründen das väterliche Geschäft übernahm. Bei der Feier - die vom Trompetenduo Wehner/Henkel umrahmt wurde - nahmen dann gemeinsam Familienmitglieder die Enthüllung vor. Auf dem neuen Schild steht nun: Ernst-Bräuning-Straße. Die darunter stehende Erklärung: Ernst Bräuning, * 1921 + 1983 - Bedeutendster Hünfelder Kunstmaler des 20. Jahrhunderts.

Danach begaben sich die Teilnehmer in das Stadt- und Kreisgeschichtliche Museum in der Hünfelder Innenstadt, wo Museumsleiter Rigobert Guthmüller zur Eröffnung der neuen Ernst-Bräuning-Ausstellung in einem Anbau des Museums begrüßte. Nach den Grußworten der Kreisbeigeordneten Dr. Friederike Lang, des Vorsitzenden des "Vereins Natur- und Lebensraum Rhön", Dr. Hubert Beier und des Hünfelder Bürgermeisters Dr. Eberhard Fennel - der sich persönlich für die Ehrung Ernst Bräunings eingesetzt hatte - übergab Diplom-Ingenieur Markus Stein von Stein Bauplanung den Schlüssel für den Anbau des Museums.

Ernst Bräunings Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen präsentiert, darunter in der 25. und der 109. des "Jungen Kunstkreises Hünfeld" sowie im Jahr 1997 in einer zweimonatigen Schau in der Kunststation Kleinsassen. Vor 8 Jahren äußerten sich im Katalog zu dieser Ausstellung auch künstlerische Kollegen über den Maler "zwischen Heimat und Ferne", wie ihn der damalige Verleger Dr. Joachim Hohmann charakterisierte. "Geniale Handschrift mit wenigen Strichen", schrieben Freunde des Künstlers, Wolfgang Strecke nannte ihn einen "Maler leuchtender Farben und pastoser Töne", Elmar Hegmann vom "Jungen Kunstkreis Hünfeld" erklärte: "Seine Bilder zeigen Kraft und Emotionen". Und der Maler, Bildhauer und Galerist Günter Liebau meinte: "Seine Bildsprache bleibt unverwechselbar".

Bei der Eröffnung der Dauerausstellung gab es einen ebenso persönlichen wie interessanten Vortrag, der ein lebendiges Bild von dem Künstler und Menschen Ernst Bräuning vermittelte: Die Erinnerungen der Tochter Gabriele Bräuning an den Vater und Kunstmaler. Diese Erinnerungen - die "osthessen news" von der Familie freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde - bringen wir hier anschließend IM WORTLAUT.

"Leben und Werk Ernst Bräuning

Samstag Nachmittag, das Geschäft hatte endlich geschlossen, an einem Sommertag so wie heute, da packte unser Vater seinen Passat mit einer ausreichenden Anzahl von Malgründen, einem Pappkarton voll Tuben Ölfarben, einer Konservendose mit etwas Terpentin und vielen Pinseln. Ein kleiner Malkarton diente als Palette. - Wohlbemerkt haben wir ja im Geschäft Paletten und Staffeleien verkauft, das war ihm aber alles viel zu umständlich, denn eine Staffelei fällt im Wind nur um, eine Palette muss man umständlich sauber machen, und aus dem "Palettenmalkarton“ konnte man schließlich auch noch etwas bildnerisch gestalten.

So fuhr er mit unserer Mutter los, die immer die "Rhöntasche“ gepackt hatte - da waren Landkarten, Bonbons und etwas zu trinken drin und was man halt sonst noch so wichtiges in der Rhön benötigte. Je nach Wetterlage und Zeit starteten sie mit dieser Ausrüstung auch sonntags. Mein Vater besaß eine Sondergenehmigung, Forst- und Landwirtschaftliche Wege zu benutzen, immer auf der Suche nach einem „schönen Blick“. Er parkte am Wegesrand, öffnete die Heckklappe seines Kombis und schon konnte er direkt mit dem Malen beginnen.

In der Zwischenzeit ging unsere Mutter spazieren. Sie hielten sich immer an die Absprache, dass sie an Kreuzungen immer rechts abbiegen würde, so haben sie sich immer wieder gefunden. Danach wurde eingekehrt, Gaststätten mit dem Hinweisschild: „Hier ist der Wanderer herzlich willkommen“ waren bevorzugt, denn Malerhände mit Farbresten wurden hier ignoriert. Übrigens hatte das "Fuldaer Haus" auf der Maukuppe die beste Seife zum Hände waschen.

So entstanden alle Landschaftsbilder immer vollständig direkt vor Ort und wurden nie zu Haus nachgearbeitet. Es gibt Bilder, bei denen mein Vater von einem Regenschauer oder auch einem Schneesturm überrascht wurde. Die Spuren der Wassertropfen auf den Bildern sind heute noch zu sehen.

Als wir Kinder noch kleiner waren, fuhren auch wir öfters mit. Da konnten wir die Position des „schönen Blicks“ dann doch mit dem Verlauf eines Baches oder mit der Entdeckung von Heidelbeersträuchern beeinflussen.

Bei schlechtem Wetter malte mein Vater zu Hause; verarbeitete die Ereignisse der Woche, religiöse Themen des Kirchenjahres oder sein immer wiederkehrendes Motiv der "Mutter mit dem Kind". Er besaß die Fähigkeit, sich damit von seinem anstrengenden Alltag zu erholen. Die Anwesenheit der Familie hat ihn nie gestört, so hat er an den Abenden unter der Woche gezeichnet, wenn wir gemeinsam Fernsehen geschaut haben. Diese "Fingerübungen“, wie er selbst diese Zeichnungen bezeichnet hatte, sollten ihm helfen, die Woche über nicht aus dem künstlerischen Arbeiten raus zukommen. Ich erinnere mich, dass er, wenn ich manchmal sonntags morgens in sein Atelier kam, meistens die ersten Bilder schon fertig gestellt hatte. Das Radio lief, gleichzeitig mit zwei Sendern unscharf eingestellt; er hat es nicht bemerkt.

Mir ist der Wunsch nahegelegt worden, als Tochter etwas über das Leben und Schaffen unseres Vaters Ernst Bräuning zu berichten. Ich möchte keine kunstgeschichtliche Abhandlung und auch keinen detaillierten Lebenslauf zitieren. Einige Stationen seines Lebens sind jedoch für sein Wirken prägend. Er ist 1921 hier in Hünfeld geboren und in diesem Gebäude zur Schule gegangen. >Der Junge muss was Ordentliches lernen<, was auch der Familientradition entsprach, also begann er eine Lehre als Maler und Anstreicher, die er mit der Meisterprüfung abschloss. Mein Vater verspürte die Malerei als Leidenschaft und erlernte parallel bei Hugo Pfister die akademisch-klassische Ölmalerei im Stil des 19. Jahrhunderts, ein fotorealistischer, detailgetreuer Malstil, bei dem sich die Anfertigung eines Bildes über mehrere Tage hinzog.

Wichtig ist hierbei schon zu erwähnen, dass Modelle immer konkret vor ihm saßen, es wurde nicht nach Fotos gearbeitet. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich, wie mein Vater von seiner Mutter erzählte, wie sie "Kunstbücher“ im Vorfeld genauestens durchsuchte, um sittlich verwerfliche Aktzeichnungen aus diesen Büchern herauszuschneiden. Sein Lebenselixier war die Kunst und so wollte er den Beruf des freischaffenden Künstlers verfolgen.

Der Krieg verschaffte seinem Leben jedoch eine neue Ausrichtung. Seine drei ältesten Brüder fielen, der Vater verstarb. Nun war er der älteste, der der Tradition gerecht werden und die Firma übernehmen

musste. Aus den 50er Jahren gibt es nur ganz wenige Bilder, er sollte in dieser Zeit sich und sein Leben neu sortieren.

Es erfolgte eine grundlegende Umorientierung, sowohl im persönlichen Lebensplan als auch in einem veränderten Malstil. Er heiratete, wir Kinder wurden geboren und damit entwickelte sich eine ganz neue Verantwortung. Die Arbeitswochen sind nun geprägt durch den Aufbau des Geschäftes. Die wenige Zeit, die für die Malerei bleibt, verändert entscheidend den Malstil. Er reduziert stückweise auf das Wesentliche. Der Gesamteindruck ist für ihn wichtiger als das Detail. Er besaß die Fähigkeit, Stimmungen und Situationen zu erfassen und diese mit wenigen wesentlichen, großen, expressiven Strichen festzuhalten oder durch bestimmte Farbkombinationen einzufangen.

Hatte er als Jugendlicher die Zeit, Tage an einem Bild zu arbeiten, stauten sich nun in einer Arbeitswoche so viele Emotionen an, die er an einem Wochenende ventilartig mit prägnanten Pinselstrichen auf die

Leinwand bringt. Er verspürt den ständigen Drang zum Malen und Zeichnen und schafft somit seinen eigenen Malstil, unabhängig von Moden und künstlerischen Tendenzen. Dabei entwickeln sich seine Hauptthemen: Die Landschaft und der Mensch.

Es war ihm zeitlich nicht vergönnt, viel zu reisen. Wenn er dann aber die Möglichkeit besaß, entstanden daraus eine Vielzahl tagebuchartiger Zeichnungen und Aquarelle, weniger Ölbilder, denn die trocknen einfach zu langsam. Es gelang ihm mit prägnantem Strich, die Landschaften und die Menschen zu charakterisieren, Stimmung einzufangen, Erlebnisse zu konservieren. Alle wichtigen Ereignisse wurden in Form von Bildern und Zeichnungen festgehalten. Hotel und Stadtansichten, die Speiseabfolge im Restaurant von unseren wenigen gemeinsamen Reisen.

Das Wesentliche steht durch seinen immerwährenden Zeitdruck im Vordergrund. Seine Kunst ist das schnelle Erfassen des Wesentlichen, einer Situation, einer Örtlichkeit oder einer Geschichte. Wir besaßen zwar eine Kamera, genutzt wurde sie aber eher von unserer Mutter für Fotos des Familienalbums. Mein Vater ignorierte sie. (Und wenn er tatsächlich mal fotografierte, war immer der kleine Finger mit auf dem Foto.)

Mein Vater hatte eine sehr zurückhaltende Persönlichkeit, war mit seiner Heimatstadt immer stark verbunden. In den verschiedenen Vereinen war er eher ein passives Mitglied, hat sie aber konsequent mit seinem künstlerischen Schaffen unterstützt. So entstanden in der Faschingszeit im Kolpinghaus diverse Dekorationen. Der Hintergrund wurde vom Verein vorbereitet und gespannt, das Motto der Kampagne stand fest. So wurde also ein Bühnenbild ohne großartige Vorzeichnung an einem Abend geschaffen. Auch für die Krippe der Jakobus-Pfarrkirche entstand ein angemessener Rhöner Hintergrund, wie auch für einen Fronleichnams-Altar.

Vater lebte zwei parallele Leben: eines als erfolgreicher Geschäftsmann, ein anderes in seiner Welt als Künstler. Der Übergang zwischen diesen beiden Welten fiel ihm sehr schwer. So gab es als kleine Unterstützung durch unsere Mutter montags ein eher traditionelles, gutes Sonntagsessen. Bewundernswert ist, dass er seinen Lebenstraum, freischaffender Künstler zu werden, soweit unterdrücken konnte, dass er seine neue Aufgabe, das Geschäft aufzubauen, gut meisterte und dennoch auch künstlerisch erfolgreich war.

Ich bewundere immer noch, mit welcher Bravour er diese Gratwanderung geschafft hat.

Ein geflügeltes Wort von ihm war immer: "Wenn ich mal in Rente bin...." - Die Rente hat er nie erreicht, und uns damit die Mahnung hinterlassen, immer das Jetzt zu nutzen und nicht auf Zeiten in der Zukunft zu bauen.

So war es ihm immer wichtig, dass wir Kinder unseren eigenen Lebensweg finden können, ohne jeglichen familiären Druck oder Zwänge, so wie es ihm widerfahren war.

An dieser Stelle möchte ich mich nun im Namen meiner Mutter, meiner Schwester und meines Bruders bei all denen bedanken, die organisatorisch und gestalterisch zur Fertigstellung dieser Räume beigetragen haben, ganz besonders jedoch unserem Bürgermeister Herrn Dr. Fennel. Ihm schien das künstlerische Lebenswerk unseres Vaters so wichtig, dass er die Initiative ergriff, ihm diese Räumlichkeiten zu widmen.

Wir sind stolz darauf, dass posthum nach 22 Jahren dem künstlerischen Schaffen unseres Vaters so viel Anerkennung entgegengebracht wird und mit diesen Räumen eine würdige Ausstellungsfläche entstanden ist.

Manche von Ihnen kannten ihn noch. Einer Generation von unter 24jährigen wird hiermit die Möglichkeit gegeben, seine ganz eigene Sichtweise von unserer Heimat, der Rhön, kennen zu lernen."

+++


...in diesem Neubaugebiet südlich der Molzbacher Straße

Zur Würdigung des Hünfelder Künstlers hatten sich zahlreiche Gäste eingefunden


Die Familie von Ernst Bräuning freute sich über die posthume Anerkennung..

Eine würdigende Ansprache hielt Bürgermeister Dr. Eberhard Fennel, der sich auch persönlich stark für diese Ehrung der Stadt eingesetzt hatte


...und dankte auch Eberhard Fennel

Von der Enthüllung des Straßennamensschildes bei recht unsommerlichem Wetter ging es direkt...


... in das Stadt- und Kreisgeschichtliche Museum - dort fand der zweite Teil der Veranstaltung statt

Nun gibt es in einem Anbau des Museums eine Dauerausstellung..


Die Tochter des Künstlers, Gabriele Bräuning, zeichnete mit persönlichen Worten ein lebendiges Bild von ihrem Vater und dessen Gratwanderung zwischen "zwei Parallel-Leben"

Er verarbeitete - meist am Sonntag - die über die Woche gesammelte Eindrücke - in starken Farben und oft mit großen expressiven Strichen


Ernst Bräuning schuf auch tagebuchartige Zeichnungen und Aquarelle

Die Vielfalt seines künstlerischen Werkes ist nun im Hünfelder Museum ständig zu erleben


zum Werk von Ernst Bräuning - seine Hauptthemen waren Landschaften und Menschen

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